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The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind
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German Translation
Der Ursprung des Bewußtsein
Julian Jaynes
(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)
ERSTES BUCH: BEWUßTSEIN, GEIST, GEHIRN UND SEELE
Erstes Kapitel: Das Bewußtsein des Bewußtseins
MIT DER FRAGE: Was ist das Bewußtsein? werden wir uns des Bewußtseins bewußt. Und die meisten Menschen meinen, eben dies, dieses sich des Bewußtseins Bewußt-Sein, sei das Bewußtsein. Das ist ein Irrtum.
Sind wir uns unseres Bewußtseins bewußt, so erscheint uns dieses Bewußtsein als die unmittelbar gewisseste Sache von der Welt. Wir erkennen in ihm das charakteristische Merkmal unseres gesamten Wachlebens, unserer Stimmungen und Affekte, Gedanken und Erinnerungen, der Aufmerksamkeitsfunktion und der Willensentscheidungen. Wir sind ganz sicher, daß es die Grundvoraussetzung der Begriffsbildung und des Lernens, des Denkens, Urteilens und Schlußfolgerns ist, und zwar deshalb, weil es unsere Erlebnisse, so wie sie sich zutragen, unmittelbar aufzeichnet und speichert
und sie dadurch für unsere Selbstbeobachtung und unser Erkennen beliebig verfügbar macht. Außerdem glauben wir ziemlich genau zu wissen, daß dieses ganze wunderbare System
von Funktionen und Materialien, das wir Bewußtsein heißen, irgendwo im Kopf sitzt.
Bei kritischer Überprüfung erweisen sich alle diese Annahmen als falsch. Es sind Maskeraden, hinter denen das Bewußtsein seit Jahrhunderten seine wahre Gestalt verbirgt. Es
sind grundsätzliche Mißverständnisse, die bis heute die Lösung des Problems vom Ursprung des Bewußtseins verhindert haben. Ziel unseres langen, aber, wie ich hoffe, abenteuerreichen
Weges in diesem ersten Kapitel wird es sein, die Irrigkeit jener Auffassungen nachzuweisen und zu zeigen, was das Bewußtsein nicht ist.
Die Dimension des Bewußtseins
Betrachten wir zunächst einmal verschiedene Verwendungsweisen des Wortes Bewußtsein, die wir von vornherein als irreführend ausrangieren können. Da ist
beispielsweise die Wendung »das Bewußtsein verlieren« (nach einem Schlag auf den Kopf). Wollten wir das als zutreffende Beschreibung des gemeinten Sachverhalts gelten lassen, müßten
wir darauf verzichten, dieses sprachlich zu unterscheiden von jenen in der klinischen Literatur geschilderten Somnambulzuständen, in denen ein Patient zwar eindeutig bewußtlos ist, jedoch noch so auf die Umwelt reagiert, wie es ein k.o. Geschlagener nicht mehr vermag. Deshalb müßte man von jemandem, der eins auf den Schädel bekommt, eigentlich sagen, daß er sowohl das Bewußtsein als auch das
Reaktionsvermögen verliert: und das sind zwei Paar Stiefel.
Diese Unterscheidung ist auch für das normale Alltagsleben von Belang. Wir reagieren ständig auf Dinge, ohne uns ihrer jeweils bewußt zu sein. Wenn ich, den Rücken gegen einen
Baum gelehnt, auf meinem Rasen sitze, reagiere ich zu jedem Zeitpunkt auf den Baum und den Boden und meine eigene Haltung, denn wenn ich mir die Beine vertreten möchte, werde
ich mich zu diesem Zweck vollkommen unbewußt vom Boden erheben. Ganz vertieft in die Gedankengänge dieses ersten Kapitels, bin ich mir nur in den seltensten Augenblicken meiner
Umgebung bewußt. Während ich schreibe, reagiere ich auf den Bleistift in meiner Hand, da ich ihn ja festhalte, und ich reagiere auf den Schreibblock, denn ich halte ihn auf den Knien, und auf
seine Linien, denn ich schreibe auf ihnen – doch bewußt bin ich mir dessen, was ich sagen will, und der Frage, ob ich mich verständlich ausdrücke oder nicht.
Flattert aus dem Gebüsch in meiner Nähe ein Vogel auf und fliegt zeternd davon, wende ich vielleicht den Kopf, verfolge ihn mit den Blicken, lausche ihm nach und wende mich dann wieder dem Blatt vor mir zu, ohne mir des Vorgangs bewußt geworden zu sein.
Mit anderen Worten: Das Reaktionsvermögen erstreckt sich auf alle Reize, denen ich in meinem Verhalten auf irgendeine Weise Rechnung trage; ganz anders dagegen das Bewußtsein,
ein bei weitem weniger allgegenwärtiges Phänomen: der Dinge, auf die wir reagieren, sind wir uns nur zeitweilig bewußt. Und während sich das Reaktionsvermögen vollständig in
neurologischen und Verhaltenskategorien beschreiben läßt, ist dies auf dem gegenwärtigen Stand unseres Wissens in Bezug auf das Bewußtsein nicht möglich.
Aber der Unterschied geht noch viel tiefer. Ständig sind wir mit Reaktionsweisen beschäftigt, für die es überhaupt keine mögliche Bewußtseinsrepräsentanz gibt. Wenn wir einen
Gegenstand anblicken, reagieren unsere Augen und infolgedessen die Bilder auf unserer Netzhaut mit zwanzig kleinen Rucken pro Sekunde, und dennoch erblicken wir einen
unverrückt feststehenden Gegenstand, ohne irgendein Bewußtsein zu haben von der Aufeinanderfolge unterschiedlicher Informationseingaben und ihrer Verarbeitung
zu einem einheitlichen Gegenstand. Das unnormal kleine Netzhautbild eines Gegenstands wird unter angemessenen Umständen automatisch als entfernter Gegenstand gesehen; die
Korrektur vollziehen wir unbewußt. Farbkontrasteffekte, Hell-Dunkel-Kontrasteffekte und andere Wahrnehmungskonstanzen bilden sich allesamt ununterbrochen während jeder Minute
unseres Wachlebens, ja sogar unseres Traumlebens, ohne daß wir uns dessen im mindesten bewußt wären. Und diese Beispiele sind nur ein winziger Bruchteil jener Vielzahl von Vorgängen,
deren wir uns früheren Definitionen des Bewußtseins zufolge eigentlich bewußt sein müßten was aber entschieden nicht zutrifft. Ich denke etwa an Titcheners Definition des
Bewußtseins als »die Summe aller psychischen Vorgänge, die im gegenwärtigen Augenblick stattfinden«. Von dieser Auffassung sind wir heute meilenweit entfernt.
Aber wir wollen noch einen Schritt weiter gehen. Das Bewußtsein macht einen sehr viel geringeren Teil unseres Seelenlebens aus, als uns bewußt ist – weil wir kein Bewußtsein
davon haben, wovon wir kein Bewußtsein haben. Leicht gesagt, aber schwer einzusehen! Es ist, als verlange man von einer Taschenlampe, daß sie in einem dunklen Zimmer einen
Gegenstand ausfindig macht, der im Dunkeln bleibt. Weil es überall hell ist, wohin die Lampe ihren Strahl richtet, müßte sie daraus schließen, daß der ganze Raum erleuchtet ist. Genauso
kann der Eindruck entstehen, als ob das Bewußtsein das gesamte Seelenleben durchdringe, auch wenn dies nicht im entferntesten der Fall ist.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist die zeitliche Dimension des Bewußtseins. Sind wir uns, wenn wir wachen, in jedem Augenblick bewußt? Wir glauben es. Wir sind sogar absolut
überzeugt davon. Ich schließe die Augen und versuche an nichts zu denken, trotzdem fließt das Bewußtsein weiter, ein mächtiger Strom von Inhalten in wechselnden Zuständen, die ich als
Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen, innere Dialoge, Kummergefühle, Wünsche oder Entschlüsse zu bezeichnen gelernt habe und die innig verflochten sind mit den in
unablässigem Wechsel vorüberziehenden äußeren Eindrücken, die mein Bewußtsein selektiv aufnimmt. Nirgendwo ist da eine Unterbrechung. So stellt es sich für uns jedenfalls dar. Bei
allem, was wir tun, behalten wir das Empfinden, daß unser ureigenstes Selbst, unser tiefstes Tiefen-Ich letztlich in diesem kontinuierlichen Fluß besteht, der nur im traumlosen Schlaf
unterbrochen ist, so lautet unsere Erfahrung. Und viele Denker hielten dieses Erlebniskontinuum für die Ausgangsbasis aller Philosophie, die eigentliche Heimstatt unbezweifelbarer
Gewißheit. »Cogito, ergo sum.«
Aber wie hat man diese Kontinuität zu deuten? Eine Minute ist unterteilbar in sechzigtausend Millisekunden: Haben wir während jeder einzelnen Millisekunde Bewußtsein? Sollten Sie
in der Tat dieser Meinung sein, dann unterteilen Sie noch weiter, in immer kleinere Zeiteinheiten, wobei Sie bitte bedenken wollen, daß die Impulsfrequenz der Neuronen begrenzt ist. Wir
wissen zwar nicht das mindeste darüber, wie das mit unserem Empfinden von der Kontinuität des Bewußtseins zusammenhängt, doch wird kaum jemand ernstlich behaupten
wollen, das Bewußtsein schwebe gleichsam wie ein Ätherhauch durch das Nervensystem und über dem Nervensystem, frei von aller irdischen Bedingtheit durch neutrale Refraktärperioden.
Sehr viel wahrscheinlicher ist, daß wir im Fall der augenscheinlichen Kontinuität des Bewußtseins der gleichen Täuschung erliegen wie bei den meisten anderen Metaphern
vom Bewußtsein. Um es in unserem Gleichnis von der Taschenlampe auszudrücken: Daß sie brennt, wäre der Lampe nur bewußt, solange sie brennt. Auch wenn sie zwischendurch
für längere Zeitspannen ausgeknipst war, müßte es der Lampe selbst (unter sonst gleichen Umständen) so vorkommen, als habe sie ununterbrochen gebrannt. Die zeitliche Erstreckung unseres
Bewußtseins ist also kürzer, als wir meinen, weil wir uns nicht bewußt sein können, wann wir uns nicht bewußt sind. Und das Gefühl von einem reich und ununterbrochen dahinströmenden
Innenleben, einem Strom, der sich bald gemächlich durch träumerische Stimmungen windet, bald reißend in die Schluchten jäher Einsichten hinabstürzt, ein andermal wieder
gleichmäßig durch unsere hochgestimmten Tage rauscht – dieses Gefühl ist nichts anderes als das, was es auf dieser Buchseite ist: eine Metapher dafür, wie das subjektive
Bewußtsein dem subjektiven Bewußtsein erscheint.
Das läßt sich anders noch besser verdeutlichen. Wenn Sie Ihr linkes Auge schließen und dann den Blick fest auf den linken Rand der Buchseite richten, sind Sie sich nicht im mindesten der
großen Leerstelle in Ihrem Gesichtsfeld bewußt, die dabei etwa zehn Zentimeter rechts vom Blickpunkt auftritt. Doch wenn Sie jetzt – noch immer nur das rechte Auge offen und auf den Rand
geheftet – den Zeigefinger längs einer Zeile von links nach rechts über die Seite führen, werden Sie beobachten, wie die Fingerspitze in dieser Leerstelle verschwindet und auf der
anderen Seite wieder auftaucht. Das Phänomen ist auf die im nasenseitigen Teil der Netzhaut gelegene Leerstelle von zwei Millimeter Durchmesser zurückzuführen, wo der Gesichtsnerv
in das Augeninnere eintritt und die lichtempfindlichen Elemente fehlen. 1 Sie wird gewöhnlich »blinder Fleck« genannt. Interessant an dieser Leerstelle ist aber für uns, daß es sich nicht
so sehr um einen blinden als vielmehr um einen Nicht-Fleck handelt. Ein Blinder sieht das Dunkel, das ihn einhüllt.2 Sie der Leser, dagegen sehen keinerlei Lücke in Ihrem Gesichtsfeld,
geschweige denn, daß Sie sich einer solchen im geringsten bewußt wären. Und genauso, wie die Löcher in der Raumwahrnehmung, die der blinde Fleck hervorruft, »gestopft«
werden, ohne daß die kleinste Lücke hinterbleibt, schließt sich das Bewußtsein über seinen Zeitlöchern und gibt sich den täuschenden Anschein eines Kontinuums.
Die Beispiele dafür, wie gering der Anteil des Bewußtseins an unserem Alltagsverhalten ist, lassen sich beliebig vermehren; man findet sie fast allenthalben. Greifen wir ein besonders
schlagendes heraus: das Klavierspiel. Der Klavierspieler bewältigt die vielfältigsten, verschiedenartigsten Aufgaben alle zu gleicher Zeit, ohne ein nennenswertes Bewußtsein davon zu
haben: Zwei unterschiedliche Zeichenfolgen von nahezu hieroglyphischem Aussehen müssen entschlüsselt und die eine davon der rechten, die andere der linken Hand zugeordnet
werden. Jeder einzelne von zehn Fingern hat unterschiedliche Aufgaben und damit unterschiedliche motorische Probleme zu lösen, ohne daß der Spieler dessen gewahr würde, und ebensowenig wird er gewahr, wie er erhöhte, erniedrigte und normale Noten in Anschläge der schwarzen und weißen Tasten übersetzt, das Zeitmaß von ganzen oder Viertel- oder Sechzehntelnoten einhält, Pausen oder Triller einlegt, die eine Hand womöglich einen Dreiviertel- und die andere einen Viervierteltakt spielen läßt, während er zugleich mit den Füßen einzelne Töne dämpft, bindet oder hält. Und während alledem
befindet sich der Pianist mit dem bewußten Teil seines Selbst vielleicht im siebten Himmel vor Verzückung über das künstlerische Ergebnis dieser staunenswerten Geschäftigkeit;
oder er gibt sich der Betrachtung des zarten Geschöpfes hin, das ihm die Notenblätter umwendet und dem er zu Recht sein tiefstes Inneres zu offenbaren glaubt. Selbstverständlich spielt
das Bewußtsein in der Regel eine gewisse Rolle beim Erlernen derart komplizierter Verrichtungen, hingegen nicht unbedingt auch bei ihrer Ausführung – und nur das ist der Punkt, auf den
es mir hier ankommt.
Bewußtsein ist häufig nicht nur überflüssig – es kann sogar störend wirken. Würde unser Pianist mitten in einer rasend gespielten Folge von Arpeggios sich plötzlich seiner Finger
bewußt, müßte er sein Spiel abbrechen. Nijinski hat einmal gesagt, beim Tanzen habe er immer das Gefühl gehabt, als ob er im Orchestergraben sitze und sich selber zusehe. Er war sich
also nicht jeder einzelnen seiner Bewegungen bewußt, sondern des Bildes, das er für die anderen abgab. Ein Sprinter ist sich vielleicht seiner Position im Feld bewußt, mit Sicherheit jedoch
ist ihm nicht bewußt, wie er ein Bein vor das andere setzt, denn das könnte ihn unter Umständen sogar zum Straucheln bringen. Und jedermann, der auch nur so laienhaft Tennis spielt wie ich,
kennt den Ingrimm, der einen übermannt, wenn plötzlich der Aufschlag »beim Teufel ist« und man aus den Doppelfehlern nicht mehr herauskommt. Je mehr Doppelfehler, desto bewußter
wird man sich seiner Haltung, seiner Bewegungen (und seiner Laune!), und desto schlimmer wird alles nur noch. 3
Erscheinungen wie die genannten, die im Zusammenhang mit Hochleistungen auftreten, kann man nicht mit dem Hinweis auf die körperliche Anspannung wegdiskutieren, denn die gleichen
Erscheinungen in bezug auf das Bewußtsein treten auch bei weniger anstrengenden Beschäftigungen auf. In diesem konkreten Augenblick ist Ihnen nicht bewußt, wie Sie dasitzen,
wie Sie Ihre Hände halten, wie schnell Sie lesen, wenngleich Sie dieser Dinge, im selben Moment, da ich sie erwähnte, gewahr wurden. Beim Lesen sind Sie sich weder der Buchstaben noch
der Wörter, noch des Satzbaus oder der einzelnen Sätze und der Zeichensetzung bewußt, sondern nur der Bedeutung von alledem. Wenn Sie sich einen Vortrag anhören, verschwinden
die artikulierten Laute hinter den Wörtern, die Wörter hinter den Sätzen und die Sätze hinter dem Gemeinten, der Bedeutung. Sich als Zuhörer der Elemente der Rede bewußt zu werden heißt den Sinn der Rede zunichte machen.
Das gleiche gilt für den Sprecher. Versuchen Sie einmal, mit einem klaren Bewußtsein Ihrer Artikulation zu sprechen. Sie werden einfach nicht mehr weitermachen können.
Nicht anders beim Schreiben: Es ist, als ob der Bleistift oder der Füller oder die Schreibmaschine von sich aus die Wörter buchstabierte, Abstand zwischen ihnen ließe, die
Zeichensetzung wählte, auf die neue Zeile überwechselte, Wortwiederholungen vermiede und hier eine Frage, dort einen Ausruf einscha ltete, während wir selbst nichts anderes im Kopf
haben als dies: was wir sagen wollen, und den Menschen, dem wir es sagen.
Denn beim Sprechen und Schreiben sind wir uns unseres faktischen Tuns nicht wirklich bewußt. Das Bewußtsein betätigt sich in der Entscheidung darüber, was wir sagen wollen und wie
und wann es am besten zu sagen ist; aber was dann kommt: die geordnete und zweckentsprechende Aneinanderreihung von artikulierten Lauten oder geschriebenen Buchstaben, wird uns
irgendwie abgenommen.
Das Bewußtsein ist kein Abbild unseres Erlebens
Zwar kommt die Metapher von der Seele als einem leeren Informationsspeicher – etwa nach Art einer unbeschriebenen Wachstafel schon in den Aristotelischen Schriften vor, aber erst
seit John Locke im siebzehnten Jahrhundert seinerseits die Seele mit einer »tabula rasa« verglich, ist dieser Speicheraspekt des Bewußtseins so weit in den Vordergrund gerückt, daß wir es uns
heute als ein übervolles Archiv oder eine Registratur von Erinnerungsbildern vorstellen, die in der Selbstbeobachtung wieder hervorgeholt werden können. Wäre Locke ein
Zeitgenosse unseres Jahrhunderts, hätte er wohl zum Bild von der Kamera statt von der Wachstafel gegriffen. Die Leitvorstellung ist jedoch in beiden Fällen die gleiche. Und die meisten Menschen würden heute im Brustton der Überzeugung vorbringen, die Hauptaufgabe des Bewußtseins bestehe darin, Erlebniseindrücke zu speichern, sie abbildlich festzuhalten wie eine Kamera, damit sie für spätere Betrachtung zur Verfügung stehen.
So könnte man meinen. Aber beantworten Sie jetzt die folgenden Fragen: Schlägt die Tür des Zimmers, in dem Sie sich befinden, rechts oder links an? Welches ist Ihr zweitlängster
Finger? Ist an der Verkehrsampel das rote oder das grüne Licht oben? Wie viele Zähne sehen Sie beim Zähneputzen? Falls Sie Raucher sind: Welche Marken außer Ihrer eigenen befinden sich
in dem Automaten, aus dem Sie gewöhnlich Ihre Zigaretten ziehen, und in welcher Reihenfolge von links nach rechts sind sie in den Schächten plaziert? Und falls Sie sich augenblicklich
in einem Zimmer befinden, das Ihnen vertraut ist: Schreiben Sie, ohne sich umzudrehen, alle Gegenstände auf, die sich an der Wand hinter Ihrem Rücken befinden, und prüfen Sie dann nach.
Ich schätze, Sie werden staunen, wie wenig Sie sich von jenen vermeintlichen Bildern, die Sie aus soviel vorangegangenem aufmerksamem Erleben aufgespeichert haben, bewußt
vergegenwärtigen können. Wenn die vertraute Tür plötzlich links statt rechts anschlüge, wenn einer Ihrer Finger über Nacht länger geworden wäre, oder wenn Sie plötzlich einen Zahn mehr
als früher im Gebiß hätten, wenn eine Zigarettenmarke im Automaten ausgetauscht oder die Lichter an der Ampel versetzt worden wären, oder wenn das Fenster in Ihrem Rücken einen
neuen Griff bekommen hätte, dann würden Sie das auf Anhieb erkennen, womit bewiesen wäre, daß Sie auch den früheren Zustand »kannten«, wenngleich er Ihnen nicht bewußt war. Dies
ist der – für Psychologen altvertraute – Unterschied zwischen Wiedererkennen und Erinnerung. Was Sie erinnern, das heißt bewußt ins Gedächtnis zurückrufen können, ist nur ein
Fingerhut voll im Vergleich zu dem gewaltigen Ozean Ihres faktischen Wissens.
Experimente wie das vorige beweisen, daß das bewußte Gedächtnis nicht, wie manchmal angenommen, im Aufspeichern von Wahrnehmungsbildern besteht. Nur wenn Sie irgendwann
zuvor einmal bewußt auf die Länge Ihrer Finger oder auf die Tür geachtet oder Ihre Zähne gezählt haben, können Sie sich an diese Dinge erinnern, mögen Sie sie sonst auch noch so oft
wahrgenommen haben. Falls Sie nicht irgendwann einmal auf die Gegenstände an Ihrer Wand besonders geachtet oder nicht zufällig diese Wand vor kurzem geputzt oder frisch gestrichen
haben, werden Sie staunen, was alles Sie bei Ihrer Aufzählung ausgelassen haben. Und jetzt überprüfen Sie das Ganze einmal im Licht Ihrer Selbstbeobachtung. Haben Sie sich nicht in jedem
einzelnen Fall gefragt, was da sein müßte? Waren es nicht vielmehr Überlegungen und Schlußfolgerungen und nicht so sehr irgendein Bild, wovon Sie sich dabei leiten ließen? Die
bewußte Rückschau besteht nicht im Wiederauffinden von Wahrnehmungsbildern, sondern im Wiederauffinden von Sachverhalten, deren wir uns zu einem früheren Zeitpunkt einmal bewußt waren, 4 und in der Verarbeitung dieser Elemente zu einem rationalen oder plausiblen Zusammenhang.
Das gleiche läßt sich noch auf anderem Wege beweisen. Denken Sie bitte daran zurück, wie Sie das Zimmer betraten, in dem Sie jetzt sind, und dieses Buch zur Hand nahmen.
Betrachten Sie den Vorgang in der Innenschau, und fragen Sie sich jetzt: Entsprechen die Wahrnehmungsvorstellungen, die Sie haben, Ihren tatsächlichen Wahrnehmungsfeldern, während Sie
eintraten, sich hinsetzten und zu lesen begannen? Sehen Sie sich in Ihrer Vorstellung nicht vielmehr in ganzer Person durch die Tür treten – das Ganze vielleicht sogar aus der
Vogelperspektive? Sehen Sie sich nicht – und sei es auch nur verschwommen – Platz nehmen und das Buch ergreifen? Dinge, die Sie niemals so erlebt haben, außer eben jetzt in Ihrer Introspektion! Und können Sie sich die mit dem Vorgang verbundenen Geräuschfelder vergegenwärtigen? Oder Ihre Hautempfindungen, während Sie sich niederließen, das Gewicht von den Füßen auf den Sitz verlagerten und das Buch aufschlugen? Selbstverständlich wären Sie in der Lage, wenn Sie lange genug nachdenken, das rückblickend vorgestellte Geschehen so zu überarbeiten, daß Sie in der Tat das »sehen«,
was Sie genauso beim Betreten des Zimmers gesehen haben könnten; daß Sie das Stuhlrücken und das Geräusch beim Aufschlagen des Buches »hören« und die Hautempfindungen »spüren«. Ich behaupte jedoch, daß dabei ein starkes Element von schöpferischer Phantasie – wir werden es unter der Bezeichnung »Narrativierung« in kurzem noch näher kennenlernen – am Werk ist, Phantasie, die das Erleben nicht
wiedergibt, wie es tatsächlich war, sondern wie es hätte gewesen sein können.
Oder vergegenwärtigen Sie sich introspektiv das letzte Mal, da Sie beim Schwimmen waren: Ich vermute, Sie haben die Vorstellung von einem Strand oder einem See oder einem Schwimmbecken, die weitgehend ein Erinnerungsbild ist, doch wenn Sie jetzt zu Ihren Schwimmerlebnis kommen, holla! – wie Nijinski sich selber tanzen sieht, sehen Sie sich schwimmen,
etwas, das Sie nie im Leben direkt beobachtet haben! Da ist verschwindend wenig von Ihren tatsächlichen Empfindungen während des Schwimmens vorhanden – von der konkreten
Wasserlinie über Ihrem Gesicht, dem Gefühl des Wassers an der Haut oder davon, wie weit die Augen unter Wasser waren, wenn Sie den Kopf zum Atemholen drehten. 5 Ähnlich, wenn Sie sich
an das letzte Mal erinnern, da Sie unter freiem Himmel übernachteten oder beim Eislaufen waren oder – wenn’s gar nicht anders geht – sich öffentlich blamiert haben: Sie werden
die Dinge nicht mehr so sehen, hören, empfinden, wie Sie sie ursprünglich erlebt haben, sondern sich mehr oder weniger wie eine fremde Person in einer Szene auftreten sehen. Bei der
erinnernden Rückschau ist also eine gehörige Portion Erfindung mit im Spiel: Man sieht sich so, wie andere einen sehen. Die Erinnerung ist das Medium des »So muß es gewesen sein«.
Allerdings bezweifle ich nicht, daß Sie in jedem der genannten Fälle auch in der Lage wären, sich auf dem Wege der Schlußfolgerung eine subjektive Sicht des Erlebnisses zu
erfinden und dabei sogar überzeugt zu sein, es handle sich um ein wirklichkeitsgetreues Erinnerungsbild.
Das Bewußtsein ist nicht notwendig für die Begriffsbildung
Einen weiteren schweren Irrtum in Bezug auf das Bewußtsein stellt die Meinung dar, es sei der primäre und einzige Ort der Begriffsbildung. Es ist dies eine altehrwürdige Vorstellung: Wir
machen im Bewußtsein erst eine Reihe konkreter Erfahrungen, an denen wir dann Gleichförmigkeiten beobachten, die wir zu einem Begriff verdichten. Von dieser Leitvorstellung ging sogar
eine ganze Menge von Laborversuchen aus, mit denen manche Psychologen allen Ernstes den Vorgang der Begriffsbildung darzustellen meinten.
In einer seiner faszinierenden Arbeiten fand Max Müller, ein Psychologe des vergangenen Jahrhunderts, für das Problem eine pointierte Formulierung, indem er fragte, wer schon jemals
einen Baum gesehen habe. »Niemand hat jemals einen Baum gesehen, sondern immer nur diese oder jene Tanne oder Eiche, diesen oder jenen Apfelbaum ... ›Baum‹ ist also ein Begriff und
kann als solcher nie gesehen oder sonstwie mit den Sinnen wahrgenommen werden.«6 Draußen in der Landschaft gebe es nur das konkrete Einzelexemplar und nur im Bewußtsein den
Allgemeinbegriff des Baumes.
Hier könnte jetzt eine längere Abhandlung über das Verhältnis zwischen Begriff und Bewußtsein folgen. Doch genügt für unsere Zwecke der einfache Nachweis, daß zwischen beiden kein notwendiger Zusammenhang besteht. Wenn Müller meint, noch nie habe jemand einen Baum gesehen, dann verwechselt er sein Wissen über den Gegenstand mit dem Gegenstand selbst. Jeder von einem kilometerweiten Marsch in der heißen Sonne erschöpfte Wanderer kann mühelos einen Baum erblicken. Desgleichen jede Katze, der ein Hund auf den Fersen ist. Die Biene hat einen Begriff von der Blume als
solcher, der Adler einen Begriff von einer unzugänglichen Felsnase und die Drossel einen Begriff von einer hochgelegenen Astgabel im Schutz des grünen Laubes. Begriffe sind nichts
weiter als Klassen von in bezug auf das Verhalten gleichwertigen Dinge. Wurzelformen der Begrifflichkeit gehen aller Erfahrung voraus als Fundamentaleigenschaften der
aptischen Strukturen, welche manifestes Verhalten überhaupt erst möglich machen. 7 Müller hätte besser sagen sollen, daß niemand sich jemals eines Baumes als solchen bewußt gewesen
ist. Denn das Bewußtsein ist in der Tat nicht nur nicht der Speicher der Begriffe, sondern es funktioniert in der Regel gänzlich ohne sie! Denken wir bewußt an den Baum als solchen,
dann sind wir uns in Wirklichkeit eines konkreten Einzelexemplars – der Tanne, der Eiche oder der Ulme vor unserem Haus – bewußt und lassen es stellvertretend für den Begriff stehen, so wie wir auch ein Wort für einen Begriff stehen lassen können. Es ist ja eine der großen Leistungen der Sprache, daß sie ein Wort an der Stelle eines Begriffes setzt,
und genau das tun wir jedesmal, wenn wir über Begriffsverhältnisse reden oder schreiben. Und wir können auch gar nicht anders, weil Begriffe im Bewußtsein normalerweise
überhaupt nicht vorkommen.
Das Bewußtsein ist nicht notwendig für das Lernen
Ein drittes gravierendes Mißverständnis sieht im Bewußtsein die Grundlage des Lernens. Insbesondere für die nicht gerade kleine Schar erlauchter Geister, die der führenden
psychologischen Richtung des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, dem Assoziationismus, huldigten, bestand das Lernen darin, daß sich aufgrund von Ähnlichkeiten, räumlicher
oder zeitlicher Nähe oder irgendeiner sonstigen Beziehung Zusammenhänge zwischen den Vorstellungen im Bewußtsein herstellten. Ob Mensch oder Tier, spielte dabei keine Rolle:
Alles Lernen war »aus der Erfahrung gewonnen«, war also die Verbindung von Vorstellungen im Bewußtsein (wie in der Einführung bereits erwähnt). Von daher hat sich unserer
Gegenwart, gleichsam als Teil ihres kulturellen Erbes, die fast allenthalben kritiklos hingenommene Überzeugung eingeprägt, das Bewußtsein sei eine notwendige Vorbedingung für das
Lernen.
Der Sachverhalt, um den es hier geht, ist einigermaßen verwickelt. Zudem wird er von den Psychologen unglücklicherweise verzerrt durch ein manchmal haarsträubendes Kauderwelsch, das im Grunde eine unzulässige Verallgemeinerung der Reflexbogenterminologie des neunzehnten Jahrhunderts darstellt. Doch für unsere Zwecke dürfen wir uns die Laboruntersuchungen des Lernens als im wesentlichen auf drei Haupttypen bezogen vorstellen: auf das Erlernen von Signalen, Geschicklichkeiten und Problemlösungen. Diese drei Typen wollen wir jetzt der Reihe nach besprechen, um uns bei jedem von ihnen die Frage zu stellen, ob er notwendigerweise Bewußtsein vo raussetzt.
Signallernen (die klassische oder Pawlowsche Konditionierung) ist der einfachste Fall. Trifft ein Lichtsignal, unmittelbar gefolgt von einem Luftstrom aus einem
Gummischlauch, ungefähr zehnmal auf das Auge einer Versuchsperson, beginnt das Augenlid, das vorher nur auf den Luftstrom hin geblinzelt hat, auf das Lichtsignal allein zu
blinzeln, und dies mit wachsender Zahl der Versuche immer regelmäßiger:8 Versuchspersonen, die sich diesem bekannten Verfahren des Signallernens unterzogen haben, beric hten, daß
dabei keinerlei bewußte Komponente im Spiel ist. In der Tat verhindert das Einschalten des Bewußtseins – in diesem Fall der Versuch, das Signallernen durch willentliches Augenzwinkern
zu unterstützen den Lernerfolg.
An alltäglicheren Beispielen läßt sich zeigen, daß sich dieses einfache, assoziative Lernen vollzieht, ohne dem Betroffenen bewußt zu werden. Wird ein charakteristisches Musikstück
gespielt, während Sie eine besonders schmackhafte Mahlzeit zu sich nehmen, wird Ihnen dieses Musikstück, wenn Sie es das nächste Mal hören, ein bißchen besser gefallen, und Sie werden
sogar mit leicht verstärkter Speichelproduktion reagieren. Das Musikstück ist zu einem Signal für Lust geworden, die in Ihr Urteil mit einfließt. Das gleiche Ergebnis läßt sich mit Bildern
erzielen. 9 Versuchspersonen, die sich solchen Tests im Labor unterzogen hatten, wußten keine Antwort auf die Frage, warum
ihnen die Musik oder die Bilder nach dem Essen besser gefielen. Es war ihnen nicht bewußt, daß sie etwas gelernt hatten. Das wirklich Interessante an dir Sache ist jedoch, daß der
Lernprozeß nicht stattfindet, wenn man vorher Bescheid weiß und sich des Zusammenhangs zwischen dem Essen und der Musik oder dem Gemälde bewußt ist. Demnach ist es in diesem
Bereich sogar so, daß das Bewußtsein die Lernfähigkeit vermindert, ganz zu schweigen davon, daß es eine notwendige Voraussetzung wäre.
Was wir schon bei der Ausübung von Geschicklichkeiten feststellen konnten, ist auch beim Erlernen von Geschicklichkeiten der Fall: Das Bewußtsein ähnelt einem
hilflosen Zuschauer, der bei der Sache nicht viel zu tun hat. Zum Beweis dafür ein einfaches Experiment: Sie nehmen in jede Hand eine Münze, werfen die beiden Geldstücke über Kreuz in
die Luft und fangen sie jeweils mit der anderen Hand wieder auf. Wenn man das ein dutzendmal geübt hat; beherrscht man es. Und während Sie jetzt probieren, fragen Sie sich, ob Sie sich
dessen, was Sie da tun, restlos bewußt sind. Wird das Bewußtsein dazu überhaupt gebraucht? Meiner Meinung nach werden Sie feststellen, daß der Lernerfolg sich eher auf
»organischem« als auf bewußtem Weg einstellt. Bewußtsein führt Sie an die Aufgabe heran und nennt Ihnen das Ziel. Alles Weitere jedoch – von möglichen Selbstzweifeln neurotischer
Natur abgesehen – läuft so, als würde Ihnen das Lernen von irgendwoher abgenommen. Im neunzehnten Jahrhundert allerdings, als man sich die gesamte Verantwortung für das
Verhalten in der Hand des Bewußtseins dachte, hätte man den Vorgang so erklärt, daß die »guten« und die »schlechten« Bewegungen bewußt erkannt und daß erstere aus freiem
Entschluß wiederholt und letztere ausgeschieden werden!
Mit dem Erlernen komplizierterer Geschicklichkeiten steht es in dieser Hinsicht durchaus nicht anders. So wurde beispielsweise das Schreibmaschineschreiben eingehend untersucht, wobei man zu der allgemein akzeptierten Ansicht gelangte, »daß sämtliche Verbesserungen und Vereinfachungen der Technik unbewußt vorgenommen wurden, das heißt, die Schüler verfielen ganz unabsichtlich darauf. Irgendwann einmal bemerkten sie, daß sie bestimmte Teile ihrer Arbeit auf neue und bessere Weise ausführten.«10
Bei dem Experiment mit den Münzen haben Sie vielleicht sogar bemerkt, daß eine Beteiligung des Bewußtseins Ihren Lernerfolg nur behinderte. Diese Feststellung läßt sich im
Zusammenhang mit dem Erlernen von Geschicklichkeiten immer wieder machen, und wie wir weiter oben schon gesehen haben, ebenso auch bei ihrer Ausübung. Lassen Sie das Lernen
geschehen, ohne sich seiner übermäßig bewußt zu sein, dann verläuft alles glatter und wirkungsvoller. Manchmal sogar zu wirkungsvoll. Denn bei komplizierten Geschicklichkeiten wie
dem Schreibmaschineschreiben kann man sich beispielsweise angewöhnen, ständig »dei« statt »die« zu tippen. Das Gegenmittel besteht darin, den Vorgang umzukehren, nämlich
bewußt den Fehler »dei« zu üben, woraufhin der im Widerspruch zu der gängigen Vorstellung von »Übung macht den Meister« verschwindet (ein Phänomen, das man als negative
Übung bezeichnet).
Bei der Leistungsmessung des allgemeinen Bewegungsgeschicks, wie sie beispielsweise mit »pursuit rotor«- oder »mirror tracing«-Tests vorgenommen wird, schneiden die Versuchspersonen, die aufgefordert wurden, sich ihrer Bewegungen klar bewußt zu bleiben, stets schlechter ab.11 Und im Zuge meiner Umfragen habe ich erfahren, daß Sporttrainer unbewußt laborgetestete Grundsätze anwenden, indem sie ihre Schäflein auffordern, nicht soviel mit dem Kopf zu machen. Die Art und Weise, wie im Zen die Kunst des Bogenschießens erlernt wird, ist in dieser Hinsicht äußerst aufschlußreich: Dem Schützen wird geraten, sich nicht als einen Menschen zu erleben, der die Sehne spannt und losläßt, sondern das Bewußtsein eigenen Tuns ganz aufzugeben, bis der Bogen
sich von selbst spannt, die Sehne sich von selbst löst und der Pfeil von selbst sein Ziel sucht.
Lösungslernen (instrumentales Lernen oder operante Konditionierung) ist ein komplexerer Typ. Im Normalfall spielt das Bewußtsein eine beträchtliche Rolle bei der Suche nach
einer Lösung für ein Problem oder nach einem Weg zu einem Ziel, indem es das Problem auf eine bestimmte Weise aufbereitet. Doch keineswegs ist es unter allen Umständen
notwendig. Es lassen sich Fälle anführen, in denen die Versuchsperson nicht das mindeste Bewußtsein davon hat, welches Ziel sie anstrebt, noch auf welchem Lösungsweg sie es
zu erreichen sucht.
Dazu ein weiteres einfaches Experiment: Bitten Sie jemanden, sich Ihnen gegenüberzusetzen und nach Belieben Wörter aufzusagen, wie sie ihm einfallen, aber nach jedem Wort eine
Pause von zwei oder drei Sekunden einzulegen, damit Sie es aufschreiben können. Wenn Sie nach jedem Pluralsubstantiv (oder Adjektiv oder abstraktem Begriff, oder was immer Sie
wollen) »gut« oder »richtig« oder auch nur »Mhm!« murmeln, während Sie es niederschreiben, oder dabei lächeln oder das Pluralwort freundlich wiederholen, wird die Häufigkeit von
Pluralsubstantiven (oder was immer) im weiteren Fortgang des Experiments erheblich zunehmen. Bemerkenswerterweise jedoch wird Ihre Versuchsperson gar nicht gewahr, daß sie einen
Lernprozeß durchläuft.12 Weder ist sie sich bewußt, daß sie noch mehr ermutigende Bemerkungen aus Ihnen herauszulocken sucht, noch wie sie diese Aufgabe löst. Tag für Tag, in jeder
Unterhaltung, richten wir uns fortwährend gegenseitig auf diese Weise ab, aber wir sind uns dessen nie bewußt.
Unbewußtes Lernen ist keineswegs auf das Sprachverhalten beschränkt. Die Hörer einer Psychologievorlesung wurden beauftragt, jedem Mädchen auf dem Universitätsgelände, das
Rot trug, Komplimente zu machen. Binnen einer Woche war die Cafeteria ein Meer von Rot (und Freundlichkeit), und keine der Damen war sich bewußt, daß sie manipuliert worden war. Die
Hörer einer anderen Vorlesung probierten eine Woche, nachdem sie mit dem unbewußten Lernen und Abrichten bekannt gemacht worden waren, ihr neues Wissen an ihrem Professor aus.
Jedesmal, wenn er sich zur rechten Seite des Hörsaals bewegte, zollten sie ihm gespannteste Aufmerksamkeit und lachten schallend über seine Witze. Es wird berichtet, daß sie ihn fast
zur Tür hinausdressiert hätten, während ihm selbst nicht das geringste auffiel. 13
Der kritische Punkt bei den meisten dieser Experimente ist der, daß die Versuchsperson nicht ahnen darf, worum es geht, weil sie sonst natürlich bewußt auf derartige
Verstärkungsverhältnisse achten würde. Man umschifft diese Klippe, indem man sich auf solche Verhaltensreaktionen stützt, die von der Versuchsperson selbst nicht wahrgenommen werden
können. Einschlägige Experimente wurden mit einem winzigen Muskel im Daumen gemacht, dessen Bewegungen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegen und nur unter Zuhilfenahme
eines elektronischen Geräts registriert werden können. Den Versuchspersonen wurde gesagt, es gehe darum, welche Auswirkungen periodisch auftretender unangenehmer Lärm
während einer Musikdarbietung auf die Muskelspannung habe. An ihrem Körper wurden jeweils vier Elektroden angebracht, die einzige echte über dem kleinen Daumenmuskel, die anderen
drei waren nur Attrappen. Die Versuchsanordnung war so getroffen, daß jedesmal, wenn die unwahrnehmliche Daumenmuskelzuckung elektronisch erfaßt wurde, das Störgeräusch 15 Sekunden lang unterbrochen oder, wenn es gerade abgeschaltet war, sein neuerliches Auftreten um 15 Sekunden verzögert wurde. Bei sämtlichen Personen verstärkte sich die Häufigkeit der unwahrnehmlichen Muskelzuckungen, die den quälenden Lärm unterbanden, ohne daß auch nur das geringste Bewußtsein davon vorhanden war, daß man lernte, den unangenehmen Lärm abzustellen. 14
Somit steht fest: Das Bewußtsein ist kein notwendiger Bestandteil des Lernvorgangs, gleichgültig, ob es sich um das Lernen von Signalen, Geschicklichkeiten oder Problemlösungen
handelt. Es gibt natürlich noch viel mehr zu diesem faszinierenden Thema zu sagen, denn es ist der Brennpunkt der gesamten zeitgenössischen Verhaltensforschung. Aber hier war
lediglich der Nachweis zu erbringen, daß die ältere Auffassung, derzufolge bewußtes Erleben die unerläßliche Grundlage alles Lernens darstellt, eindeutig und absolut falsch ist. Wir dürfen
jetzt zumindest den Schluß ziehen, daß es möglich ist – ich sage: möglich ist –, sich menschliche Wesen vorzustellen, die kein Bewußtsein haben und dennoch lernen und Probleme lösen
können.
Das Bewußtsein ist nicht notwendig zum Denken
Auf dem Weg von den einfachen zu den komplizierteren Aspekten des Seelenlebens gelangen wir auf immer unübersichtlicheres Gelände, wo unsere gängigen Begriffe nur
mehr fragwürdige Reisebegleiter sind. Von solcher Fragwürdigkeit ist zweifellos auch der Begriff des Denkens. Sträubt sich denn nicht alles in uns, wenn wir hören, das
Bewußtsein sei nicht notwendig zum Denken? Ja, ist denn nicht das Denken geradezu das Herz- und Kernstück des Bewußtseins?! Gemach! Mit dieser Meinung beziehen wir uns
auf jenen Denktyp des freien Assoziierens; den man als »Denken an ...« oder »Nachdenken über ...« bezeichnen könnte und der in der Tat stets von allen Seiten umschlossen und
umströmt zu sein scheint von der Bilderflut der Bewußtseinswelt. In Wirklichkeit jedoch ist die Sache nicht
entfernt so klar, wie sie scheint.
Beginnen wir mit dem Denktyp, der zu einem Ergebnis führt, auf das wir die Prädikate »wahr« oder »falsch« anwenden können. Es wird gemeinhin als »Urteilen« bezeichnet und hat
große Ähnlichkeit mit einem Extremfall des Lösungslernens, den wir gerade kennengelernt haben.
Ein einfaches Experiment – so einfach, daß es banal erscheinen mag – wird uns direkt zum Kern der Sache führen. Nehmen Sie zwei ungleiche Gegenstände, beispielsweise einen
Kugelschreiber und einen Bleistift oder zwei ungleichmäßig gefüllte Gläser, und legen oder stellen Sie sie vor sich auf den Tisch. Schließen Sie dann halb die Augen, um sich besser
konzentrieren zu können, heben Sie die Gegenstände nacheinander mit Daumen und Zeigefinger hoch und urteilen Sie, welcher schwerer ist. Beobachten Sie dabei mittels
Introspektion genau, was Sie tun. Sie werden feststellen, daß Sie sich der Empfindung der Gegenstände an der Haut Ihrer Finger bewußt sind, daß Sie sich des leichten Zugs nach unten bewußt
sind, den das Gewicht der einzelnen Gegenstände vermittelt, daß Sie sich etwaiger Unebenheiten auf der Oberfläche der Gegenstände bewußt sind, und so weiter. Und jetzt das
eigentliche Urteil, welcher Gegenstand schwerer ist. Wo ist das? Holla! Gerade der Vorgang der Urteilsfindung mit dem Ergebnis: Dieser Gegenstand ist schwerer als der andere, ist
Ihnen nicht bewußt. Das Ergebnis erhalten Sie einfach fix und fertig irgendwoher aus dem Nervensystem. Wenn wir diesen Urteilsvorgang Denken nennen, müssen wir einräumen, daß
solches Denken ganz und gar nicht bewußt ist. Ein zugegebenermaßen einfaches, aber äußerst wichtiges Experiment. Es zerstört mit einem Schlag total den überlieferten
Glauben, daß solche Denkvorgänge das Gerüst des bewußten Seelenlebens darstellen.
Experimente dieser Art wurden zu Beginn des Jahrhunderts in großem Umfang von der sogenannten Würzburger Schule angestellt. Ausgangspunkt war eine im Jahr 1901 veröffentlichte
Untersuchung von Karl Marbe, der in ähnlicher Weise wie eben beschrieben vorging, nur daß er kleinere Gewichte benutzte.15 Die Versuchsperson wurde aufgefordert, zwei vor ihr stehende
Gewichte emporzuheben und das schwerere von beiden vor den Versuchsleiter zu stellen, der ihr gegenüber saß. Und es war sowohl für den Versuchsleiter selbst als auch für seine
hochgradig geschulten Versuchspersonen, die allesamt in der Selbstbeobachtung geübte Psychologen waren, eine verblüffende Entdeckung, daß der Prozeß des Urteilens als
solcher nie bewußt war. Physik und Psychologie weisen immer interessante Gegensätze auf, und es ist eine der Ironien der Wissenschaft, daß das Marbe-Experiment, das in seiner
Einfachheit fast albern wirken könnte, für die Psychologie von ebenso großer Bedeutung war wie das so schwierig durchzuführende Michaelson Morley-Experiment für die
Physik. Genauso, wie anhand des letzteren bewiesen wurde, daß der Äther – jene Substanz, die vermeintlich den ganzen Raum erfüllt – nicht existiert, so zeigte sich in dem
Gewichtbeurteilungsexperiment, daß Urteilen, jenes vermeintliche Kennzeichen des Bewußtseins, im Bewußtsein überhaupt nicht vorkommt.
Dazu läßt sich allerdings ein Einwand vorbringen. Vielleicht vollzog sich die Urteilsfindung beim Emporheben der Gegenstände so schnell, daß wir den Vorgang vergessen haben.
Schließlich fassen wir bei der Selbstbeobachtung immerzu etwas in Hunderte von Wörtern, was sich innerhalb weniger Sekunden zuträgt. (Was für eine erstaunliche Tatsache dies doch ist!) Und
unser Gedächtnis für eben Geschehenes beginnt zu schwinden, noch während wir es auszudrücken versuchen. Vielleicht war es dies, was sich bei Marbes Experiment zutrug, und dieser
»Urteilen« genannte Denktyp ließe sich vielleicht doch im Bewußtsein finden, wenn wir uns nur besser erinnern könnten.
In dieser Form stellte sich das Problem einige Jahre nach Marbes Versuch für Watt.16 Für die Lösung benutzte er ein anderes Verfahren, nämlich den Assoziationsversuch. Der
Versuchsperson wurden Kärtchen mit aufgedruckten Hauptwörtern vorgelegt, und sie mußte so rasch wie möglich mit einem Bezugswort antworten. Es handelte sich also nicht um
freie Assoziation, sondern um etwas, das man als teilweise gelenkte Assoziation bezeichnet: In verschiedenen Durchgängen wurde die Versuchsperson aufgefordert, zu dem gesehenen Wort
einen übergeordneten Begriff (zum Beispiel Eiche/Baum), einen gleichgeordneten Begriff (zum Beispiel Eiche/Ulme) oder einen untergeordneten Begriff (Eiche /Balken) zu assoziieren oder ein
Ganzes (Eiche/Wald), einen Teil (Eiche/Eichel) oder einen anderen Teil eines gemeinsamen Ganzen (Eiche/Waldpfad). Die Aufgabenstellung bei der gelenkten Assoziation bot die
Möglichkeit, das Bewußtsein der Versuchsperson in vier Phasen einzuteilen:
- Instruktion über die erwünschte Assoziationsrichtung, (zum Beispiel »übergeordneter Begriff«),
- Darbietung des Reizwortes (zum Beispiel »Eiche«),
- Suche nach einer passenden Assoziation und
- die gesprochene Antwort (zum Beispiel »Baum«).
Die Versuchspersonen wurden aufgefordert, ihre Selbstbeobachtung zunächst ganz auf die erste Phase und dann der Reihe nach auf jeweils eine andere zu konzentrieren, um auf
diese Weise genauer Rechenschaft von ihrem Bewußtheitsstand in jeder Einzelphase geben zu können.
Man rechnete nun damit, daß sich anhand dieses präzisen Aufteilungsverfahrens Marbes Schlüsse würden als falsch erweisen lassen und daß die Bewußtheit des Denkens in Watts
dritter Phase – bei der Suche nach einem Wort, das die angegebenen Bedingungen erfüllte – zum Vorschein kommen werde. Doch nichts dergleichen geschah. Alles deutete darauf
hin, daß das Denken automatisch und nicht eigentlich bewußt erfolgte, sobald ein Reizwort dargeboten und zuvor der gewünschte Assoziationstyp von der Versuchsperson richtig
verstanden worden war. Ein bemerkenswertes Ergebnis. Es besagt mit anderen Worten: Man denkt sich etwas, bevor man konkret weiß, was es ist, woran man denken soll. Das Wichtigste
an der Sache ist die Instruktion als Voraussetzung dafür, daß alles andere automatisch abläuft. Für diese Phase möchte ich die Bezeichnung »Struktion« einführen, die die Bedeutung sowohl von »Instruktion« als auch von »Konstruktion« in sich vereinen soll.17
Das Denken geschieht also nicht bewußt. Es ist vielmehr ein automatischer Vorgang nach Maßgabe einer Struktion und des Materials, in dem die Struktion getätigt werden soll.
Und wir brauchen auch nicht bei Wortassoziationen stehenzubleiben. Aufgaben jedes beliebigen anderes Typs erfüllen den gleichen Demonstrationszweck, auch solche, die
Willenshandlungen näherkommen. Wenn ich mir vornehme, an eine Eiche im Sommer zu denken, so ist dies eine Struktion, und was ich »denken an« nenne, ist im Grunde genommen eine
Kette von Bildassoziationen, die aus einem unbekannten Meer an die Küste meines Bewußtseins gespült werden, genau wie die gelenkten Assoziationen in Watts Experiment.
Sehen wir die Ziffern 6 und 2 und zwischen ihnen einen vertikalen Strich: 6|2, dann bringt dieser Reiz die Vorstellung »acht«, »vier« oder »drei« hervor, je nachdem, ob die
vorgeschriebene Struktion Addition, Subtraktion oder Division lautet. Wichtig dabei ist, daß die Struktion selbst der Prozeß der Addition, Subtraktion oder Division, ist sie erst einmal
aufgestellt, im Nervensystem verschwindet. Aber sie ist offensichtlich »im Geiste« mit dabei, da ein und derselbe Reiz dreierlei Reaktionen hervorbringen kann. Allerdings – wie das
jeweils vor sich geht, ist uns nicht im mindesten bewußt.
Betrachten wir uns jetzt eine Reihe geometrischer Figuren:
INSERT IMAGE - circle, triangle, circle, triangle, circle
Welche Figur kommt als nächste in der Reihe? Wie sind Sie auf die Antwort gekommen? Sobald ich Ihnen die Struktion gegeben habe, »sehen« Sie automatisch, daß es ein Dreieck sein
muß. Wenn Sie sich jetzt mittels Selbstbeobachtung davon überzeugen wollen, wie Sie zu Ihrer Antwort gelangt sind, dann – so behaupte ich – vergegenwärtigen Sie sich in Wirklichkeit
nicht den Vorgang, der tatsächlich stattgefunden hat, sondern Sie erfinden, wie es stattgefunden haben muß, indem Sie sich zu diesem Behufe selbst eine neue Struktion geben. Während des
Vollzugs der Aufgabe selbst waren Sie sich lediglich der Struktion, der Figuren auf dem Blatt vor Ihnen und dann der Lösung bewußt.
Nicht anders verhält es sich mit der gesprochenen Sprache (ein Beispiel, das ich weiter oben schon erwähnt habe). Beim Reden sind wir uns weder der Suche nach Wörtern noch der
Zusammenfügung der Wörter zu Satzteilen, noch der Zusammenfügung der Satzteile zu ganzen Sätzen wirklich bewußt. Bewußt ist uns lediglich eine fortgesetzte Folge von
Struktionen, die wir uns selbst geben und die dann automatisch, ohne irgendwelches Bewußtsein, in sprachlichen Äußerungen resultieren. Die Rede selbst können wir uns im Augenblick des
Vollzugs bewußt halten, wenn wir wollen: Dadurch entsteht dann ein gewisses Feedback, das zu neuen Struktionen führt.
Somit wäre erwiesen, daß der eigentliche Denkvorgang, der gemeinhin als das Herz- und Kernstück des Bewußtseins betrachtet wird, überhaupt nicht bewußt ist und daß lediglich
seine Vorbereitung, sein Material und sein Endergebnis im Bewußtsein wahrgenommen werden.
Das Bewußtsein ist nicht notwendig für die Vernunfttätigkeit
Die lange Tradition, die den Menschen als das vernunftbegabte Lebewesen definiert und ihn als Homo sapiens zur Krone der Schöpfung erhebt, ruht mit ihrem ganzen
päpstlichen Absolutheitsanspruch auf dem schmalen Fundament der Annahme, das Bewußtsein sei der Sitz der Vernunft. Eine kritische Durchleuchtung dieser Annahme wird durch die
Unbestimmtheit des Begriffs Vernunft erschwert, eine Unbestimmtheit, die das Erbe der alten »Vermögens« Psychologie ist, für welche die Vernunft ein – selbstverständlich
»im« Bewußtsein angesiedeltes – »Seelenvermögen« war. Und diese erzwungene Verbindung von Vernunft und Bewußtsein wurde noch vermengt mit der Idee der Wahrheit und des
richtigen Vernunftgebrauchs, das heißt der Logik – alles jeweils ganz verschiedene Dinge. Demzufolge galt dann die Logik als das Funktionsprinzip der bewußten Vernunfttätigkeit oder, mit
anderen Worten, des Schließens, was Generationen von bedauernswerten Gelehrten in Verlegenheit brachte, denn sie wußten sehr gut, daß logische Syllogismen nicht zu dem
gehörten, was sich ihrer Selbstbeobachtung darbot.
Vernunfttätigkeit oder schlußfolgerndes Denken und Logik verhalten sich zueinander wie Gesundheit und Medizin oder, besser, wie Verhalten und Moral. Das Schließen umfaßt eine
Reihe natürlicher Denkprozesse des täglichen Lebens. Die Logik umfaßt Vorschriften, wie wir denken müssen, wenn unser Ziel die objektive Wahrheit ist – und im täglichen Leben geht es
höchst selten um die objektive Wahrheit. Die Logik ist die Wissenschaft von der Begründung jener Schlüsse, zu denen wir mit Hilfe unserer natürlichen Vernunft gelangt sind. Meine
These ist, daß das Bewußtsein für die natürliche Vernunfttätigkeit nicht benötigt wird. Der eigentliche Grund, warum wir die Logik überhaupt benötigen, ist der, daß das
Schließen meistenteils ganz und gar nicht bewußt geschieht.
Denken Sie zunächs t an die vielen Phänomene, von denen wir bereits festgestellt haben, daß sie ohne begleitendes Bewußtsein ablaufen, und die als elementare Formen des Schließens
bezeichnet werden können. Das Auswählen von Lösungswegen, Wörtern, Tönen; Körperbewegungen und die Korrekturen an Größen- und Farbeindrücken, die Wahrnehmungskonstanzen
ergeben das alles sind Primitivformen des Schließens, die keinerlei Hilfestellung oder Eselsbrücke von seiten des Bewußtseins, ja nicht einmal des geringsten Funkens von
Bewußtsein bedürfen.
Aber auch die geläufigeren Formen des Schließens können ohne Beteiligung des Bewußtseins stattfinden. Ein Junge, der einmal oder mehrmals beobachtet hat, daß ein bestimmtes Stück
Holz in einem bestimmten Teich an der Oberfläche schwamm, schließt in einer neuen Situation auf unmittelbarem Weg, daß ein anderes Stück Holz in einem anderen Teich ebenfalls oben
schwimmen wird. Es findet nicht etwa ein bewußtes Sammeln und Vergleichen von früheren Situationen statt, und es ist auch sonst überhaupt kein Bewußtseinsvorgang vonnöten, damit das
neue Stück Holz unmittelbar als »oben schwimmend« gesehen wird. Man bezeichnet dies gelegentlich als Schließen aus dem Besonderen, und es ist nichts weiter als eine auf Generalisierung
beruhende Erwartung. Daran ist nichts Außergewöhnliches: Es handelt sich um eine Fähigkeit, die alle höheren Wirbeltiere besitzen. Dieses Schließen ist ein Funktionsprinzip des
Nervensystems und nicht des Bewußtseins.
Aber ständig finden auch komplexere Formen des Schließens ohne Beteiligung des Bewußtseins statt. Unser Geist arbeitet so schnell, daß unser Bewußtsein nicht Schritt halten kann.
Allgemeinaussagen aufgrund vorausgegangener Erfahrungen treffen wir in aller Regel vollkommen automatisch, und nur im nachhinein sind wir manchmal in der Lage, uns von den
vorausgegangenen Erfahrungen, auf denen solche Aussagen beruhen, irgend etwas wieder ins Gedächtnis zu rufen. Wie oft gelangen wir nicht zu absolut zuverlässigen Schlüssen, ohne sie im geringsten begründen zu können. Weil das Schlußfolgern nicht bewußt geschieht. Und denken Sie an die Schlüsse, die wir in bezug auf die Gefühle und den Charakter anderer Menschen
oder in Bezug auf die Motive ihrer Handlungen ziehen. Hier haben wir es eindeutig mit automatischen Schlußfolgerungen unseres Nervensystems zu tun, einem Vorgang, bei dem
Bewußtsein nicht nur überflüssig ist, sondern wahrscheinlich sogar ebenso hinderlich wäre, wie wir es schon bei der Ausübung motorischer Geschicklichkeiten festgestellt haben. 18
Dies mag ja alles sein, so höre ich einwenden, aber auf keinen Fall gilt das auch für die höchsten Formen der Denktätigkeit. Hier gelangen wir endlich in das eigentliche Herrschaftsgebiet
des Bewußtseins, wo alles in goldener Klarheit daliegt und alle Gedankenarbeit der Vernunft fein ordentlich im Lichte voller Bewußtheit getätigt wird. Aber so glanzvoll geht es in der
Wirklichkeit nicht zu. Der Wissenschaftler, der sich mit seinen Problemen hinsetzt und bewußte Induktionen und Deduktionen auf sie anwendet, ist genauso ein Fabelwesen wie das Einhorn.
Die größten Einsichten der Menschheit sind auf mysteriöse Weise zustande gekommen. Helmholtz hatte seine glücklichen Einfälle, die sich »oft genug heimlich in mein Denken
einschlichen, ohne daß ich ihre Bedeutung geahnt hätte ... in anderen Fällen waren sie auf einmal da ohne irgendein Bemühen von meiner Seite ... sie stellten sich besonders gern ein, wenn
ich bei sonnigem Wetter einen Spaziergang im Bergwald machte!«19
Und Gauß schrieb über ein arithmetisches Theorem, das er jahrelang erfolglos zu beweisen versucht hatte, daß »sich das Rätsel plötzlich wie durch einen Blitzschlag löste. Ich vermag
selbst nicht zu sagen, welcher Faden mein bisheriges Wissen mit den Bedingungen des Gelingens verknüpfte.«20
Der brillante Mathematiker Poincare widmete der Art und Weise, wie er zu seinen Entdeckungen gelangte, besonderes Augenmerk. In einem berühmten Vortrag vor der Pariser Societe
de Psychologie schilderte er seine Teilnahme an einer geologischen Exkursion: »Die Reiseerlebnisse ließen mich meine mathematische Arbeit vergessen. In Coutances
angekommen, bestiegen wir einen Omnibus, der uns irgendwohin bringen sollte. In dem Augenblick, als ich meinen Fuß auf das Trittbrett setzte, überraschte mich völlig
unvorbereitet der Gedanke, daß die Transformatione n, die ich zur Definition der Fuchsschen Funktionen benutzt hatte, mit denen der nichteuklidischen Geometrie identisch waren.«21
Allem Anschein nach ist dieses Phänomen der jäh hereinbrechenden Einsicht am offenkundigsten in den abstrakten Wissenschaften, in denen das Untersuchungsmaterial
zunehmend weniger mit der Alltagserfahrung zu tun hat. Ein guter Bekannter Einsteins erzählte mir, daß dem Physiker viele seiner hervorragendsten Ideen beim Rasieren kamen, und zwar
so überfallartig, daß er sein Rasiermesser morgens mit größter Vorsicht handhaben mußte, um sich im Moment der Überraschung nicht zu schneiden. Und ein bekannter englischer
Physiker äußerte einmal gegenüber Wolfgang Köhler:
»Wir sprechen oft von den drei B’s – Bus, Bad und Bett. An diesen Orten werden in unserer Wissenschaft die großen
Entdeckungen gemacht.«
Worauf es hier ankommt, ist, daß das kreative Denken verschiedene Stadien durchläuft, zuerst ein Präliminarstadium, in dem das Problem bewußt durchgearbeitet wird, dann eine Inkubationsphase ohne irgendwelche bewußte Konzentration auf das Problem und darauf die Erleuchtung, die hinterher logisch begründet wird. Die Parallele zwischen diesen Problemen
hochbedeutsamer und komplexer Natur und einfachen Problemen wie dem Beurteilen von Gewichten oder dem Fortsetzen einer Figurenfolge liegt auf der Hand. Die
Präliminarphase besteht im wesentlichen im Aufstellen einer komplexen Struktion bei gleichzeitiger bewußter Aufmerksamkeit gegenüber dem Material, auf das die Struktion
sich beziehen soll. Aber was dann eintritt – der Schlußvorgang als solcher, der Sprung ins Unbekannte der großen Entdeckung –, hat ebensowenig eine Vertretung im Bewußtsein wie in dem
simpler gelagerten Fall der Beurteilung von Gewichtsunterschieden. In der Tat scheint es manchmal fast so, als habe das Problem vergessen werden müssen, damit sich die Lösung zeigen konnte.
Der Sitz des Bewußtseins
Der letzte Irrtum, auf den ich hier eingehen möchte, ist ebenso bedeutsam wie aufschlußreich. Ich habe seine Analyse an den Schluß gestellt, weil sie meiner Meinung nach den geläufigen
Auffassungen vom Bewußtsein den sicheren Todesstoß versetzt. Wo hat das Bewußtsein seinen Sitz?
Jedermann (oder so gut wie jedermann) antwortet darauf ohne Zögern: In meinem Kopf. Denn bei der Selbstbeobachtung kehren wir scheinbar den Blick nach innen in einen Raum
irgendwo hinter den Augen. Aber was um alles in der Welt soll das heißen, daß wir den »Blick« dorthin richten? Manchmal schließen wir sogar die Augen, um in der Selbstbeobachtung
(die ja auch Innenschau – Introspektion – genannt wird) desto besser zu sehen. Aber wohin? Daß es sich um irgendeine Art Raum handelt, scheint unbezweifelbar. Außerdem scheinen wir
uns – oder zumindest unseren »Blick« – einmal hierhin, einmal dorthin zu wenden. Und wenn wir uns zu sehr anstrengen, diesen Raum (nicht seine vorgestellten Inhalte) genauer zu
charakterisieren, empfinden wir ein schwer zu definierendes Unbehagen, so als ob da etwas wäre, das sich gegen das Erkanntwerden sperrt, ein Etwas, das unter die Lupe zu nehmen
fast ebenso ungebührlich ist wie grobes Betragen in freundlicher Gesellschaft.
Nicht nur in unserem Kopf glauben wir diesen Bewußtseinsraum zu finden, wir setzen ihn auch bei anderen Menschen voraus. Wenn wir mit einem Bekannten sprechen und
dabei immer wieder Blickkontakt aufnehmen (ein Überbleibsel aus unserer Primatenvergangenheit, als Blickkontakt mit dazu diente, Stammeshierarchien herzustellen), setzen wir hinter den
Augen unseres Gesprächspartners immer einen Raum voraus, in den wir hineinsprechen, ähnlich dem Raum in unserem eigenen Kopf, aus dem wir unserer Vorstellung nach heraussprechen.
Und damit kommen wir zum Kern der Sache. Wir wissen nämlich ganz genau, daß in keines Menschen Kopf ein solcher Raum vorhanden ist! In meinem wie in Ihrem Kopf befindet
sich nichts als irgendwelches physiologisches Gewebe. Und die Tatsache, daß es sich dabei vorwiegend um Nervengewebe handelt, ist in diesem Zusammenhang belanglos.
Sich an diesen Gedanken zu gewöhnen erfordert allerdings ein bißchen Denkaufwand. Das Ganze bedeutet, daß wir diesen Raum in unserem eigenen Kopf und in den Köpfen anderer
Leute immer neu erfinden, während wir genau wissen, daß er in der Anatomie nicht existiert; und die Ansiedlung dieses »Raumes« erfolgt denn auch ganz willkürlich. Die
aristotelischen Schriften22 beispielsweise siedelten das Bewußtsein, den Sitz des Denkens im Herzen und knapp darüber an und betrachteten das Gehirn als bloßes Kühlorgan, da
es sich unempfindlich zeigte gegenüber Berührungen und Verletzungen. Und manchen Lesern wird das bisher Gesagte einfach deshalb nicht eingeleuchtet haben, weil ihr denkendes
Selbst nach ihrem eigenen Dafürhalten irgendwo im oberen Brustraum angesiedelt ist. Für die meisten von uns ist es jedoch eine so eingefleischte Gewohnheit, sich das Bewußtsein im
Kopf zu denken, daß wir uns kaum etwas anderes vorstellen können. Aber in Wirklichkeit könnten Sie, ohne sich von der Stelle zu rühren, die nächstbeste Ecke zwischen Wand und
Fußboden im Zimmer nebenan zum Sitz Ihres Bewußtseins erklären und Ihr Denken ebensogut dort wie in Ihrem Kopf vor sich gehen lassen. Nein, nicht ebensogut. Es gibt einige sehr
gute Gründe, die dafür sprechen, daß Sie sich Ihren Seelenraum innerhalb Ihrer Person angesiedelt vorstellen, Gründe, die sowohl mit dem bewußten Wollen und den inneren
Empfindungen als auch mit der Beziehung zwischen Ihrem Körper und Ihrem »Ich« zu tun haben und die hier in der Folge noch deutlicher zutage treten werden.
Daß keinerlei objektiv feststellbare Notwendigkeit besteht, das Bewußtsein im Gehirn anzusiedeln, wird des weiteren durch verschiedentlich auftretende Anomalien bekräftigt, bei denen
sich das Bewußtsein außerhalb des Körpers zu befinden scheint. Einer meiner Bekannten, der sich eine Kriegsverletzung im linken Frontallappen zugezogen hatte, fand sein Bewußtsein
wieder an der Decke des Lazarettsaals, von wo er in gehobener Stimmung auf seinen Körper hinabblickte, der mit bandagiertem Kopf auf dem Feldbett lag. Personen, die LSD geschluckt
haben, berichten häufig von ähnlichen – sogenannten exosomatischen – Erlebnissen außerhalb des Körpers. Derartige Vorkommnisse haben keinerlei metaphysische Bedeutung, sie
zeigen lediglich, daß es vom Zufall abhängen kann, wo wir unser Bewußtsein ansiedeln.
Um einem Irrtum vorzubeugen, sei klargestellt: Im Zustand der Bewußtheit benutze ich fraglos immer bestimmte Teile des Gehirns in meinem Kopf. Das gleiche tue ich jedoch auch, wenn
ich Fahrrad fahre, und das Fahrradfahren spielt sich nicht in meinem Kopf ab. Die beiden Fälle liegen natürlich verschieden, weil das Fahrradfahren einen klar bestimmten geographischen
Ort hat und das Bewußtsein nicht. Tatsächlich hat das Bewußtsein überhaupt keinen Ort außer dem, den wir ihm in unserer Vorstellung zuweisen.
Ist Bewußtsein überhaupt erforderlich?
Wir wollen noch einmal rekapitulieren, wie weit wir gekommen sind, denn wir haben uns gerade einen Weg durch ein ungeheures Materialdickicht gebahnt und dabei vielleicht
mehr Verwirrung als Klarheit gestiftet. Wir haben gesehen, daß das Bewußtsein nicht das ist, wofür wir es im allgemeinen halten. Es ist nicht mit der Reaktionsfähigkeit zu verwechseln.
Es ist an vielen Wahrnehmungsvorgängen nicht beteiligt. Es ist nicht beteiligt an der Ausübung von Geschicklichkeiten und stellt oft sogar eine Behinderung für sie dar. Es ist nicht
notwendigerweise am Sprechen, Schreiben, Zuhören oder Lesen beteiligt. Es ist keine originalgetreue Aufzeichnung unseres Erlebens, wie die meisten Menschen meinen. Das Bewußtsein
spielt beim Signallernen überhaupt keine Rolle und wird auch nicht unbedingt gebraucht für das Erlernen von Geschicklichkeiten und Problemlösungen, das ganz ohne
Bewußtsein vonstatten gehen kann. Es ist nicht erforderlich zum Urteilen noch für die einfachen Formen des Denkens. Es ist nicht der Sitz der schlußfolgernden Vernunft, und tatsächlich
finden selbst komplizierteste Formen kreativer Vernunfttätigkeit ganz ohne Mitwirkung des Bewußtseins statt. Und das Bewußtsein hat keinen konkreten Sitz außer einem
eingebildeten! Da erhebt sich denn unmittelbar die Frage: Existiert das Bewußtsein überhaupt? Auf sie wollen wir jedoch erst im nächsten Kapitel eingehen. An dieser Stelle genügt es,
den unabweislichen Schluß zu ziehen, daß das Bewußtsein bei den meisten menschlichen Aktivitäten keine ausschlaggebende Rolle spielt. Wenn es richtig ist, was ich bisher gesagt habe,
dann ist es auch durchaus möglich, daß zu irgendeiner Zeit einmal Menschen gelebt haben, die sprachen, urteilten, Schlüsse zogen und Probleme lösten, ja die so gut wie alles, was wir tun,
zu tun vermochten, die aber nicht das geringste Bewußtsein besaßen. Dies ist die hochbedeutsame und in mancher Hinsicht verwirrende Vorstellung, die sich uns an diesem Punkt als
Schlußfolgerung aufdrängt. In der Tat war dies der Ausgangspunkt all meiner Überlegungen, und ich messe diesem Anfangskapitel große Bedeutung bei, denn falls Sie an diesem
Punkt nicht davon überzeugt sind, daß eine Zivilisation ohne Bewußtsein möglich ist, werden Sie die nachfolgenden Ausführungen unglaubhaft und widersinnig finden.