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The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind
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German Translation
Der Ursprung des Bewußtsein
Julian Jaynes
(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)
Viertes Kapitel: Die bikamerale Psyche
Wir sind Menschenwesen mit Bewußtsein. Wir bemühen uns
um ein Verständnis des menschlichen Wesens. Im vorigen
Kapitel gelangten wir zu der aberwitzig anmutenden Hypothese,
daß es eine Zeit gegeben hat, in der das menschliche Wesen in
zwei Teile zerfiel: einen Lenker und Leiter namens Gott und
einen Gefolgsmann namens Mensch. Keiner von beiden hatte
Bewußtsein. Für uns ist das nahezu unbegreiflich. Und da wir
unsererseits mit Bewußtsein ausgestattet sind und uns um ein
Verständnis der Dinge bemühen, bemühen wir uns, diesen
Sachverhalt mit einem anderen Sachverhalt zu vergleichen, der
uns aus eigener Erfahrung vertraut ist – denn dies, so sahen wir
im Zweiten Kapitel, ist das Wesen des Verstehens. Und dies ist
es auch, was ich im nun folgenden Kapitel tun will.
Der bikamerale Mensch
Was die menschliche Seite betrifft, so gibt es da wenig zu
sagen, was sie uns vertraut machen könnte, es sei denn, man
greift zurück auf das Erste Kapitel und ruft sich in Erinnerung,
was alles wir ohne Mitwirkung des Bewußtseins leisten. Doch
wie unbefriedigend bleibt eine solche Liste von Negativa.
Irgendwie verspüren wir dennoch den Wunsch, uns in Achilleus
einzufühlen. Wir meinen noch immer, es müsse doch eigentlich
– nein, es muß da unbedingt etwas in seinem Innern vor sich
gehen, was er denkt und fühlt. Das heißt, genauso, wie wir es
mit uns selbst und unseren Zeitgenossen machen, versuchen wir
auch im Innern von Achilleus einen Bewußtseinsraum und eine
Analogwelt der Verhaltenswelt zu fingieren.
Aber diese Fiktion, so behaupte ich; ist in bezug auf die
Griechen jener Epoche sinnlos!
Vielleicht kann uns die Metapher von etwas, was dem
fraglichen Zustand nahekommt, weiterhelfen. Am Steuer meines
Autos sitze ich nicht wie jemand, der sich selbst vom Rücksitz
aus Anweisungen gibt, wie er zu fahren hat, sondern ich bin
jederzeit ohne viel Bewußtsein in meinem Tun als Fahrer
»drin«.1 Tatsächlich wird es in aller Regel sogar so sein, daß
mein Bewußtsein mit ganz anderen Dingen als dem Fahren
befaßt ist, etwa in einer Unterhaltung mit Ihnen befangen, wenn
Sie zufällig mein Fahrgast sein sollten, oder auch mit
Nachdenken über den Ursprung des Bewußtseins beschäftigt.
Das Verhalten meiner Hände, meiner Füße und meines Kopfes
spielt sich demgegenüber fast in einer anderen Welt ab. Wenn
ich etwas berühre, werde ich berührt; wenn ich den Kopf wende,
wendet sich die Welt mir zu; über den Blick stehe ich mit einer
Welt in Beziehung, der ich unmittelbar gehorche – gehorche in
dem Sinn, daß ich beispielsweise mit dem Wagen auf der
Fahrbahn bleibe und ihn nicht auf den Gehsteig lenke. Und
nichts von alledem ist mir bewußt. Und auf gar keinen Fall ist es
Gegenstand meines logischen Denkens. Ich bin
hineingenommen – unbewußt verstrickt, wenn man so will – in
ein Globalsystem anhaltender Stimulierungswiderspiele
zwischen den Polen »gefährlich« und »sicher«, »angenehm«
und »unangenehm«, wobei ich auf Veränderungen der
Verkehrslage und bestimmte Einzelheiten der Situation
erschrocken oder gelassen, zuversichtlich oder ängstlich
reagiere, während mein Bewußtsein unterdessen noch immer
mit anderen Dingen befaßt ist.
Ziehen Sie nun von dem Ganzen einfach das Bewußtsein ab,
dann haben Sie eine Vorstellung davon, was es heißt, ein
bikameraler Mensch zu sein. Für ihn besteht die Welt in der
Gesamtheit dessen, was ihm widerfährt, und ein unabtrennbarer
Bestandteil davon ist sein eigenes Tun, das ohne jegliches
Bewußtsein erfolgt. Und jetzt stellen Sie sich vor, daß auf
einmal eine nie dagewesene Situation eintritt – weiter vorn auf
der Straße hat ein Unfall stattgefunden, oder eine Straßensperre
taucht auf, oder ein Reifen am Auto platzt, oder der Motor
streikt – und siehe da!, unser bikameraler Mensch verhält sich
nicht so, wie Sie und ich uns verhalten würden: Wir würden
nämlich in jedem dieser Fälle unser Bewußtsein rasch und
energisch der Sache zuwenden, um eine Narrativierung davon
zu schaffen, was als nächstes zu tun sei. Er dagegen müßte auf
die bikamerale Stimme warten, mit der seine aufgespeicherte
praktische Lebensweisheit ihm ohne Dazwischenkunft von
Bewußtsein mitteilen würde, wie er sich zu verhalten hat.
Der bikamerale Gott
Aber was hat es mit solchen Gehörshalluzinationen auf sich?
Manche Menschen finden es ja schon schwierig, sich auch nur
die Möglichkeit von inneren Stimmen vorzustellen, die mit
derselben Erlebnisqualität vernommen werden wie äußerlich
produzierte Sprachlaute. Schließlich existiert im Gehirn kein
Mund und kein Kehlkopf!
Gleichgültig, welche Gehirnzentren an ihrem
Zustandekommen beteiligt sind – es steht auf alle Fälle mit
absoluter Sicherheit fest, daß es solche Stimmerlebnisse gibt und
daß sie sich in nichts von der Wahrnehmung realer Laute
unterscheiden. Zudem ist es höchst wahrscheinlich, daß die
bikameralen Stimmen der Antike ganz ähnlich beschaffen waren
wie die Gehörshalluzinationen von Menschen unserer Zeit.
Viele vollkommen normale Menschen erleben, mit
Gradunterschieden, solche Halluzinationen. Häufig ist der Fall,
daß man unter Streß die tröstende Stimme einer Elternfigur
vernimmt.
Unter Streß ... oder bei der Beschäftigung mit einem
hartnäckigen Problem. Ich war Ende Zwanzig und lebte damals
allein in einer Wohnung auf dem Beacon Hill in Boston, wo ich
seit ungefähr einer Woche in intensiven und einsamen
Grübeleien einigen der im vorliegenden Buch berührten
Probleme nachhing, insbesondere der Frage nach dem Wesen
der menschlichen Erkenntnis, und wie wir überhaupt etwas
erkennen könne n. Meine Pros und Kontras kreisten ziellos in
den stellenweise ätherischen Nebeln der Erkenntnistheorien
herum, auf vergeblicher Suche nach einem Landeplatz. Eines
Nachmittags legte ich mich in einem Anfall geistiger
Verzweiflung auf dem Sofa nieder. Plötzlich erklang mitten in
die absolute Stille hinein eine kräftige Stimme; sie kam von
irgendwo rechts über mir und sagte laut und vernehmlich:
»Mach den Erkennenden zum Bestandteil des Erkannten!« Mich
riß es hoch, und mit dem verblüfften Ausruf »Ist da jemand?«
hielt ich im Zimmer Ausschau nach diesem Jemand. Die
Stimme war von einer ganz bestimmten Stelle hergekommen.
Niemand dort! Niemand zu finden auch in den angrenzenden
Räumlichkeiten, wo ich verdattert nachsah. Ich halte jene
kryptische Tiefsinnigkeit nicht für eine göttliche Eingebung,
aber ich glaube, daß der Vorfall dem ähnelt, was Menschen
erlebten, die sich in der Vergangenheit für göttlich Auserwählte
meinten halten zu dürfen.
Derartige Stimmen können bei durchaus normalen Menschen
mit einer gewissen Regelmäßigkeit auftreten. Im Anschluß an
meine Vorträge über die Theorien dieses Buches erlebte ich
immer wieder mit Überraschung, wie Zuhörer mich aufsuchten,
um mir« von ihren Stimmen zu berichten. Die junge Ehefrau
eines Biologen erzählte, daß sie fast jeden Morgen beim
Bettenmachen und während ihrer Hausarbeit eine ausgedehnte,
aufschlußreiche und amüsante Unterhaltung mit ihrer
verstorbenen Großmutter führe, wobei sie die Stimme der
Großmutter höre, als ob sie wirklich da wäre. Den entgeisterten
Ehemann traf diese Neuigkeit wie ein Schlag: Seine Frau hatte
nie zuvor mit ihm darüber gesprochen, weil »Stimmen hören«
im allgemeinen als ein Symptom des Wahnsinns gilt. Was es bei
psychisch gestörten Menschen natürlich auch ist. Infolge des
Nimbus von Grauen, in den diese Krankheit gehüllt ist, wird
über das tatsächliche Ausmaß solch regelmäßiger
Gehörshalluzinationen bei psychisch Gesunden so gut wie nichts
bekannt.
Die einzige ausführliche Arbeit auf diesem Gebiet ist eine
dürftige Erhebung britischen Ursprungs aus dem vorigen
Jahrhundert.2 Erfaßt wurden nur Halluzinationen von solchen
psychisch Gesunden, die sich auch sonst des besten
Wohlbefindens erfreuten. Von 7717 Männern hatten 7,8 Prozent
zu irgendeiner Zeit in ihrem Leben Halluzinationen gehabt. Bei
den 7599 weiblichen Probanden betrug der entsprechende Anteil
12 Prozent. Die stärkste Gruppe unter den halluzinierenden
Probanden bildeten die Zwanzig- bis Neunundzwanzigjährigen
– übrigens die gleiche Altersgruppe, in der auch die
Schizophrenie am verbreitetsten ist. Gesichtshalluzinationen
waren doppelt so häufig wie Gehörshalluzinationen. Auch
nationale Unterschiede wurden festgestellt. In Rußland war die
Häufigkeit von Halluzinationen doppelt so hoch wie im
allgemeinen Durchschnitt. In Brasilien lag sie sogar noch höher
infolge des beträchtlich verstärkten Vorkommens von
Gehörshalluzinationen. Warum und weshalb das so ist, bleibt
der Spekulation des Lesers überlassen. Zu den Mängeln dieser
Studie zählt nicht zuletzt die Verkennung der Tatsache, daß in
einem Land, wo Gespenstererscheinungen zu den
interessantesten Themen des Alltagsklatsches zählen, wohl
kaum mit Sicherheit auszumachen ist, was tatsächlich
halluzinatorisch gesehen und gehört wurde. Es besteht ein
prononciertes Bedürfnis nach neuen und besseren Erhebungen dieser Art.3
Halluzinationen bei Psychotikern
Gehörshalluzinationen, wie sie den bikameralen Stimmen
ähneln, sind natürlich bei Schizophreniekranken am häufigsten
anzutreffen und am besten zu studieren. Letzteres ist freilich
heutzutage keine ganz einfache Sache mehr. Schon beim
Verdacht auf Halluzinationen unterzieht man akute
Psychosefälle einer speziellen Chemotherapie, die das
Halluzinieren unterbindet. Diese Vorgehensweise ist
einigermaßen fragwürdig; sie dürfte nicht so sehr dem Besten
des Patienten als vielmehr den Interessen der behandelnden
Klinik dienen, wo man in erster Linie Wert darauf legt, eine
rivalisierende Instanz bei der totalen Kontrolle über den
Patienten auszuschalten. Bis dato ist jedoch völlig unbewiesen,
daß halluzinierende Patienten therapieresistenter wären als
andere. Nach dem Urteil ihrer Mitpatienten sind sie vielmehr im
Vergleich mit Schizophreniekranken ohne Halluzinationen
freundlicher, weniger querulant, liebenswürdiger und ihrer
Umwelt gegenüber positiver eingestellt.4 Selbst in Fällen, wo
die halluzinierten Stimmen scheinbar negative Effekte zeitigen,
ist nicht auszuschließen, daß sie den Therapieverlauf im ganzen
günstig beeinflussen.
Aber wie immer dem sei: seit es die Chemotherapie gibt, sind
Halluzinosefälle weit seltener als zuvor anzutreffen. Aus
neueren Untersuchungen geht hervor, daß ihr Anteil unter den
Psychosepatienten von Klinik zu Klinik schwankt: von 50
Prozent im Bostoner City Hospital bis zu 30 Prozent in einer
Klinik in Oregon5 und sogar noch darunter in Kliniken mit
langfristig internierten Patienten, bei denen mit Sedativa in der
Regel nicht gespart wird. Daher stütze ich mich im folgenden in
verstärktem Maß auf die ältere Literatur über die Psychosen –
wie etwa Bleulers klassische Arbeit –, wo eben auch die
halluzinatorische Seite der Schizophrenie noch klarer
beschrieben ist.6 Das gehört mit zur Sache, wenn wir uns eine
Vorstellung von Wesen und Tragweite jener bikameralen
Stimmen verschaffen wollen, wie sie in den Kulturen der
Frühzeit vernommen wurden.
Die Eigenarten der Stimmen
Die Stimmen der Schizophrenen nehmen ihren Wirten
gegenüber jede erdenkliche Haltung ein. Sie machen
Konversation, drohen, üben Kritik und geben Ratschläge; das
alles häufig in knappen Sätzen. Sie ermahnen, trösten,
verspotten, kommandieren oder führen manchmal auch lediglich
die tönende Chronik der laufenden Ereignisse. Sie kreischen,
winseln, höhnen und schwanken in der Lautstärke vom leisesten
Flüstern bis zum donnernden Gebrüll. Häufig weisen die
Stimmen irgendeine charakteristische Eigentümlichkeit auf; so
etwa sprechen sie im einen Fall sehr langsam, im andern
skandierend; in Reimen; in Rhythmen; sogar in irgendeiner
Fremdsprache. Es kommt vor, daß der einzelne nur eine einzige,
bestimmte Stimme hört; häufiger jedoch kommen sie zu
mehreren und gelegentlich sogar zu vielen. Wie in den
bikameralen Kulturen werden sie mit Göttern, Engeln, Teufeln,
Unholden oder mit der oder jener bestimmten Person oder einem
Verwandten identifiziert. Dann und wann werden sie jedoch
auch einem künstlichen Gebilde zugeschrieben, welches an jene
Skulpturen erinnert, die – wie wir noch sehen werden – in den
bikameralen Monarchien in vergleichbarer Hinsicht eine so
bedeutende Rolle spielten.
Manchmal treiben die Stimmen den Kranken zur
Verzweiflung, indem sie ihm befehlen, etwas Bestimmtes zu
tun, um ihn dann, sobald der Befehl ausgeführt ist, mit giftigen
Vorwürfen zu malträtieren. Manchmal ist die Rede einer
Stimme dialogisch aufgebaut, so als würden sich zwei
Menschen über den Kranken unterhalten. Manchmal sind die
Rollen des Fürsprechers und des Widersachers auf zwei
Personen verteilt. Während die Stimme seiner Tochter über
einen Patienten erklärt: »Er wird verbrannt!«, entgegnet die
Stimme seiner Mutter: »Er wird nicht verbrannt.«7 In anderen
Fällen schnattern mehrere Stimmen durcheinander, so daß der
Patient nicht verstehen kann, was sie sagen.
Lokalisierung und Funktion
In manchen – insbesondere den sehr schweren – Fällen sind
die Stimmen nicht lokalisiert. In der Regel jedoch sind sie es.
Sie melden sich linker Hand, rechter Hand, von hinten, von
oben, von unten; nur selten freilich kommt es vor, daß sie den
Kranken geradewegs von vorn ansprechen. Dem Anschein nach
können sie aus Mauern und Wänden dringen, aus dem Keller
oder vom Dach, vom Himmel oder aus der Hölle, von nah oder
weither kommen oder ihren Sitz in Körperteilen und
Kleidungsstücken haben. Und manchmal ist es auch so, daß sie
– wie ein Patient es ausdrückte – »das Wesen von all den
Dingen annehmen, durch die sie sprechen – egal, ob sie nun aus
der Wand kommen oder aus dem Ventilator oder ob sie sich in
Wald und Flur bemerkbar machen«.8 Manche Patienten lassen
die Neigung erkennen, die guten, tröstenden Stimmen von rechts
oben zu hören, während sich böse Stimmen eher von links und
von unten melden. In ganz seltenen Fällen kommt es dem
Patienten so vor, als kämen die Stimmen aus seinem eigenen
Mund, zuweilen begleitet von dem Gefühl anschwellender
Fremdkörper im Mund. Manchmal werden die Stimmen auf
denkbar bizarre Weis e orts- und dingfest gemacht. Ein Patient
gab an, über jedem seiner Ohren hocke eine Stimme, die eine
ein wenig größer als die andere – was an die Vorstellungen der
alten Ägypter von dem »Ka« und dessen Darstellungen auf
Pharaonenbildnissen gemahnt (wir werden später ausführlicher
darauf eingehen).
Sehr häufig kritisieren die Stimmen das Denken und Handeln
der Patienten. Manchmal verbieten sie ihnen etwas, was sie sich
gerade zu tun vorgenommen hatten. Und mitunter wird das
Verbot bereits ausgesprochen, noch bevor der Patient seines
Vorhabens gewahr wurde. »Ein intelligenter Paranoider aus dem
Thurgau hegte feindliche Gefühle gegen seinen Wärter; als
dieser ins Zimmer trat, sagte ihm die Stimme [noch bevor der
Patient irgend etwas getan hatte] in tadelndem Ton: ›So ein
Thurgauer schlägt einen anständigen Privatwärter einfach
nicht.‹«9
Von immenser Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der
Umstand, daß das Nervensystem des Patienten einfache
Wahrnehmungsurteile trifft, deren das »Selbst« des Patienten
nicht gewahr ist. Und diese wiederum können – wie im zuletzt
erwähnten Fall in prophetisch wirkende Stimmen umgesetzt
werden. Der Hausmeister kommt den Flur entlang und
verursacht dabei ein leises Geräusch, dessen sich der Patient
nicht bewußt ist. Dafür hört der Patient die halluzinierte Stimme
rufen: »Da kommt wer auf dem Flur mit einem Eimer Wasser.«
Die Tür geht auf – und die Prophezeiung ist erfüllt: Der Glaube
an das hellseherische Vermögen der Stimmen wird auf diese
Weise geboren und am Leben erhalten, und möglicherweise war
das in der bikameralen Ära der Geschichte ganz genauso. Der
Patient folgt dann nur noch seinen Stimmen, denen er wehrlos
ausgeliefert ist. Falls die Stimmen unverständlich sind, verharrt
er katatonisch starr und stumm, wartend, daß seine Stimme oder
die Stimmen und Hände seiner Pfleger ihn in Form bringen.
Während des Klinikaufenthalts unterliegt der Schweregrad
der Krankheit in der Regel einem steten Wechsel, und häufig
steht das Auftreten oder Ausbleiben der Stimmen mit diesem
Oszillieren in Zusammenhang. Manchmal melden sie sich nur,
sobald der Patient bestimmte Dinge tut oder sich in einer
bestimmten Umgebung aufhält. Indes, zu der Zeit, als man die
heute gebräuchliche Chemotherapie noch nicht kannte, gab es
viele Patienten, die keinen Augenblick ihres wachen Lebens vor
den Stimmen Ruhe hatten. Je schwerer die Krankheit, desto
lauter die Stimmen, die in diesem Fall in der Außenwelt
lokalisiert sind; je leichter das Krankheitsbild, desto mehr
neigen die Stimmen dazu, nur als ein inneres Flüstern in
Erscheinung zu treten; innerlich lokalisierte Stimmen haben
manchmal ein verschwommenes Klangbild. Es kommt vor, daß
ein Patient sie so beschreibt: »Es sind überhaupt keine
wirklichen Stimmen, es sind bloß die nachgemachten Stimmen
von toten Verwandte.« Besonders intelligente Patienten mit
einer leichteren Form der Krankheit können oft nicht mit
Sicherheit sagen, ob sie tatsächlich Stimmen hören oder ob sie
nicht dem Denkzwang, sie zu hören, erliegen, etwa wie bei
»hörbarem Denken«, »tonloser Stimme« oder
»Bedeutungshalluzination«.
Für Halluzinationen muß es eine angeborene Basis im
Nervensystem geben. Das zeigt sich ganz klar, wenn man das
Phänomen an Menschen untersucht, die von Geburt an oder seit
frühester Kindheit taub sind: auch sie können – auf diese oder
jene Weise Gehörshalluzinationen haben, wie sich gemeinhin an
tauben Schizophrenen beobachten läßt. Bei einer
wissenschaftlichen Untersuchung beharrten 16 von 22 tauben
Schizophreniepatienten darauf, daß sie irgendwelche
Mitteilungen hörten.10 Eine seit ihrer Geburt taube
zweiunddreißigjährige Frau, die nach einer medizinisch
indizierten Abtreibung sich mit Selbstvorwürfen überhäufte,
behauptete zu hören, wie Gott sie anklagte. Eine andere,
ebenfalls taubgeborene Frau (50 Jahre alt) hörte übernatürliche
Stimmen, die ihr okkulte Kräfte zusprachen.
Die visuelle Komponente
Gesichtshalluzinationen treten bei Schizophrenen nicht mit
gleicher Regelmäßigkeit auf, gegebenenfalls jedoch zuweilen in
äußerst klarer und lebhafter Form. Einer meiner Probanden, eine
lebenslustige junge Frau (Liedermacherin, 22 Jahre alt), saß
einmal in einem geparkten Auto, wo sie seit geraumer Zeit mit
einem gewissen Bangen auf eine Bekannte wartete. Von vorn
auf der Straße kam ein blauer Wagen, der – sonderbarerweise –
ohne ersichtlichen Grund seine Fahrt verlangsamte, die Farbe zu
Rostbraun wechselte, dann zwei mächtige graue Flügel
entfaltete und mit sanftem Flügelschlag über eine Hecke hinweg
verschwand. Am meisten erschreckte sie jedoch der Umstand,
daß die Menschen auf der Straße sich so verhielten, als sei
nichts Außergewöhnliches vorgefallen. Was konnte anderes
dahinterstecken, als daß sie sich irgendwie verschworen hatten,
ihre Reaktionen vor meiner Probandin zu verheimlichen? Aber
warum? Häufig führt erst die Narrativierung solcher Pseudo-
Ereignisse im Bewußtsein, bei der ein Zusammenhang zwischen
ihnen und der Welt rationalisiert wird, zur eigentlich tragischen
Symptombildung.
Interessant ist, daß bei tauben Schizophrenen, die keine
Gehörshalluzinationen haben, oft Gesichtshalluzinationen
auftreten, die Botschaften in Zeichensprache übermitteln. Eine
Sechzehnjährige, ertaubt im Alter von acht Monaten, erging
sich, zu den Wänden ihres Zimmers hin gestikulierend, in
bizarren Unterhaltungen mit der Leere. Eine taubgeborene ältere
Frau unterhielt sich mit ihrem halluzinierten Freund in
Zeichensprache. Andere taube Patienten erwecken den
Anschein, als seien sie unentwegt in Gespräche mit imaginären
Personen vertieft, wobei sie einen Wortsalat aus Zeichensprache
und Taubstummenalphabet benutzen. Eine
Vierunddreißigjährige, die das Gehör im Alter von 14 Monaten
verloren hatte, verbrachte ihr Leben in zügelloser Promiskuität,
die mit heftigen Wutanfällen abwechselte. Bei der Aufnahme in
die Klinik erklärte sie in Zeichensprache, jeden Morgen besuche
sie ein weißgewandeter Geist, um ihr in Zeichensprache
bisweilen entsetzenerregende Dinge zu sagen, die ihre Laune für
den nachfolgenden Tag bestimmten. Eine andere taube Patientin
spuckte regelmäßig ins Leere und gab dafür die Erklärung, sie
spucke nach den Engeln, die dort versteckt auf der Lauer lägen.
Ein dreißigjähriger von Geburt an tauber Mann, der friedfertiger
eingestellt war, sah regelmäßig Engelputten und zwerghafte
Menschenwesen um sich her und glaubte sich im Besitz eines
Zauberstabs, mit dem er so gut wie alles, was er wollte,
bewirken könne.
Im akuten sogenannten Dämmerzustand werden zuweilen
sogar am hellichten Tag komplette Szenen – häufig religiösen
Inhalts halluziniert: Der Patient sieht den Himmel offen, und
Gott selbst spricht zu ihm. Manchmal erscheinen auch
Schriftzeichen vor dem Patienten (wie bei Nebukadnezar). Ein
Paranoid-Schizophrener sah im selben Moment, als der Pfleger
ihm seine Medizin verabreichen wollte, das Wort »Gift« vor
sich in die Luft geschrieben. In anderen Fällen passen sich die
Gesichtshalluzinationen in die reale Umwelt ein, so zum
Beispiel, wenn sie als Gestalten gesehen werden, die auf der
Krankenstation herumspazieren oder auf dem Kopf des Arztes
stehen (geradeso wie nach meiner Ansicht Athene dem
Achilleus erschien). Wenn Gesichtshalluzinationen im Verein
mit Stimmen auftreten, ist es mit großer Regelmäßigkeit der
Fall, daß sie lediglich in einem Lichtschein oder Nebelschleier
bestehen – so wie Thetis sich dem Achilleus oder wie Jahwe
sich vor Moses zeigte.
Die Auslösung der Götter
Trifft unsere Annahme zu, daß die Halluzinationen
Schizophrener der göttlichen Lenkung in der Antike
vergleichbar sind, dann muß es für beide Erscheinungen einen
gemeinsamen physiologischen Auslöser geben. Dieser ist nach
meinem Dafürhalten nichts anderes als der Streß. Bei normalen
Menschen ist, wie erwähnt, die Streßschwelle zur
Halluzinationsauslösung extrem hoch; den meisten von uns
müßten die Sorgen über dem Kopf zusammenschlagen, wenn
wir anfangen sollten, Stimmen zu hören. Bei Menschen mit
Psychoseneigung ist diese Schwelle jedoch deutlich niedriger:
Bei der erwähnten jungen Liedermacherin bedurfte es nur eines
längeren gespannten Wartens im geparkten Auto. Die Ursache
ist, wie ich glaube, darin zu suchen, daß diese Menschen aus
genetischen Gründen Abbauprodukte von streßerzeugtem
Adrenalin nicht mit der gleichen Geschwindigkeit wie normale
über die Nieren ausscheiden können, so daß diese Stoffe im Blut
angereichert werden.
Wir können annehmen, daß in der Ära der bikameralen
Psyche die Streßschwelle zur Halluzinationsauslösung noch
weit, weit, niedriger lag als beim Normalmenschen wie auch
dem Schizophrenen von heute. Der einzig erforderliche Streß
war der, der auftritt, wenn irgend etwas hinzutretend Neuartiges
an einer Situation eine Verhaltensänderung notwendig macht.
Alles, womit nicht auf habitueller Basis fertig zu werden war,
jeder Konflikt zwischen Leistungsanforderung und
Erschöpfungsgrad, zwischen Angriffs- und Fluchtneigung, jede
Wahl, wem man gehorchen und was man tun solle, kurzum
alles, was irgendeine Entscheidung erforderte, reichte haus, um
eine Gehörshalluzination zu bewirken.
Es ist mittlerweile zweifelsfrei geklärt, daß
Entscheidungsprozesse (und ich möchte den Ausdruck
»Entscheidung« ohne jeden Beiklang von Bewußtsein
verstanden wissen) genau das sind, was den Streß ausmacht.
Ratten, die ein elektrisch geladenes Gitter überqueren müssen,
um an Futter und Wasser zu gelangen, bekommen mit der Zeit
Magengeschwüre.11 Eine einfache Elektroschockbehandlung der
Ratten hat keineswegs diesen Effekt. Es bedarf dazu vielmehr
des Schwebens im Konflikt oder des Stresses angesichts der
Entscheidung, ob man jetzt das Gitter überqueren oder den
damit verbundenen Effekt nicht doch vermeiden soll. Steckt
man zwei Affen in eine Vorrichtung, die es einem von ihnen
ermöglicht, einen periodischen Stromstoß in die Füße beider
Affen zu unterbinden, wenn er mindestens einmal innerhalb von
zwanzig Sekunden eine Taste drückt, dann bekommt der Affe,
der die Entscheidungen trifft, innerhalb von drei bis vier
Wochen Magengeschwüre, der andere – genau im gleichen Maß
geschockte – Affe dagegen nicht.12 Der entscheidende Faktor ist
das Schweben in der Erfolgsungewißheit. Ist das Experiment
dergestalt angelegt, daß ein Tier wirksam reagieren kann und
sofort die Rückmeldung über den Erfolg erhält, dann treten
keine derartigen Manager-Geschwüre (wie sie vielfach genannt
werden) auf. 13
Achilleus, von Agamemnon gedemütigt, halluziniert also im
Entscheidungsstreß bei den grauen Gewässern Thetis aus dem
Nebel. Rektor in der Qual der Wahl, ob er Trojas Mauern
verlassen soll, um draußen vor den Toren mit Achilleus zu
kämpfen, oder ob er besser in der Stadt bleibt, halluziniert also
im Entscheidungsstreß die Stimme, die ihn nach draußen gehen
heißt. Die göttliche Stimme macht dem Entscheidungsstreß ein
Ende, bevor er überhaupt ein nennenswertes Ausmaß erreicht
hat. Wären Achilleus und Rektor moderne Manager, Mitglieder
einer Kultur, die ihre streßlindernden Götter unterdrückt hat,
dann hätte wohl jeder von den beiden sein Päckchen von
unseren psychosomatischen Leiden zu tragen.
Die Macht des Wortes
Wir können das Thema des Halluzinationsmechanismus nicht
abschließen, ohne uns zuvor die wichtigste Frage gestellt zu
haben: Warum werden diese Stimmen für real gehalten, warum
wird ihnen gehorcht? Denn für objektiv wirklich werden sie
zweifelsohne gehalten, und man folgt ihnen, als spräche aus
ihnen die objektive Wirklichkeit selber – folgt ihnen sogar
gegen das Zeugnis der Erfahrung und gegen noch soviel
gesunden Menschenverstand. Ja, die Stimmen, die der Patient
hört, sind für ihn wirklicher als selbst die Stimme seines Arztes.
Mitunter spricht er das auch aus. »Wenn das keine wirkliche
Stimme ist, dann könnte ich genausogut sagen, daß Sie selber in
diesem Augenblick nicht wirklich mit mir sprechen«, sagte ein
Schizophrener zu den behandelnden Ärzten. Und ein anderer
antwortete auf die entsprechenden Fragen so:
Unbedingt. Ich höre deutlich Stimmen, sogar ziemlich laute.
Sie reden uns in diesem Moment dazwischen. Ich kann diese
Stimmen besser verstehen, als ich Sie verstehe. Es leuchtet mir
mehr ein, was sie sagen und daß es sie wirklich gibt, und sie
stellen keine Fragen.14
Daß er als einziger diese Stimmen hört, tut für den
Schizophrenen nicht viel zur Sache. Zuweilen ist ihm so, als
stelle dies eine Gabe, eine Auszeichnung für ihn dar, als sei er
von göttlichen Mächten auserwählt und erhöht worden. Und dies
sogar dann, wenn die Stimmen ihn mit grimmigen Vorwürfen
überhäufen, ja selbst wenn sie ihn in den Tod schicken. Es ist,
als sei er schutz- und wehrlos irgendwelchen elementaren
Mächten der Klangwelt ausgeliefert: Mächte, die realer sind als
Wind und Regen und Feuer, Mächte, die ihn verhöhnen,
bedrohen und trösten, Mächte, von denen er sich nicht lösen, die
er nicht aus objektiver Distanz betrachten kann.
Vor nicht allzu langer Zeit lag an einem sonnigen Nachmittag
ein Mann in einem Liegestuhl am Strand von Coney Island.
Plötzlich hörte er eine Stimme, und zwar, so laut und deutlich,
daß er zu seinen Freunden hinsah in der festen Überzeugung, sie
müßten die Stimme gleichfalls gehört haben. Aber sie verhielten
sich, als sei nichts geschehen, und so hatte der Mann auf einmal
ein etwas sonderbares Gefühl und rückte mit seinem Liegestuhl
von den anderen weg. Und da ...
... auf einmal fuhr die sonore Stimme wieder auf mich los,
jetzt noch deutlicher, noch sonorer und sogar noch lauter als
vorher, und diesmal mir direkt ins Ohr, so daß ich innerlich
zusammenschrak und zitterte. »Larry Jayson, ich hab dir gerade
gesagt, daß du nichts wert bist. Wieso sitzt du hier herum und
tust so, als ob du genausoviel wert wärst wie andere, wo das
doch gar nicht stimmt? Wen willst du damit anschmieren?«
Die sonore Stimme hatte so laut und deutlich gesprochen –
jeder mußte sie gehört haben. Der Mann stand auf und ging
langsam davon, von der hölzernen Strandpromenade über die
Bohlentreppe zu dem schmalen Sandstreifen hinunter. Er
wartete, ob die Stimme wiederkommen würde. Und sie kam
wieder – diesmal ihm jedes Wort einzeln einhämmernd, nicht so
wie Wörter sonst klingen, sondern sonorer, ... als ob jedes
Stückchen von mir sich in ein Ohr verwandelt hätte, so daß
meine Finger die Worte hörten und meine Beine und auch mein
Kopf. »Du bist nichts wert«, sagte die Stimme im gleichen
sonoren Ton. »Nie warst du auch nur einen Pfifferling wert oder
auf der ganzen Welt zu irgend etwas nütze. Da ist das Meer. Am
besten, du ersäufst dich gleich. Geh einfach rein und dann weiter
und immer weiter.«
Sobald die Stimme geendet hatte, wußte ich aus ihrem
ungerührten Befehlston, daß ich ihr gehorchen mußte.15
Der Kranke auf dem zerstampften Sand von Coney Island
hörte die Stimme genauso deutlich, wie Achilleus Thetis hörte
am nebelverhangenen Strand der Ägäischen See. Und genau wie
Agamemnon dem »ungerührten Befehlston« des Zeus
»gehorchen mußte« oder wie Paulus vor Damaskus dem Befehl
Jesu gehorchte, genauso watete Mr. Jayson in den Atlantik
hinaus, um den Tod durch Ertrinken zu suchen.
Rettungsschwimmer durchkreuzten den Willen seiner Stimme –
er wurde aus dem Wasser gezogen und in die Bellevue-Klinik
gebracht, wo er sich so weit erholte, daß er einen Bericht über
sein bikamerales Erlebnis abfassen konnte.
In manchen weniger schweren Fällen lernen die Kranken,
wenn sie sich erst einmal an die Stimmen gewöhnt haben, eine
objektive Einstellung zu ihnen anzunehmen und ihren
Autoritätsdruck einigermaßen abzufedern. Aber fast in allen
Autobiographien von Schizophrenen ist jedenfalls im Hinblick
auf die Anfangsphase des Leidens durchgängig von
rückhaltloser Unterwerfung unter das Kommando der Stimme
die Rede. Wie das? Wieso besitzen diese Stimmen solche
Autorität, sei es in Argos, sei’s auf der Straße nach Damaskus
oder sei’s am Strand von Coney Island?
Das Gehör nimmt unter den Sinnesmodalitäten eine
Sonderstellung ein. Wir können es nicht manipulieren. Wir
können uns Laute nicht vom Leib halten. Wir können ihnen
nicht den Rücken kehren. Wir können die Augen schließen, uns
die Nase zuhalten, einer Berührung ausweichen, uns weigern,
etwas zu kosten. Unsere Ohren können wir nicht schließen in
dem Sinn, daß wir die Gehörswahrnehmung vollständig auf Null
bringen: Wir können sie allenfalls dämpfen, indem wir uns die
Ohren verstopfen. Von allen Sinnesmodalitäten ist das Gehör
die am wenigsten willkürlich beherrschbare, und hier, in diesem
Bereich, sind wir zugleich im Medium der komplexesten aller
evolutionären Errungenschaften – der Sprache. Wir haben es
also mit einem ziemlich weitreichenden und verwickelten
Problem zu tun.
Die Beherrschung des Gehorchens
Überlegen wir einmal, was es bedeutet, einem anderen, der
spricht, zuzuhören und ihn zu verstehen! In gewissem Sinn
müssen wir selbst dieser andere werden, oder vielmehr: wir
lassen ihn momentweise einen Teil von uns selber werden. Wir
bringen die eigene Identität in Schwebe, um hernach wieder zu
uns zu kommen und dem Gesagten entweder beizupflichten oder
es zu verwerfen. Doch in jenem transitorischen Augenblick der
gewissermaßen leeren Identität besteht das Wesen des
Verstehens von Sprache; und wenn es sich bei der fraglichen
Sprachäußerung um einen Befehl handelt, wird die
Identifikation im Verstehen zum Gehorchen. Hören ist in
Wahrheit eine Art von Gehorchen. In der Tat haben beide
Wörter dieselbe Wurzel, waren also sehr wahrscheinlich
ursprünglich einmal ein und dasselbe Wort. Dies trifft für die
griechische, lateinische, hebräische, französische und die
russische Sprache ebenso zu wie für das Deutsche mit seinem
Wort »gehorchen«; der lateinische Ausdruck oboedire, ein
Kompositum aus ob + audire, bedeutet »jemandem von
Angesicht zu Angesicht zuhören«: ein in unserem
Zusammenhang besonders aufschlußreiches Beispiel. 16
Die Frage ist jetzt, wie man derartigen Gehorsam unter die
eigene Willensherrschaft bringt. Das geschieht auf zweierlei
Weise.
Die erste und weniger wichtige Methode beruht in nichts
anderem als in der räumlichen Entfernung. Denken Sie etwa
daran, wie Sie sich verhalten, wenn jemand mit Ihnen spricht.
Sie nehmen die dem etablierten Standard Ihrer Kultur
entsprechende Distanz zum Sprecher ein.17 Kommt er Ihnen zu
nahe, wirkt das so, als wolle er Ihr Denken allzu unvermittelt
beherrschen. Nicht nahe genug, beherrscht er es nicht genug,
damit sie ihm zwanglos folgen können. Sollten Sie in einem
arabischen Land zu Hause sein, ist »zwanglos« ein Abstand von
weniger als dreißig Zentimetern von Gesicht zu Gesicht. In
nördlicheren Breiten dagegen wird ein Höchstmaß an
Zwanglosigkeit erst bei einer Gesprächsdistanz empfunden, die
mehr als das Doppelte beträgt; derartige kulturelle Differenzen
können im internationalen Verkehr auf gesellschaftlicher Ebene
zu mancherlei Mißverständnissen führen. Mit jemandem aus
geringerem Abstand als dem gesellschaftlich üblichen Worte zu
tauschen heißt, sich zumindest spielerisch oder versuchsweise
auf wechselseitiges Dominanz-Unterordnungs-Verhalten
einzulassen: man denke an das trauliche Zusammensein
verliebter Paare oder an zwei junge Burschen, die drauf und
dran sind, sich zu prügeln, aber vorerst einander mit
vorgerecktem Kinn Drohungen »ins Gesicht schleudern«. Auf
jemanden von innerhalb der sozial festgelegten
Intimitätsschranke einzureden ist gleichbedeutend mit dem
ernsthaften Versuch, ihn oder sie zu dominieren. Ist man selbst
derjenige, der solchermaßen angesprochen wird, und
unternimmt nichts, den Abstand zu korrigieren, so ist das
Ergebnis eine verstärkte Disposition, die Autorität des Sprechers
zu akzeptieren.
Die zweite und wichtigere Methode, wie wir die stimmliche
Autorität fremder Menschen über unsere eigene Person
kontrollieren können, beruht in der Meinung, die wir uns von
den anderen bilden. Warum sind wir unentwegt damit
beschäftigt, andere Menschen zu beurteilen, zu kritisieren und in
Kategorien einzuordnen, die allesamt – und sei’s auch nur in
milder Form – Lob oder Tadel implizieren? In einem fort
bewerten wir die anderen oder rangieren sie ein in oftmals
nachgerade lächerliche Statushierarchien. Und warum das? Aus
dem einfachen Grund, weil wir so ihre Herrschaft über uns und
unser Denken unsererseits in den Griff bekommen. Unsere
persönlichen Meinungen über andere Menschen sind ein
Schutzfilter gegen ihren Einfluß auf uns. Möchten Sie einmal
probeweise jemandes Sprachmacht über Sie steigern, dann
plazieren Sie den Betreffenden einfach nur ein paar Stufen höher
auf Ihrer privaten Wertschätzungsskala.
Und nun versuchen Sie sich bitte vorzustellen, wie das ist,
wenn keine dieser beiden Methoden praktikabel ist, weil
niemand da ist, kein räumlicher Fixpunkt, von dem die Stimme
ausgeht: eine Stimme, der man nicht ausweichen, zu der man
nicht auf Distanz gehen kann, die einem so nahe ist, »als wär’s
ein Stück von mir«, Nämlich vom eigenen Ich; wie das ist, wenn
sich die Allgegenwart dieser Stimme jeder Einschränkung
entzieht: flieh, und die Stimme flieht mit, weder Wände noch
Entfernungen halten sie auf, es macht ihr nichts aus, daß du dir
die Ohren verstopfst, von nichts läßt sie sich übertönen, noch
nicht einmal von deinem eigenen Schreien und Brüllen – wie
hilflos, wer da zuhören muß! Und wenn der Zuhörer einer
bikameralen Kultur angehörte, in der die Stimmen konventionell
die höchsten Höhen der Hierarchie besetzt hielten, dich als
Götter oder Könige oder sonstige Eminenzen belehrten und mit
Haut und Haar als ihr Eigentum beanspruchten; in einer Kultur,
in der die allwissenden, allmächtigen Stimmen niemals und in
keiner Hinsicht kritisiert oder als inferior kategorisiert werden
konnten wie »hörig« mußte ihnen der bikamerale Mensch
gewesen sein!
Das psychische Faktum des Wollens beim subjektiv bewußten
Menschen zu erklären ist bis auf den heutigen Tag ein
gravierendes Problem geblieben, das noch keine
zufriedenstellende Lösung gefunden hat. Beim bikameralen
Menschen indes war dies das Wollen. Man kann auch so sagen:
sein Wille zeigte sich als Stimmphänomen, das dem Wesen nach
ein neurologischer Imperativ war und das den Imperativ und die
Vollzugshandlung unauflöslich in sich vereinigte: die Stimme
hören hieß ihr gehorchen.