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The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind
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German Translation
Der Ursprung des Bewußtsein
Julian Jaynes
(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)
Sechstes Kapitel: Der Ursprung der Kultur
Aber bikamerale Psyche – Wozu das? Und warum Götter?
Was mag der Ursprung des Göttlichen sein? Und wenn das
menschliche Gehirn in der bikameralen Epoche so organisiert
war, wie ich es im vorausgegangenen Kapitel darstellte: was für
ein Selektionsdruck könnte im Lauf der Evolution des
Menschen ein so einschneidendes Ergebnis hervorgebracht
haben?
Die spekulative These, die ich in diesem Kapitel zu
explizieren versuchen werde – und sie ist sehr spekulativ –, ist
einfach nur eine selbstverständliche Folgerung aus dem
Bisherigen. Die bikamerale Psyche ist eine Form von sozialer
Kontrolle – diejenige Form der sozialen Kontrolle, die den
Übergang der Menschheit von Jäger-und-Sammler-
Kleingruppen zu ackerbauenden Gemeinschaften möglich
machte. Die bikamerale Psyche mit ihren göttlichen
Kontrollinstanzen bildet das Endstadium der Evolution der
Sprache. Und in dieser Entwicklung liegt der Ursprung der
Kultur.
Was bedeutet der Begriff der sozialen Kontrolle? Beginnen
wir mit einer Klärung dieser Frage.
GRUPPENEVOLUTION
Die Säuger insgesamt weisen ein breites Spektrum sozialer
Gruppenbildung auf, das vom Einzelgängertum bestimmter
Raubtiere bis hin zu dem sehr starken sozialen Zusammenhalt
reicht, der bei anderen Arten und Familien anzutreffen ist. Tiere,
die in Gruppen leben, sind häufiger Jagdobjekte von Räubern:
soziale Gruppenbildung als solche ist eine Erbanpassung zum
Schutz gegen Räuber. Bei Huftieren ist die Struktur der Herde
verhältnismäßig einfach und wird mittels präzis umschriebener,
genetisch verankerter anatomischer und behavioraler Signale
aufrechterhalten, die alle dem Schutz der Gruppe dienen und
infolgedessen evolutionär selegiert wurden. Primaten sind von
ähnlicher Verletzbarkeit und haben sich daher gleichfalls zu
Herdentieren mit hohem Zusammenhalt untereinander
entwickelt. Im Schutz dichter Wälder mag die Zahl der
Gruppenmitglieder nicht mehr als sechs betragen, wie etwa bei
den Gibbons, in offenerem Gelände dagegen kann sie sich bis
auf achtzig belaufen, so zum Beispiel bei den südafrikanischen
Tschakmas (Bärenpavianen).1 Unter ausgefallenen
Umweltbedingungen kann der Gruppenumfang sogar noch
größer sein.
Es ist demnach die Gruppe, die sich evolutionär entwickelt.
Wenn dominante Tiere einen Warnruf ausstoßen oder
davonlaufen, ergreifen die anderen Gruppenmitglieder die
Flucht, ohne von der Gefahrenquelle Notiz zu nehmen. So ist es
die Erfahrung eines einzelnen Exemplars und sein
Dominanzstatus, was der Gruppe als ganzer Vorteil bringt.
Einzeltiere reagieren im allgemeinen noch nicht einmal auf
elementare physiologische Bedürfnisse, solange die damit
verbundene Handlung nicht dem Gesamtschema der
augenblicklichen Gruppenaktivität entspricht. So verläßt
beispielsweise ein durstiger Pavian nicht die Gruppe und begibt
sich auf die Suche nach Wasser: entweder wechseln alle
Gruppenmitglieder gemeinsam den Standort oder keines. Durst
wird im Rahmen der autonom strukturierten Gruppenaktivität
gestillt. Das gleiche gilt, mutatis mutandis, auch für andere
Bedürfnisse und Situationen.
Das Wichtige an der Sache ist für uns, daß diese
Sozialstruktur von der Kommunikation unter den Individuen
abhängt. Bei den Primaten hat daher die Evolution zu einer
ungeheuren Vielfalt komplexer Signale geführt: Die taktile
Kommunikation reicht vom Huckepack und der Körperpflege
bis zu den verschiedenen Formen der Umarmung, des Stupsens
mit der Schnauze und des Befingerns; dazu kommen im
stimmlichen Bereich diverse Grunz-, Bell- und Kreischtöne
sowie mehr oder weniger heftiges Schnattern, wobei das alles
ohne scharfe Abgrenzung ineinander übergeht; überdies gibt es
noch nichtvokale Lautsignale, wie etwa Zähneknirschen oder
das Patschen auf Zweige;2 zu den visuellen Signalen zählt eine
Reihe unterschiedlichster Gesichtsausdrücke, dazu das drohende
Augein-Auge-Starren, bei Pavianen ein bestimmtes Lidflattern,
bei dem die Brauen hochgezogen und die Augenlider gesenkt
werden, so daß ihre helle Färbung scharf gegen den dunkleren
Hintergrund des Gesichts kontrastiert, das Ganze begleitet von
aggressivem Zähnefletschen; auch Körperbewegungen und
Gesten dienen als Signale, so etwa plötzliches
Vorwärtsschießen, Kopfrucken oder Wedeln mit den Händen,
und das alles in den unterschiedlichsten Zusammenstellungen.3
Dieses enorm umfangreiche, komplexe und redundante
Signalverhalten dient in allererster Linie den Erfordernissen der
Gruppenexistenz, der Schaffung einer sozialen Rangordnung
(als Dominanz-Unterordnungs-Hierarchie), der Aufrechterhaltung
des Friedens, der Reproduktion und der Aufzucht der
Jungen. Mit Ausnahme der Fälle, wo sie eine potentielle
Bedrohung der Gruppe anzeigen, beziehen sich die Signale der
Primaten selten auf Vorkommnisse außerhalb der Gruppe, etwa
Nahrungs- oder Wasservorkommen.4 Sie verbleiben vollständig
im Bereich der Gruppenangelegenheiten und sind nicht so weit
entwickelt, daß sie Umweltinformationen übermitteln könnten,
wie die menschliche Sprache das vermag.
Damit hätten wir unseren Ausgangspunkt. Unter
gleichbleibenden Umweltbedingungen ist es für die meisten
Tierarten das gegebene Kommunikationssystem, was über die
Größe der Gruppe entscheidet. Paviane bringen es zu Gruppen
von bis zu 80 und mehr Einzeltieren, indem sie bei ihren
Wanderungen auf den Savannen ein streng geometrisches
Muster aus Untergruppen bilden, deren jede für sich eine
Dominanzhierarchie darstellt. Aber im allgemeinen
überschreitet die normale Primatengruppe nicht die Zahl von 30
bis 40 Mitgliedern, ein Limit, das sich aus den für eine
funktionierende Dominanz-Unterordnungs-Hierarchie
erforderten Kommunikationsbedingungen ergibt.
Bei Gorillas zum Beispiel bildet das dominante Männchen –
normalerweise das größte weißrückige Exemplar – zusammen
mit sämtlichen Weibchen und den Jungen den Kern der rund
zwanzig Einzeltiere zählenden Herde, während die übrigen
Männchen mehr oder weniger an die Peripherie verwiesen sind.
Der Durchmesser einer Herde ist so gut wie niemals größer als
60 Meter, da jedes Tier in der dichtwaldigen Umgebung die
Bewegungen einzelner Genossen im Auge behält.5 Die Herde
wechselt den Ort, wenn das dominante Männchen mit
gespreizten Beinen reglos stehenbleibt und in eine bestimmte
Richtung blickt. Dann scharen sich die anderen
Gruppenmitglieder um den Anführer, und der ganze Trupp rückt
ein Stück weiter auf seiner gemütlichen Tagesroute von etwa
500 Metern. Hier kommt es entscheidend darauf an, daß die
verzweigten Kommunikationskanäle zwischen der Spitze der
Dominanzhierarchie und dem Rest der Gruppe jederzeit offen
und intakt bleiben.
Nichts spricht dafür, daß die Lebensweise des Frühmenschen
nach Entstehung der Gattung Homo vor zwei Millionen Jahren
auch nur im geringsten anders ausgesehen hätte. Die
archäologischen Zeugnisse, soweit vorhanden, deuten auf eine
Gruppenstärke von rund 30 Mitgliedern hin.6 Diese Zahl, so
meine ich, war als Höchstmaß festgelegt durch das Problem der
sozialen Kontrolle und die Übertragungskapazität der
Kommunikationskanäle zwischen den Individuen.7 Und es
dürfte so sein, daß die Götter aus keinem anderen Grund auf der
Bühne der Evolutionsgeschichte erschienen sind, als um dieses
Problem des von vornherein eingeschränkten Gruppenumfangs
zu lösen.
Doch bevor wir uns diesem Gesichtspunkt zuwenden, müssen
wir erst noch einige Betrachtungen über die Evolution der
Sprache als der notwendigen Voraussetzung für die Existenz
von Göttern überhaupt einschalten.
DIE EVOLUTION DER SPRACHE
Die Frage von Zeitpunkt und Zeitraum
Man findet gemeinhin die Ansicht vertreten, die Sprache sei
ein so integrierender Teil der menschlichen Konstitution als
solcher, daß ihre Anfänge über mehr oder weniger die gesamte
stammesgeschichtliche Ahnenreihe des heutigen Menschen, also
einen Zeitraum von zwei Millionen Jahren, hinweg auf die
Anfänge der Gattung Homo selber zurückreichen müßten. Die
meisten heutigen Linguisten, die ich kenne, würden mir die
Wahrheit dieser Auffassung hoch und heilig beteuern. Aber
gerade diese Auffassung ist es, mit der ich hier rundheraus und
so entschieden wie nur möglich brechen möchte. Wenn die
ersten Menschen am Anfang dieser zwei Millionen Jahre auch
nur im Keim über eine Sprache verfügten weswegen haben sie
uns dann kaum Zeugnisse auch nur der einfachsten Kultur und
Technik hinterlassen? Denn abgesehen von allerprimitivsten
Steinwerkzeugen hat uns die Archäologie für die gesamte Zeit
vor 40000 v. Chr. in dieser Hinsicht wirklich nur Dürftiges zu
bieten.
Wer bestreitet, daß der Urmensch sprechen konnte, bekommt
zuweilen den Einwand zu hören: Aber wie haben die Menschen
dann ihr Leben bewältigt und miteinander kommuniziert? Die
Antwort darauf ist sehr einfach: Genau wie alle anderen
Primaten mit einer Fülle von visuellen und stimmlichen
Signalen, die freilich sehr weit entfernt waren von der
syntaktischen Sprache, deren wir uns heute bedienen. Und wenn
ich dann sogar so weit gehe, diese Sprachlosigkeit bis weit ins
Pleistozän – in dem der Mensch verschiedene Formen von
behauenen Geröllsteinen und Faustkeilen als Gerätschaften
entwickelte – hinein dauern zu lassen, nehmen das meine
sprachwissenschaftskundigen Bekannten abermals zum Anlaß,
meine anmaßende Unwissenheit zu beklagen und heilige Eide
darauf zu schwören, daß man Sprache nötig hatte, um derartige,
sei’s auch bloß rudimentäre Fertigkeiten von einer Generation
an die nächste weitergeben zu können. Aber bedenken wir
einmal, daß es so gut wie unmöglich ist, sprachlich zu
beschreiben, wie man einen Feuerstein so behaut, daß ein
Faustkeil daraus wird. Dieses Können wurde ganz allein durch
Imitationslernen tradiert, auf haargenau dem gleichen Weg also,
auf dem Schimpansen den Trick mit dem Strohhalm
weitergeben, den man in einen Ameisenhügel steckt, um
Ameisen herauszuangeln. Das Problem ist das gleiche wie bei
der Weitergabe der Kunst des Fahrradfahrens: spielt die Sprache
dabei irgendeine Rolle?
Da die Sprache Informationsübertragung großen Stils
ermöglicht, bringt sie notwendigerweise dramatische
Wandlungen in der menschlichen Aufmerksamkeitsorientierung
gegenüber Personen wie Sachen mit sich; infolgedessen muß sie
in einer Zeitperiode entstanden sein, für die derartige
Wandlungen archäologisch bezeugt sind. Eine solche Periode ist
das späte Pleistozän: grob umrissen die Zeitspanne von 70000
bis 8000 v. Chr. In klimatischer Hinsicht war sie durch
beträchtliche Temperaturschwankungen gekennzeichnet, die in
Parallele zum Ab- und Zunehmen der Vereisung standen, und in
biologischer Hinsicht durch die Auswirkungen dieser
Klimawechsel: gewaltige Wanderbewegungen von Tieren und
Menschen. Aus dem afrikanischen Herzland dehnte sich die
Hominidenpopulation explosionsartig in die eurasische
Subarktis und weiter auf den amerikanischen Doppelkontinent
und nach Australien aus. Rund um das Mittelmeer erreichte die
Population einen Höchststand wie nie zuvor und übernahm die
Führung in der kulturellen Innovation, wodurch sich der
Brennpunkt der kulturellen und biologischen
Menschheitsentwicklung aus den Tropen in die mittleren Breiten
verlagerte.8 Feuer, Höhlen und Pelze schufen für den Menschen
eine Art transportables Mikroklima, das diese Wanderungen
ermöglichte.
Wir sind es gewohnt, jene Menschen als Spät-Neandertaler zu
bezeichnen. Zuzeiten glaubte man, es habe sich bei ihnen um
eine Spezies für sich gehandelt, die um 35000 v. Chr. vom Cro-
Magnon-Menschen verdrängt wurde. Die neuere Auffassung
geht jedoch dahin, daß sie nur eine von vielen Varietäten auf der
allgemeinen menschlichen Stammeslinie waren, der Varietäten,
deren Vielzahl ein beschleunigtes Evolutionstempo ermöglichte
zu jenen Zeiten, als der Mensch mit seinem künstlichen Klima
im Gepäck in die neuen ökologischen Nischen einströmte. Die
bisherige Forschung reicht noch nicht aus, die tatsächlichen
Siedlungsschemata zu bestimmen, doch scheinen sie sich nach
neuester Einsicht vor allem durch Abwechslungsreichtum
auszuzeichnen: Es gab Gruppen, die ständig unterwegs waren,
während andere jahreszeitlich bedingt wanderten und wieder
andere das ganze Jahr seßhaft blieben.9
Ich habe die Klimaänderungen während dieser jüngsten
Eiszeit deswegen besonders betont, weil ich glaube, daß sie der
Ursprung des Selektionsdrucks waren, der über mehrere Stadien
hin die Entwicklung der Sprache prägte.
Rufe, Modifikatoren, Imperative
Erstes Stadium und Conditio sine qua non der
Sprachentwicklung ist der Übergang von zufallsbedingten
»unwillkürlichen« Ausrufen zu intentionalen Zurufen, nämlich
Ausrufen, die im Prinzip so lange wiederholt werden, bis eine
Verhaltensänderung des Empfängers sie abstellt. Auf der
vorausliegenden Etappe in der Evolution der Primaten waren
nur mimische/gestische Signale wie die Drohgebärden, also
visuelle Signale, intentionale Signale gewesen. Die evolutionäre
Ausdehnung der Intentionalität auf auditive Signale wurde
unumgänglich, als der Mensch in nördliche Klimate
einwanderte, wo sowohl im Freien wie in den dunklen Höhlen,
die er sich zur Behausung wählte, die Lichtverhältnisse
schlechter waren und visuelle Signale nicht mit der gleichen
Zuverlässigkeit und Promptheit übermittelt werden konnten wie
auf den sonnigen afrikanischen Savannen. Der fragliche
Evolutionsprozeß dürfte bereits im tertiären Eiszeitalter,
womöglich sogar noch früher eingesetzt haben. Doch erst wenn
im quartären Eiszeitalter zunehmende Kälte und Dunkelheit in
den nördlichen Klimaten erlebt werden, bedeuten die
intentionalen Stimmsignale einen Selektionsvorteil für den, der
über sie verfügt.
Was ich hier biete, ist das Resümee einer Theorie der
Sprachevolution, die ich anderswo ausführlicher und mit
umfassender Argumentation dargelegt habe.10 Diese Theorie ist
nicht als das letzte Wort über das tatsächliche
Evolutionsgeschehen gemeint, sondern vielmehr als eine grob
umrissene Arbeitshypothese zur ersten Annäherung an die
Tatsachen. Überdies handelt es sich bei den von mir
beschriebenen Stadien der Sprachentwicklung nicht
notwendigerweise um diskrete (abgegrenzte) Zustände, noch
treten sie allerorten stets in der gleichen Reihenfolge auf. Um es
zu wiederholen: die zentrale Aussage, die sich aus meiner Sicht
der Dinge ergibt, lautet: Jede neue Etappe der Wortgeschichte
schuf buchstäblich neue Wahrnehmungen und eine neue
Aufmerksamkeitsorganisation, und diese neuen Wahrnehmungen
und Aufmerksamkeitsrichtungen hatten jeweils bedeutende
kulturelle Veränderungen zur Folge, die sich in den
archäologischen Zeugnissen widerspiegeln.
Die ersten Elemente einer Wortsprache waren die Schlußlaute
intentionaler Rufe in der durch unterschiedliche Intensität
bewirkten Differenzierung. So würde man zum Beispiel einen
Warnruf in einer höchst akuten Gefahrensituation mit erheblich
verstärktem Nachdruck ausstoßen, wodurch das Schlußphonem
eine Veränderung erfährt. Ein sprungbereiter Tiger etwa könnte
ein »wahi!« provozieren, während man es für einen Tiger in der
Ferne mit einem weniger nachdrücklichen Ruf – der
dementsprechend anders aus – lautet, etwa »wahu!« – genug
sein läßt. Aus diesen Endungen wurden in der Folge die ersten
Modifikatoren, mit der Bedeutung »nah« und »fern«. Und der
nächste Schritt bestand darin, daß diese Endungen »hi« und
»hu« vom ursprünglichen Ruf abgetrennt und unter Erhaltung
ihres Bedeutungswerts mit anderen Rufen kombiniert werden
konnten.
Der springende Punkt hierbei ist, daß die Differenzierung von
Stimmlauten zu spezifizierenden Konstituenten der Erfindung
der zu spezifizierenden Nomina vorausgehen mußte und nicht
umgekehrt. Und was noch wichtiger ist: in diesem Stadium hat
die Sprache lange verharren müssen, bis jene Modifikatoren
stabilisiert waren. Die langsame Entwicklung war auch in dem
Erfordernis begründet, das Grundrepertoire des Rufsystems
intakt zu halten, damit es weiterhin seine intentionalen
Funktionen erfüllen konnte. Die Epoche der Modifikatoren
dauerte vermutlich bis um 40000 v. Chr., bis zu der Zeit also,
die in archäologischer Hinsicht durch retuschierte Faustkeile
(Einseiter wie Zweiseiter) gekennzeichnet ist.
Die nächste Etappe könnte eine Epoche des Imperativs
gewesen sein, in der die Modifikatoren – abgetrennt von den
Rufen, die sie spezifizieren, und verselbständigt – nunmehr
direkt zur Spezifizierung von menschlichem Handeln dienen
konnten. Insbesondere seit die Menschen unter kühleren
Klimabedingungen mehr und mehr auf die Jagd als
Lebensunterhalt angewiesen waren, muß der auf einer solchen
mittels stimmlicher Kommandos zusammengehaltenen und
gesteuerten Gruppe von Jägern lastende Selektionsdruck
immens gewesen sein. Und es ist nicht schwer, sich
vorzustellen, daß die Erfindung eines Modifikators mit der
Bedeutung »schärfer«, und dieser sodann als Kommando
ausgegeben (»schärfer!«), einen merklichen Fortschritt in der
Herstellung von Gerätschaften aus Feuerstein und Knochen zu
bewirken vermochte, der sich in dem Zeitraum 40000 – 25000
v. Chr. zu einer wahren Explosion von neuen Gerätetypen
auswuchs.
Substantive
Sobald ein Stamm über ein Repertoire von Modifikatoren und
Imperativen verfügt, ist die Notwendigkeit, das ältere, primitive
Rufsystem unverändert aufrechtzuerhalten, hinfällig geworden
und kann erstmals so weit gelockert werden, wie es erforderlich
ist zur Bezeichnung von Referenten der Modifikatoren und
Imperative. Bedeutete »wahi!« mit seinem höheren
Intensitätsgrad einmal eine akute Gefahr, so könnte »waki!«
jetzt einen herannahenden Tiger und »wabi!« einen
herannahenden Bären signalisieren. Wir hätten hier die ersten
Sätze – bestehend aus Substantiv + prädikativem Modifikator
(in Suffixform) – vor uns: zu dergleichen dürfte es zu
irgendeinem Zeitpunkt zwischen 25000 und 15000 v. Chr.
gekommen sein.
Dies sind nicht einfach willkürlich aus der Luft gegriffene
Spekulationen. Daß auf Modifikatoren Imperative und – jedoch
erst wenn diese hinreichend stabilisiert sind – weiter dann
Substantive folgen, ist kein Zufall. Und ebensowenig die
Chronologie. Wie die Epoche der Imperative mit der
Herstellung von stark verbesserten Geräten einhergeht, so bringt
die Epoche der Substantive die Anfänge von Tierdarstellungen
auf Höhlenwänden und Gerät au Horn.
Das nächste Stadium – praktisch die Fortschreibung des
vorigen – bringt die Herausbildung von Substantiven als
Sachbezeichnungen. Und wie die Tiernamen einst die
Tierdarstellungen hervorriefen, so rufen jetzt die Namen der
Dinge neue Dinge hervor. In diese Epoche fällt nach meinem
Dafürhalten die Erfindung der Keramik, der Schmuckketten und
Anhänger sowie der mit Widerhaken versehenen Harpune und
Speerspitze, die zwei letzteren von überragender Bedeutung für
die Ausbreitung der menschlichen Spezies in dir schwierigeren
Klimate. Aus Fossilfunden wissen wir zuverlässig, daß das
Gehirn, insbesondere der Stirnlappen vor der Zentralfurche, mit
einem Tempo wuchs, das die Evolutionsforscher noch heute in
Erstaunen setzt. Und mit dem Abschluß dieser Epoche, die
ungefähr dem Zeitraum der Kultur des Magdalenien entspricht;
war auch die Entwicklung der Sprachzentren zum heute
gegebenen Zustand abgeschlossen.
Der Ursprung von Gehörshalluzinationen
An dieser Stelle wollen wir uns kurz einem weiteren Problem
zuwenden, das sich im Zusammenhang mit der Frage nach dem
Ursprung der Götter stellt: der Frage nach dem Ursprung von
Gehörshalluzinationen. Die Problematik liegt gerade darin, daß
die Existenz solcher Halluzinationen in der Welt von heute nicht
zu bezweifeln ist, für die bikamerale Epoche jedoch allenfalls
erschlossen werden kann. Woher also halluzinierte Stimmen?
Die plausibelste Hypothese ist die, daß sie eine Nebenwirkung
des Sprachverstehens waren, das sich durch natürliche Selektion
als Mittel der Verhaltenskontrolle herausbildete.
Nehmen wir den Fall eines Mannes, der sich selbst oder dem
das Stammesoberhaupt den Befehl gab, weit weg vom Lager
den Flußlauf hinauf ein Fischwehr anzulegen. Wenn er kein
Bewußtsein hat! und infolgedessen die Umstände nicht
narrativieren kann, das heißt kein »Ich (qua Analogon)« in
spatialisierter Zeit mit allem, was dazugehört, vor seinem
»inneren Auge« sich ständig präsent halten kann – wie geht er
dann die Sache an? Ich meine, nur die Sprache hält ihn bei der
Stange – bei dieser langwierigen, den Nachmittag aufzehrenden
Plackerei. Ein Mensch des mittleren Pleistozäns würde sofort
wieder vergessen haben, was er da zu tun im Begriff war. Doch
der sprechende Mensch hätte seine Sprache, ihn daran zu
erinnern: entweder indem er selbst das Kommando wiederholt –
was einen Typ des Wollens voraussetzt, zu dem er meiner
Meinung nach seinerzeit noch nicht in der Lage war – oder aber,
wie es wahrscheinlicher ist, vermittels wiederholter »innerer«
Sprachhalluzination, die ihm sagt, was zu tun ist.
Jemandem, der das vorige Kapitel nicht ganz verstanden hat,
müssen derartige Überlegungen höchst befremdlich und
abwegig vorkommen. Stellt man sich jedoch unumwunden und
ernsthaft dem Problem, die Entwicklung des menschlichen
Geistes einsehbar zu machen, dann erkennt man, daß solche
Lösungsvorschläge wichtig und notwendig sind, auch wenn wir
derzeit noch nicht wissen, auf welchem Weg sie zu
substantiieren wären. Ein Verhalten, das enger an aptische
Strukturen gebunden ist (in älterer Ausdrucksweise:
»Instinktverhalten«), bedarf keiner fortwährenden
Impulszündung. Aber erlernte Handlungsweisen ohne
Endhandlung müssen durch einen äußeren Faktor, der nicht zur
Handlung selbst gehört, aufrechterhalten werden. Und
Sprachhalluzinationen könnten der Faktor sein, der das leistet.
So etwa setzt der halluzinierte Imperativ »Schärfer!« den
Urmenschen ohne Bewußtsein beim Verfertigen eines Geräts in
den Stand, für sich allein bei der Sache zu bleiben. Das gleiche
leistet ein halluzinierter Ausdruck mit der Bedeutung »feiner«
für einen anderen, der Körner zwischen Steinen zu Mehl
zerreibt. In der Tat begann nach meiner Meinung zu diesem
Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte das artikulierte Sprechen
unter dem Selektionsdruck langwieriger Aufgaben im Gehirn
nur mehr einseitig repräsentiert zu werden, damit die andere
Seite frei blieb für die halluzinierten Stimmen, die dieses
Verhalten aufrechterhielten.
Die Epoche der Eigennamen
In leider nur allzu skizzenhafter Raffung zeigten wir bisher,
was aus der Evolution der Sprache nicht wegzudenken ist. Doch
bevor die Götter ihren Auftritt haben konnten, mußte zuerst
noch ein weiterer Schritt gemacht, mußte die Erfindung eines
hochbedeutsamen sozialen Phänomens getätigt werden: die
Erfindung der Eigennamen.
Es berührt uns irgendwie seltsam, zu hören, daß Eigennamen
an einem speziellen Punkt der Menschheitsgeschichte speziell
erfunden werden mußten. Wann war das? Und welche
Veränderungen in der menschlichen Kultur mußte das
bedingen? Ich meine, nicht vor dem Mesolithikum, so etwa
zwischen 10000 und 8000 v. Chr. traten erstmals Eigennamen
auf. Während dieser Periode paßte der Mensch sich den
veränderten Umweltbedingungen der wärmeren Nacheiszeit an.
Die ausgedehnte Eisdecke war bis auf die Höhe von
Kopenhagen zurückgewichen, und der Mensch stimmt sich jetzt
auf ein spezifisch neues Umweltverhältnis ein, auf die Jagd in
der Tundra, das Waldleben, das Schalentiersammeln oder auf
die Kombination von Festlandjagd mit der Ausbeutung
maritimer Ressourcen (Fischfang, Muschelsammeln,
Schlingenjagd am Strand). Die Lebensweise dieser Menschen
zeichnet sich gegenüber der ihrer Vorläufer, der mobileren
Jägertrupps mit ihrer hohen Sterblichkeit, durch stabilere
Populationen aus. Verfestigung der Populationsverhältnisse,
Verfestigung zwischenmenschlicher Beziehungen, erhöhte
Lebenserwartung und wahrscheinlich innerhalb der
Einzelgruppe eine größere Zahl von Mitgliedern, die
auseinanderzuhalten waren -- das alles macht sowohl
Notwendigkeit wie Wahrscheinlichkeit der Weiterentwicklung
vom Substantiv zum Eigennamen für das einzelne Individuum
leicht begreiflich.
Sobald aber nun ein Stammesmitglied seinen eigenen Namen
hat, kann es in seiner Abwesenheit gewissermaßen reproduziert
werden. Man kann an »ihn«/»sie« denken – »denken« in der
speziellen, keine Bewußtseinskomponente einschließenden
Bedeutung des Eingliederns in Sprachstrukturen. Zwar gibt es
auch aus früherer Zeit Funde, die man zur Not als Gräber
bezeichnen kann, doch begegnen wir erstmals in dieser Epoche
der förmlichen Bestattung als allgemeinem Brauch. Nun denken
Sie sich einen jüngst Verstorbenen, der Ihnen nahestand, und
nehmen Sie einmal an, er oder sie wäre namenlos: Wie wäre es
dann um Ihren Kummer bestellt? Wie lange könnte er währen?
Vermutlich hatte der Mensch in vorausgegangenen Zeiten, wie
die anderen Primaten auch, seine Toten einfach dort
liegenlassen, wo sie gerade verendet waren; oder er hatte sie mit
Steinen zudringlichen Blicken entzogen und in manchen Fällen
sie wohl auch gebraten und verzehrt.11 Aber genau wie die
generische Bezeichnung für ein Tier die Objektbeziehung
intensiviert, so auch der Eigenname der menschlichen Person.
Und wenn die Person stirbt, dauert gleichwohl der Name und
damit die Beziehung weiter fast wie zu Lebzeiten, und daher
rühren die Bestattungssitten und die Trauer. Die Vertreter der
mesolithischen Ertebölle-Kultur von Morbihan beispielsweise
beerdigten ihre Toten in Fellkleidern, die von Knochennadeln
zusammengehalten wurden; manchmal gaben sie ihnen ein
Hirschgeweih als Kopfschmuck mit und bedeckten sie zum
Schutz mit Steinplatten.12 Aus anderen Gräbern der gleichen
Periode kamen Tote mit Krönchen, vielfältigen Schmuck- und
möglicherweise auch Blumenbeigaben zum Vorschein, sämtlich
in sorgfältig ausgehobene Gruben gebettet – was alles, wie ich
meine, das Resultat der Erfindung des Eigennamens ist.
Aber noch ein anderer Wandel stellt sich gemeinsam mit den
Namen ein. Bis zur fraglichen Periode waren vermutlich
fallweise auftretende Gehörshalluzinationen anonym und ohne
die geringste Bedeutung im sozialen Interaktionszusammenhang
geblieben. Sobald jedoch diese oder jene Halluzination
namentlich – als von dieser oder jener bestimmten Person
ausgehende Stimme – identifiziert wird, gewinnt der Vorgang
eine ganz andere Qualität. Die Halluzination ist jetzt eine soziale
Interaktion von sehr viel größerem Einfluß auf das Verhalten
des Individuums. Vor ein neues Problem geraten wir hier mit
der Frage, wie denn nun halluzinierte Stimmen eine Identität
bekamen, mit welcher Person sie identifiziert wurden und wie
sie, wenn sie zu vielen auftraten, auseinandergehalten wurden.
Die vorhandenen autobiographischen Schriften Schizophrener
werfen einiges Licht auf die se Fragen – freilich nicht genug, um
uns in die Lage zu versetzen, hier tiefer in die Materie
eindringen zu können. Wir benötigen dringend
Spezialforschungen in diesem Bereich des schizophrenen
Erlebens, die uns helfen würden, unser Verständnis des
Menschen der mittleren Steinzeit zu erweitern.
Das Aufkommen der Landwirtschaft
Wir stehen nunmehr an der Schwelle zur bikameralen Epoche,
denn der Mechanismus der sozialen Kontrolle, der die
Organisation zahlenstarker Populationen zu Stadtstaaten erlaubt,
ist vorhanden. Es herrscht allgemeine Übereinstimmung, daß der
Übergang von der Jäger-und-Sammler-Wirtschaft zu einer
Wirtschaftsweise, die auf der Produktion der Nahrungsmittel
durch Domestikation von Pflanze und Tier beruht, der
Riesenschritt war, der Kultur und Zivilisation ermöglichte. Doch
über das Wie und Warum dieses Wandels gehen die Meinungen
weit auseinander.
Die herkömmliche Theorie knüpft in erster Linie an den
folgenden Umstand an: Gegen Ende des Pleistozäns, als der
größte Teil Europas von Gletsche rn bedeckt war, erfreute sich
der Landstrich, der von der nordafrikanischen Atlantikküste
über den Nahen Osten bis zum Zagrosgebirge im Iran reichte, so
ausgiebiger Regenfälle, daß man ihn in der Tat als einen
einzigen fruchtbaren Garten Eden betrachten kann, wo Pflanzen
im Überfluß wuchsen, um ein vielzähliges, vielgestaltiges
Tierleben – einschließlich des altsteinzeitlichen Menschen – mit
Nahrung versorgen zu können. Mit dem Zurückweichen der
Eisdecke hätte sich der Kurs dieser atlantischen Regenwinde
weiter nach Norden verlagert, und der gesamte Nahe Osten sei
zunehmend ausgetrocknet. Die eßbaren Wildpflanzen und das
jagdbare Wild reichten für die menschliche Existenzform des
schlichten Nahrungssammelns nicht mehr aus. Als Folge davon
wanderten viele Stämme aus jenem Gebiet nach Europa ab. Die
zurückbleibenden – so Pumpelly, der anhand der eigenen
Ausgrabungen als erster diese Hypothese formulierte – »wurden
in die Oasen gedrängt und begannen unter dem Zwang, sich
neue Nahrungsquellen zu erschließen, die urwüchsigen Pflanzen
zu kultivieren, und in diesem Zusammenhang wiederum
erlernten sie, die Körner verschiedener Grasarten zu nutzen, die
auf dem ausgetrockneten Boden und in den Dschungelsümpfen
um die Mündungen der größeren Wüstenflüsse wuchsen«.13
Dieser Ansicht hat sich dann eine Reihe von späteren
Historikern angeschlossen, unter ihnen Childe14 und auch
Toynbee15, der diese mutmaßliche Dürre im Nahen Osten als
»Herausforderung seitens der physischen Umwelt« verstand, auf
welche ackerbauende Kulturen die Antwort waren.
Neuere Forschungen16 haben jedoch erwiesen, daß es keine
derartige ausgedehnte Dürre gab und daß der Ursprung der
Landwirtschaft nicht in ökonomischem »Zwang« zu suchen ist.
Ich habe schon einmal die überwältigende Bedeutung der
Sprache für die Entwicklung der Kultur im Mesolithikum
hervorgehoben, und das gleiche möchte ich auch hier wieder
tun. Wie wir im Dritten Kapitel gesehen haben, ermöglicht die
Sprache mit der metaphorischen Bezeichnung von Dingen die
Steigerung von Wahrnehmung und Aufmerksamkeit und schafft
damit die Möglichkeit, neue Namen für neue Sachverhalte von
Bedeutung zu prägen. Dieser sprachlich vermittelte
Geisteszuwachs fand sich im Nahen Osten inmitten einer
Umwelt wieder, die der Zufall mit domestizierbarer Fauna und
Flora gesegnet hatte: mit wilden Weizensorten und Wildgerste,
deren natürliches Verbreitungsgebiet überlappte mit den sehr
viel weiter ausgedehnten Lebensräumen der südwestasiatischen
Herdentiere Ziege, Schaf, Rind und wildes Schwein. Und aus
diesem Zusammentreffen des sprachvermittelten Neugeists mit
der solchermaßen konstellierten Umwelt sind nach meiner
Ansicht Ackerbau und Viehzucht erwachsen.
DER ERSTE GOTT
Wenden wir jetzt vorübergehend unsere Aufmerksamkeit der
bestbekannten, am gründlichsten untersuchten mesolithischen
Kultur zu, dem Natoufien, so benannt nach dem ersten Fundort,
dem Wadi el-Natuf in Palästina. Um 10000 v. Chr. waren die
Natoufien-Menschen Jäger wie ihre paläolithischen Vorfahren,
etwa 1,50 in groß, und bewohnten häufig Höhleneingänge; sie
waren ebenso geschickt als Bearbeiter von Knochen und
Geweihen wie als Hersteller von retuschierten Feuersteinklingen
und sticheln; was Tierzeichnungen betraf, konnten sie es
beinahe mit den Höhlenmalern von Lascaux aufnehmen; als
Schmuck trugen sie durchbohrte Muscheln und Tierzähne.
Um 9000 v. Chr. sehen wir sie ihre Toten in formellen
Gräbern bestatten und eine seßhaftere Lebensweise annehmen.
Letzteres tut sich in den ersten Anzeichen einer geregelteren
Bautätigkeit kund, wie zum Beispiel das Bepflastern und
Auskleiden von Abris (das sind Wohnstätten unter
Felsvorsprüngen oder in Felsnischen) mit reichlich Gips oder
Gräberfelder, die bis zu 87 Bestattungsplätze umfassen, eine in
früheren Zeiten nie gekannte Dimension. Wir haben es jetzt, wie
ich schon sagte, mit der Epoche der Eigennamen zu tun – mit
allem, was diese mit sich bringen.
Die unter freiem Himmel liegende Natoufien-Ansiedlung bei
‘Aïm Mallaha (Eynan) zeigt den Wandel in seiner
dramatischsten Form.17 Sie wurde im Jahr 1959 entdeckt;
inzwischen ist der knapp 20 Kilometer nördlich vom See
Genezareth auf einer natürlichen Terrasse oberhalb des Huleh-
Sumpfsees gelegene Ort eine der am fleißigsten bearbeiteten
Ausgrabungsstätten. Drei zeitlich aufeinanderfolgende
Dauersiedlungen aus der Zeit um 9000 v. Chr. sind dort in
penibler Kleinarbeit exhumiert worden. Jede bestand aus etwa
fünfzig runden schilfgedeckten Steinhäusern mit Durchmessern
von bis zu sieben Metern. Die Häuser waren um einen Platz
herum errichtet, auf dem zahlreiche glockenförmige Gruben
ausgehoben waren, die, mit Gips ausgekleidet, der
Aufbewahrung von Nahrungsmitteln dienten. In einigen Fällen
waren die Gruben als Bestattungsplätze wiederverwendet
worden.
Hier nun haben wir einen sehr bedeutsamen Wandel in den
Gegebenheiten des Menschseins vor uns: statt eines
Nomadenstamms von rund zwanzig Mitgliedern, der in
Höhleneingängen kampiert, eine Stadt von wenigstens 200
Bewohnern. Eine Fülle von Erntemessern, Stößeln und
Stampfern sowie in den Boden jedes Hauses eingelassene
Mahlsteine und Mörser, also Geräte zum Einbringen und
Verarbeiten von Getreide und Hülsenfrüchten, das alles bezeugt
das Aufkommen des Ackerbaus, und der aufkommende
Ackerbau ist es, der diese Seßhaftigkeit und Zahlenstärke der
Gruppe ermöglicht. Die Landbestellung war zur gegebenen Zeit
unbeschreiblich primitiv und der Ertrag lediglich eine
Ergänzung zur großen Vielfalt der Tierfauna – Wildziegen,
Gazellen, Wildschweine, Füchse, Hasen, Nager, Vögel, Fische,
Schildkröten, Krebse, Muscheln und Schnecken – die, wie aus
14C-datierten Überresten hervorgeht, den wesentlicheren Teil
der Kost ausmachte.
Der halluzinogene König
Eine Stadt! ... Nun ist es zwar nicht undenkbar, daß ein
einzelnes Stammesoberhaupt über ein paar hundert Menschen
gebietet, aber es wäre eine aufreibende Arbeit, wenn die
Herrschaft in wieder und wieder erneuertem direktem Kontakt
mit jedem einzelnen Gruppenmitglied realisiert werden müßte,
wie die Dominanz in Primatengruppen mit streng
hierarchischem Aufbau.
Wenn wir jetzt versuchen, uns die soziale Seite des Lebens in
‘Aïn Mallaha zu vergegenwärtigen, bitte ich den Leser, dabei
nie zu vergessen, daß die Natoufiens kein Bewußtsein hatten.
Sie konnten nicht narrativieren, und es gab für sie kein »Ich (qua
Analogon)«, vermittels dessen sie »sich« in ihrem Verhältnis zu
den anderen zu »sehen« vermocht hätten. Sie waren, so könnte
man aus heutiger Sicht sagen, signalverhaftet, das heißt, sie
reagierten fortwährend reflektorisch auf Hinweisreize aus der
Umgebung und wurden durch diese Hinweisreize gesteuert.
Und welches waren die Hinweisreize, die einen so
umfänglichen Sozialkörper organisierten? Welche Signale übten
die soziale Kontrolle über die zwei-, dreihundert Glieder an
diesem Sozialkörper aus?
Ich habe die These vorgetragen, derzufolge
Gehörshalluzinationen als Nebenwirkungen im Zuge der
Sprachrevolution auftraten und dazu dienten, das Individuum
zum Ausharren bei den vom Stammesleben erheischten
längerwierigen Arbeiten zu bewegen. Diese Halluzinationen
nahmen ihren Ausgang von lauten Befehlen, die das Individuum
sich entweder selbst erteilte oder vom Stammesoberhaupt erteilt
bekam. Von hier aus führt ein geradliniger Zusammenhang zu
den komplexeren Gehörshalluzinationen, die nach meinem
Dafürhalten die Hinweisreize der sozialen Kontrolle in ‘Aïn
Mallaha und als solche aus den Befehlen und Reden des Königs
hervorgegangen waren.
Wir dürfen hier allerdings nicht in den Irrtum verfallen, uns
diese Gehörshalluzinationen als Reproduktion faktisch
geäußerter königlicher Kommandos – also etwa so wie das
Abhören von Tonbandaufzeichnungen – vorzustellen. Zwar mag
die Sache so angefangen haben, doch gibt es keinen
vernünftigen Grund, der dagegen spräche, daß die halluzinierten
Stimmen mit fortschreitender Zeit auch »denken« und Probleme
lösen konnten, obzwar alles unbewußt. Die »Stimmen« unserer
zeitgenössischen Schizophrenen »denken« genausoviel wie und
oftmals noch mehr als ihre Wirte. Demnach vermochten die
»Stimmen«, die, wie ich meine, die Natoufien-Menschen hörten,
mit der Zeit auch zu improvisieren und Sachen zu »sagen«, die
der König selbst nie gesagt hatte. Freilich dürfen wir annehmen,
daß all diese neu hinzutretenden Halluzinationen stets einen
engen Zusammenhang zum Persönlichkeitsbild des realen
Königs wahrten. Der Sachverhalt ist der gleiche, wie wenn wir
heute »intuitiv« wissen, wie ein abwesender Bekannter in dieser
oder jener Situation höchstwahrscheinlich urteilen würde.
Dergestalt trug jeder Arbeiter- gleichgültig, ob beim
Muschelsammeln, beim Fallenstellen, im Streit mit einem
Rivalen oder beim Säen an dem Platz, wo man zuvor das
Wildgetreide geerntet hatte die Stimme seines Königs in sich,
die für den kontinuierlichen, ausdauernden Fortgang und den
Kollektivnutzen seines Tuns sorgte.
Der Gottkönig
Wir haben dafür optiert, im Anschluß an die heutigen
Gegebenheiten als auslösenden Faktor für die Halluzinationen
Streß anzunehmen. Wenn unsere Überlegung insoweit richtig
ist, dann leuchtet weiter ein, daß der durch den Tod eines
Menschen bewirkte Streß mehr als genug war, um die
halluzinierte Stimme des Toten zu evozieren. Vielleicht ist dies
der Grund, warum in so vielen prähistorischen Kulturen die
Köpfe der Toten vom Rumpf getrennt oder die Beine gebrochen
oder gefesselt wurden, warum man so häufig Eßwaren als
Grabbeigaben findet und warum die Funde so häufig darauf
hindeuten, daß ein Leichnam zweimal bestattet wurde, beim
zweitenmal (nach Erlöschen seiner Stimme) in einem
Kollektivgrab.
Und wenn sich das schon bei einem gewöhnlichen Sterblichen
so verhielt, um wieviel mehr bei einem König, dessen Stimme
bereits zu seinen Lebzeiten mit Halluzinationen geherrscht hatte.
Wir dürfen also mit Fug erwarten, daß die letzte Ruhestätte
dieses reglosen Menschen, dessen Stimme noch immer den
Zusammenhalt der ganzen Gruppe stiftete, eine ganz besonders
aufmerksame Zuwendung erfuhr.
Unter diesem Gesichtspunkt ist das Grabhaus in ‘Aïn Mallaha
der Zeit um 9000 v. Chr. – das einzige (bisher entdeckte) seiner
Art – ein beachtlicher Fall. Das eigentliche Grabhaus war ein
Rundbau wie die übrigen Häuser, mit einem Durchmesser von
etwa fünf Metern. Im Inneren lagen, in der Mitte des Raumes
rücklings ausgestreckt, zwei vollständige menschliche Skelette
mit abgetrennten und unnatürlich verdrehten Beinen. Das eine
trug einen Kopfputz aus Schalen von »Elefantenzähnen« (in
diesem Fall Weichtiere der Klasse Grab- oder Kahnfüßer) und
wird für das der Frau des Königs angesehen. Das zweite – das
Skelett eines erwachsenen Mannes, vermutlich des Königs – war
mit Steinen teils bedeckt, teils auf sie gestützt, und der
aufgerichtete, in weitere Steine gebettete Kopf blickte zu den
schneebedeckten Gipfeln des 50 Kilometer entfernten Bergs
Hermon hinüber.
Zu irgendeinem späteren Zeitpunkt – ob bald oder erst Jahre
nach der Bestattung, wissen wir nicht – wurde das Grabhaus mit
einer gemauerten, mit Ocker bestrichenen Brüstung umgeben.
Die Himmelsöffnung wurde mit großen flachen Steinen
zugepflastert, so daß die beiden reglosen Bewohner fortan
ungestört unter einem festen Dach ruhten. Auf dem Flachdach
wurde eine Feuerstelle errichtet. Noch später wurde auch diese
mit einer niedrigen runden Brüstung ummauert, die ihrerseits ein
flaches Steindach erhielt, auf dem in der Mitte drei große, von
kleineren Steinen umgebene Steinblöcke gruppiert wurden.
Meine Vermutung geht dahin, daß der auf sein steinernes
Ruhekissen aufgestützte tote König in den Halluzinationen
seines Volkes noch immer Befehle ausgab, daß die rotbemalte
Ringmauer mit Terrassendach und Feuerstelle die Antwort auf
die Zersetzung des Leichnams darstellte und daß die Anlage als
solche, die auf mehrere hundert Meter im Umkreis das
Gesichtsfeld beherrschte, wenigstens zeitweilig – wie die grauen
Nebelschleier über der Ägäischen See für Achilleus – ein
Quellpunkt der Halluzinationen und Imperative war, die das
soziale Leben in der Welt des mesolithischen ‘Aïn Mallaha
steuerten.
In paradigmatischer Form war hier vorgebildet, was die
kommenden acht Jahrtausende bringen sollten. Ist der König tot,
wird er zum lebendigen Gott. Das Mausoleum des Königs ist
das Haus des Gottes: Hier nehmen die kunstreichen
Gotteshäuser und Tempel, denen wir im folgenden Kapitel
unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen, ihren Anfang. Noch
die zweistufige Bauweise weist voraus auf die vielstufigen
Zikkurats, auf die übereinandergebauten Tempel, wie zum
Beispiel in Eridu, oder auf die gigantischen Pyramiden im
Niltal, die die allerhabene Zeit in Tausenden, von Jahren zu
geschichtlicher Blüte bringen wird.
Wir sollten ‘Aïn Mallaha nicht verlassen, ohne zuvor das
diffizile Problem der Amtsnachfolge wenigstens gestreift zu
haben. Zugegeben, in dieser Hinsicht finden sich in ‘Aïn
Mallaha so gut wie keine konkreten Fingerzeige. Doch der
Umstand, daß das königliche Grabhaus auch ältere Begräbnisse
enthielt, die für den toten König und seine Frau beiseite geräumt
worden waren, läßt vermuten, daß es sich bei jenen früheren
Bewohnern um vorausgegangene Könige handelt. Und der
Umstand, daß sich neben der Feuerstelle auf der nächsthöheren
Ebene über dem aufgestützten König noch ein Schädel fand,
könnte dafür sprechen, daß es sich hierbei um den des
unmittelbaren Nachfolgers handelt und daß nach und nach die
halluzinierte Stimme des alten mit der des neuen Königs
verschmolz. Vielleicht hatte der Osiris-Mythos, der die
treibende Kraft hinter den altägyptischen Herrscherdynastien
war, schon hier begonnen.
Die Gleichung königliches Grabhaus = Gotteshaus bleibt
jahrtausendelang charakteristisch für viele Zivilisationen,
insbesondere die ägyptischen. Häufiger jedoch geht die eine
Seite der Gleichung, nämlich die menschliche, verloren, und
zwar in solchen Fällen, wo der Nachfolger eines Königs
während der Dauer seiner eigenen Herrschaft fortfährt, die
Stimme seines Vorgängers zu halluzinieren, und sich daraufhin
selbst zum Priester oder Diener des verstorbenen Königs erklärt:
Dieses Schema galt für alle mesopotamischen Zivilisationen.
Anstelle des Grabhauses gibt es nur mehr schlicht und einfach
den Tempel, und die Stelle des Leichnams hat eine Statue
eingenommen, die noch mehr Dienstbarkeit und Verehrung
genießt, da sie nicht der Zersetzung unterworfen ist. Im nächsten
und übernächsten Kapitel werden wir auf diese Idole-Surrogate
für die Leichen der Könige – ausführlicher eingehen. Sie spielen
eine wichtige Rolle. Wie im Termitenbau oder im Bienenkorb
die Königin sind in der bikameralen Welt die Idole die
wohlbehüteten Zentren der sozialen Kontrolle, nur daß hier
Gehörshalluzinationen an die Stelle von Pheromonen getreten
sind.
Der Sieg der Zivilisation
Hier also haben wir den Anfang der Zivilisation. Ziemlich
unvermittelt treten um 9000 v. Chr. archäologische Zeugen des
Ackerbaus wie die Erntemesser, Stampf- und Mahlwerkzeuge
von ‘Aïn Mallaha mehr oder weniger gleichzeitig an mehreren
Fundorten in der Levante und im Irak auf, was auf eine sehr
frühe Verbreitung des Ackerbaus im nahöstlichen Hochland
hindeutet. Und wie in ‘Aïn Mallaha ging in diesem
Anfangsstadium auch andernorts der Landbau, wie später die
Viehzucht, Hand in Hand mit einer zunächst noch vorrangigen
Sammelwirtschaft.18
Aber bis um 7000 v. Chr. war die Landwirtschaft in den an
diversen Fundorten in der Levante, dem Zagrosgebiet und im
Südwestteil Anatoliens ausgegrabenen bäuerlichen
Ansiedlungen zum ersten Rang unter den Quellen des
Nahrungserwerbs aufgestiegen. Als Erntefrucht wurden
Einkorn, Emmer und Gerste angebaut, als Zuchttiere Schafe,
Ziegen und mitunter Schweine gehalten. Bis um 6000 v. Chr.
hatten sich bäuerliche Gemeinschaften über einen Großteil des
Nahen Ostens verbreitet. Und um 5000 v. Chr. war die
bäuerliche Kolonisierung der Alluvialflußtäler von
Euphrat/Tigris und Nil in rapidem Fortschritt begriffen, was
bedeutete, daß wachsende Bevölkerungszahlen diese
ertragreichen Kulturlandschaften überschwemmten.19 Städte von
10000 Einwohnern, wie Merinde am Westrand des Nildeltas,
waren keine Seltenheit.20 In Ur und Ägypten traten die großen
Dynastien in die Geschichte ein, deren Bild sie so nachhaltig
prägen sollten. Um 5000 v. Chr., möglicherweise auch 500 Jahre
früher, begann zudem die Postglaziale Mittlere Wärmezeit (auch
Atlantikuni genannt), die bis gegen 3000 v. Chr. dauerte; wie
sich vor allem anhand von Pollenuntersuchungen belegen läßt,
zeichnete sich das Erdklima während dieser Periode durch
optimale Wärme- und Feuchtigkeitsbedingungen aus, was das
weitere Vordringen der Landwirtschaft nach Europa und
Nordafrika sowie die Steigerung der Produktivität im Nahen
Osten begünstigte. Und das Steuerungsorgan für diesen
ungeheuer komplexen Prozeß der Zivilisation der Menschheit
war die bikamerale Psyche – diesen Schluß, so meine ich,
machen die historischen Zeugnisse unabweislich.
Dem Beweismaterial der Geschichte wollen wir uns nunmehr
in den folgenden Kapiteln zuwend en.