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The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind
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German Translation
Der Ursprung des Bewußtsein
Julian Jaynes
(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)
Zweites Kapitel: Das Bewußtsein
Nachdem wir also einige der wichtigsten Mißverständnisse in
Bezug auf das Bewußtsein gleichsam mit Hammer und Meißel
weggehauen haben, stellt sich die Frage, was uns geblieben ist.
Wenn das Bewußtsein alles das nicht ist, wenn es sich nicht so
weit erstreckt, wie wir glauben, wenn es weder eine
Aufzeichnung unseres Erlebens noch das unentbehrliche
Medium des Lernens, Urteilens, ja nicht einmal des Denkens ist
– was ist es dann? Wir starren in den Staub und die Trümmer
und hoffen, das Bewußtsein wie die Schöpfung des Pygmalion
in ursprünglicher Frische und Reinheit aus dem Schutt
hervortreten zu sehen. Aber während wir warten, bis der Staub
sich gelegt hat, wollen wir ein wenig vom Gegenstand
abschweifen und von anderen Dingen reden.
Metapher und Sprache
Reden wir über die Metapher1 – das »sprachliche Bild«. Die
faszinierendste Eigenschaft der Sprache ist ihre Fähigkeit,
Metaphern zu bilden. Welch eine Untertreibung! Die Metapher
ist nämlich nicht, wie sie in en alten Schulbüchern unter den
Regeln für das Aufsatzschreiben so oft abgetan wird, bloß ein
rhetorischer Trick unter vielen; Sondern sie ist der eigentliche
Wesensrund der Sprache. Ich benutze den Begriff Metapher
hier in seinem allgemeinsten Sinn: den Ausdruck für eine Sache
zur Bezeichnung einer anderen Sache verwenden, und zwar
aufgrund einer Ähnlichkeit zwischen den beiden Sachen oder
zwischen ihren jeweiligen Relationen zu anderen Sachen. Somit
enthält eine Metapher immer zwei Gliedstellen, die Sache, die
bezeichnet werden soll – ich werde sie fortan den
Metaphoranden nennen –, und die Sache oder die Relation, die
als Bezeichnung dient und die ich den Metaphorator nennen
will. Eine Metapher besteht also immer darin, daß ein uns
bekannter Metaphorator auf einen uns weniger bekannten
Metaphoranden bezogen wird. Ich habe mich bei der
Neubildung dieser Ausdrücke an die ursprüngliche griechische
Wortform und an das Beispiel der Mathematik gehalten, die bei
der Multiplikationsrechnung von Multiplikator und Multiplikand
spricht.
Das Wachstum der Sprache beruht auf der Metapher. Wird
man gefragt: »Was ist das?« und ist die Antwort darauf nicht
ganz einfach oder das in Rede stehende Erlebnis einmalig,
antwortet man in aller Regel: »Tja, das ist so wie ...«
Laboruntersuchungen haben ergeben, daß sowohl Kinder wie
Erwachsene sich umfänglicher Metaphoratoren bedienen, wenn
sie Nonsensobjekte (nämlich Metaphoranden), die nur ihnen
sichtbar sind, einem Außenstehenden beschreiben sollen; bei
wiederholtem Gebrauch werden diese umfänglichen
Metaphoratoren dann zu Namen verkürzt.2 Vornehmlich auf
diesem Wege bildet sich der Wortschatz unserer Sprache. Die
große und nie zu Ende kommende Bedeutung der Metapher
besteht darin, daß sie die mit wachsendem Komplexitätsgrad der
menschlichen Zivilisation neu benötigte Sprache schafft.
Um dies einzusehen, genügt es schon, wenn Sie in einem
etymologischen Wörterbuch die Herkunft einiger wahllos
herausgegriffener Alltagswörter nachschlagen. Oder denken Sie
an bestimmte lateinische Namen aus dem Tier- und
Pflanzenreich oder auch nur an phantasievolle deutsche Namen
wie Fingerhut, Hirschkäfer, Frauenschuh und Butterblume. Der
menschliche Körper ist ein besonders vielseitiger und ergiebiger
Metaphorator, mit dessen Hilfe sich in unzähligen Bereichen
Unterscheidunge n treffen lassen, für die sonst kein sprachlicher
Ausdruck existiert. Zum Beispiel der Kopf Nagelkopf,
Briefkopf; auch das Familienoberhaupt, der Hauptmann und der
Stammeshäuptling gehören hierher. Stirn und Gesicht
verstecken sich (mit ihren lateinischen Formen frons und facies)
in Front und Fassade. Wir reden von der Scheitelhöhe eines
Gebirges, von Zahnrädern, und wir bemerken Zähne auch am
Kamm und eine Zunge am Schuh, an einer Zange oder einer
Autobremse, Beine an Tischen und Stühlen. Und so weiter und
so fort. Gleich werden Sie beim Lesen am Fuß dieser Seite
angekommen sein und dann vielleicht das Blatt umwenden. All
diese konkreten Metaphern verstärken in ungeheurem Ausmaß
unser Vermögen, die Welt um uns herum wahrzunehmen und zu
verstehen, ja; sie schaffen buchstäblich neue Gegenstände. In
Wahrheit und Wirklichkeit ist die Sprache ein
Wahrnehmungsorgan und nicht einfach nur ein
Kommunikationsmittel.
Was wir bisher beschrieben haben, ist die Sprache, wie sie
sich »synchronisch« (das heißt quer zur Ze itachse) im Raum der
Welt entfaltet und dabei immer präzisere Wahrnehmungen und
Beschreibungen hervorbringt. Die zweite und wichtigere
Entfaltungsrichtung der Sprache verläuft jedoch »diachronisch«
(entlang der Zeitachse) hinter den Erlebnissen auf der Basis von
Befähigungsstrukturen in unserem Nervensystem und führt zu
abstrakten Begriffen, die »Gegenstände« bezeichnen, welche
nur noch in einem metaphorischen Sinn Gegenstände heißen
können (insofern »Gegenständlichkeit« zumindest im Grundsatz
und theoretisch »Beobachtbarkeit« mit einschließt). Und diese
»Gegenstände« werden durch Metaphern gebildet: Damit wären
wir beim »Dreh- und Angelpunkt« meiner Überlegungen
angelangt – bei einer Sache also, die ihrerseits wieder eine
Metapher ist und nur mit dem geistigen »Auge« »gesehen«
werden kann.
In den Abstraktionsbegriffen für die zwischenmenschlichen
Beziehungen spielt die Haut eine besonders wichtige Rolle als
Metaphorator. Wir kommen oder bleiben mit anderen »in
Berührung«, die – je nachdem – »dickfellig« oder »dünnhäutig«
sein können oder so »kitzelig« sind, daß man sie »mit
Samthandschuhen anfassen muß und sie auf keinen Fall »gegen
den Strich bürsten« darf. 3
Die Begrifflichkeit der Wissenschaft ist samt und sonders auf
diese Weise entstanden: aus konkreten Metaphern, die zu
abstrakten Begriffen wurden. In der Physik haben wir es mit
Kraft, Beschleunigung, Trägheit, Widerstand, Feldern und
neuerdings sogar mit Charme zu tun. In der Physiologie wurde
der Metaphorator »Maschine« zum eigentlichen Motor der
Entdeckertätigkeit. Wir interpretieren das Gehirn mit Hilfe von
Metaphern jeder nur denkbaren technischen Herkunft,
angefangen beim Akkumulator und der Fernmeldetechnik bis
hin zum Computer und zur Holographie. Ärztliche
Behandlungsverfahren richten sich zuweilen ganz nach dem
Gebot einer Metapher. Im achtzehnten Jahrhundert verglich man
das Herz eines Fieberkranken mit einem siedenden Topf und
hielt deshalb den Aderlaß für angezeigt, um den Brennstoff zu
vermindern. Und selbst heute noch versteht sich ein Großteil der
Medizin mit einer Metapher aus dem Militärbereich als das
Abwehren oder Niederschlagen einer Attacke, die von dieser
oder jener Seite gegen den Körper geführt wird. Im
Griechischen geht der Begriff für Recht und Gesetz (nomos) auf
einen Ausdruck zurück, der ursprünglich das Fundament eines
Bauwerks bezeichnete. » Obligatorisch« (das heißt durch Gesetz
verbindlich vorgeschrieben) ist vom lateinischen ligare, »mit
Stricken binden«, abgeleitet – eben daher ja auch das deutsche
Wort »verbindlich«.
In der Frühzeit erhob sich die Sprache mitsamt den
Gegenständen, die sie bezeichnete, auf der Stufenleiter der
Metaphorik vom Konkreten zum Abstrakten, ja, man kann
sagen, sie schuf den gesamten abstrakten Bereich mit Hilfe von
Metaphern.
Es liegt nicht immer klar auf der Hand, welche
hochbedeutsame Leistung die Metapher in dieser Hinsicht
vollbracht hat. Aber das kommt daher, daß die konkreten
Metaphoratoren durch Lautwandel zum Verschwinden gebracht
wurden, wonach die verbleibenden Wörter ein Eigenleben
führen. Selbst ein so unmetaphorisch klingendes Wort wie die
Infinitivform des englischen Hilfsverbs to be ist aus einer
Metapher entstanden. Sie leitet sich aus dem Sanskritwort bhu,
»wachsen« oder »wachsen lassen«, ab, während die Formen am
und is auf die gleiche Wurzel wie das Sanskritwort asmi,
»atmen«, zurückgehen. Man ist angenehm berührt zu erfahren,
daß die Beugungsformen eines der farblosesten Wörter der
englischen Sprache ein Zeugnis aus einer Zeit darstellen, als die
Menschen noch kein eigenes Wort für »sein« hatten und
lediglich ausdrücken konnten, daß etwas »wächst« oder
»atmet«.4 Natürlich sind wir uns nicht bewußt, daß der Begriff
des Seins dergestalt vom Bild des Wachsens und Atmens
abgeleitet ist. Abstrakte Ausdrücke sind wie alte Münzen, deren
bildhafte Prägung im lebhaften Geschäftsverkehr der täglichen
Rede bis zur Unkenntlichkeit abgegriffen wurde.
Im Lauf unseres kurzen Lebens bekommen wir nicht viel mit
von der ungeheuren Ausdehnung der Geschichte, und darum
wirkt die Sprache auf uns nur allzuleicht so starr und
unveränderlich, wie sie im Wörterbuch steht, dauerhaft wie ein
Granitblock, während sie doch in Wahrheit eher eine
wildbewegte See von Metaphern ist. In der Tat: Wollten wir
sämtliche Veränderungen des Wortschatzes durchgehen, die im
Lauf der jahrhundertealten Sprachgeschichte stattgefunden
haben, und diese Entwicklung dann in Gedanken um
Jahrtausende in die Zukunft verlängern, würden wir schließlich
in einen interessanten Widerspruch geraten: Denn würde es
jemals gelingen, eine Sprache zu schaffen, die für alles eine
eigene Benennung hätte, dann wäre es um die Metapher
geschehen. Niemand würde dann noch zu seiner Geliebten
sagen: »Du bist wie eine Blume«, denn das Merkmal
»Weiblichkeit« wäre zerstäubt in Ausdrücke für Tausende
exakter Nuancen, man brauchte nur den jeweils passenden
Ausdruck auszuwählen, und die Blume als Metapher wäre
erledigt.
Der Wortschatz einer Sprache besteht also aus einer endlichen
Menge von Ausdrücken, die mit Hilfe der Metaphernbildung auf
unendlich viele Sachverhalte angewandt werden, ja sogar
ihrerseits neue Sachverhalte schaffen können.
(Wäre es möglich, daß das Bewußtsein eine solche
Neuschöpfung ist?)
Verstehen als Metapher
Wir bemühen uns, das Bewußtsein zu verstehen – doch was
ist das eigentlich, worum wir uns bemühen, wenn wir uns um
das Verständnis einer Sache bemühen? Wie die Kinder, wenn
sie sich bemühen, Nonsensobjekte zu beschreiben, suchen wir
nach einer Metapher für die Sache, um deren Verständnis wir
uns bemühen. Nicht nach einer x-beliebige n Metapher, sondern
nach einer, die etwas enthält, das uns vertraut ist und uns
leichter eingeht. Eine Sache verstehen heißt eine Metapher für
sie finden, indem wir etwas Vertrauteres an ihre Stelle setzen.
Das Gefühl der Vertrautheit ist das Gefühl, verstanden zu haben.
Vor Menschenaltern hätten wir ein Gewitter vielleicht als
Lärmen und Kampfgetümmel übermenschlicher Gottheiten
verstanden. Das Donnern im Anschluß an den Blitzschlag zum
Beispiel hätten wir als den vertrauten Schlachtenlärm gedeutet.
Ähnlich deuten wir heute ein Gewitter anhand unserer
vermeintlichen Erfahrungen mit Reibungs-, Entladungs- und
Unterdruckphänomenen sowie anhand einer Vorstellung von
gewaltigen Wolkenbänken, die aufeinanderprallen und Lärm
erzeugen. Kein einziges von diesen Dingen existiert, so wie wir
es uns vorstellen, in der Wirklichkeit. Unsere Vorstellungen von
derlei physikalischen Vorkommnissen sind ebenso
wirklichkeitsfern wie die Vorstellung von kämpfenden Göttern.
Dennoch erfüllen sie die Funktion einer Metapher, sie wirken
vertraut, und darum glauben wir, wir hätten das Gewitter
verstanden.
Ebenso in anderen Bereichen der Wissenschaft: Wir sagen;
daß wir einen Aspekt der Natur verstanden haben; sobald wir
eine Ähnlichkeit mit einem vertrauten theoretischen Modell
feststellen konnten. Die Ausdrücke »Theorie« und »Modell«
werden übrigens manchmal bedeutungsgleich verwendet, was
jedoch nicht ganz richtig ist. Eine Theorie stellt eine Beziehung
auf zwischen einem Modell und den Dingen, für die das Modell
Modell sein soll. Das Bohrsche Atommodell besteht in einem
Proton, das von Elektronen umkreist wird. Es erinnert an die
schematische Darstellung des Sonnensystems, und diese war ja
in der Tat eine seiner metaphorischen Quellen. Bohrs Theorie
bestand in der Behauptung, daß alle Atome Ähnlichkeit mit
seinem Modell haben müßten. Mit der späteren Entdeckung
neuer Teilchen und komplizierter Beziehungen zwischen den
Atomen war diese Theorie hinfällig geworden. Doch das Modell
ist geblieben. Ein Modell ist weder wahr noch falsch; wahr oder
falsch ist nur die Theorie von seiner Ähnlichkeit mit dem, wofür
es steht.
Eine Theorie ist also eine metaphorische Beziehung zwischen
einem Modell und einem Tatsachenzusammenhang. Und
wissenschaftliches Verstehen ist das Gefühl, daß zwischen
einem komplizierten Tatsachenzusammenhang und einem
vertrauten Modell eine Ähnlichkeit besteht.
Wenn eine Sache verstehen bedeutet, sich diese Sache mit
Hilfe einer Metapher vertraut zu machen, dann liegt es auf der
Hand, daß es uns immer Schwierigkeiten bereiten wird, das
Bewußtsein zu verstehen. Denn es leuchtet wohl ohne weiteres
ein, daß in unserem unmittelbaren Erleben nichts vorkommt und
nichts vorkommen kann, was mit dem unmittelbaren Erleben
selbst vergleichbar wäre. So gesehen wird es also ein
Verständnis des Bewußtseins niemals im gleichen Sinne geben,
wie wir ein Verständnis der Dinge im Bewußtsein haben
können.
Die Irrtümer über das Bewußtsein, von denen hier die Rede
war, sind meistenteils irreführende Versuche der
Metaphernbildung. Wir erwähnten die Vorstellung vom
Bewußtsein als einer Aufzeichnung des Erlebens, die sich
ausdrücklich auf das Bild von der Wachs- oder Schiefertafel
beruft. Natürlich hat nie jemand ernstlich sagen wollen, das
Bewußtsein zeichne das Erleben im buchstäblichen Sinne auf,
sondern nur, daß alles sich so verhält, als ob es dies tue. Daß es
überhaupt nichts dergleichen tut, haben wir dann ja bei näherer
Betrachtung gesehen.
Und noch die Vorstellung, die in den oben gebrauchten
Wendungen zum Ausdruck kommt – nämlich daß das
Bewußtsein irgend etwas »tut« –, selbst diese Vorstellung ist
eine Metapher. Sie zeigt uns das Bewußtsein im Bild einer
Person, die sich in einem physikalischen Raum verhält und
Dinge tut – was in Bezug auf das Bewußtsein eben nur
metaphorisch Geltung haben kann. Denn »etwas tun« bezeichnet
die Verhaltensweise eines Lebewesens im physikalischen
Universum. Und dann: Was ist das für ein »Raum«, in dem
dieses metaphorische »Tun« stattfindet? (Da und dort beginnt
der Staub sich schon zu legen.) Auch dieser »Raum« kann nichts
anderes sein als eine Metapher des wirklichen Raums. Wir
fühlen uns hier an unsere Überlegungen zum »Sitz« des
Bewußtseins erinnert, der ebenfalls nur eine metaphorische
Existenz hat. Man betrachtet das Bewußtsein als ein Ding und
muß ihm deshalb wie den anderen Dingen einen Ort im Raum
zuweisen – den es, wie wir gesehen haben, in Wirklichkeit nicht
hat.
Ich bin mir durchaus im klaren darüber, daß mein
Gedankengang im Moment auf ziemlich verschlungenen und
überwachsenen Pfaden verläuft. Aber bevor wir wieder in
übersichtlicheres Gelände hinaustreten, möchte ich noch eine
Sache erklären, die ich künftig mit dem Ausdruck »Analogon«
bezeichnen werde. Ein Analogon ist ein Modell, allerdings ein
Modell besonderer Art. Es ist nicht das gleiche wie ein
wissenschaftliches Modell, das aus allem möglichen
hergenommen sein kann und den Zweck einer Erklärungs- oder
Interpretationshypothese erfüllt. Im Gegensatz dazu ist ein
Analogon Punkt für Punkt aus der Sache abgeleitet, für die es
ein Analogon ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Landkarte. Es
handelt sich bei ihr nicht um ein Modell im wissenschaftlichen
Sinn, also nicht wie etwa im Fall des Bohrschen Atommodells –
um ein hypothetisches Modell, das eine Erklärung geben soll für
etwas Unbekanntes. Vielmehr bezieht sich die Landkarte auf
einen verhältnismäßig gut, wenn nicht sogar vollständig
bekannten Sachverhalt. Jedem Gebietssektor in der Natur
entspricht ein Sektor auf der Karte, wenngleich das Gelände und
die Karte aus völlig verschiedenen Materialien bestehen und die
Merkmale des Geländes bei der Abbildung größtenteils
entfallen. Die Beziehung nun zwischen dem Analogon
Landkarte und dem dazugehörigen Gelände ist metaphorischer
Natur. Wenn ich auf einen Punkt auf der Landkarte zeige und
sage: »Da ist der Montblanc, von Chamonix aus können wir die
Ostwand auf diesem Weg erreichen«, ist das eigentlich eine
verkürzte Art zu sagen: »Die Beziehungen zwischen dem als
›Montblanc‹ bezeichneten Punkt und anderen Punkten auf der
Karte ähneln den Verhältnissen in der Natur.«
Die Metaphernsprache des Geistes
Ich glaube, zumindest umrißhaft ist jetzt zu erkennen, was aus
dem Schutt, den das letzte Kapitel hinterlassen hat, Neues zum
Vorschein kommt. Vorläufig ging es mir freilich nicht so sehr
darum, meine These Schritt für Schritt vor Ihnen zu entwickeln,
sondern vielmehr Ihnen bestimmte Gedanken- und
Begriffszusammenhänge wenigstens so weit nahezubringen, daß
Ihnen das, was ich als nächstes zu sagen habe, nicht von
vornherein völlig abwegig vorkommt. Ich werde nun auf den
folgenden, wie ich selbst am besten weiß: schwierigen und
ausgesprochen weitschweifigen Seiten dieses Buches einfach so
verfahren, daß ich das Endergebnis langer Überlegungen in
Form einer allgemeinen Behauptung vorwegnehme, um dann zu
erläutern, was es im einzelnen bedeutet.
Also: Der subjektive, seiner selbst bewußte Geist ist ein
Analogon der sogenannten wirklichen Welt. Seine Bauelemente
bestehen in einem Wortschatz (einem »Lexikon« oder, noch
besser, einem, »lexematischen System«, wie die
Sprachwissenschaftler sagen würden), der sich ausnahmslos aus
Metaphern oder Analoga von konkretem Verhalten in der
materiellen Welt zusammensetzt. Was seinen Realitätsstatus
betrifft, steht er auf gleicher Ebene mit der Mathematik. Er setzt
uns in den Stand, unter Umgehung von konkretem Verhalten zu
sachgemäßeren Entscheidungen zu gelangen. Wie die
Mathematik ist es eher ein Operator als ein Ding oder Speicher.
Und er hängt aufs engste mit Wollen und Entscheiden
zusammen.
Denken wir daran, welche Wörter wir benutzen, um
Bewußtseinsvorgänge zu beschreiben. Weitaus überwiegend
finden wir die Ausdrücke aus dem visuellen Bereich. Wir
»sehen« die Lösung eines Problems, die uns womöglich noch
»glanzvoll« erscheint. Während wir dem einen Menschen ein
»helles« Köpfchen zugestehen, scheint es bei anderen in dieser
Hinsicht »düster« oder »trübe« auszusehen. Diese Ausdrücke
sind samt und sonders Metaphern, und der Innenraum, auf den
sie sich beziehen, ist eine Metapher des realen Raums. In diesem
Innenraum können wir ein Problem »angehen« und womöglich
sogar unter einem bestimmten »Gesichtspunkt«, wir können es
»aufdröseln«, um seine Einzelheiten besser zu »begreifen«, und
immer so weiter, immer weiter erfinden Verhaltensmetaphern
für uns Dinge, die wir in diesem metaphorischen Innenraum tun
können.
Und die Merkmale des körperlichen Verhaltens im wirklichen
Raum werden in analoger Verwendung dem geistigen Verhalten
im Bewußtseinsraum zugeschrieben, wenn wir von »geistiger
Aufgewecktheit«, »Trägheit« oder »Rührigkeit«, von
»Geisteskraft« oder »Geistesschwäche« sprechen. Der
Bewußtseinsraum, in dem derlei metaphorische Aktivitäten vor
sich gehen, hat eine Vielzahl spezieller Eigenschaften: Wir
denken und empfinden »oberflächlich« oder »tief«, sind
»engstirnig«, »aufgeschlossen« oder »beschränkt«. Wir sind
»voll« von irgend etwas, voller Freude oder Sorgen oder
Gedanken. Wir lassen Erlebnisse in uns »einsinken«. Wir
schlagen uns etwas »aus« dem Sinn oder »behalten« es darin,
etwas anderes »leuchtet uns ein«.
Wie im wirklichen Raum können wir auch im
Bewußtseinsraum Dinge »in den Hintergrund« drängen, in
»tiefste Seelentiefen« verbannen. Etwas kann über unser
»Fassungsvermögen« gehen. Wenn wir andere überzeugen
wollen, suchen wir nach Argumenten, die »unter die Haut
gehen«. Voraussetzung jeder Verständigung ist eine
»gemeinsame Basis«. Manchmal haben wir es mit
Gesprächspartnern zu tun, die sich völlig »abschotten«, zu ihnen
»dringen« wir dann nicht mehr »durch«. Und so weiter und so
weiter: alles Handlungen, die ursprünglich einmal im wirklichen
Raum ihren Platz hatten und als Analoga in den
Bewußtseinsraum übertragen wurden.
Aber was ist das, was wir da metaphorisch wiedergeben? Wir
haben gesehen, daß eine Metapher üblicherweise dazu dient,
eine Sache oder einen Sachverhalt oder einen Aspekt dieser
beiden wiederzugeben, sofern eine anderweitige Bezeichnung
nicht zur Verfügung steht. Was da jeweils benannt, bezeichnet,
wiedergegeben, zum Ausdruck gebracht oder lexematisch
erweitert werden soll, nannten wir den Metaphoranden. Auf
diesen wenden wir als Operator eine ähnliche, aber vertrautere
Sache an, die wir Metaphorator nennen. Der Vorgang ergab sich
ursprünglich immer aus dem allerpraktischsten
Lebenszusammenhang, etwa wenn es darum ging, einen
Meeresarm als besonders ergiebigen Fischgrund namhaft zu
machen oder Nägel mit Köpfen zu versehen, weil sie so besser
hielten. Die Metaphoratoren waren in diesen Fällen Arm und
Kopf, der Metaphorand ein bestimmter Teil des Meeres oder
dieses bestimmte Ende des Nagels, beide jeweils schon
vorhanden. Erklären wir nun den Bewußtseinsraum als
Metapher des physikalischen Raums, dann spielt in diesem Fall
die wirkliche Welt, die »Außenwelt«, die Rolle des
Metaphorators. Wenn jedoch die metaphorische Relation als
solche eher die Erzeugungsbedingung des Bewußtseins als
dessen nachträgliche Beschreibung darstellt – was wäre dann
hier der Metaphorand?
Paraphoratoren und Paraphoranden
Betrachten wir das Wesen der Metapher etwas genauer
(wobei uns ständig auffällt, daß so gut wie alles, was wir sagen,
metaphorischen Charakter hat), so finden wir (auch das Verb
»finden«!) außer Metaphorator und Metaphorand noch weitere
Komponenten. Der eigentliche Gehalt von komplexen
Metaphern liegt in den allermeisten Fällen in den zahlreichen
dem Metaphorator zugesellten, Assoziationen und Attributen,
die ich fortan als »Paraphoratoren« bezeichnen werde. Und
diese Paraphoratoren gelangen durch; Rückprojektion auch in
den Metaphoranden, wo ich sie als Paraphoranden des
Metaphoranden ansprechen werde. Zugegeben: das ist Jargon;
genausoviel Jargon jedoch wie absolut unerläßlich, um in der
Sache selbst auch nicht den Schatten eines Mißverständnisses
aufkommen zu lassen.
Anhand einiger Beispiele werde ich zeigen, daß die Zerlegung
der Metapher in diese vier Komponenten auf einen im Grunde
ziemlich simplen Sachverhalt zielt und im selben Zug etwas
aufhellt, wofür uns sonst die Worte fehlen würden.
Nehmen wir die Metapher von der »Schneedecke«, die die
Erde »einhüllt«. Metaphorand ist hier die Lückenlosigkeit,
womöglich auch die Dichte oder Dicke des Belags. Der
Metaphorator ist »Bettdecke«. Doch die ansprechenden Oberund
Untertöne der Metapher gehen von den Paraphoratoren des
Metaphorators »Bettdecke« aus. Sie signalisieren Wärme,
Geborgenheit und wohligen Schlaf, dem irgendwann ein
Wiedererwachen folgen wird. Diese Assoziationen zu der
Vorstellung »mit einer Decke einhüllen« werden jetzt
automatisch auch zu Assoziationen oder Paraphoranden des
ursprünglichen Metaphoranden »Schneebelag auf dem Boden«.
Und so haben wir vermittels dieser Metapher die Vorstellung
geschaffen, daß die Erde unter der Schneedecke geborgen
Winterschlaf hält, bis sie im Frühjahr wieder erwacht. Das alles
steckt in einer so simplen Sache wie der Verwendung der
Wörter »Decke« und »einhüllen« für die Art und Weise, wie der
Schnee sich zum Unterboden verhält.
Natürlich sind nicht alle Metaphern so fruchtbar. In jenem
häufig bemühten Bild vom Schiff, das die Wellen pflügt, ist der
Metaphorand die Einwirkung des Schiffsbugs auf das Wasser
und der Metaphorator die Tätigkeit des Pflügens. Die
Zuordnung zwischen beiden ist, in mathematischer Sprache
ausgedrückt, eineindeutig. Und damit hat sich’s.
Aber wenn ich von einem (womöglich »munteren«) Bächlein
sage, es durchquere singend und springend den Wald, dann ist
die Zuordnung zwischen dem Metaphoranden – das heißt der
plätschernden, brabbelnden Unrast des Baches – und dem
Metaphorator – das heißt (möglicherweise) einem singenden,
springenden Kind – alles andere als eindeutig, geschweige denn
eineindeutig. Das eigentlich Interessante ist in diesem Fall, daß
die Paraphoratoren »Ausgelassenheit« und »Munterkeit« zu
Paraphoranden des Bächleins geworden sind.
Und nehmen wir das vielbedichtete Gleichnis von der Liebe,
die »wie eine Rose« ist. Auch hier sind es nicht so sehr die
oberflächlichen Entsprechungen zwischen Metaphorand und
Metaphorator, was uns daran fesselt, als vielmehr die
Paraphoranden: Die Liebe braucht zum Leben Sonnenschein, sie
duftet süß, sie kehrt Stacheln hervor, wenn unsanft mit ihr
umgegangen wird, und sie welkt nach kurzer Blüte. Oder
nehmen wir an, ich gebrauche einen weniger dem Gesichtssinn
verpflichteten, aber dafür um so tiefsinnigeren Vergleich, indem
ich sage, meine Liebe sei wie eine zinnerne Schaufel, die ihre
kunstreiche Gestalt verleugnet, um bis auf den Grund des
Kastens tief ins weiche Mehl zu tauchen.5 Die direkte
Übereinstimmung zwischen Metaphorand und Metaphorator –
nämlich daß beide dem Blick des Uneingeweihten verborgen
bleiben – läuft in diesem Fall auf eine Banalität hinaus. Dagegen
beschwören die Paraphoranden der Metapher etwas herauf, was
unmöglich in den Gegebenheiten als solchen anzutreffen wäre:
Vollkommenheit, Glanz und Echtheit dauerhafter Liebe, tief
verborgen und dennoch bewahrt im nachgiebigen,
schmiegsamen, weichlastenden Medium der Zeit. Das Ganze
wiederum ist – mit eigenen Paraphoratoren/Paraphoranden – ein
Bild des Geschlechtsakts aus männlicher Sicht. Die Liebe hat
derlei Eigenschaften nur, insofern wir sie mit Hilfe der
Metaphorik erzeugen.
Und das Bewußtsein ist aus solchem Stoff, wie Dichtung ist.
Das wird sich zeigen, wenn wir uns jetzt wieder der Metaphorik
des Geistes zuwenden, mit der wir es bereits zu tun hatten.
Nehmen wir an, wir haben ein einfaches Problem zu lösen, wie
es zum Beispiel in der Kreis-Dreieck-Reihe des
vorangegangenen Kapitels vorliegt. Und nehmen wir weiter an,
wir drücken den erfolgreichen Abschluß der Operation mit dem
lauten Ausruf aus, daß wir jetzt endlich die Lösung (nämlich ein
Dreieck) »sehen«.
Diese Metapher läßt sic h nach dem gleichen Schema zerlegen
wie die »einhüllende« Schneedecke und das »muntere«
Bächlein. Metaphorand ist das Auffinden der Lösung,
Metaphorator ist das leibliche Sehen, und Paraphoratoren sind
all jene Einzelheiten im Assoziationsfeld des Sehvermögens, die
ihrerseits Paraphoranden schaffen – Paraphoranden wie zum
Beispiel das »innere Auge«, »die Lösung deutlich vor sich
sehen« und so weiter; und als wichtigsten von allen: den
Paraphoranden von einem »Raum«, in dem das »Sehen« vor
sich geht (der »Bewußtseinsraum«, »innere Raum«,
»Seelenraum«, »geistige« oder »mentale Raum« oder ähnliche
Ausdrücke), mitsamt »Gegenständen«, die dort »zu sehen« sind.
Die vorstehende knappe Skizze soll keineswegs eine echte
Theorie ersetzen, die erklärt, wie es überhaupt zum Auftreten
von Bewußtsein kam. Auf diese Frage werden wir im Zweiten
Buch eingehen: Meine Absicht an dieser Stelle ist lediglich, den
hypothetischen Gedanken zu vermitteln – eine Hypothese, deren
Plausibilität ich in der Folge zu erweisen hoffe –, daß
Bewußtsein ein Werk der sprachlichen Metaphorik ist, ein
Gewirke aus den konkreten Metaphoratoren des
Sprachausdrucks und ihren Paraphoratoren, die projektiv
Paraphoranden aus sich entlassen, deren Sein mit ihrer Funktion
identisch ist. Und weiter: das Be wußtsein; einmal gegeben,
zeugt sich von selber fort, insofern jeder neue Paraphorand
seinerseits wieder zu einem Metaphoranden werden kann, der
dann neue Metaphoratoren samt ihren Paraphoratoren auf den
Plan ruft ... (Und so weiter.)
Natürlich ist dieser Vorgang nicht das Spiel des Zufalls und
kann es nicht sein, als das er hier vorläufig erscheint. Die Welt
besitzt einen – sogar sehr hohen – Grad an Organisiertheit, und
infolgedessen erzeugen die Bewußtseinserzeugenden konkreten
Metaphoratoren das Bewußtsein in organisierter Form. Das ist
der Grund für die Übereinstimmungen zwischen dem
Bewußtsein und der Ding- und Verhaltenswelt, deren es sich
bewußt ist. Und auch der Grund, warum sich die Struktur dieser
Welt – wenngleich mit gewissen Unterschieden – in der Struktur
des Bewußtseins wiederholt.
Noch eine letzte Kniffligkeit, bevor wir unseren Weg
fortsetzen. Zu den Haupteigentümlichkeiten des Analogons
zählt, daß seine Erzeugungsweise sich nicht mit seiner
Verwendungsweise deckt. Klarer Fall: der Kartograph verfährt
anders als später der Benutzer seines Produkts. Für den
Kartographen ist der Metaphorand das leere Blatt Papier, auf das
er den Operator oder Metaphorator »bekanntes, vermessenes
Gelände« anwendet. Für den Benutzer der Karte verhält sich die
Sache genau umgekehrt: für ihn ist das Gelände die unbekannte
Größe (der Metaphorand), Metaphorator hingegen die Karte, die
er benutzt, um sich im Unbekannten zurechtzufinden.
Und ebenso liegen die Dinge auch im Fall des Bewußtseins.
Das Bewußtsein ist der Metaphorand, wenn es von den
Paraphoranden unserer sprachlichen Ausdrücke erzeugt wird.
Aber das Bewußtsein in Funktion ist sozusagen die Reise in die
Gegenrichtung: Es wird zum Metaphorator voll vergangener
Erfahrungen, in fortwährender selektiver Operation mit
Unbekannten befaßt – Unbekannte wie zum Beispiel Fragen
unseres Handelns in der Zukunft, unserer Entscheidungsfindung
in der Gegenwart oder einer nur bruchstückhaft erinnerten
Vergangenheit-, befaßt mit der Frage, was wir sind und
womöglich noch werden können. Und wir danken es der
vorgängig erzeugten Bewußtseinsstruktur, daß wir uns in der
Welt zurechtfinden.
Wie läßt sich diese Bewußtseinsstruktur im einzelnen
charakterisieren? Nur die wichtigsten Punkte seien im folgenden
andeutungsweise herausgestellt.
Die Eigenschaften des Bewußtseins
1. Spatialisierung. Den ersten und ursprünglichsten Aspekt
des Bewußtseins haben wir schon bei früherer Gelegenheit
erwähnt; er ist als Paraphorand in nahezu jeder Metapher, die
wir über »Geist« bilden können, mit enthalten: der mentale
(geistige, »innere«) Raum, den wir als das ureigenste
Heimatrevier der ganzen Veranstaltung kurzerhand dorthin, wo
er sich befindet, nämlich nach »innen«, transferieren. Wenn ich
Sie jetzt auffordere, an Ihren Kopf zu denken, sodann an Ihre
Füße, dann an das Frühstück, das Sie heute morgen zu sich
genommen haben, dann an den Eiffelturm und zuletzt an das
Sternbild des Orion: dann haben diese Dinge in Ihrer
Vorstellung die Qualität des räumlichen Getrenntseins; und von
dieser Qualität ist hier die Rede. Eben dieser metaphorische
»innere« Raum ist es, in den wir bei der Introspektion (ein
Fremdwort, das soviel wie »Innenschau« bedeutet, also
metaphorischen Charakter hat) hineinblicken und den wir dabei
fortwährend neu erzeugen und mit jedem Ding und jeder
Relation, die wir neu »ins« Bewußtsein aufnehmen,
»erweitern«.
Im Ersten Kapitel sagte ich, daß wir diesen Bewußtseinsraum
in unserem eigenen Kopf wie in den Köpfen der anderen
»erfinden«. Der Ausdruck »erfinden« schießt vielleicht ein
bißchen übers Ziel hinaus, es sei denn, man versteht ihn in rein
ontologischer Bedeutung, das heißt im Sinn von »fingieren«. Es
verhält sich eher so, daß wir diese »Räume« umstandslos
voraussetzen. Sie gehören zum »Bewußtsein haben« (im
eigenen Fall) und zum (fraglos unterstellten)
»Fremdbewußtsein« einfach mit dazu.
Überdies werden Realitäten der Ding-Verhaltens-Welt, die an
und für sich nicht die Qualität der Räumlichkeit besitzen, im
Bewußtsein mit dieser Qualität ausgestattet. Anders können wir
uns ihrer nicht bewußt werden. Wir heißen das: Spatialisierung.
Ein evidentes Beispiel hierfür ist die Zeit. Wenn ich Sie
auffordere, sich die letzten hundert Jahre zu denken, mögen Sie
das Ganze etwa dergestalt ins »Exzerpt« bringen (siehe den
folgenden Punkt 2), daß Sie sich die Jahresfolge in Form einer
Strecke vorstellen, die vielleicht in einem Punkt linker Hand
beginnt und in einem Punkt rechter Hand endet. Doch
selbstverständlich kennt die Zeit kein Links noch Rechts; hier
existiert nur Davor und Danach – ein Verhältnis, das keinerlei
räumlichen Charakter hat, es sei denn per analogiam. Es ist
unmöglich – absolut unmöglich-, sich die Zeit vorzustellen,
ohne sie zu verräumlichen. Bewußtsein bedeutet immer —
Spatialisierung: die Umwandlung von Diachronie in Synchronie,
die Repräsentation zeitlicher Geschehensfolgen im Exzerpt und
als räumliches Nebeneinander.
Diese Spatialisierung ist ein Charakteristikum jeglichen
bewußten Denkens. Sollten Sie sich jetzt überlegen, wie sich
meine spezielle Theorie in das Gesamtschema der bereits
existierenden Theorien des Geistes einfügt, so »wenden« Sie
sich zunächst in gewohnter Manier »nach innen«, in Ihren
Bewußtseinsraum, wo Abstrakta zwecks genauerer
»Betrachtung« »isoliert« und einander »gegenübergestellt«
werden können – was materialiter und realiter niemals der Fall
sein könnte. Alsdann bilden Sie die Metapher von Theorien als
konkreten Objekten und zum zweiten die Metapher von der
zeitlichen Aufeinanderfolge dieser Objekte als einem
synchronischen Schema und drittens die Metapher von Theorie-
Merkmalen als dinglichen Merkmalen, die sämtlich prinzipiell
skalierbar sind, so daß sie sich nach ihren jeweiligen
»Stellenwerten« in einen »Zusammenhang« bringen lassen.
Damit sind Sie dann praktisch auch schon bei dem
metaphorischen Ausdruck »einfügen«, der hier das
Bewußtseins-Analogon einer realen Verhaltensweise bezeichnet.
Was der Ausdruck an Realem bezeichnet, mag von Individuum
zu Individuum und von Kulturkreis zu Kulturkreis schwanken,
je nach den vorherrschenden Erfahrungen mit dem
ordnungsgemäßen Zusammensetzen von Dingen; ein Juwelier
zum Beispiel könnte an das »Einfügen« von Edelsteinen in ihre
Fassung denken und so weiter. Infolgedessen ist das
metaphorische Substrat des Denkens bisweilen höchst
verwickelt und schwer zu entwirren. Doch jeder bewußte
Gedanke, den Sie bei der Lektüre dieses Buches haben, läßt sich
in der bezeichneten Weise analytisch zurückverfolgen bis zu
konkreten Handlungen in der Welt des Konkreten.
2. Exzerpierung. Im Bewußtsein »sehen« wir niemals etwas
zur Gänze. Das kommt daher, daß dieses »Sehen« ein Analogon
von realem Verhalten ist; und in der Realität vermögen wir eine
Sache in jedem gegebenen Zeitpunkt nur partiell zu sehen
beziehungsweise sie im Handeln nur partiell zu berücksichtigen.
Genauso ist es im Bewußtsein. Aus dem Ensemble der
möglichen »Hinsichten« – der »Aspekte« einer Sache, die ipso
facto Teilaspekte sind, greifen wir ein Stück heraus, ein
»Exzerpt«, das unser Wissen vom Ganzen in sich verkörpert.
Und mehr geht nicht, weil das Bewußtsein eine Metapher
unseres leiblichen Verhaltens ist.
Fordere ich Sie beispielsweise auf, sich einen Zirkus
vorzustellen, so werden Sie zunächst einen kurzen Moment lang
eine leichte Vorstellungstrübung erleben, aus der dann
(möglicherweise) ein Bild von fliegenden Trapezkünstlern oder
(andere Möglichkeit) von einem Clown im Ring oder etwas
Ähnliches auftaucht. Oder: stellen Sie sich die Stadt oder
Ortschaft vor, in der Sie sich zur Zeit aufhalten: irgendeine
Einzelheit – etwa ein bestimmtes Bauwerk, ein Turm oder eine
bestimmte Straßenkreuzung – wird Ihnen als Exzerpt dienen.
Und bitte ich Sie jetzt, an sich selbst zu denken, dann werden
Sie irgendwelche Exzerpte aus Ihrer jüngsten Vergangenheit
anfertigen in der Überzeugung, auf diese Weise dächten Sie an
sich selbst. In sämtlichen genannten Fällen erscheint es uns
weder problematisch noch sonderlich paradox, daß die Exzerpte
nicht die Sachen selber sind, obzwar wir so reden, als wären sie
es. In Wirklichkeit sind wir uns niemals der Dinge, wie sie an
sich selber sind, bewußt, sondern immer nur der Exzerpte, die
wir uns von ihnen machen.
Die Exzerpierung wird von Variablen gesteuert, denen noch
viel mehr Nachdenken und Forschung gewidmet werden müßte.
Denn sie bestimmen das gesamte bewußte Weltbild des
einzelnen sowie sein Bild von seinen Mitmenschen. Wie Sie
einen Menschen aus Ihrer Bekanntschaft exzerpieren, hängt eng
mit Ihrer affektiven Einstellung zu ihm zusammen. Wenn Sie
ihn mögen, exzerpieren Sie seine angenehmen Seiten. Wenn
nicht, die unangenehmen. Die Ursächlichkeit kann in der einen
wie in der anderen Richtung funktionieren.
Wie wir andere Menschen exzerpieren, das entscheidet
weitgehend darüber, welches Gesicht unsere Lebenswelt uns
zeigt. Nehmen wir zum Beispiel unsere Familienangehörigen
während unserer Kindheit. Orientieren sich unsere Exzerpte von
ihnen an den Fällen, in denen sie versagt haben, an ihren
verborgenen inneren Konflikten, ihren Selbsttäuschungen – na
ja, das wäre die eine Möglichkeit. Doch wenn wir sie in ihren
glücklichsten Momenten, auf dem Gipfel ihrer persönlichsten
Freuden exzerpieren – dann sieht die Welt gleich ganz anders
aus. Künstler und Schriftsteller tun nichts anderes, als die
Vorgänge, die »im« Bewußtsein mehr oder weniger unter
Zufallsbedingungen ablaufe n, einer methodischen Kontrolle zu
unterwerfen.
Die Exzerpierung ist etwas anderes als das Gedächtnis. Das
Exzerpt einer Sache ist der Vertreter der Sache oder des
Ereignisses, woran sich Erinnerungen knüpfen, im Bewußtsein,
und es versetzt uns in die Lage, Erinnerungen aus dem
Gedächtnis abrufen zu können. Will ich mir in Erinnerung rufen,
was ich vergangenen Sommer gemacht habe, nehme ich
zunächst eine Exzerpierung des fraglichen Zeitraums vor, die
vielleicht in einem flüchtigen Vorstellungsbild von ein paar
Monatsspalten im Kalender besteht, bis ich schließlich bei der
Exzerpierung eines bestimmten Ereignisses verweile, etwa bei
einem Spaziergang entlang einem bestimmten Fluß. Von hier
aus ergehe ich mich dann in Assoziationen und rufe mir
Erinnerungen an den vergangenen Sommer zurück. Diesen
Vorgang meinen wir, wenn wir von Reminiszenzen sprechen: Er
ist eine spezifische Bewußtseinsleistung, deren kein Tier fähig
ist. Das Reminiszieren ist eine Folge von Exzerpierungen. Jede
sogenannte Bewußtseinsassoziation ist eine Exzerpierung, eine
aus dem Zeitfluß des Erlebens herausgegriffene Teilansicht oder
ein stehendes Bild, wenn man so will, deren Gestaltung durch
Persönlichkeits- sowie fallweise wechselnde situative Faktoren
bedingt ist.6
3. Das Ich (qua Analogon). Ein höchst wichtiges »Merkmal«
der Metapher »Welt« ist die Metapher, die wir von uns selber
haben: das Analogon »ich«, das sich in unserer »Vorstellung«
stellvertretend »frei bewegen« und dabei »tun« kann, was wir
realiter nicht tun. Für solch ein »Ich (qua Analogon)« gibt es
natürlich eine Menge Verwendungen. Wir stellen »uns« vor, daß
wir entweder dies oder jenes »tun«, und »finden« daraufhin
anhand von vorgestellten »Resultaten« eine Entscheidung – was
unmöglich wäre, verfügten wir nicht über ein Vorstellungs-
»Selbst«, das in einer Vorstellungs-»Welt« agiert. Kehren wir
nochmals zurück zu dem im Abschnitt über die Spatialisierung
gegebenen Beispiel: Nicht Ihr Körper-Verhaltens-Selbst stellte
dort die »Betrachtung« an, wie sich meine Theorie in das
Schema alternativer Theorien »einfügt«. Nein, das war Ihr »Ich
(qua Analogon)«.
4. Das Ich (qua Metapher). Das Analogon »ich« begnügt sich
jedoch nicht mit dieser einen Rolle: Es tritt zugleich als
Metapher auf. Während wir in unserer Vorstellung den längeren
Weg entlangschlendern, erhaschen wir in der Tat auch manchen
flüchtigen »Blick« auf »uns aus der Distanz« (»autoskopische
Vorstellungen«), wie wir schon bei Gelegenheit der
Übungsbeispiele im Ersten Kapitel festgestellt haben. Wir
können einesteils aus dem Vorstellungs-Selbst hinaus in ein
vorgestelltes Gesichtsfeld sehen, und wir können zum andern
ein Stück zurücktreten und uns selbst beobachten, wie wir etwa
an dem oder jenem Bach niederknien, um einen Schluck Wasser
zu trinken. Wir stehen hier zweifellos vor einem durchaus
schwerwiegenden Problemkomplex, konzentriert in der Frage
nach dem Verhältnis zwischen »Ich (qua Analogon)« und »Ich
(qua Metapher)«. Die Antwort würde eine Abhandlung für sich
füllen. Indes wollte ich hier die Natur des Problems nur kurz
antippen.
5. Narrativierung. Das Stellvertreter-Selbst, das wir im
Bewußtsein sehen, ist immer der Held einer Lebensgeschichte.
In unserem mehrfach zitierten Beispiel springt die
Narrativierung in die Augen, insofern sich das Ganze zu einer
Episode »Waldspaziergang« zusammenschließt. Weniger
augenfällig ist die Tatsache, daß wir, wann immer und solange
wir uns in bewußtem Zustand befinden, ununterbrochen auf
solche Weise am Werk sind – an einem Werk, das ich
Narrativierung nenne. Ich sitze hier und schreibe ein Buch, und
dieser Umstand ist in meine Lebensgeschichte so ungefähr an
deren Mittelpunkt eingebettet, wobei die Zeit spatialisiert ist zu
einem Wanderweg durch Jahr und Tag. Neue Situationen
werden vermittels selektiver Wahrnehmung zu Anschlußstücken
dieser Fortsetzungsgeschichte verarbeitet; Wahrnehmungen, die
sich nicht einordnen lassen, bleiben unbeachtet oder jedenfalls
aus dem Erinnerungsvermögen ausgeschlossen. Wichtiger noch:
Situationen, in die ich mich hineinbegebe, werden von
vornherein so gewählt, daß sie zu meiner
Fortsetzungsgeschichte passen, bis das Selbstbild, das ich mir in
meiner Lebensgeschichte schaffe, so weit gediehen ist, daß es
unvorhergesehen auftretende neuartige Situationen auf Anhieb
mit Handlungs- und Auswahlprozeduren zu beherrschen
vermag.
Daß wir unseren Verhaltensmustern diese oder jene Ursache
zuschreiben oder eine bestimmte Einzelhandlung so oder so
begründen, das alles gehört mit zur Narrativierung. Derlei
Ursachenzuschreibungen wie Begründungen mögen wahr oder
falsch, wertneutral oder idealisierend sein. Das Bewußtsein ist
allzeit bereit, für jedes x-beliebige Tun, bei dem wir uns
ertappen, eine Erklärung zu liefern. Der Dieb narrativiert sein
Handeln in einen Kausalzusammenhang mit der Armut, der
Künstler mit der Schönheit, der Wissenschaftler mit der
Wahrheit, wobei Ursache und Zweck unauflöslich mit
eingeflochten sind in die Spatialisierung des Verhaltens im
Bewußtsein.
Aber dergestalt narrativieren wir nicht nur unser eigenes »Ich
(qua Analogon)«, sondern alles und jedes, was uns überhaupt ins
Bewußtsein tritt. Ein isoliertes Faktum wird in irgendeinen
Zusammenhang mit einem anderen isolierten Faktum
narrativiert. Ein weinendes Kind auf der Straße: Prompt
narrativieren wir das Vorkommnis im Geist zur Sequenz vom
verirrten Kind und der ängstlich suchenden Mutter. Eine Katze
auf dem Baum: Prompt narrativieren wir das Vorkommnis zur
Sequenz vom Hund, der sie da hinaufgescheucht. Oder wir
narrativieren die Fakten des psychischen Lebens, so wie wir sie
verstehen, zu einer Theorie des Bewußtseins.
6. Kompatibilisierung. Der Aspekt des Bewußtseins, den ich
abschließend herausstellen möchte, ist die Kopie einer
Verhaltenseinheit, die ein gemeinsames Erbteil der meisten
Säuger darstellt. Das reale Urbild jenes Bewußtseinsmerkmals
ist das schlichte Wiedererkennen, bei dem ein maßvoll
mehrdeutiges Wahrnehmungsobjekt einem zuvor erworbenen
Schema angeglichen wird; dieser automatische Vorgang wird
gelegentlich als »Assimilation« bezeichnet. Wir assimilieren
einen neu auftretenden Reiz unserer Konzeption oder unserem
Schema von ihm, auch wenn er maßvoll davon abweicht. Da wir
die Dinge von einem Augenblick zum nächsten nie in exakt
gleichbleibender Weise sehen, hören oder tasten, ist dieser
Assimilationsprozeß, diese Angleichung an vorangegangene
Erfahrungen, ununterbrochen im Gang, solange wir die Welt um
uns her wahrnehmen. Anhand früher erlernter Schemata setzen
wir unsere Eindrücke zu identifizierbaren Gegenständen
zusammen.
Die Assimilation ins Bewußtsein übertragen ergibt die
Kompatibilisierung. Der so bezeichnete Vorgang leistet im
wesentlichen das gleiche im Bewußtseinsraum wie die
Narrativierung in der Bewußtseinszeit beziehungsweise der
spatialisierten Zeit. Die Kompatibilisierung setzt Einzelelemente
zur Einheit eines Bewußtseinsgegenstands zusammen, genauso
wie die Narrativierung Einzelelemente zur Einheit einer
Geschichte zusammensetzt. Und dieses Zusammenfügen in
einen Plausibilitäts- oder Probabilitätszusammenhang vollzieht
sich nach Regeln, die aus früherem Erleben gewonnen wurden.
Bei der Kompatibilisierung passen wir Exzerpte oder
Narrativierungen einander an, ebenso wie bei der
Außenwahrnehmung die innere Konzeption und der
dazutretende Reiz in Übereinstimmung gebracht werden.
Narrativieren wir unser »Ich« als Spaziergänger auf einem
Waldweg, dann wird die Aufeinanderfolge der Exzerpte
automatisch den Bedingungen eines solchen Spaziergangs
angepaßt. Und sollten im Lauf einer Tagträumerei unversehens
zwei unverbundene Exzerpte simultan auftreten oder zwei
Exzerpierungen simultan einsetzen, so werden sie miteinander
verschmolzen: kompatibel gemacht.
Fordere ich Sie auf, gleichzeitig an eine Bergwiese und an
einen Turm zu denken, dann kompatibilisieren Sie die beiden
Dinge automatisch, indem Sie den Turm auf die Wiese stellen.
Indes, wenn ich Sie auffordere, jetzt simultan an die Bergwiese
und das Meer zu denken, dann dürfte die Kompatibilisierung
ausbleiben, und es ist wohl eher so, daß Sie immer nur an eines
von den beiden Dingen auf einmal denken können, also
entweder an die Wiese zuerst und dann an das Meer, oder
umgekehrt. In einen gemeinsamen Zusammenhang können Sie
die beiden in diesem Fall nur vermittels Narrativierung bringen.
Es existieren demnach Kompatibilitätskriterien, die den
Vorgang regeln, und diese Kriterien werden erlernt und gründen
in der Struktur der Welt.
Lassen Sie mich kurz zusammenfassen, damit wir einen
»Überblick« gewinnen, wo wir augenblicklich stehen und in
welche Richtung wir marschieren. Wir haben festgestellt, daß
das Bewußtsein ein Operator ist, kein Ding, kein Speicher- oder
Trägergerät und keine Funktion. Es operiert im Medium der
Analogie, indem es einen Analograum konstruiert, zu dem ein
Analogon »ich« gehört, das diesen Raum zu beobachten und
sich metaphorisch darin zu bewegen vermag. Sein
Operationsbereich umfaßt jegliches Handeln; es exzerpiert die
relevanten Aspekte seiner Operanten und stiftet durch
Narrativierung und durch Kompatibilisierung zwischen jenen
einen Zusammenhang in einem Metaphernraum, wo derlei
Bedeutungszusammenhänge manipuliert werden können wie
Dinge im realen Raum. Der seiner selbst bewußte Geist ist ein
räumliches Analogon der Welt, und mentale Akte sind Analoga
von körperlichen Akten. Möglicher Operant für das Bewußtsein
ist nur das objektiv Beobachtbare. Oder, mit anderen Worten
(die John Lockes bekannte Formel variieren): Nichts ist im
Bewußtsein, was nicht Analogon von etwas wäre, das zuvor im
Verhalten war.
Wir sind am Ende eines schwierigen Kapitels angelangt. Ich
hoffe jedoch, es ist mir gelungen, sei’s auch nur umrißhaft,
wenigstens einigermaßen überzeugend darzutun, daß die
Auffassung vom Bewußtsein als einem per Metapher erzeugten
Modell der Welt einige sehr präzise Schlußfolgerungen nach
sich zieht und daß diese Folgerungen sich anhand von
jedermanns bewußter Alltagserfahrung verifizieren lassen. Das
Ganze ist natürlich nur ein – zudem noch etwas grobschlächtig
geratener – Anfang, dem ich in einer geplanten weiteren Studie
eine differenziertere Gestalt zu geben hoffe. Er reicht immerhin
aus, uns jetzt die Rückkehr zu unserem Generalthema – der
Frage nach dem Ursprung von dem allen – zu gestatten; weitere
Ausführungen über das Wesen des Bewußtseins für sich selbst
genommen seien auf spätere Kapitel vertagt.
Wenn das Bewußtsein nichts anderes ist als eine Analogwelt
auf sprachlicher Basis – eine Parallele zur Verhaltenswelt in
exakt dem gleichen Sinn, wie man die Mathematik als Parallele
zum quantitativen Aspekt der Dingwelt betrachten kann –, was
können wir dann über seinen Ursprung ausmachen?
Wir sind hier an einem höchst interessanten Punkt unserer
Überlegungen angelangt – einem Punkt, der in vollkommenem
Widerspruch steht zu allem, was die im Einleitungskapitel
erörterten Alternativtheorien an Lösungen des Problems vom
Ursprung des Bewußtseins anzubieten hatten. Denn wenn das
Bewußtsein auf der Sprache beruht, dann folgt daraus, daß es
weit jüngeren Datums ist als bisher angenommen. Das
Bewußtsein entstand später als die Sprache! Diese Auffassung
hat äußerst schwerwiegende Konsequenzen.