|
|
The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind
|
German Translation
Der Ursprung des Bewußtsein
Julian Jaynes
(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)
Fünftes Kapitel: Das Doppelhirn
Was geht im Gehirn des bikameralen Menschen vor? Etwas
so Bedeutsames in der Geschichte unserer Gattung, wie es das –
nur rund hundert Generationen zurückliegende – Vorkommen
einer vollkommen anders gearteten Mentalität als der unsrigen
ist, macht ein Eingehen auf die physiologische Seite der Sache
unausweichlich. Wie ist so etwas möglich? Ausgehend von der
faktischen Gegebenheit dieses überaus delikaten Apparats aus
Nervenzellen und Fasern im Innern unseres Schädels, ist zu
fragen: Wie war dieser Apparat wohl organisiert, um eine
Mentalität wie die bikamerale zu ermöglichen?
Dies ist der Fragehorizont des gegenwärtigen Kapitels.
Zur ersten Annäherung an eine Antwort folgen wir einem
vorgezeichneten Weg: Das gesprochene Wort ist das Medium
der bikameralen Psyche – also müssen die Sprachzentren des
Gehirns auf irgendeine maßgebliche Weise involviert sein.
In allem, was hier zu diesen Zentren gesagt wird, wie
insgesamt in diesem Kapitel und in der Folge überhaupt, werde
ich, um Umständlichkeiten der Ausdrucksweise zu vermeiden,
die Fakten so wiedergeben, wie sie im allgemeinen für
Rechtshänder zutreffen. Bei Rechtshändern befinden sich die
Sprachzentren in der linken Großhirnhemisphäre, die die rechte
Körperseite steuert. Man nennt sie daher meist auch die
dominante Hemisphäre, während die rechte Hemisphäre, die die
linke Körperseite steuert, als nichtdominante Hemisphäre
bezeichnet wird. Ich werde in der Folge die Verhältnisse so
darstellen, als sei die linke Hemisphäre bei allen Menschen die
dominante. In Wirklichkeit jedoch ist bei Linkshändern die
Dominanz von Fall zu Fall unterschiedlich auf die Hemisphären
verteilt: Bei einigen sind die Verhältnisse einfach spiegelbildlich
umgekehrt (so daß also die rechte Hemisphäre die Funktionen
ausübt, die bei Rechtshändern der linken zufallen), bei anderen
ist überhaupt kein Unterschied zu Rechtshändern gegeben, und
bei wieder anderen teilen sich beide Hemisphären in die
Dominanz. Indes, als Ausnahmefälle, die lediglich fünf Prozent
der Bevölkerung ausmachen, können wir die Linkshänder hier
vernachlässigen.
Die Sprachzentren sind drei an der Zahl und befinden sich bei
der Mehrheit aller Menschen sämtlich in der linken
Hirnhemisphäre.1 Es handelt sich um: 1. das Motorische
Sekundärrindenzentrum auf der Oberseite der linken oberen
Stirnhirnwindung (seine Entfernung auf chirurgischem Weg hat
eine elementare Sprachstörung zur Folge, die sich nach Ablauf
einiger Wochen wieder verliert); 2. das Broca-Zentrum im
hinteren Abschnitt der linken unteren Stirnwindung (wird es
entfernt, so ist die Folge eine motorische Aphasie, die
ebensowohl permanent wie vorübergehend sein kann); und 3.
das Wernicke-Zentrum, überwiegend im hinteren Abschnitt des
linken Schläfenhirns und zum Teil im Scheitelhirn lokalisiert
(jede ernst zu nehmende Läsion im Wernicke-Zentrum resultiert
von einem gewissen Lebensalter an in sensorischer Aphasie).
Das Wernicke-Zentrum ist also das für die normale Ausübung
des Sprachvermögens am wenigsten entbehrliche. Wie daraufhin
zu erwarten, weist die Hirnrinde im Bereich des Wernicke-
Zentrums eine merkliche Verdichtung von Pyramidenzellen auf,
was auf beträchtliche innere wie äußere Verbindungen
hindeutet. Zwar ist man sich in der Forschung noch nicht ganz
einig über die genaue Abgrenzung dieses Bereichs;2 nicht der
geringste Zweifel besteht jedoch hinsichtlich der Wichtigkeit
des Wernicke-Zentrums für die sinnhafte menschliche
Kommunikation.
Aus erkenntnislogischer Sicht, das ist klar, begibt man sich
auf extrem dünnes Eis, indem man Isomorphien zwischen der
konzeptuellen Abbildung eines psychologischen Sachverhalts
auf der einen und der gleichzeitigen Gehirnstruktur auf der
anderen Seite statuiert. Aber wir können dieses Risiko unter den
gegebenen Bedingungen nun einmal nicht vermeiden. Freilich
bleibt es schwer vorstellbar, daß in den drei Sprachzentren oder
selbst im Ganzen der höchst subtilen Querverbindungen
zwischen ihnen die Matrix irgendeiner Sprachkomponente in so
differenzierter und spezifizierter Form auszumachen sein sollte,
wie das zum Beleg meiner Theorie von der bikameralen Psyche
erforderlich wäre.
Verweilen wir einen Augenblick bei diesem Problem. Die
Sprachzentren befinden sich sämtlich in der linken (dominanten)
Hemisphäre. Warum? Aus welchem Grund ist die
Sprachfunktion nur in einer der beiden Gehirnhälften
repräsentiert? Diese vexierende Rätselfrage hat mich so gut wie
jedermann, der sich einmal mit der Evolution des menschlichen
Gehirns befaßte, lange Zeit nicht losgelassen. Von den anderen
wichtigen psychischen Funktionen sind die meisten bilateral
repräsentiert. Diese sonst allenthalben gegebene Redundanz ist
ein biologischer Vorteil für das Lebewesen, denn bei
Verletzungen in der einen Hemisphäre kann die andere den
Schaden kompensieren. Wieso aber ist das bei der Sprache
anders? Bei der zwingendsten und charakteristischsten aller
menschlichen Fähigkeiten, der unerläßlichen Voraussetzung und
Grundlage allen sozialen Handelns, dem allerletzten
kommunikativen Verbindungsfaden, von dessen Tragfestigkeit
in den nacheiszeitlichen Jahrtausenden oftmals der Fortbestand
des menschlichen Lebens als solchen abgehangen haben muß?
Warum wurde diese Conditio sine qua non der menschlichen
Kultur nicht in beiden Gehirnhemisphären repräsentiert?
Das Problem wird noch rätselhafter, wenn man bedenkt, daß
der für die Sprachfunktion erforderliche neurologische Apparat
in der rechten Hemisphäre ebenso vorhanden ist wie in der
linken. Wird das Wernicke-Zentrum der linken Hemisphäre oder
der darunterliegende Thalamus, der die Verbindung zum
Hirnstamm unterhält, im Kindesalter schwer verletzt; so
verlagert sich in der Folge der gesamte Sprachmechanismus in
die rechte Hemisphäre. Bei Beidhändern kommt es (obschon
sehr selten) vor, daß die Sprachrepräsentanz tatsächlich in
beiden Hemisphären ausgebildet ist. Wir sehen also, daß die
normalerweise sprachfreie rechte Gehirnhälfte unter bestimmten
Bedingungen der linken in puncto Sprache durchaus ebenbürtig
ist.
Eine weitere Dimension des Problems enthüllt sich in der
Frage, was denn nun evolutionsgeschichtlich gesehen in der
rechten Hemisphäre materialfiter vorging zu der Zeit, in der sich
links die aptischen Strukturen der Sprachfunktion
herausbildeten. Betrachten wir doch einmal jene Regionen der
rechten Hemisphäre, die den Sprachzentren der linken
entsprechen: Worin besteht ihre Funk tion? Oder noch präziser:
Worin besteht ihre wichtige Funktion denn nur eine vorrangig
wichtige Funktion kann verhindert haben, daß aus diesen
Regionen evolutiv zusätzliche Sprachzentren wurden. Wenn wir
heute diese Bezirke in der rechten Hemisphäre reizen, erzeugen
wir damit nicht die übliche »aphasische Unterbrechung« (ein
schlichtes Aussetzen der laufenden Sprachprozesse), wie sie als
Folge einer Reizung der regulären Sprachzentren in der linken
Hemisphäre auftritt. Aus diesem augenscheinlichen Mangel
irgendeiner Funktion hat man vielfach den Schluß gezogen, daß
umfängliche Bereiche der linken Hemisphäre schlicht
überflüssig seien. Tatsächlich sind menschlichen Patienten
infolge von Krankheiten oder Unfällen schon große Mengen
rechtsseitigen Gewebes, die mitunter auch das Gegenstück zum
Wernicke-Zentrum umfaßten, ja in einigen Fällen sogar das
ganze rechte Großhirn herausoperiert worden, ohne daß die
resultierenden Ausfälle in den psychischen Funktionen zu
nennenswerten Problemen geführt hätten.
Wir haben also eine Sachlage zur Kenntnis zu nehmen,
derzufolge diejenigen Bezirke der rechten Hemisphäre, die den
Sprachzentren entsprechen, allem Anschein nach keine ohne
weiteres ersichtliche Funktion haben. Aber wozu dann diese
vergleichsweise unwichtigen Gehirnpartien? Könnte es sein, daß
diese stummen »Sprachzentren« in der rechten Hemisphäre auf
einer früheren Etappe der Menschheitsgeschichte irgendeine
Funktion ausübten, die sie heute nicht mehr haben?
Die Antwort liegt auf der Hand, wenngleich erst in
vorläufiger Gestalt. Der evolutionäre Selektionsdruck, der ein so
gewaltiges Ergebnis zu zeitigen vermochte, war derjenige der
bikameralen Kultur. Die Menschensprache war aus dem einen
Grund mit nur einer Gehirnhemisphäre verknüpft: damit die
andere frei blieb für die Sprache der Götter.
Wenn dem so ist, dürfen wir erwarten, gewisse Kanäle zu
finden, über welche die bikameralen Stimmen aus dem rechten
(nichtdominanten) Schläfenlappen in den linken gelangten. Die
Hauptverbindung zwischen den Hirnhemisphären ist fraglos der
mächtige, aus über zwei Millionen Fasern bestehende »Balken«
(das Corpus callosum). Indes, beim Menschen besitzen die
Schläfenlappen ihren eigenen – sozusagen privaten – »Balken«
in der (bedeutend weniger faserreichen) vorderen Kommissur
(Commissura anterior rostri ce rebri). Bei Ratten und Hunden
verbindet die vordere Kommissur die Geruchszentren. Beim
Menschen hingegen – das habe ich in meiner etwas
dilettantischen Zeichnung zu verdeutlichen gesucht, geht dieses
transversale Bündel aus weißer Substanz vom größeren Teil der
Schläfenhirnrinde aus, vor allem jedoch von der mittleren
Windung, die zum Wernicke-Zentrum gehört; es verjüngt sich
zur Mitte hin und überquert als Strang von kaum mehr als 3 mm
Durchmesser in einem kleinen Bogen Hypothalamus und
Mandelkern, um sich dann zum gegenüberliegenden
Schläfenlappen hin wieder trichterförmig zu erweitern. Hier
haben wir nach meinem Dafürhalten den schmalen Steg vor uns,
über den die Direktiven kamen, auf denen unsere Kultur und die
Weltreligionen gründen; die Stelle, wo die Götter sich den
Menschen offenbarten und Gehorsam ernteten, weil sie der
menschliche Wille waren.3
Auf zweifache Weise läßt diese Hypothese sich in eine
spezifische Fassung bringen.
In der stärkeren Fassung – die ich persönlich vorziehe, weil
sie einfacher und spezifischer ist (und das bedeutet ja auch:
durch empirische Daten leichter zu bestätigen oder zu
widerlegen) – besagt sie, daß die Rede der Götter unmittelbar in
der Gehirnpartie strukturiert wurde, die rechtsseitig dem
entspricht, was linksseitig das Wernicke-Zentrum ist, und daß
sie dann über die vordere Kommissur den Hörzentren des linken
Schläfenlappens »zugesprochen« und also von diesen »gehört«
wurde. (Man beachte, daß ich mich hier nur metaphorisch
auszudrücken vermag, indem ich den rechten Schläfenlappen zu
einem Sprecher und den linken zu seinem Zuhörer
personifiziere: daß jeder einzelne Term der Relation für sich und
im buchstäblichen Sinn genommen falsch ist, berührt ja die
Geltung der Äquivalenzrelation als solcher nicht.) Ein weiterer
Grund, warum ich für die Hypothese in der stärkeren Fassung
optiere, ist der, daß sie den effizientesten Weg beschreibt, wie
verarbeitete Informationen oder Gedanken von der einen Seite
des Gehirns in die andere gelangen können. Man stelle sich die
evolutionäre Problemlage vor: Milliarden von Ganglienzellen
verarbeiten in der einen Hemisphäre komplexe Erfahrungen, die
jetzt durch die erheblich kapazitätsschwächere Kommissur
hinübergeschickt werden müssen in die andere Hemisphäre.
Dazu ist ein Code vonnöten, der hochkomplexe
Verarbeitungsergebnisse auf eine einfachere Form reduziert, in
der sie die zahlenmäßig verminderten Nervenbahnen speziell der
vorderen Kommissur zu passieren vermögen. Und wo in der
Evolution des animalischen Nervensystems ist jemals ein
besserer Code aufgetreten als die menschliche Sprache? Der
stärkeren Fassung unserer Hypothese zufolge nehmen mithin die
als Dispositiv gegebenen Gehörshalluzinationen Sprachform an
einzig aus dem Grund, weil dies das effizienteste Verfahren ist,
komplizierte Rindenbearbeitungen von einer Seite des Gehirns
auf die andere zu übermitteln.
Die schwächere Fassung der Hypothese ist weniger
spezifisch. Sie besagt, daß das artikulatorische Moment der
Gehörshalluzination, nicht anders als die Rede der Person selbst,
aus der linken Hemisphäre stammte, daß aber Sinn und Inhalt
der halluzinierten Rede sowie das andersgeartete Verhältnis, in
welchem die Person zu dieser Rede stehend sich empfand,
Hervorbringung rechtsseitiger Schläfenhirnaktivität waren, die
über die vordere Kommissur und eventuell auch über das
Splenium (das ist der hintere Teil des Balkens) Erregung in die
Sprachzentren der linken Hemisphäre schickte und somit dort
»gehört« wurde.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es im Grunde gleichgültig,
für welche Fassung der Hypothese wir optieren. Das Zentrum
beider bildet die Behauptung, daß das Amalgamieren
erzieherischer Erfahrungen eine Funktion der rechten
Hemisphäre war und daß die Stimmen der Götter hervorgerufen
wurden durch Erregung in jener rechtsseitigen Gehirnpartie, die
das Gegenstück zum linksseitig gelegenen Wernicke-Zentrum
darstellt.
Einzelbeobachtungen, die unsere Hypothese stützen, lassen
sich unter fünf verschiedenen Beweisthemen rubrizieren: 1. Jede
der beiden Hemisphären versteht Sprache, doch selber sprechen
kann normalerweise nur die linke; 2. im rechtsseitigen
Gegenstück zum Wernicke-Zentrum läßt sich die
Rudimentärform einer Funktionsweise feststellen, die in
gewisser Weise den Götterstimmen ähnelt; 3. unter bestimmten
Bedingungen sind beide Hemisphären in der Lage, jede für sich
beinahe wie eine selbständige Person zu agieren, und ihr
Verhältnis zueinander ist dann ein Bild der Gott-Mensch-
Beziehung bikameraler Epochen; 4. die heute feststellbaren
Unterschiede zwischen den beiden Hemisphären in bezug auf
kognitive Funktionen lassen sich zumindest als ein Nachhall der
– aus der Literatur der bikameralen Menschheit ablesbaren –
funktionalen Differenzen zwischen Gott und Mensch begreifen;
5. die Organisiertheit des Gehirns unterliegt Umwelteinflüssen
in viel höherem Grad als bisher angenommen, so daß ein
Wandel, wie er dem Übergang vom bikameralen zum bewußten
Menschen zugrunde gelegen haben muß, sich durchaus allein
auf der Basis des Lernens und der Kultur vollzogen haben kann.
Der Rest des Kapitels in diesen fünf Beweisthemen gewidmet.
1. Jede der beiden Hemisphären versteht Sprache
Die Götter, so habe ich an früherer Stelle noch ein bißchen
spekulativ gesagt, waren Amalgame aus erzieherischen
Erfahrungen, Mischprodukte aus sämtlichen Befehlen, die dem
Individuum je erteilt worden waren. Demnach wäre für die
göttlichen Gehirnregionen nicht unbedingt deren Beteiligung am
motorischen Sprachprozeß vorauszusetzen, unumgänglich aber
müßten sie die Bedingung erfüllen, daß sie am Hören und
Verstehen von Sprache teilnehmen. Und das ist selbst heute
noch der Fall. Tatsächlich verstehen wir Sprache mit beiden
Hemisphären. Gehirnschlagpatienten mit Blutungen im linken
Kortex können nicht sprechen, verstehen aber, was ihnen gesagt
wird.4 Spritzt man Natriumamytal in die linke Kopfschlagader
(das ist der sogenannte »Wada-Test«), die zur linken Gehirnseite
führt, so wird die ganze linke Hemisphäre gelähmt, und nur die
rechte funktioniert ungestört weiter; dennoch bleibt die
Versuchsperson in der Lage, Anweisungen, die man ihr gibt,
auszuführen.5 In Tests mit Patienten, an denen die sogenannte
Splitbrain Operation vorgenommen wurde (auf diese Operation
komme ich gleich ausführlich zu sprechen), wurde eine
beträchtliche Fähigkeit des Sprachverstehens in der rechten
Hemisphäre nachgewiesen.6 In der Regel kann der Patient
Gegenstände, die man ihm nennt, mit der linken Hand aus
anderen Gegenständen herausgreifen und Befehle, die man ihm
gibt, mit der linken Hand ausführen. Selbst in Fällen, wo bei
Menschen infolge eines Glioms (Geschwulst der Stützsubstanz
des Gehirns) die gesamte linke Hirnhemisphäre – die
spracherzeugende Hemisphäre, wie wir uns erinnern – entfernt
werden muß, scheinen die Patienten bereits unmittelbar nach der
Operation in der Lage, die Fragen des Chirurgen zwar nicht zu
beantworten, aber doch immerhin zu verstehen.7
2. In der rechten Hemisphäre ist die gottähnliche Funktion
noch rudimentär vorhanden
Wenn das soeben ausgeführte Modell korrekt ist, dürften wir
eigentlich auch damit rechnen, in der rechten Hemisphäre, in
wie verkümmerter Form auch immer, irgendeinen Überrest ihrer
weiland göttlichen Funktion zu finden. Wir können hier sogar
noch präziser werden: Da die Stimmen der Götter nicht mit der
Bildung artikulierter Laute, das heißt nicht mit dem Gebrauch
von Kehlkopf und Mund einhergingen, können wie das
rechtsseitige Pendant zum Broca-Zentrum sowie zum
Motorischen Sekundärrindenzentrum bis zu einem gewissen
Grad vernachlässigen und uns ganz auf das Pendant zum
Wernicke-Zentrum beziehungsweise auf den hinteren Abschnitt
des rechten (»nichtdominanten«) Schläfenlappens konzentrieren.
Wenn wir das Gehirn in dieser Gegend reizen, werden wir dann,
wie in uralten Zeiten, Götterstimmen hören? Oder wenigstens
irgend etwas, was von fern an sie erinnert? Etwas, was uns zu
der Annahme berechtigt, daß ihm vor dreitausend Jahren die
göttliche Lenkung der menschlichen Geschicke oblag?
Wir erinnern uns vielleicht daran, daß ja genau die eben
bezeichnete Gehirnregion vor Jahren von Wilder Penfield in
einer seither berühmt gewordenen Folge von Untersuchungen
der experimentellen Reizung ausgesetzt worden ist.8 Darauf
möchte ich nun näher eingehen.
Diese Untersuchungen wurden durchgeführt an rund siebzig
Patienten mit Epilepsiediagnose, und zwar Epilepsie, bedingt
durch Läsion im Bereich des Schläfenlappens. Im Rahmen der
Vorbereitungen für die operative Entfernung des geschädigten
Gewebes wurde die Hirnoberfläche im Schläfenbereich an
mehreren Stellen mit einem leichten elektrischen Strom
stimuliert. Die Reizintensität entsprach ungefähr der
Mindeststromstärke, die erforderlich ist, um durch Reizung des
entsprechenden motorischen Zentrums ein leichtes Kribbeln im
Daumen hervorzurufen. Wollte man hier nun einwenden, daß
die aus solchen Reizungen resultierenden Phänomene entstellt
seien durch das für die angegebene Patientengruppe typische
Vorhandensein von vernarbten Gliose-, Sklerose- oder
Meningitisherden, so würde ich dem entgegenhalten, daß ein
Blick in den Originalbericht genügt, um derlei Bedenken als
unbegründet zu zerstreuen. Wo die erwähnten Mißbildungen
festgestellt wurden, waren sie genau eingegrenzt und hatten
keinerlei Einfluß auf die Reaktionen der Versuchspersonen
während der Dauer der Reizung.9 Man darf also davon
ausgehen, daß die Ergebnisse dieser Untersuchungen auch über
die Vorgänge Auskunft geben, die wir unter gleichen
Bedingungen bei normalen Individuen antreffen würden.
In der großen Mehrzahl der Fälle wurde der rechte
Schläfenlappen stimuliert, insbesondere im hinteren Bereich zur
oberen Windung hin – also die rechtsseitige Entsprechung zum
Wernicke-Zentrum. Bei den Patienten stellte sich daraufhin eine
Reihe von bemerkenswerten Reaktionen ein. Wir stehen hier –
ich wiederhole es – an dem Punkt, wo wir erwarten dürfen,
gleichsam aus dem anderen Teil unserer bikameralen Psyche
neuerlich den Anruf der antiken Götter zu vernehmen. Haben
diese Patienten – und sei’s bloß im Nachhall – die Gottheiten
des Altertums sprechen hören? Hier einige repräsentative
Untersuchungsbefunde.
Während der Reizung in dem beschriebenen Bereich rief Fall
Nr. 7 (Student, männlich, 22 Jahre alt) aus: »Jetzt höre ich
wieder Stimmen, irgendwie ist für mich der Kontakt mit der
Wirklichkeit abgerissen. Mir summt’s in den Ohren, und ich
fühle mich ein bißchen beklommen.« Und bei erneuter Reizung:
»Stimmen – genau wie vorher. Und jetzt war auch wieder der
Kontakt mit der Wirklichkeit abgerissen.« Auf die
entsprechende Frage erwiderte er, er habe nicht verstehen
können, was die Stimmen sagt en. Sie hätten »verschwommen«
geklungen.
Ähnlich verschwommen waren die Stimmen in der Mehrzahl
der Fälle. Fall Nr. 8 (Hausfrau, 26 Jahre alt) wurde ungefähr im
gleichen Bereich stimuliert und gab an, es sei ihr so
vorgekommen, als habe sie von weit, weit her eine Stimme
gehört: »Es klang, als ob die Stimme etwas sagte, aber sie war
so leise, daß ich nicht mitkriegte, was.« Fall Nr. 12 (weiblich, 24
Jahre alt) wurde sukzessive an verschiedenen Stellen im
hinteren Abschnitt der oberen Schläfenwindung gereizt; die
Reaktion war: »Ich hörte jemand sprechen oder murmeln oder
so ähnlich.« Und nach Reizung einer anderen Stelle: »Da wurde
eben geredet oder gemurmelt, aber ich konnte nichts verstehen.«
Und als ein knapp zwei Zentimeter langes Stück der Windung
gereizt wurde, blieb die Frau anfangs stumm, um dann einen
lauten Schrei auszustoßen. »Ich hab die Stimmen gehört und
dann losgeschrien. Ich hatte ein Gefühl, das ging mir durch und
durch.« Und als die Reizung wieder ein kleines Stück zurück
gegen den Ausgangspunkt verlagert wurde, begann sie zu
schluchzen: »Wieder die Stimme von diesem Mann! Dazu fällt
mir nicht mehr ein, als daß mein Vater mir furchtbar viel Angst
macht.« Sie identifizierte die Stimme nicht als die ihres Vaters,
sondern fühlte sich durch jene nur an diesen erinnert.
Manche Patienten hörten Musik, unbekannte Melodien, die
sie dem Chirurgen vorsummen konnten (Nr. 4 und Nr. 5).
Andere hörten Verwandte, zumal ihre Mutter. Fall Nr. 3
(weiblich, 22 Jahre alt) hörte ihre Eltern sprechen und singen;
nach Verlagerung der Reizung hörte sie ihre Mutter »bloß noch
keifen«.
Für viele Patienten gingen die Stimmen von absonderlichen
oder unbekannten Orten aus. Fall Nr. 36 (weiblich, 26 Jahre alt)
gab nach Reizung im vorderen Abschnitt der rechten oberen
Schläfenwindung zu Protokoll: »Ja, ich habe irgendwo
flußabwärts Stimmen gehört, eine männliche und eine
weibliche, und beide riefen sie.« Gefragt, wie sie darauf käme,
daß es » flußabwärts« war, sagte sie: »Ich meine, ich hätte den
Fluß gesehen.« Welchen Fluß? »Ich weiß auch nicht. Offenbar
einer, wo ich als Kind mal zu Besuch gewesen bin.« Bei
Reizung anderer Stellen hörte sie Menschen etwas aus einem
Gebäude ins Nebengebäude hinüberrufen. Und als eine Stelle
daneben gereizt wurde: laute Rufe einer Frau auf einem
Holzlagerplatz; dazu versicherte die Patientin, sie sei »nie im
Leben auch nur in die Nähe von einem Holzlagerplatz
gekommen«.
In den seltenen Fällen, wo die Stimmen als von links oder
rechts kommend beschrieben wurden, wurden sie stets
kontralateral lokalisiert. Fall Nr. 29 (männlich, 25 Jahre alt)
erklärte nach Reizung in der rechten mittleren Schläfenwindung:
»Jemand sagte mir ins linke Ohr: ›Sylvere, Sylvere!‹ Kann sein,
daß es mein Bruder war.«
Die Stimmen und die Musik – gleichgültig, ob verworren oder
klar erkennbar – wurden als Realerlebnisse gehört,
Gesichtshalluzinationen wurden als Realerlebnisse gesehen,
geradeso wie Achilleus Thetis erlebt oder wie Moses Jahwe aus
dem brennenden Dornbusch gehört hatte. Der im vorigen Absatz
zitierte Fall Nr. 29 sah bei neuerlicher Reizung, »wie jemand
mit jemand anderem sprach, er hat ihn auch mit Namen
angeredet, aber den habe ich nicht verstanden«. Auf die Frage,
ob er die Person sehe, gab er zur Antwort: »Es war genau wie
im Traum.« Und auf die weitere Frage, ob die Person im Raum
anwesend sei: »Aber ja doch ungefähr da drüben, wo die
Schwester mit der Brille sitzt.«
Bei einigen etwas älteren Patienten mußte erst eine Weile
nach einer geeigneten Stelle gesucht werden, bis es auf die
Reizung hin zu Halluzinationen kam. Ein vierunddreißigjähriger
Französischkanadier (Fall Nr. 24), der auf vorausgegangene
Reizungen nichts bemerkt hatte, wurde jetzt im hinteren
Abschnitt der mittleren Schläfenwindung stimuliert, als er
plötzlich sagte: »Moment mal, da sehe ich jemand!« Und als der
Reizpunkt etwa zweieinhalb Zentimeter nach oben verlagert
wurde: »Oui, lá, lá, lá! Das war er, er ist gekommen, der Depp!«
Nochmals ein Stückchen weiter oben, doch immer noch im
Bereich, der dem Wernicke-Zentrum entspricht: »Jetzt, jetzt,
j’entends! Gerade hat mir wer was sagen wollen und hat in
einem fort auf mich eingeredet: Vite, vite, vite!«
Indes, bei den jüngeren Lebensaltern ist die Sachlage
einwandfrei so, daß durch Reizung des rechten Schläfenlappens
verursachte Halluzinationen plastischer und lebhafter im
Ausdruck und autoritärer im Inhalt sind. Ein vierzehnjähriger
Junge (Fall Nr. 34) sah zwei Männer in Lehnstühlen sitzen, die
ihm lauthals entgegensangen. Ein vierzehnjähriges Mädchen
(Fall Nr. 15), das im hinteren Abschnitt der rechten oberen
Schläfenwindung gereizt wurde, rief aus: »Oh, jetzt schreien sie
wieder alle auf mich ein ... Sie sollen aufhören!« Die Dauer der
Reizung hatte zwei Sekunden betragen, die Stimmen hielten elf
Sekunden an. Das Mädchen erklärte: »Sie schimpfen mit mir,
weil ich böse war; allesamt schimpfen sie.« Wo immer es im
hinteren Abschnitt des rechten Schläfenlappens stimuliert
wurde, hörte es Geschimpfe. Sogar als die Reizung knappe vier
Zentimeter hinter den Anfangspunkt verlegt wurde, rief das
Mädchen noch: »Jetzt fangen sie schon wieder an zu schimpfen.
Sie sollen aufhören!« Und jetzt hielten die Stimmen auf eine
einzelne Reizung hin 21 Sekunden lang an.
Ganz so simpel ist die Sache freilich nicht, und ich möchte
auch nicht den Eindruck vermitteln, sie wäre es. Die erwähnten
Beispiele sind das Resultat einer Siebung. Bei manchen
Patienten zeigte sich überhaupt keine Reaktion. Gelegentlich
mischte sich in die geschilderten Erlebnisse die autoskopische
Erinnerungstäuschung mit ein, von der wir im Zweiten Kapitel
gesprochen haben. Eine zusätzliche Komplikation ergibt sich
aus dem Umstand, daß auch die Reizung der entsprechenden
Stellen auf der linken (normalerweise dominanten) Hemisphäre
vergleichbare Halluzinationen hervorrufen kann. Mit anderen
Worten, die geschilderten Erscheinungen sind nicht das
ausschließliche Privileg des rechten Schläfenhirns. Doch treten
solche Reaktionen bei Reizung der linken Hemisphäre nicht mit
gleicher Regelmäßigkeit auf und allenfalls mit verminderter
Intensität.
Wichtig an all diesen durch Reizung erzeugten Erlebnissen ist
ihr Fremdcharakter: Sie stellen eher eine Gegenposition zum
Selbst als dessen eigene Worte und Handlungsweise dar. Von
wenigen Ausnahmen abgesehen, erlebten sich die
Versuchspersonen niemals essend, sprechend, laufend oder
spielend oder beim Liebesakt. In beinahe sämtlichen Fällen
waren sie ebenso passives Objekt, wie der bikamerale Mensch
das passive Objekt seiner Stimmen war.
Passives Objekt wovon? Penfield und Perot meinen, es handle
sich um nichts anderes als frühere Erlebnisse, um Rückblenden
in die Vergangenheit. Das durchweg beobachtete Ausbleiben
des Wiedererkennungseffekts erklären sie mit bloßer
Vergeßlichkeit. Sie gehen davon aus, daß hier konkrete
Erinnerungen vorliegen, für die bei längerer Versuc hsdauer mit
etwas mehr Aufwand der volle Wiedererkennungseffekt hätte
erzielt werden können. Tatsächlich zielten die Fragen, die sie
den Probanden während des Versuches stellten, auf die
Bestätigung dieser Hypothese. Und es kam auch vor, daß
Aussagen einzelner Patienten in die Richtung der
Erinnerungskonkretheit wiesen. Doch aufs Ganze gesehen ist
weitaus typischer der Befund, daß die Versuchsperson auch auf
ausdrückliche Fragen hin darauf beharrt, man könne diese
Erlebnisse nicht als Erinnerungen bezeichnen.
Nicht allein deshalb, sondern auch mit Rücksicht auf das
generelle Fehlen von Vorstellungsbildern der agierenden
eigenen Person, in denen normalerweise unsere Erinnerungen
bestehen, bin ich der Ansicht, daß Penfield und Perot ihre
Befunde nicht korrekt interpretiert haben. Jene Bereiche des
Schläfenlappens sind nicht »der Speicher von Hör- und
Seherlebnissen im Gehirn«, noch sind sie der Sitz des
Erinnerungsvermögens für solche Erlebnisse, sondern in ihnen
sind Kombinationen und Amalgame bestimmter Aspekte jenes
Erlebens lokalisiert. Nach meinem Dafürhalten rechtfertigen es
die Befunde keineswegs, von den beschriebenen Regionen zu
behaupten: »Sie spielen im Erwachsenenleben eine gewisse
Rolle bei der unterbewußten Erinnerung früheren Erlebens, das
sie für aktuelle Situationsdeutungen verfügbar machen.«
Vielmehr führen die Befunde in eine ganz andere Richtung,
nämlich zu Halluzinationen, die eine Verdichtung speziell von
Erziehungserlebnissen darstellen und die bei denjenigen
Patienten, die auf Befragen Auskunft über sie zu geben
vermochten, gegebenenfalls durch Wahrnehmungstäuschung
oder Rationalisierung in das Realerleben integriert werden:
3. Jede der beiden Hemisphären kann sich unabhängig von
der anderen betätigen
Unser Gehirnmodell der bikameralen Psyche muß der
Tatsache Rechnung tragen, daß der göttliche Sektor und der
menschliche Sektor einigermaßen unabhängig voneinander
agierten und dachten. Aber wenn wir nun den Nachweis zu
führen suchen, daß die Zweigeteiltheit jener antiken Mentalität
in der Zweigeteiltheit des Großhirns mit seinen beiden
Hemisphären vorgebildet ist – heißt das nicht, daß wir ganz
willkürlich Gehirnregionen personifizieren? Was könnte uns das
Recht geben, die beiden Hirnhemisphären fast wie zwei
verschiedene Individuen zu betrachten, von denen nur das eine
die Fähigkeit zu manifester Sprachäußerung besitzt, die jedoch
alle beide in der Lage sind, Sprache zu hören und zu verstehen?
Daß es plausibel ist, so zu verfahren, läßt sich mit Hilfe einer
anderen Gruppe von Epileptikern erhärten. Es handelt sich bei
ihnen um ein rundes Dutzend von neurochirurgischen
Operationspatienten, die einer kompletten Kommissurotomie
unterzogen wurden – einem Eingriff, bei dem sämtliche
Verbindungsbahnen zwischen rechter und linker Hemisphäre in
der Mitte durchtrennt werden. Diese sogenannte Splitbrain-
Operation (der Ausdruck ist insofern nicht ganz zutreffend, als
ja die tiefer gelegenen Gehirnregionen unzertrennt bleiben)
bewirkt normalerweise die Heilung der Epilepsie – eines für
andere Behandlungsmethoden unzugänglichen Leidens –, weil
sie die unkontrollierte Ausbreitung paroxysmischer Erregung
über die gesamte Gehirnrinde unterbindet. Als unmittelbare
Folge der Operation stellt sich bei manchen Patienten ein bis zu
zwei Monaten währender Verlust der Sprachäußerung ein,
während andere in dieser Hinsicht nicht die geringsten Probleme
haben – niemand weiß zu sagen, warum das so ist. Es könnte
sein, daß die Beziehungen zwischen den Hemisphären von
Mensch zu Mensch geringfügig unterschiedlich ausgebildet
sind. Der Genesungsprozeß ist schleppend; bei allen Patienten
zeigen sich Störungen des Kurzzeitgedächtnisses (was auf die
Durchtrennung der kleinen hippokampischen
Verbindungsbahnen zurückzuführen sein mag), in gewissem
Umfang auch Orientierungsschwierigkeiten sowie psychische
Erschöpfung.
Das Erstaunliche ist nun aber, daß diese Patienten sich nach
etwa einjähriger Genesungsfrist vollständig wiederhergestellt
fühlen. Sie verspüren in ihrem Befinden nicht den geringsten
Unterschied zu dem zustand vor der Operation. Jetzt sehen sie
fern und lesen die Zeitung, ohne über irgendwelche
Beschwerden zu klagen. Und auch einem uneingeweihten
Beobachter fällt nichts Besonderes an ihnen auf.
Indes, unter Bedingungen strengster Kontrolle der
sensorischen Reizaufnahme enthüllen sich hochinteressante und
aufschlußreiche Defizite.
Nehmen wir an, Sie fixieren irgend etwas mit dem Blick,
sagen wir, das Wort genau in der Mitte dieser Zeile: während
Sie das tun, werden alle Wörter links vom Blickpunkt nur von
Ihrer rechten Gehirnhälfte gesehen und alle Wörter rechts davon
nur von der linken. Solange die Verbindungsbahnen zwischen
den Hemisphären intakt sind, stellt die Koordination der beiden
Seiten kein Problem dar (wenngleich es an und für sich bereits
ein erstaunlich Ding ist, daß wir so etwas wie lesen können).
Wären Ihnen allerdings die Kommissuren durchtrennt worden,
dann sähe die Sache ganz anders aus. Von der Zeilenmitte an
nach rechts würde das Gedruckte wie gewöhnlich
wahrgenommen; Sie könnten es ab- und vorlesen, als sei alles
normal. Aber an der Stelle von allem Gedruckten und der
ganzen Seite links davon wäre jetzt nur mehr Leere. Genau
genommen nicht einmal Leere, sondern nichts, pures, absolutes
Nichts, weit mehr Nichts als alles Nichts, das Sie sich noch
vorzustellen vermögen. So sehr Nichts, daß Ihnen – so seltsam
sich das anhören mag – noch nicht einmal bewußt werden
würde, daß da nichts ist. Wie beim Phänomen des blinden
Flecks wird das »Nichts« irgendwie »ausgefüllt«, »gestopft«, so
als wäre da nichts, wo nicht s wäre. In Wirklichkeit freilich wäre
all dieses »Nichts« in Ihrer zweiten Gehirnhemisphäre, die all
das, was »Sie« nicht sehen könnten, trotzdem sehen würde, und
das sogar ganz ausgezeichnet. Aber weil sie nicht über die Gabe
des artikulierten Ausdrucks verfügt, kann sie nicht sagen, daß
sie etwas sieht. Es ist, als befänden »Sie« – was immer das Wort
in diesem Zusammenhang bedeuten mag – sich »in« Ihrer linken
Gehirnhemisphäre und könnten jetzt, wo die
Verbindungsbahnen gekappt sind, nie mehr erfahren oder ein
Bewußtsein davon erlangen, was eine fremde Person – die
einmal dasselbe war wie »Sie« – in der Hemisphäre gegenüber
gerade sieht oder denkt. Zwei Personen in einem Kopf ...
Das vorstehende Gedankenspiel folgt einem der
Testverfahren, die an Kommissurenschnitt-Patienten erprobt
wurden. Die Versuchsperson fixiert den Mittelpunkt eines
diaphanen Projektionsschirms; auf der linken Seite des Schirms
erscheinen Diaprojektionen von bestimmten Gegenständen: Sie
werden also nur von der rechten Hemisphäre gesehen und
können nicht benannt werden, aber der Proband ist in der Lage,
den jeweils abgebildeten Gegenstand mit der linken (von der
rechten Hemisphäre gesteuerten) Hand aus einer Gruppe von
Gegenständen herauszugreifen oder ihn durch Deuten auf eine
übereinstimmende Abbildung zu identifizieren, auch wenn er
verbal beteuert, er sehe ihn nicht.11 Solche nur von der rechten
(nichtdominanten) Hemisphäre erblickten Reize sind dort
gleichsam eingesperrt: Sie können der linken Hemisphäre, in der
sich die Sprachzentren befinden, nicht »mitgeteilt« werden, weil
die Verbindungsbahnen gekappt sind. Daß die rechte
Hemisphäre sich im Besitz dieser Information befindet, erfahren
wir einzig, indem wir sie auffördern, die linke Hand zum Deuten
zu benutzen – was sie prompt und geschickt bewerkstelligt.
Projiziert man in das rechte und in das linke Gesichtsfeld
unterschiedliche Graphen – etwa links das Dollarzeichen ($),
rechts ein Fragezeichen – und fordert die Versuchsperson auf,
mit der linken Hand aufzuzeichnen, was sie gesehen hat, und
zwar so, daß die Handbewegung durch eine Blende verdeckt
wird, also außer Sicht der Versuchsperson erfolgen muß: dann
wird das Dollarzeichen gezeichnet. Auf die Frage jedoch, was
sie da unter der Sichtblende gerade gezeichnet habe, antwortet
die Versuchsperson unbeirrbar: das Fragezeichen. Mit anderen
Worten: Mit den beiden Hirnhemisphären verhält es sich unter
den gegebenen Bedingungen buchstäblich so, daß die linke nicht
weiß, was die rechte tut.
Auch wenn der Name irgendeines Gegenstands – zum
Beispiel das Wort »Radiergummi« – in das linke Gesichtsfeld
projiziert wird, ist die Versuchsperson in der Lage, den
Radiergummi mit der linken Hand – und nur mit der linken
Hand – aus einer Ansammlung von Gegenständen hinter einer
Sichtblende herauszusuchen. Ist das korrekt ausgeführt und wird
die Versuchsperson nun gefragt, um welches Ding es sich
handle, so vermag der redebegabte Bewohner der linken
Hemisphäre nicht zu sagen, was der stumme Bewohner der
rechten Hemisphäre hinter der Sichtblende in der linken Hand
hält. Das gleiche leistet die Linke auch auf das Vorsprechen des
Wortes »Radiergummi« hin, doch die redende Hemisphäre
erfährt nicht, wann die Hand den Gegenstand gefunden hat.
Auch das bestätigt natürlich wieder, was ich schon ausgeführt
habe, nämlich daß beide Hemisphären Sprache verstehen;
allerdings war es vorher nicht möglich gewesen festzustellen,
wie weit das Sprachverständnis in der rechten Hemisphäre geht.
Des weiteren zeigt sich, daß die rechte Hemisphäre in der
Lage ist, komplizierte Definitionen zu verstehen. Projiziert man
»Gerät zum Entfernen von Bartstoppeln« ins linke Gesichtsfeld,
will sagen: in die rechte Hemisphäre, so zeigt die linke Hand auf
einen Rasierapparat; bei »Reinigungsmittel« zeigt sie auf Seife
und bei »wird in den Automatenschlitz eingeworfen« auf eine
Münze.12
Überdies vermag die rechte Hemisphäre dieser Patienten
emotional zu reagieren, ohne daß die redebegabte linke
Hemisphäre erfährt, was der Anlaß des Ganzen war. Eine Reihe
von neutralen geometrischen Figuren wird sukzessive
dargeboten, und zwar nach dem Zufallsprinzip mal im rechten,
mal im linken Gesichtsfeld, mit anderen Worten, mal der linken,
mal der rechten Gehirnhemisphäre; wird nun mittendrin
unvermittelt das Bild eines appetitlichen nackten Mädchens ins
linke Feld (= die rechte Hemisphäre) projiziert, so erklärt der
Patient (genauer: die linke Gehirnhemisphäre des Patienten), er
habe nichts oder allenfalls bloß den Lichtblitz gesehen. Aber
während der folgenden Minute widerlegen Grinsen, Erröten und
Kichern die Auskunft der redenden Hemisphäre. Auf die Frage,
was es mit all diesem Getue auf sich habe, erwidert die linke,
redebegabte Hemisphäre, sie habe nicht die leiseste Ahnung.13
Die auftretenden mimischen Veränderungen und das Erröten
sind übrigens nicht auf eine Gesichtshälfte beschränkt, da sie
von den tiefliegenden Verbindungen im Hirnstamm von der
einen auf die andere Seite übertragen werden. Affektausdruck ist
nicht Sache der Rinde.
Und gleichermaßen verhält es sich mit anderen
Sinnesmodalitäten. Gerüche, die dem rechten Nasenloch und
damit (da die Geruchsfasern nicht kreuzweise verlaufen) der
rechten Hemisphäre dargeboten werden, können diese Patienten
mit ihrer redenden Hemisphäre nicht benennen, wenngleich die
letztere sehr wohl kundzutun weiß, ob es sich um einen
angenehmen oder einen unangenehmen Geruch handelt. Das
geht so weit, daß der Patient einen unerquicklichen Geruch mit
Grunzlauten, Grimassieren oder einem lauten »Puh!« quittiert:
Trotzdem kann er nicht sagen, ob er es mit Knoblauch, Käse
oder etwas Verfaultem zu tun hatte.14 Dem linken Nasenloch
dargeboten, können die gleichen Gerüche sehr wohl benannt und
beschrieben werden. Das bedeutet, daß der Ekelaffekt über das
unversehrte limbische System und den Hirnstamm in die
sprechende Hemisphäre hinübergelangt, die in der Rinde
erarbeitete spezifischere Information hingegen nicht.
Tatsächlich spricht manches dafür, daß gemeinhin die rechte
Hemisphäre als Auslöser von Unlustreaktionen auf das
limbische System und den Hirnstamm einwirkt. Man kann eine
Testsituation arrangieren, in der man die rechte Hemisphäre die
richtigen Antworten auf die vorgelegten Fragen jedesmal wissen
läßt; muß sie dann mit anhören, wie die linke (dominante)
Hemisphäre offenkundige Fehlantworten gibt, so kann es
vorkommen, daß der Patient die Stirn runzelt, zusammenzuckt
oder den Kopf schüttelt. Es ist nicht einfach nur eine Redensart,
wenn man sagt, daß die rechte Hemisphäre verärgert ist über die
fehlerhaften Antworten der linken. Und so mag sich auch die
Verärgerung der Pallas Athene erklären, in der sie den Achilleus
bei seinen goldenen Haaren packt und ihn davon abhält, das
Schwert gegen seinen König zu zücken (»Ilias« I, I97). Oder die
Verärgerung Jahwes angesichts der Sündhaftigkeit seines
Volkes.
Selbstverständlich ist da ein Unterschied. Beim bikameralen
Menschen waren sämtliche Verbindungsbahnen zwischen links
und rechts intakt. Wie ich jedoch später noch ausführen werde,
können Veränderungen in der Umwelt so weitgehende
Neuorganisierungen im Gehirn bewirken, daß die in dem soeben
angezogenen Vergleich angelegten Schlußfolgerungen nicht
völlig absurd sind. Aber wie dem auch sei, die Untersuchungen
an den Splitbrain-Patienten haben jedenfalls schlüssig erwiesen,
daß die beiden Gehirnhemisphären unabhängig voneinander
funktionieren können, so als wäre jede eine Person für sich, und
diese virtuellen Personen, so behaupte ich, waren in der
bikameralen Epoche der Geschichte das menschliche
Individuum und sein Gott.
4. Die Unterschiede in den kognitiven Funktionen der beiden
Hemisphären sind analog dem Unterschied zwischen Gott und
Mensch
Ist das vorgelegte Gehirnmodell der bikameralen Psyche
korrekt, so enthält es zugleich die Voraussage, daß zwischen den
beiden Hemisphären ein prononcierter Unterschied in der
kognitiven Funktion bestehen muß. Im einzelnen wäre zu
erwarten, daß die zum menschlichen Part gehörenden
Funktionen in der linken (dominanten) Hemisphäre lokalisiert
sind und die den Göttern zugehörigen Funktionen mehr in der
rechten Hemisphäre ausgeprägt. Überdies gibt es keinen Grund,
auf die Annahme zu verzichten, daß diese unterschiedlichen
Funktionen zumindest residual auch in der Gehirnorganisation
des Gegenwartsmenschen vorhanden sind.
Die Funktion des Gottes bestand zur Hauptsache in der
Anleitung und Planung des Handelns in ungewohnten
Situationen. Die Götter taxieren Probleme und organisieren das
Handeln nach Maßgabe eines durchgängigen Schemas oder
Zwecks mit dem Ergebnis der hochkomplexen bikameralen
Kultur; der Zusammenhang unter einer Vielfalt disparater
Einzelglieder, wie etwa zwischen Saatzeit und Erntezeit, das
taxonomische System der produzierten Güter wie überhaupt die
Zusammenbindung grenzenloser Mannigfaltigkeit zu einem
planvollen Ganzen ist ihr Werk, das sie schaffen, indem sie dem
neurologischen Mensch-Part im Allerheiligsten des
gesprochenen, analytischen Wortes die entsprechenden
Direktiven erteilen. Wir dürfen also erwarten, daß eine der heute
residual noch verbliebenen Funktionen der rechten Hemisphäre
im Organisatorischen liegt, in der taxono mischen Gliederung
der innerhalb einer Kultur anfallenden Erfahrungen und ihrer
Integration zu einer figuralen Ganzheit, die dem Individuum
»sagt, was es zu tun hat. Das Bild, das sich ergibt, wenn wir
daraufhin eine Reihe von göttlichen Verlautbarungen in der
»Ilias«, dem Alten Testament oder anderen literarischen
Zeugnissen des Altertums überprüfen, stimmt damit überein.
Die Mannigfaltigkeit vergangenen wie zukünftigen Geschehens
wird gesiebt und kategorisiert und zu einem neuen Bild
synthetisiert, letzteres häufig vermittels des A und O aller
Synthese, der Metapher. Und diese Funktionen dürfen wir
demnach als Charakteristika der rechten Hirnhemisphäre
anzutreffen erwarten.
Klinische Beobachtungen bestätigen diese Hypothese. Von
den Splitbrain-Patienten, die uns einige Seiten weiter vorn
begegnet sind, wissen wir, daß die rechte Gehirnhälfte mit der
ihr zugeordneten linken Hand sich hervorragend auf das
Auseinanderhalten und Kategorisieren von Formen und Größen
und Materialbeschaffenheiten versteht. Von Patienten mit
Hirnverletzungen wissen wir, daß Verletzungen der rechten
Hemisphäre das Leistungsvermögen im Bereich der
Raumbeziehungen sowie von Ganzheit und Gestalt
beeinträchtigen.15 Labyrinthe verkörpern eine Problemsituation,
die verlangt, lernend die zahlreichen Einzelelemente einer
Raumfigur zum Ganzen zu vereinen. Patienten, denen der rechte
Schläfenlappen vollständig entfernt wurde, schaffen es so gut
wie nie, sich in einem visuellen oder taktilen Labyrinth
zurechtzufinden, während Patienten mit Läsionen gleichen
Ausmaßes im linken Schläfenlappen in dieser Hinsicht kaum
Schwierigkeiten haben. 16
Eine andere Aufgabenstellung, die ebenfalls den Aufbau einer
räumlichen Figur aus Einzelteilen einschließt, verkörpert der
Block Design Test von S. C. Kohs (auch als Würfel-Test oder
Mosaikspiel bekannt), der gewöhnlich als Bestandteil von
Intelligenztests angewandt wird. Dem Probanden wird eine
einfache geometrische Figur gezeigt; seine Aufgabe besteht
darin, diese Figur hinterher mit Würfeln, auf denen ihre
Elemente aufgezeichnet sind, nachzulegen. Für die meisten
Menschen ist das überhaupt kein Problem. Gehirnverletzte mit
einer Schädigung der rechten Hemisphäre jedoch haben dabei
extreme Schwierigkeiten, und dieser Zusammenhang ist so
auffällig, daß der Test auch zur Diagnose von Läsionen der
rechten Hemisphäre eingesetzt wird. Die bereits erwähnten
Splitbrain-Patienten scheitern meist kläglich, wenn sie die Figur
mit der rechten Hand nachlegen sollen. Die linke Hand dagegen
– gewissermaßen die Hand der Götter – hat da überhaupt keine
Probleme. Ja, bei manchen Splitbrain-Patienten mußte die Linke
vom Versuchsleiter mit sanfter Gewalt davon abgehalten
werden, der ziellos an ihrer simplen Aufgabe herumfummelnden
Rechten spontan zu Hilfe zu kommen. 17 Diese wie auch andere
vergleichbare Beobachtungen führten allgemein zu dem Schluß,
daß die rechte Hemisphäre mehr auf synthetische und
räumlichkonstruktive Aufgaben spezialisiert ist, die linke
dagegen mehr auf Analyse und Sprachperformanz. Die rechte
Hemisphäre – darin vielleicht den Göttern vergleichbar begreift
den Sinn von Einzelheiten nur aus deren Zugehörigkeit zu einem
größeren Ganzen; sie sieht Ganzheiten. Die linke (dominante)
Hemisphäre dagegen sieht – wie die menschliche Komponente
der bikameralen Psyche – das einzelne als solches.
Diese klinischen Befunde wurden bekräftigt durch eine an
normalen Versuchspersonen durchgeführte Untersuchung, die
Schule zu machen verspricht.18 Über Schläfen- und
Scheitellappen wurden beidseitig EEG-Elektroden befestigt, ehe
man die Versuchspersonen einer Reihe von Tests unterzog. Sind
unterschiedliche Buchstabensorten niederzuschreiben – eine
Aufgabe, die sprachperformative und analytische Befähigungen
aktiviert –, so registriert das EEG über der linken Hemisphäre
schnelle Wellen von schwacher Spannung, was bedeutet, daß
die linke Hemisphäre die Arbeit verrichtet; über der rechten
Hemisphäre treten gleichzeitig langsame Alpha-Wellen (wie sie
bei einer Versuchsperson in Ruhestellung mit geschlossenen
Augen beidseits registriert werden) in Erscheinung, was verrät,
daß die rechte Hemisphäre nicht arbeitet. Erhält dieselbe
Versuchsperson eine Aufgabe, die ihre Befähigung zu
räumlicher Synthese anspricht – wie beispielsweise der zuvor
erwähnte Würfel-Test –, so ergibt sich der umgekehrte Befund.
Jetzt tut die rechte Hemisphäre die Arbeit.
Weitere Annahmen, welche bestimmten Funktionen residual
in der rechten Hemisphäre vorhanden sein müßten, lassen sich
aus Überlegungen zu der Frage herleiten, was die göttlichen
Stimmen der bikameralen Psyche in bestimmten Situationen zu
leisten hatten. Um Erfahrungen sortieren und zu
Handlungsanleitungen synthetisieren zu können, mußten die
Götter in der Lage sein, gewisse Wiedererkennungsleistungen
zu vollbringen. Solche Identifizierungsleistungen sind in
sämtlichen göttlichen Verlautbarungen der Literatur des
Altertums an der Tagesordnung. Ich meine nicht nur das
Identifizieren speziell von Individuen, sondern ebensosehr auch
allgemeiner von Menschentypen und Klassen von
Sachverhalten. Eine höchst wichtige Leistung des menschlichen
Urteilsvermögens war zu allen Zeiten die Identifizierung von
Gesichtsausdrücken, insbesondere im Hinblick auf etwaige
freundliche oder feindliche Absichten ihres Trägers. Sah ein
bikameraler Mensch ein nichtidentifiziertes Individuum auf sich
zukommen, dürfte die Entscheidung der Gott-Komponente
seiner Mentalität über freundliche oder feindliche Absicht der
unbekannten Person von erheblicher überlebenswichtiger
Bedeutung gewesen sein.
Die nebenstehende Abbildung dient einem Experiment, das
ich mir vor ungefähr zehn Jahren aufgrund der soeben
beschriebenen Annahme ausgedacht habe. Die zwei Gesichter
sind Spiegelbilder voneinander. Ich habe bis dato nahezu
tausend Menschen befragt, welches von beiden fröhlicher
aussieht. Durchaus folgerichtig entschieden sich ungefähr 80
Prozent der befragten Rechtshänder für das untere Gesicht mit
dem vom Betrachter aus gesehen linksseitig emporgezogenen,
also lächelnden Mundwinkel. Daraus folgt, daß sie das Gesicht
mit der rechten Gehirnhemisphäre beurteilten – vorausgesetzt
natürlich, daß ihr Blick auf den Mittelpunkt des Bildes gerichtet
war. Dieses Ergebnis fällt noch überzeugender aus, wenn die
Zeichnung mittels eines Tachistoskops dargeboten wird. Wählt
man den Brennpunkt genau in der Bildmitte und als
Belichtungszeit eine Zehntelsekunde, so erscheint das untere
Gesicht ausnahmslos allen Rechtshändern als das fröhlichere.
Eine zunächst durchaus plausible andere Erklärung für diese
Bereitschaft, einen Gesichtsausdruck anhand der linken Hälfte
des Gesichtsfelds zu beurteilen, besagt, daß man es hier mit
einer Folgeerscheinung unserer kulturellen Gepflogenheit, von
links nach rechts zu lesen, zu tun hat. Und zweifellos erfährt der
beschriebene Effekt in unserer Kultur durch diese Gepflogenheit
eine Verstärkung. Daß jedoch die Hemisphärendifferenzierung
den eigentlichen Kern der Sache bildet, geht aus den Befunden
mit Linkshändern hervor. 55 Prozent der befragten Linkshänder
sahen das obere Gesicht als das fröhlichere, was darauf
hindeutet, daß die linke Hemisphäre die Beurteilung vornahm.
Und das läßt sich nicht aus der kulturell vorgegebenen Schreib-
Lese-Richtung erklären. Hinzu kommt, daß Menschen mit
vollständiger Dominanz der linken Körperhälfte (also nicht nur
der Hand) offenbar noch sehr viel häufiger das obere Gesicht als
das fröhlichere empfinden.
Zu ähnlichen Befunden kamen wir neuerdings in einem
Experiment, in dem wir Fotos verwendeten, auf welchen ein
Schauspieler Trauer, Fröhlichkeit, Ekel und Überraschung
mimt.19 Unsere – sehr sorgfältig auf Rechtshändigkeit hin
überprüften – Versuchspersonen hatten zunächst den Blickpunkt
eines Tachistoskops zu fixieren, dann wurde ihnen für wenige
Millisekunden ein Foto in zentraler Position dargeboten und
anschließend mit der gleichen Expositionszeit ein weiteres
rechts oder links davon. Die Versuchspersonen hatten zu
bestimmen, ob die beiden Bilder identisch oder verschieden
waren; die Zeit, die sie für ihre Entscheidung benötigten, wurde
registriert. Die meisten identifizierten übereinstimmende
Gesichtsausdrücke mit größerer Treffsicherheit und schneller,
wenn das Duplikat im linken Gesichtsfeld dargeboten wurde. Im
Kontrollversuch wurden Verzerrungen derselben Fotografien
benutzt (also im Grunde genommen sinnlose Figuren); auch in
diesem Fall wurden übereinstimmende Figuren schneller und
sicherer identifiziert, wenn das Duplikat im linken Gesichtsfeld
erschien freilich nicht annähernd mit der Zügigkeit und
Zuverlässigkeit wie im Fall der unverzerrten Bilder.
Klinisches Material aus jüngerer Zeit deutet unverkennbar in
die gleiche Richtung. Das Unvermögen, Gesichter – nicht bloß
Gesichtsausdrücke – zu identifizieren, tritt sehr viel häufiger in
Verbindung mit Schädigungen der rechten als mit Schädigungen
der linken Gehirnhemisphäre auf. In einem klinischen Test
besteht die Aufgabe des Patienten darin, anhand der
Frontalansicht eines Gesichts unter wechselnden
Beleuchtungsverhältnissen die dazugehörigen
Dreiviertelansichten zu identifizieren. Patienten mit Läsionen
der rechten Hemisphäre haben damit unverhältnismäßig viel
größere Schwierigkeiten als normale Probanden oder Patienten
mit Läsionen der linken Hemisphäre.20 Das Erkennen von
Gesichtern und Gesichtsausdrücken ist also primär eine
Funktion der rechten Hemisphäre.
Und in ungewohnten Situationen Freund und Feind
auseinanderzuhalten war eine der Funktionen der Götter.
5. Das Gehirn in neuer Sicht
Wie ist es möglich – so könnte nun eingewandt werden –, daß
ein System wie dieses: das Gehirn mit der Struktur, die ich als
bikamerale Psyche bezeichnet habe, und die, mit der in unserem
Modell beschriebenen Distribution von Funktionen,
jahrtausendelang das Substrat der menschlichen Kultur bildete –
ich sage: wie ist es möglich, daß hier innerhalb so relativ kurzer
Frist ein Wandel des Funktionsprinzips eintritt, in dessen
Verlauf jene erzieherischen Stimmen verstummen und wonach
wir es alsdann mit einer neuen Organisiertheitsform namens
Bewußtsein zu tun haben? Auch wenn es in der Welt seit jenem
Wandel Völkermord genug gegeben hat, um eine gewisse
natürliche Selektion und Evolution zu bewirken, spielt dieser
Punkt in meiner Beweisführung keinerlei Rolle. Was an
natürlicher Selektion während der Herausbildung des
Bewußtseins ins Spiel kam, hat sicherlich zu dessen Überdauern
beigetragen, kann jedoch nicht als Bedingungsrahmen für eine
regelrechte Evolution von der bikameralen Psyche zum
Bewußtsein in Anspruch genommen werden – Evolution in dem
Sinn, wie der Weg von den Läufen und Pfoten irgendeines
Vorfahren zu den Flossenfüßen der Robben als Evolution
bezeichnet wird.
Ein angemessenes Begreifen des Sachverhalts läßt sich nur
aus einem neuen Bild vom Gehirn gewinnen, unter Preisgabe
von Auffassungen, wie sie noch vor wenigen Jahrzehnten
geläufig waren. Die neue Perspektive betont vor allen Dingen:
die Plastizität des Gehirns; die redundante Repräsentation eines
psychischen Vermögens innerhalb einer spezialisierten Region
beziehungsweise eines »Zentrums«; die »multiple Steuerung«
des einzelnen psychischen Vermögens, also seine Steuerung
durch mehrere Zentren, die entweder bilateral paarig angeordnet
sind oder in einem Verhältnis zueinander stehen, das Hughlings
Jackson als »Re-Repräsentation« von Funktionen bestimmte, als
Spiegelung von Spiegelungen der Funktionen auf zunehmend
höheren und phylogenetisch jüngeren Entwicklungsebenen des
Nervensystems.21 Daß das Gehirn von Säugern in dieser Weise
organisiert ist, ist der Grund für jene Erfahrungstatsachen, die
sich unter der Rubrik »Wiederherstellung von Funktionen«
zusammenfassen lassen. Im Vordergrund des neuen Bildes vom
Gehirn steht jedoch die Eigenschaft der Plastizität: Das Gehirn
ist sehr viel plastischer als bisher angenommen; es verfügt über
einen geradezu schwindelerregenden Überschuß von Neuronen,
dergestalt, daß beispielsweise 98 Prozent der Sehnerven einer
Katze durchtrennt werden können, ohne daß die Fähigkeit zur
Unterscheidung von Helligkeitsgraden und Figuren dadurch
verlorengeht.22 Das Gehirn quillt förmlich über von in sich
redundant ausgestatteten Zentren, deren jedes vielleicht eine
direkte Rolle in einem Leitungsbogen spielt oder die
Arbeitsweise anderer Zentren modifiziert, oder beides zugleich,
wobei es zu den vielfältigsten Formen und Graden der
Vernetzung zwischen zusammenwirkenden Zentren kommen
kann.
Dieses ganze System redundanter Repräsentation und
multipler Steuerung führt zu dem Bild eines sehr viel
wandelbarer organisierten Gehirns, als die ältere Neurologie
wahrhaben wollte. Die Ausführung einer Verhaltenseinheit oder
eines Verhaltensmusters beschäftigt eine Unmenge gleichartiger
Neuronen eines bestimmten Zentrums und versetzt unter
Umständen eine Reihe weiterer Zentren in Aktion, die je nach
ihrem evolutionären Status in unterschiedlichen Konfigurationen
von Hemmung und Bahnung miteinander gekoppelt sind. Die
Dichte der Kopplungen zwischen den einzelnen Zentren
schwankt ihrerseits von Funktion zu Funktion gewaltig.23 Mit
anderen Worten, das Ausmaß der Veränderungen, denen die
Distribution kortikaler Funktionen unterliegen kann, ist für jede
Funktion ein anderes; die Veränderlichkeit der Distribution als
solche jedoch ist, wie jetzt immer offenkundiger wird, ein
hervorstechendes Kennzeichen des Gehirns der hö heren Säuger.
Der biologische Zweck, der Selektionsvorteil derartiger
redundanter Repräsentation und multipler Steuerung sowie der
daraus resultierenden Plastizität, ist ein doppelter: Zum einen ist
das Gehirn damit gegen die Auswirkungen von Läsionen
gesichert, zum anderen und das dürfte der wichtigere Aspekt
sein – ergibt sich so ein Organismus, der weitaus flexibler,
anpassungsfähiger auf das Risiko ständig sich wandelnder
Umweltbedingungen zu antworten in der Lage ist. Ich denke
hierbei an existentielle Risiken der Art, wie die fortschreitende
Vergletscherung sie für den Urmenschen mit sich brachte, und
selbstverständlich auch an jenes noch viel größere Risiko, das
im Scheitern der bikameralen Psyche lag und dem Menschen die
Anpassungsleistung des Bewußtseins abnötigte.
Das bedeutet aber nicht nur, daß das Verhalten des
ausgewachsenen Menschen weniger rigide ist als das seiner
Vorfahren, obzwar dies gewiß auch zutrifft. Wichtiger jedoch
ist, daß damit ein Organismus geschaffen ist, bei dem
Einzelheiten der frühkindlichen Entwicklungsgeschichte
beträchtliche Konsequenzen für die spätere Gehirnorganisation
haben können. Noch vor wenigen Jahren hätte eine solche Idee
für rundheraus abwegig gegolten. Doch eine steigende Flut
einschlägiger Forschungen hat jegliche starre Auffassung vom
Gehirn weggewaschen und die Tatsache ins Licht gerückt, in
welch erstaunlichem Umfang das Gehirn Strukturdefizite –
gleichgültig, ob angeborene Deformationen oder spätere
Läsionen – zu kompensieren vermag. Zahlreiche
Untersuchungen an Tieren haben bewiesen, daß
Gehirnschädigungen im Kindheitsstadium sich im Verhalten des
erwachsenen Exemplars kaum auswirken, während gleichartige
Läsionen im Erwachsenen-Stadium hier gravierende
Veränderungen bewirken können. Wir haben schon darauf
hingewiesen, daß frühkindliche Schädigungen der linken
Hemisphäre beim Menschen normalerweise in einer
Verlagerung des gesamten Sprachapparats in die rechte
Hemisphäre resultieren.
Einer der verblüffendsten Beweise für diese Elastizität des
Gehirns ist der Fall eines fünfunddreißigjährigen Mannes, der an
einer Unterleibsgeschwulst gestorben war. Die Autopsie ergab,
daß ihm die Fimbria hippocampi, die Fornix, das Septum
pellucidum sowie das größte Stück vom Mittelteil des Thalamus
von Geburt an fehlten; außerdem besaß er einen abnorm kleinen
Hippokampus und einen ebenso abnorm kleinen Gyrus
parahippocampalis und Gyrus dentatus. Ungeachtet dieser
beträchtlichen Anomalien hatte der Patient sich stets als
»Gemütsmensch« und »Lebenskünstler« erwiesen und war in
der Schule sogar Klassenbester gewesen!24
Während des Wachstums kompensiert also das Nervensystem
Erb- oder umweltbedingte Schäden, indem es andere, wiewohl
weniger begangene Entwicklungswege einschlägt und dabei
unversehrtes Gewebe in Dienst nimmt. Im Erwachsenenstadium,
nach Abschluß der Entwicklung, sind diese Wege versperrt. Die
durchgebildete Gehirnorganisation ist bereits auf normalem
Weg erreicht. Nur im Verlauf der Kindheitsentwicklung kann
die Neugliederung, die vom Normalfall abweichende
Redistribut ion der Systeme der multiplen Steuerung erfolgen.
Und ganz entschieden trifft dies für die im vorliegenden
Zusammenhang zentral wichtige Beziehung zwischen den
beiden Gehirnhemisphären zu.25
Vor diesem Hintergrund sehe ich nichts, was gegen die
Annahme spräche, daß die Region der rechten
(nichtdominanten) Gehirnhemisphäre, die das Gegenstück zum
Wernicke-Zentrum bildet, in der bikameralen Epoche ihre genau
umschriebene bikamerale Funktion ausübte, daß sie jedoch nach
Jahrtausenden der psychologischen Neugliederung, der
Redistribution, in welchem Zeitraum jeder aufkeimende Ansatz
zur Bikameralität bereits in früher Kindheit unterdrückt wurde,
ganz anders funktioniert. Aus denselben Gründen wäre es
verfehlt zu glauben, daß die gegenwärtige Neurologie des
Bewußtseins, wie immer sie aussehen mag, eine für alle
Ewigkeit festgeschriebene Größe sei. Die Beispiele, die wir in
diesem Kapitel kennengelernt haben, sprechen im Gegenteil
dafür, daß kein unabdingbar festgelegter Zusammenhang besteht
zwischen Hirngewebe und der Funktion, die es ausübt; und
damit ist es durchaus denkbar, daß veränderte Umstände, die
dem Individuum ein verändertes Entwicklungsprogramm
vorschreiben, Veränderungen der Hirnorganisation bedingen
können.