|
|
The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind
|
German Translation
Der Ursprung des Bewußtsein
Julian Jaynes
(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)
Fünftes Kapitel: Die Schizophrenie
Die meisten von uns rutschen auf irgendeiner Strecke ihres
Lebens unvermittelt in etwas hinein, das der eigentlichen
bikameralen Psyche nahekommt. Manche erleben ein paar
Absencen, oder ein-, zweimal kommt es vor, daß sie Stimmen
hören, und damit hat es sich. Aber für andere unter uns –
Menschen, die infolge ihrer Erbanlage des Enzyms ermangeln,
das den problemlosen Abbau samt Exkretion der biochemischen
Restprodukte von anhaltendem Streß ermöglicht – gestaltet sich
die Sache zu einer sehr viel peinigenderen Erfahrung (sofern
von »Erfahrung« in diesem Zusammenhang überhaupt noch die
Rede sein kann). Wir hören dann Stimmen von zwingender
Eindringlichkeit uns Vorhaltungen und Vorschriften machen.
Gleichzeitig scheinen sich die Grenzen unseres Selbst zu
verwischen. Die Zeit löst sich auf. Wir tun Dinge, ohne von
ihnen zu wissen. Unser Bewußtseinsraum beginnt sich zu
verlieren. Wir geraten in Panik, aber diese Panik tangiert uns
nicht. Da ist kein »wir« oder »uns« mehr zum Tangieren. Man
kann nicht sagen, daß wir nirgendwo mehr hätten, wohin wir
uns wenden könnten: Wir haben nirgendwo. Punktum! Und in
diesem Nirgendwo sind wir gewissermaßen mechanische
Puppen ohne Ahnung, was wir tun, auf befremdliche und
beängstigende Weise von anderen oder unseren Stimmen
manipuliert an einem Ort, den wir nach und nach als Heil- und
Pflegeanstalt identifizieren und wohin man uns aufgrund einer
Diagnose verbracht hat, die, wie man uns sagt, auf
Schizophrenie lautet. In Wirklichkeit sind wir in die bikamerale
Psyche zurückgefallen.
Wiewohl stark vereinfacht und zugespitzt, ist dies doch eine
zumindest aufreizende und griffige Präsentation der These, die
sich bereits in den vorausgegangenen Partien dieses Versuchs
unübersehbar geltend machte. Denn es ist ziemlich offenkundig,
daß die hier vorgetragenen Ansichten auch eine neue
Auffassung der verbreitetsten und therapieresistentesten aller
Geisteskrankheiten, der Schizophrenie, bedingen. Diese
Auffassung läuft darauf hinaus, daß die Schizophrenie, nicht
anders als die in den unmittelbar vorangegangenen Kapiteln
behandelten Phänomene, zumindest in Teilen ein Relikt der
Bikameralität ist – ein partieller Rückfall in die bikamerale
Psyche. Das vorliegende Kapitel ist ein Versuch, diese
Perspektive auszuleuchten.
Das Zeugnis der Geschichte
Werfen wir zu Beginn einen Blick – einen Seitenblick bloß –
auf die früheste Geschichte dieser Krankheit. Ist unsere These
korrekt, dann folgt daraus als erstes, daß es aus der Zeit vor dem
Zusammenbruch der bikameralen Psyche keinen Beleg dafür
geben dürfte, daß einzelne Individuen als »Irre« ausgesondert
wurden. Und dies trifft zu, wenngleich es nur ein sehr indirektes
Argument von minimaler Beweiskraft abgibt.
Nichtsdestoweniger ist Tatsache, daß in der Bildhauerei, der
Literatur, auf den Wandbildern und in sonstigen Kunstwerken
der großen bikameralen Zivilisationen niemals auch nur eine
einzige Darstellung vorkommt oder eine einzige Verhaltensform
erwähnt wird, die einen Menschen mit dem Mal der Abartigkeit
gebrandmarkt hätte, wie es die Geisteskrankheit darstellt.
Schwachsinn ja, aber nicht Wahnsinn.1 Der »Ilias« zum Beispiel
ist die Idee der Geistesgestörtheit unbekannt.2 Ich lege
Nachdruck auf das Alskrank-Ausgesondertwerden von
einzelnen, da ja, unserer Theorie zufolge, vor dem zweiten
Jahrtausend v. Chr. jedermann »schizophren« war.
Zum zweiten sollten wir aufgrund der oben erwähnten These
erwarten dürfen, daß, sobald Geistesgestörtheit in der
Bewußtseinsepoche erstmals thematisiert wird, sie klar als
Bikameralität begriffen wird. Das wäre dann ein sehr viel
beweiskräftigeres Argument. Im »Phaidros« (244 A) spricht
Platon von »einem Wahnsinn, der ... durch göttliche Gunst
verliehen wird« und aus dem »uns Menschen die größten Güter
entstehen«. Die Stelle ist der Auftakt zu einer der schönsten und
beschwingtesten Passagen der gesamten platonischen Dialoge,
in der eine Typologie des Wahnsinns entworfen wird, die
insgesamt vier Spielarten unterscheidet: der von Apoll
eingegebene prophetische Wahnsinn; die von Dionysos bewirkte
rituelle Raserei; die poetische »Eingeistung und Wahnsinnigkeit
von den Musen, die eine zarte und heilig geschonte Seele
aufregend und befeuernd ergreift, und in festlichen Gesängen
und anderen Werken der Dichtkunst tausend Taten der Urväter
ausschmückend, bildet sie die Nachkommen« (245 A); und
schließlich der von Eros und Aphrodite eingegebene
Liebeswahn. Ja, nach Meinung des jungen Platon diente sogar
ursprünglich ein und dasselbe Wort – manike – zur Bezeichnung
sowohl des psychotischen Irreseins als auch der Wahrsagekunst;
letztere heißt zwar im Griechischen urantike, doch sei das, so
Platon, »nur eine täppische Einfügung der Neueren« (244 C). Es
steht also außer Zweifel – und das ist hier der springende Punkt
–, daß die Erscheinungsformen dessen, was wir heute als
Schizophrenie bezeichnen, frühzeitig mit den Phänomenen
assoziiert wurden, für die ich in diesem Buch den Terminus
»Bikameralität« eingeführt habe.
Dieser Zusammenhang wird nochmals augenfällig in einem
anderen altgriechischen Wort für Geistesgestörtheit: Paranoia,
Kompositum von para + nous, bedeutet wörtlich soviel wie
»neben dem eigenen Geist noch einen zweiten haben« und deckt
somit gleichermaßen den halluzinatorischen Zustand des
Schizophrenen wie der bikameralen Psyche. Das hat freilich
nicht das mindeste mit dem (im neunzehnten Jahrhundert
aufgekommenen) modernen, etymologisch fehlerhaften
Gebrauch des Wortes zu tun, bei dem seine Bedeutung gleich
»Verfolgungswahn« gesetzt wird. Als antiker Sammelbegriff für
Geistesgestörtheit blieb Paranoia so lange präsent, wie es die
anderen, in früheren Kapiteln besprochenen Relikte von
Bikameralität noch gab, und gemeinsam mit diesen auch räumte
das Wort – um das zweite Jahrhundert n. Chr. herum – die
historische Bühne.
Aber schon zur Zeit Platons – einer Zeit der Kriege, Seuchen,
Hungersnöte – begannen die vier göttlichen Arten des
Wahnsinns allmählich ins Reich der Fabel einzuwandern: für
den Gebildeten in die Sphäre der Dichtung, für den gemeinen
Mann in die des Aberglaubens. Der Krankheitsaspekt der
Schizophrenie rückt in den Vordergrund. In späteren Dialogen
ist der inzwischen älter gewordene Platon in diesem Betracht
skeptischer: Was wir Schizophrenie heißen, ist ihm ein
fortwährendes Träumen, bei dem manche »Götter zu sein
glauben, [andere] aber geflügelt und sich ... als fliegend
vorkommen« (»Theaitetos« 158 B); die Familien der
solchermaßen Erkrankten sollten unter Androhung von
Geldstrafen verpflichtet werden, diese Menschen in Klausur zu
halten (»Nomoi«, 934).
Die Geisteskranken werden jetzt gesellschaftlich ausgegrenzt.
In den grellen Farcen des Aristophanes wirft man sogar mit
Steinen nach ihnen, um sie sich vom Leib zu halten.
Was wir heute als Schizophrenie bezeichnen, beginnt also
innerhalb der Menschheitsgeschichte als ein Bezug auf das
Göttliche, und erst ungefähr um 400 v. Chr. fängt man an, es als
das denaturierende Leiden zu betrachten, als das wir es heute
sehen. Diese Entwicklung läßt sich außerhalb der Theorie des
Mentalitätswandels, wie sie Gegenstand dieses Buches ist,
schwerlich verstehen.
Eine gegenstandsspezifische Problematik
Ehe wir jedoch nun die zeitgenössischen
Krankheitssymptome in diese Perspektive rücken, hier zunächst
einige Vorbemerkungen sehr allgemeiner Art. Wie jedermann
weiß, der sich einmal in der Literatur zu unserem aktuellen
Thema umgesehen hat, wird heute auf breiter Front – freilich
ohne daß sich bisher ein sonderlich schlüssiges Ergebnis gezeigt
hätte – ein wissenschaftlicher Disput über das Wesen der
Schizophrenie geführt: ob man es mit einer echten
nosologischen Einheit oder mit einer Gruppe schlecht definierter
Syndrome zu tun habe, oder ob es sich vielleicht um die letzte,
gemeinsame Wegstrecke von Krankheitsverläufen
unterschiedlicher Ätiologie handle, und ob man zwei – von
einem Autor zum andern unterschiedlich benannte –
Grundformen unterscheiden könne: prozessurale und reaktive
oder akute und chronische oder rasch fortschreitende und
langsam fortschreitende Schizophrenie.
Meinungsverschiedenheiten und Unschlüssigkeit in diesem
Bereich rühren daher, daß Forschungsarbeit sich hier mit einem
gordischen Knoten methodologischer Probleme abzumühen hat,
wie man ihn anderswo nicht verzwickter findet. Wie eliminiert
man bei der Erhebung von Befunden an Schizophrenen die
Auswirkungen der Hospitalisierung, von Medikamenten, der
vorausgegangenen Therapie, kulturell bedingter Einstellungen
oder der mancherlei erlernten Reaktionen auf Bizarrerien im
Verhalten? Und wie bewältigt man das Problem, zuverlässige
Befunde über die krisenträchtigen Aspekte in der Lebenslage
von Menschen zu gewinnen, die unter dem Trauma der
Hospitalisierung auf eine Kommunikationssituation mit Furcht
und Schrecken reagieren?
Es ist hier nicht meine Aufgabe, in irgendeiner verbindlichen
Position die Lösung dieser Schwierigkeiten dingfest zu machen.
Vielmehr beabsichtige ich, sie zu unterlaufen, indem ich in
meiner Argumentation nichts weiter als ein paar banale
Tatsachen voraussetze, über die weithin Übereinstimmung
herrscht. Sie lauten: es gibt ein Syndrom, das man
zulässigerweise als Schizophrenie bezeichnet; zumindest für das
Stadium voller Entfaltung existiert eine unzweideutige klinische
Beschreibung; und dieses Syndrom tritt weltweit in allen
zivilisierten Gesellschaften auf.3 Überdies ist es für den
Wahrheitswert dieses Kapitels im Grunde nicht wichtig, ob hier
alle auf Schizophrenie diagnostizierbaren Fälle erfaßt sind oder
nicht.44 Und ebensowenig, ob ich die Krankheit in der Form
erfaßt habe, wie sie sich ursprünglich manifestiert, oder in einer
Abwandlung im Anschluß an die Hospitalisierung. Meine These
will nicht höher hinaus als darauf, daß manche grundlegenden,
im höchsten Maß typischen und am häufigsten zu
beobachtenden Symptome der vollausgebildeten Schizophrenie,
solange sie nicht medikamentös behandelt sind, auf einzigartige
Weise mit der Beschreibung der bikameralen Psyche
übereinstimmen, die auf den vorausgegangenen Seiten gegeben
wurde.
Die gemeinten Symptome bestehen in erster Linie im
Auftreten von Gehörshalluzinationen (wie auf Seite 111 ff
beschrieben) sowie in der Aufweichung der (auf Seite 79 ff
beschriebenen) Bewußtseinsstruktur, namentlich in der Einbuße
des »Ich« qua-Analogon, dem Schwund des inneren Raums und
dem Verlust der Fähigkeit des Narrativierens. Sehen wir uns
jetzt diese Symptome der Reihe nach an.
Das Halluzinieren
Wieder einmal – Halluzinationen ... Und was an dieser Stelle
dazu anzumerken ist, ergänzt und präzisiert nur meine früheren
Ausführungen zum gleichen Thema.
Beschränken wir uns auf die Fälle von vollausgebildeter
Schizophrenie vor der medikamentösen Behandlung, so ist
festzustellen, daß sie nur ausnahmsweise frei von
Halluzinationen sind. In der Regel beherrschen diese das
Erscheinungsbild, indem sie sich dem Kranken massiv und
hartnäckig aufdrängen und ihn dadurch verwirrt erscheinen
lassen, zumal wenn sie sich in raschem Tempo wandeln. In ganz
akuten Fällen sind die Stimmen von Gesichtshalluzinationen
begleitet. In den gewöhnlicheren Fällen dagegen hört der
Kranke eine oder mehrere Stimmen – einen Heiligen oder einen
Teufel oder eine Männerrotte, die ihm draußen unter seinem
Fenster auflauert, um ihn zu verbrennen oder zu köpfen. Sie
stellen ihm nach, drohen, sie würden durch die Wände
eindringen, kommen heraufgeentert und halten sich unterm Bett
des Kranken oder ihm zu Häupten im Luftschacht versteckt.
Und dann sind da noch andere Stimmen, Stimmen, die den
Willen äußern, ihm zu helfen. Manchmal zeigt sich Gott als
Schützender und manchmal als Verfolger. Die
Verfolgerstimmen können den Kranken zur Flucht, zur
Selbstverteidigung oder zum Angriff treiben. Den hilfreichen,
trostspendenden Halluzinationen lauscht er unter Umständen mit
hingebungsvoller Aufmerksamkeit, in glückseliger
Feststimmung, ja zu Tränen gerührt von solchen Himmelstönen.
Manche Kranken durchleben die ganze Palette halluzinativer
Erfahrungen im Bett, unter die Decke verkrochen, während
andere dabei herumkraxeln und sich unter allerhand
unverständlichem Gestikulieren und Gefuchtel laut oder leise
mit ihren Stimmen unterhalten. Ja, es kommt sogar vor, daß
Kranke während eines Gesprächs mit einem anderen Menschen
oder beim Lesen alle paar Sekunden in einem leisen oder
geflüsterten »Beiseite« ihren Halluzinationen antworten.
Zu den im Hinblick auf die Parallelität mit der bikameralen
Psyche interessantesten und bedeutsamsten Aspekten von
alledem zählt folgender Umstand: Im allgemeinen unterliegen
Gehörshalluzinationen auch nicht im allermindesten Grad der
Kontrolle des betreffenden Individuums, dafür aber sind sie aufs
äußerste empfänglich noch für die schwächste Suggestion aus
der sozialen Gesamtsituation, in die das Individuum
eingebunden ist. Mit anderen Worten: Schizophreniesymptome
als solche sind ebenso durch einen kollektiven kognitiven
Imperativ beeinflußt wie, nach unserer früheren Feststellung, die
Phänomene der Hypnose.
Dies geht unmißverständlich aus einer neueren Untersuchung
hervor.5 45 halluzinierende männliche Kranke wurden in drei
Gruppen eingeteilt. Den Mitgliedern der einen Gruppe wurde
ein Kästchen am Gürtel befestigt, das seinem Träger auf
Hebeldruck einen elektrischen Schlag versetzte. Man instruierte
sie, sich jedesmal, wenn sie Stimmen zu hören begannen, diese
Art Schocktherapie zu applizieren. Die zweite Gruppe wurde
mit ähnlichen Kästchen ausgerüstet und erhielt ähnliche
Instruktionen, nur daß der Hebeldruck keinen elektrischen
Schlag erzeugte. Den Mitgliedern der dritten Gruppe wurde in
gleicher Form die gleiche Lagedarstellung gegeben wie den
anderen, aber sie erhielten keine Kästchen. In den Kästchen
befand sich übrigens ein Zählwerk, das registrierte, wie oft der
Hebel niedergedrückt wurde: Die für die Dauer des Experiments
(14 Tage) im Einzelfall registrierte Gesamtzahl schwankte
zwischen 19 und 2362. Das Wesentliche bei der Sache ist
jedoch, daß den Mitgliedern aller drei Gruppen unter der Hand
insinuiert wurde, die Häufigkeit des Auftretens der Stimmen
werde womöglich zurückgehen.
Selbstverständlich wurde auf der Basis der Lerntheorie die
Voraussage getroffen, daß sich einzig in der Gruppe, in der die
elektrischen Schläge ausgeteilt wurden, eine Besserung
einstellen werde. Aber das Hören der Stimmen ging – höchst
fatal für die Lernt heorie! – in allen drei Gruppen signifikant
zurück. In einigen Fällen verschwanden die Stimmen sogar
ganz. Und in dieser Hinsicht war der Befund für alle drei
Gruppen der gleiche, keine hatte hier den beiden anderen etwas
voraus – woraus deutlich hervorgeht, welch gewaltige Rolle
Erwartung und Glaube bei dieser Form der Psychoorganisation
spielen.
Mit der vorigen verwandt ist die Beobachtung, daß die
Halluzinationen von den in der Kindheit erhaltenen Belehrungen
und den seinerzeit aufgebauten Erwartungen abhängig sind – so,
wie wir es für die bikamerale Epoche postuliert hatten. In
zeitgenössischen Kulturen, in denen unter dem Einfluß
religiöser Orthodoxie eine exzessive persönliche Beziehung zu
Gott Teil der kindlichen Erziehung ist, sind die Halluzinationen
von Schizophrenen überwiegend rein religiöser Natur.
Beispielsweise wird auf einer der Westindischen Inseln, dem
britischen Tortola, den Kindern beigebracht, daß Gott
buchstäblich jede Einzelheit in ihrem Leben kontrolliert.
Drohungen werden mit dem Namen Gottes bekräftigt, Strafen
im Namen Gottes verhängt. Die hauptsächliche Form der
Geselligkeit ist der Kirchenbesuch. Wann immer ein
Eingeborener dieser Insel psychiatrische Hilfe in Anspruch
nimmt, bestehen die Beschwerden unweigerlich darin, daß er
Befehle von Gott und Jesus vernimmt, das Gefühl hat, in der
Hölle zu braten, oder lautstarke Chorgebete und Kirchengesänge
und mitunter auch ein Gemisch von Gebeten und Blasphemien
halluziniert.6
Auch in Fällen, wo die Halluzinationen von Schizophrenen
keine bestimmte religiöse Grundlage haben, spielen sie dennoch
die gleiche Rolle, die sie meiner These zufolge auch für die
bikamerale Psyche spielten, nämlich die von
Verhaltensinitiativen und direktiven. Von Fall zu Fall werden
die Stimmen sogar in der Klinik noch als Autoritäten
identifiziert. Eine Patientin hörte überwiegend wohltuende
Stimmen, von denen sie annahm, sie seien vom Gesundheitsamt
zu ihrer psychotherapeutischen Betreuung abgeordnet worden.
Wie schön wäre es doch, wenn sich die psychotherapeutische
Betreuung immer so einfach bewerkstelligen ließe! Jene
Stimmen ließen es der Patientin nie an Ratschlägen fehlen
(darunter übrigens auch der, dem behandelnden Arzt nicht zu
verraten, daß sie Stimmen höre). Sie gaben ihr Auskunft über
die Aussprache »schwieriger Wörter oder Tips fürs Nähen und
Kochen«. Oder in den Worten der Patientin:7
Wenn ich einen Kuchen backe, verliert sie leicht die Geduld
mit mir. Ich will das alles allein hinkriegen. Ich will mir eine
Schürze nähen, und schon ist sie da und sagt mir, was ich zu tun
habe.
Manche psychiatrischen Forscher, insbesondere solche
psychoanalytischer Ausrichtung, wollen aus den vom Patienten
vorgebrachten Gedankenassoziationen den Schluß ziehen, daß
die Stimmen »in allen Fällen ... auf Personen zurückverfo lgt
werden (können), die früher im Leben des Patienten eine
bedeutende Rolle spielten, insbesondere auf die Eltern«.8 Man
nimmt an, daß diese Figuren, würde ihre wahre Identität
offenbar, Angst auslösen würden und daß sie deshalb vom
Kranken unbewußt entstellt und maskiert werden. Aber warum
das alles? Es ist doch rationeller anzunehmen, daß es die
Einführungen des Kranken mit seinen Eltern (oder anderen
geliebten Autoritätspersonen) sind, die den Kern abgeben, um
den herum die halluzinierte Stimme strukturiert ist – genauso,
wie es nach meiner These in der bikameralen Epoche mit den
Göttern der Fall war.
Ich möchte damit nicht behaupten, daß die Eltern in den
Halluzinationen nicht auftreten. Sie tun das sogar sehr häufig,
zumal bei jüngeren Kranken. Abgesehen davon jedoch handelt
es sich bei den Stimm-Figuren der Schizophrenen nicht um die
verkappten Eltern, sondern es sind Autoritätsfiguren, die das
Nervensystem aus den Erziehungserlebnissen des Kranken und
seinen kulturbedingten Erwartungen geschaffen hat, wobei die
Eltern natürlich einen bedeutenden Anteil in diesen
Erziehungserlebnissen ausmachen.
Eine der interessantesten Fragen, die sich im Zusammenhang
mit den Halluzinationen stellen, ist die nach ihrem Verhältnis
zum bewußten Denken. Trifft es zu, daß die Schizophrenie ein
teilweiser Rückfall in die bikamerale Psyche und diese
wiederum (nicht unbedingt in allen Fällen) unverträglich mit
dem gewöhnlichen Bewußtsein ist, dann wäre zu erwarten, daß
Halluzinationen mit der Verdrängung der »Gedanken«
einhergehen.
Zumindest für einen Teil der Fälle beschreibt dies in der Tat
die Art und Weise, in der die Halluzinationen sich melden.
Zuweilen setzen die Stimmen als Gedanken ein, die dann in ein
kaum verständliches Flüstern übergehen, um schließlich immer
lauter und befehlender zu werden. In anderen Fällen ist den
Kranken beim Einsetzen der Stimmen zumute, »als ob sich ihr
Denken spalte«. In leichteren Fällen können die Stimmen sogar,
gleich den »Gedanken«, unter der Kontrolle der bewußten
Aufmerksamkeit stehen. Ein nicht an Wahnvorstellungen
leidender Kranker schilderte das so:
Hier im Saale bin ich nun schon 2½ Jahre und höre fast
täglich, stündlich, daß Stimmen da sind, die auch hier bald aus
den Winden, bald aus dem Gehen, bald aus dem Teller
zusammentönen, bald aus dem Rauschen der Bäume, bald aus
dem Fahren der Eisenbahnräder und anderer Wagenräder
kommen. Ich höre die Stimmen nur, wenn ich acht daraufgehe,
ich höre sie aber. Die Stimmen sind Worte und erzählen dies
und jenes, als ob sie nicht Gedanken, die man im Kopf hat,
sondern vergangene Taten besprächen, aber nur dann, wenn man
daran denkt.
Diese Stimmen sprechen die fortschreitende Gedanken- und
Herzensgeschichte jedes Tages den ganzen Tag hindurch richtig
aus.9
Halluzinationen scheinen oft über mehr Erinnerungen und
Kenntnisse zu verfügen als der Kranke selber – genau wie die
antiken Götter. Es ist nichts Ungewöhnliches, Patienten in
bestimmten Stadien der Krankheit darüber klagen zu hören, daß
die Stimmen ihre Gedanken aussprechen, bevor sie selber Zeit
gehabt hatten; sie zu denken. Dieser Vorgang, bei dem die
eigenen Gedanken anderweitig vorweggenommen und geäußert
werden, wird in der klinischen Literatur als
»Gedankenlautwerden« geführt und kommt der bikameralen
Psyche sehr nahe. Manche Kranken erklären, sie bekämen zum
Selberdenken überhaupt keine Chance mehr; stets würde das
Denken ihnen abgenommen und die Gedanken ihnen gegeben.
Wollen sie etwas lesen, lesen die Stimmen es ihnen vor. Wollen
sie etwas sagen, hören sie ihre Gedanken schon im voraus
ausgesprochen. Ein Patient sagte seinem Arzt, er leide am
Denken, da er selber nicht denken könne, weil jedesmal, wenn
er zu denken anfange, alle seine Gedanken ihm sofort
vorgesprochen werden: er bemüht sich, den Gedankengang zu
ändern und wieder denke man für ihn ... Beim Stehen in der
Kirche höre er nicht selten eine singende Stimme, welche im
voraus das singt, was vom Chor gesungen wird ...Geht der
Kranke auf der Straße und sieht z. B. ein Schild, so lese ihm die
Stimme vor, was auf dem Schilde steht ... Erblickt der Patient in
der Ferne irgend einen Bekannten, so rufe die Stimme ihm
sofort, gewöhnlich schon bevor er noch an die betreffende
Person denke, zu: ›Siehe, da geht der und der.‹ Zuweilen hat der
Kranke gar nicht die Absicht, die Vorbeigehenden zu beachten,
die Stimme aber zwingt ihn, durch ihre Auslassungen über
dieselben, ihnen seine Aufmerksamkeit zu schenken.10
Gerade die einzigartige, zentrale Position dieser
Gehörshalluzinationen im Syndrom so vieler Schizophrener gibt
wichtige Fragen auf. Warum kommt es zum Auftreten von
Halluzinationen? Und wie soll man sich die universale
Verbreitung des »Stimmenhörens« quer durch die Kulturen
erklären, wenn nicht mit der Existenz einer normalerweise
ausgeschalteten Gehirnstruktur, die unter dem Streß der
Krankheit wieder aktiviert wird?
Und warum besitzen die Halluzinationen der Schizophrenen
so häufig eine unüberbietbare Autorität zumal religiöser Art?
Ich finde, das einzige Denkmodell, das uns in diesen Fragen –
und sei’s auch bloß mit einer Arbeitshypotheseweiterzuhelfen
vermag, ist das der bikameralen Psyche, demzufolge die für die
Halluzinationen verantwortliche neurologische Struktur
neurologisch verbunden ist mit den Substraten des religiösen
Empfindens, was wiederum darin begründet ist, daß die
Entstehungsbedingungen der Religion wie der Götter als solcher
in der bikameralen Psyche liegen.
Halluzinationen religiösen Inhalts treten allgemein mit
besonderer Vorliebe im sogenannten Dämmerzustand auf, einer
Art Wachtraum, in den viele Kranke versinken und der je nach
Lage der Dinge von einigen Minuten bis zu einigen Jahren
währen kann (ein Dämmerzustand von sechsmonatiger Dauer ist
durchaus kein ungewöhnliches Vorkommnis). Er zeichnet sich
in aller Regel durch religiöse Visionen und entsprechendes
Gebaren, feierliche Haltung und Andacht aus: Der Patient lebt
mit seinen Halluzinationen wie der bikamerale Mensch mit den
seinen – mit dem Unterschied, daß jener unter Umständen die
Anstaltsumgebung ausblendet und noch seine unmittelbare
Umwelt halluziniert. Mag sein, daß der Kranke dann Umgang
mit den Heiligen im Himmel pflegt. Oder er erkennt zwar die
Ärzte und Pfleger in seiner Umgebung als das, was sie sind, ist
jedoch der Ansicht, daß sie zu gegebener Zeit die Maske
ablegen und sich als Götter und Engel entpuppen werden.
Solche Kranken brechen vielleicht sogar in Freudentränen
darüber aus, daß es ihnen gestattet ist, mit den Bewohnern der
himmlischen Gefilde direkt zu sprechen, und bekreuzigen sich
ohne Unterlaß während des Wortwechsels mit den göttlichen
Stimmen oder vielleicht sogar mit den Sternen, die aus dem
nächtlichen Dunkel nach ihnen rufen.
Häufig bahnt sich für den Paranoiker nach einer längeren
Periode der gestörten Kommunikation mit seinen Mitmenschen
der Übergang zum schizophrenen Aspekt seines Leidens mit
einem halluzinierten religiösen Erlebnis an, bei dem ein Engel,
Jesus Christus oder Gottvater im bikameralen Modus zu ihm
spricht und ihm irgendeinen neuen Weg weist.11 Er gelangt so
zu der Überzeugung, in einem persönlichen Sonderverhältnis zu
den Mächten des Universums zu stehen, und seine pathologisch
selbstbezügliche Interpretation von allem, was sich um ihn her
ereignet, wird zu Wahnideen ausgearbeitet, denen der Kranke
unter Umständen jahrelang nachhängt, ohne sie mit anderen
erörtern zu können.
Ein besonders anschauliches Beispiel dieser Neigung zu
religiösen Halluzinationen liefert der »Fall Schreber« – die
Krankengeschichte des »tüchtigen deutschen Richters« (M.
Schatzuran) Daniel Paul Schreber (1842-1911), der mit 42
Jahren, im Herbst 1884, »verrückt« wurde, im Jahr darauf
wieder gesundete und Ende Oktober 1893 neuerlich erkrankte.12
Die Halluzinationen, die ihn im akuten Zustand seiner
Schizophrenie heimsuchten, hat der Kranke in einem von einem
Höchstmaß literarischer Bildung zeugenden Bericht selbst
beschrieben, und was er schildert, ist bemerkenswert vor allem
durch die Ähnlichkeit, die es mit dem Verhältnis der Menschen
des Altertums zu ihren Göttern aufweist. Schrebers (zweite)
Erkrankung begann mit – von schweren Angstzuständen
begleiteter – quälender Schlaflosigkeit, während deren er ein in
kürzeren oder längeren Abständen wiederkehrendes Knistern in
der Zimmerwand halluzinierte. Eines Nachts dann verwandelte
sich das Knistern in Stimmen, in denen der Kranke sogleich
göttliche Botscha ften und damit seine »besondere ... Beziehung
zu Gott« (S. 70) erkannte und »welche seitdem unaufhörlich zu
mir sprechen« (S. 102): »Bei mir ... sind Pausen des
Stimmengeredes überhaupt niemals vorhanden; seit den
Anfängen meiner Verbindung mit Gott ... also seit nunmehr
sieben Jahren habe ich – außer im Schlafe – niemals auch nur
einen einzigen Augenblick gehabt, in dem ich die Stimmen nicht
vernommen hätte.« (S. 316) Schreber sah »Strahlen ... als
langgezogene Fäden von irgendwelchen, über alle Maßen
entlegenen Orten am Horizonte nach meinem Kopfe
herüberkommen« (S. 319) und merkt zu diesem Vorgang später
an, daß die nach meinem Kopfe züngelnden, allem Anschein
nach von der Sonne oder vielleicht auch noch von zahlreichen
anderen entfernten Weltkörpern herkommenden Strahlen ...
nicht in gerader Linie, sondern in einer Art von Schleife oder
Parabel auf mich zukommen« (S.321). Diese Strahlen waren die
Trägermedien der göttlichen Stimmen und in der Lage, die
körperliche Seinsform von Göttern selbst anzunehmen.
Interessant ist vor allem die Beobachtung, daß die göttlichen
Stimmen sich mit fortschreitender Krankheit zu einer Hierarchie
von oberen und unteren Gottheiten organisieren, wie sich das
wohl ähnlich auch in bikameraler Zeit abgespielt haben dürfte.
Ferner scheinen die Stimmen Schreber »ersticken«, »erdrücken«
und seinen »Verstand zerstören« zu wollen (S. 232, 233 und
öfter). Ihr Ziel ist »Seelenmord« (S. 83 ff und öfter) an dem
Kranken und seine »Entmannung« (S. 107 ff und öfter), mit
anderen Worten: die Auslöschung seiner Eigeninitiative und
seines »Ich« qua-Analogon. In der Spätphase seiner Krankheit
narrativierte er das zu der Wahnvorstellung von körperlicher
Umwandlung in eine Frau (»die Preisgabe meines Körpers als
weibliche Dirne«; S. 113 und öfter). In seiner berühmten
Analyse von Schrebers autobiographischem Bericht hat Freud
diese spezielle Narrativierung meines Erachtens überstrapaziert,
indem er unter Berufung auf sie die gesamte Krankheit als das
Resultat verdrängter Homosexualität interpretierte, die nunmehr
aus dem Unbewußten herausbrach.13 Diese Deutung mag
durchaus richtig liegen in bezug auf die Ätiologie des
Streßfaktors im Ausbruch des Leidens, trägt jedoch wenig zur
Erklärung des Falls im ganzen bei.
Dürfen wir uns nun die Kühnheit erlauben, zwischen derlei
Manifestationen von Geisteskrankheit und der
Götterorganisation des Altertums eine Parallele zu ziehen? Daß
Schrebers Stimm-Visionen auch die Gestalt von »kleine[n]
Männer[n]« (S. 122) annehmen konnten, erinnert an die in den
Ruinen so vieler alter Hochkulturen gefundenen Statuetten. Und
der Umstand, daß mit allmählicher Besserung in Schrebers
Zustand das Sprechtempo seiner Götter sich verlangsamte und
zu leisem Geflüster oder gelispelten Klängen (S. 176, 178, 232
und öfter) verkam, erinne rt daran, wie sich die Stimmen der
Inka-Idole nach der spanischen Eroberung anhörten.
Eine weitere vielsagende Parallele zeigt sich in dem Umstand,
daß die Sonne als das hellste Licht im menschlichen Universum
für einen Großteil nichtmedikamentös behandelter Kranker eine
besondere Bedeutung gewinnt, wie sie sie ähnlich auch in den
bikameralen Theokratien hatte. So erblickte Schreber seinen
»oberen Gott (Ormuzd)«, nachdem er ihn eine Zeitlang nur
gehört oder besser mit dem »geistigen Auge« gesehen hatte,
schließlich auch noch »mit meinem leiblichen Auge. Es war die
Sonne, aber nicht die Sonne in ihrer gewöhnlichen, allen
Menschen bekannten Erscheinung, sondern umflossen von
einem silberglänzenden Strahlenmeer ...« (S. 177): Und ein
Kranker, der uns zeitlich etwas näher steht, schreibt:
Die Sonne übte jetzt eine außerordentliche Wirkung auf mich
aus. Sie schien alle Macht in sich zu vereinigen – nicht nur ein
Symbol Gottes, sondern wahrhaftig Gott selbst zu sein.
Unablässig gingen mir Wendungen durch den Kopf wie: »Licht
der Welt«, »Die Sonne der Rechtschaffenheit, die niemals
untergeht« und dergleichen, und der bloße Anblick der Sonne
genügte, um die manische Erregtheit, an der ich litt, immens zu
verstärken. Ich wurde getrieben, mich zur Sonne wie zu einem
persönlichen Gott zu verhalten und daraus ein
Sonnenanbetungsritual zu entwickeln.14
Ich glaube keineswegs, daß es im Nervensystem so etwas wie
eine angeborene Sonnenverehrung oder angeborene Götter gibt,
die im Zuge psychotischer Veränderungen der
Psychoorga nisation freigesetzt werden. Die spezielle Form, die
Halluzinationen im Einzelfall annehmen, gründet zum Teil in
der physikalischen Beschaffenheit der Welt, überwiegend
jedoch in Erziehung und einer gewissen Vertrautheit mit
Gottesvorstellungen und religionsgeschichtlichen Fakten.
Dagegen möchte ich nachdrücklich die Thesen vertreten, 1.
daß derartige Halluzinationen, was ihre reine Existenz angeht,
durch im Gehirn vorhandene aptische Strukturen bedingt sind;
2. daß diese Strukturen sich in zivilisierten Gesellschaften
dahingehend entwickeln, daß sie für derartige halluzinierte
Stimmen einen generell religiösen und autoritativen Charakter
bedingen und sie unter Umständen auch in eine hierarchische
Organisationsform bringen;
3. daß die Paradigmen hinter diesen aptischen Strukturen dem
Gehirn in der Frühgeschichte der menschlichen Zivilisation
durch natürliche und menschengemachte Selektion anentwickelt
werden und
4. daß sie in vielen Fällen von Schizophrenie durch abnorme
biochemische Verhältnisse aus der Hemmung, der sie
normalerweise unterliegen, freigesetzt und zu individuellem
Erleben konkretisiert werden.
Über diese sehr realen halluzinatorischen Phänomene der
Schizophrenie wäre noch eine Menge zu sagen. Und das
Bedürfnis nach weiteren Forschungen in dieser Richtung läßt
sich gar nicht nachdrücklich genug betonen. Wir würden gern
etwas über den Lebenslauf der Halluzinationen und sein
Verhältnis zur Krankheitskarriere des Patienten erfahren –
bislang hat man davon nur wenig Ahnung. Wir wüßten gern
mehr darüber, wie die spezielle halluzinatorischen Erlebnisse
des Individuums mit seiner Erziehung zusammenhängen.
Warum hören manche Kranken wohlmeinende Stimmen,
während andere so unnachsichtiger Verfolgung seitens ihrer
Stimmen ausgesetzt sind, daß sie vor ihnen auszureißen oder
sich gegen sie zur Wehr zu setzen versuchen oder blindwütig
auf wen auch immer oder was auch immer losgehen in dem
Versuch, die Stimmen zum Schweigen zu bringen? Und warum
sind die Stimmen wieder anderer so ekstatischreligiöser und
begeisternder Natur, daß der Kranke sie genießt wie ein Fest?
Und welche Sprachmerkmale weisen die Stimmen auf?
Benutzen sie den gleichen Satzbau und den gleichen Wortschatz
wie der Kranke? Oder sprechen sie »elaborierter« (wie wir nach
dem im vorvorigen Kapitel Ausgeführten erwarten dürften)?
Allesamt sind dies Fragen, die sich empirisch beantworten
lassen. Haben wir erst einmal die Antworten, so könnte es in der
Tat sein, daß wir damit zugleich auch mehr Einsicht in die
bikameralen Anfänge der Zivilisation gewo nnen haben.
Der Abbau des »Ich« qua-Analogon
Welch unbeschreiblich wichtige Rolle spielt doch das
Analogon unserer selbst, das wir in unserem metaphorisch
geschaffenen inneren Raum beherbergen – dieses Ding, das
einzig uns in den Stand setzt, narrativierend die Lösungen für
unsere persönlichen Entscheidungsprobleme zu finden und zu
wissen, wohin wir uns bewegen und wer wir sind. Und wenn es
dann, wie das in der Schizophrenie geschieht, zu schwinden und
der Raum, in dem es zu Hause ist, einzustürzen beginnt – was
für eine grauenhafte Erfahrung muß das sein!
Bei allen Schizophrenen, die an der vollausgebildeten Form
der Krankheit leiden, zeigt sich dieses Symptom in mehr oder
minder starker Ausprägung:
Wenn es mir schlecht geht, fehlt mir das Gefühl, wo ich bin.
Ich habe das Gefühl, daß ich vielleicht im Sessel sitze, und
trotzdem holpert und poltert mein Körper da so ungefähr einen
Meter vor mir herum.
Es ist wirklich sehr schwer, mit andern im Gespräch zu
bleiben, weil ich nämlich einfach nie genau weiß, ob die andern
jetzt wirklich was sagen oder nicht, und ob ich selber antworte.15
Allmählich kann ich nicht mehr unterscheiden, wieviel von
mir noch in mir selber steckt und wieviel schon in anderen. Ich
bin eine gestaltlose Masse, eine Monstrosität, die täglich neu
zurechtgeknetet wird.16
Denk- und Entscheidungsfähigkeit und Wille zum Handeln,
das zerfleischt sich bei mir selbst. Zum Schluß wird es
hinausgeworfen und vermengt sich da mit allen übrigen
Bestandstücken des Tages und schätzt ab, was es hinter sich
zurückgelassen hat. Anstatt daß da der Wunsch wäre, dies oder
das zu tun, wird es von etwas gleichsam Mechanischem und
Furchterregendem getan ... Gefühle, die in einem Menschen drin
sein sollten, sind draußen und möchten gern wieder zurück, und
dabei haben sie doch die Kraft zum Zurückkehren mit
fortgenommen.17
Auf vielfältige Weise wird dieser Ichverlust von den Kranken
beschrieben – sofern sie überhaupt noch in der Lage sind, etwas
zu beschreiben. Eine Patientin muß stundenlang ununterbrochen
reglos dasitzen, »um ihre Gedanken wiederzufinden«. Einem
anderen ist zumute, als ob er »am Auslöschen« sei. Schreber
sprach, wie wir uns erinnern, von »Seelenmord«. Eine
bestimmte Patientin mit sehr hohem Intelligenzgrad kostet es
jedesmal Stunden angestrengter Mühe, »für wenige kurze
Augenblicke wieder zu sich selbst zu kommen«. Oder das Ich
hat das Gefühl, von allem um es her, von kosmischen Kräften,
von bösen oder guten Mächten oder sogar von Gott selbst
aufgesogen zu werden. In der Tat wollte Bleuler, als er den
Ausdruck Schizophrenie prägte, bereits in der Bezeichnung der
Krankheit diese zentrale Erfahrung als ihr
Identifikationsmerkmal herausstellen. Es ist das Gefühl, »den
Verstand zu verlieren«, oder von einem »Abbröckeln« des Ich,
bis dieses schließlich zu existieren aufhört oder die gewöhnliche
Verbindung mit dem Leben und Handeln verloren zu haben
scheint, woraus dann die augenfälligeren Symptome, wie etwa
»Affektmangel« oder Abulie, resultieren.
Auf andere Weise bekundet sich der Abbau des »Ich« qua-
Analogon in der relativen Unfähigkeit Schizophrener, einen
Menschen zu zeichnen. Nun ist es auf den ersten Blick natürlich
eine etwas schwachbrüstige Annahme zu meinen, wenn wir
einen Menschen aufs Papier zeichnen, hänge das, was dabei
herauskommt, von der Intaktheit jener Metapher vom eigenen
Selbst ab, die wir das » Ich »qua-Analogon genannt haben.
Doch hat sich dieser Befund als so schlüssig erwiesen, daß sich
daraus der sogenannte DAP-Test (»Draw-A-Person«-Test)
entwickelt hat, der heute routinemäßig als Indikator für
Schizophrenie eingesetzt wird.18 Nicht alle Schizophrenen tun
sich mit dem Zeichnen schwer. Aber diejenigen, die es tun,
vermitteln damit eine äußerst zuverlässige diagnostische
Information. Sie lassen augenfällige anatomische Details – wie
Hände und Augen – weg; die Linienführung ist unsicher und
lückenhaft; die Geschlechtsmerkmale sind häufig undifferenziert
dargestellt; die Figur im ganzen ist häufig schief und verzerrt.
Jedoch sollte die Generalisierung, wonach sich hierin der
Abbau des »Ich« qua-Analogon widerspiegelt, mit einiger
Vorsicht aufgenommen werden. Man weiß inzwischen, daß
ältere Menschen zuweilen die gleiche fragmentierte und
primitive Art zu zeichnen haben wie Schizophrene, und es sollte
auch nicht übersehen werden, daß zwischen jenem Befund und
der in diesem Kapitel untersuchten Hypothese eine beträchtliche
Diskrepanz besteht. In einem der früheren Kapitel gelangten wir
zu dem Schluß, das »Ich« qua-Analogon habe gegen Ende des
zweiten Jahrtausends v. Chr. in Erscheinung zu treten begonnen.
Wenn nun die Fähigkeit, einen Menschen zu zeichnen, beim
Zeichner das Vorhandensein eines »Ich« qua-Analogon
voraussetzt, dürfte es eigentlich in der Zeit davor keine
zusammenhängenden und klaren zeichnerischen
Menschendarstellungen gegeben haben. Und das ist ganz
18 Einen entschieden nicht der Fall. Zweifellos gibt es Mittel und Wege,
diese Unstimmigkeit aufzulösen, doch möchte ich es zu diesem
Zeitpunkt dabei bewenden lassen, sie einfach nur zu registrieren.
Wir sollten diese Ausführungen über den Abbau des »Ich«
qua-Analogon nicht beenden, ohne die ungeheure Angst
erwähnt zu haben, von der er in unserer Kultur begleitet wird,
eine Angst, die ihrerseits Auslöser ist für das – mal erfolgreiche,
mal erfolglose Bemühen, diesem grauenerregenden
Dahinschwinden des wichtigsten Teils unseres inneren Selbst,
jenes nahezu sakramentalen Zentrums bewußter
Entscheidungen, Einhalt zu gebieten. Tatsächlich lassen sich in
diesem Zusammenhang auftretende Verhaltensformen, die auch
nicht das geringste mit irgendeiner Rückkehr zur bikameralen
Psyche zu tun haben, großenteils als Abwehrstrategien gegen
diesen Verlust des »Ich« qua-Analogon begreifen.
So tritt beispielsweise in manchen Fällen das sogenannte »Ich
bin«-Symptom auf. In dem Bemühen, nicht ganz und gar die
Kontrolle über sein Verhalten zu verlieren, wiederholt der
Kranke in einem fort zu sich selbst: »Ich bin«, oder: »Ich bin
der, der in allem da ist«, oder: »Ich bin der Geist, nicht der
Körper«. Ein anderer wiederum gebraucht vielleicht nur ein
einziges Wort – zum Beispiel »Kraft« oder »Leben« –, um sich
gegen die drohende Auflösung seines Bewußtseins an
irgendeinem Fixpunkt zu verankern.19
Die Auflösung des Seelenraums
Nicht nur sein »Ich« beginnt dem Schizophrenen abhanden zu
kommen, sondern auch sein »Inneres« als solches der reine
Paraphorand, den wir von der Welt und den Dingen in ihr haben
und der so angelegt ist, daß er beim Introspizieren den Anschein
von Räumlichkeit abgibt. Der Kranke hat das Empfinden, seine
Denkfähigkeit einzubüßen, er leidet unter » Gedankenschwund«
– ein Begriff, in dem der Schizophrene seine Lage auf Anhieb
wiedererkennt. Diese Erscheinung ist unabtrennbar mit dem
Abbau des »Ich« qua-Analogon gekoppelt. Die Kranken haben
Mühe, sich als an diesem speziellen Ort befindlich zu denken,
und sind daher nicht in der Lage, Informationen auszuwerten,
um sich auf erwartbare Zukunftsereignisse vorzubereiten.
Dies läßt sich auf experimentellem Weg unter anderem in
Reaktionszeit-Tests beobachten. Schizophrene gleich welchen
Typs zeigen sich ausnahmslos unbeholfener als normal bewußte
Personen, wenn es darum geht, auf in wechselnden
Zeitabständen dargebotene Reize zu reagieren. Der Kranke, dem
das Analogon-»Ich« und der innere Raum abgehen, in dem er
sein »vorgestelltes« Selbst bei diesem oder jenem Tun
beobachten könnte, ist nicht in der Lage, sich in eine
»Bereitschaftsposition« für eventuelle Reaktionen zu versetzen,
reagiert er aber erst einmal, ist er unfähig, seine Reaktion so zu
variieren, wie es die Aufgabe erfordert.20 Das bedeutet, daß
beispielsweise ein Kranker, der dabei ist, Klötze nach ihrer
Form zu sortieren, nicht imstande ist, wenn er den Auftrag
erhält, nach einem neuen Gesichtspunkt zu sortieren, zum
Sortieren nach Farben überzuwechseln.
Ebenso geht mit dem Analogon-»Ich« und dem inneren Raum
auch die Fähigkeit zu »Alsob«-Verhalten verloren. Da ihm die
an das normale Bewußtsein geknüpfte Vorstellungskraft abgeht,
ist der Kranke unfähig zu fingiertem Handeln wie Rollenspiel
oder Simulation, ja er vermag noch nicht einmal über fingierte
Sachverhalte zu reden. Er ist beispielsweise nicht in der Lage, so
zu tun, als trinke er Wasser aus einem Glas, wenn nicht wirklich
Wasser in dem Glas ist. Fragt man ihn, was er an der Stelle des
Arztes tun würde, so antwortet er unter Umständen, er sei kein
Arzt. Oder: fragt man einen ledigen Patienten, wie er sich
verhalten würde, wenn er verheiratet wäre, lautet die Antwort, er
sei nicht verheiratet. Hier liegt auch der Grund, warum es – wie
am Schluß des vorigen Kapitels erwähnt – nicht möglich ist,
Schizophrene zu hypnotisieren: Das Handeln unter Hypnose ist
ja, wie gezeigt, ein Sotunalsob.
Weiterhin bekundet sich die Auflösung des inneren Raums in
der für die meisten Schizophrenen typischen
Orientierungslosigkeit in der Zeit. Der Zeit sind wir uns nur
insoweit bewußt, als wir sie als räumliches Hintereinander
abzubilden vermögen, und das für die Schizophrenie
charakteristische Schwinden des inneren Raums erschwert das
oder macht es unmöglich. So kann man beispielsweise
Schizophrene darüber klagen hören, daß die Zeit
»stehengeblieben« sei oder daß jetzt »alles viel langsamer« zu
gehen oder »in einem Schwebezustand« zu sein scheine, oder
auch einfach nur darüber, daß sie »Probleme mit der Zeit«
haben. Ein geheilter Schizophreniepatient schildert das
rückblickend so:
Lange Zeit sind mir die Tage nicht wie ein Tag und die
Nächte nicht wie eine Nacht vorgekommen. Aber im einzelnen
habe ich daran keine klare Erinnerung. Die Tageszeit bestimmte
ich anhand der Mahlzeiten – da wir aber nach meinem Eindruck
an jedem wirklichen Tag jedesmal die ganze Palette von
Mahlzeiten serviert bekamen, Frühstück, Mittagessen, Tee und
Abendessen, und das ungefähr ein halbes dutzendmal innerhalb
von zwölf Stunden, kam ich damit nicht viel weiter.21
Oberflächlich betrachtet, scheint das der Hypothese zu
widersprechen, derzufolge die Schizophrenie ein teilweiser
Rückfall in die bikamerale Psyche ist, denn der bikamerale
Mensch wußte zweifellos mit den Tages- und Jahreszeiten
Bescheid. Aber dieses Wissen, so meine ich, war ein ganz
anderes Wissen, als die Narrativierungen in der als räumliche
Folge modellierten Zeit es sind, die wir Bewußtseinsbesitzer
unentwegt fabrizieren. Das Wissen des bikameralen Menschen
war Verhaltenswissen, ein Reagieren auf die Hinweisreize zum
Aufstehen und Schlafengehen, für die Aussaat und für die Ernte:
Hinweisreize, die so wichtig waren, daß sie – wie etwa in
Stonehenge – zum Gegenstand kultischer Verehrung gemacht
wurden und wahrscheinlich an und für sich schon halluzinogen
wirkten. Für den Angehörigen einer Kultur, in der die
Achtsamkeit auf derlei Hinweisreize von einem anderen
Zeitgefühl abgelöst wurde, bedeutet die krankheitsbedingte
Einbuße jenes Schemas der räumlichen Aufeinanderfolge soviel
wie in eine mehr oder weniger zeitlose Welt hineinversetzt zu
werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Umstand,
daß ein geistig normales Hypnosesubjekt, wenn ihm gesagt
wird, die Zeit existiere nicht, Reaktionen des schizophrenen
Typs zeigt.22
Das Versagen des Narrativierungsvermögens
Mit der Auflösung des »Ich« qua-Analogon und seines
Seelenraums wird das Narrativieren zu einer Unmöglichkeit. Es
ist, als ob alles, was im Zustand der Normalität narrativiert
wurde, in Assoziationen auseinanderfalle, die wohl von
irgendeiner allgemeinen Sache beherrscht sein können, jedoch
in keinerlei Beziehung zu einem einheitsstiftenden begriffenen
Zweck oder Ziel stehen, wie es bei der normalen Narrativierung
der Fall ist. Logische Gründe für die Wahl einer
Verhaltensweise können nicht angegeben werden, und die
Antworten auf gestellte Fragen gehen nicht von einem
»innerlichen« Raum irgendwelcher Art, sondern von bloßen
Assoziationen oder den äußeren Gesprächsumständen aus. Die
Vorstellung, daß ein Mensch in der Lage sei, über seine
Beweggründe Auskunft zu geben – etwas, das in der
bikameralen Epoche eindeutig die Funktion der Götter war –,
kann gar nicht mehr auftauchen.
Ohne das Analogon-»Ich«, seinen »inneren Raum« und die
Fähigkeit des Narrativierens ist das Verhalten entweder ein
Reagieren auf halluzinierte Direktiven, oder es läuft nach den
Regeln der Gewohnheit weiter. Was vom Selbst noch
übriggeblieben ist, fühlt sich als außengesteuerter Automat- so,
als ob jemand anderer den Körper hierhin oder dorthin bewege.
Selbst wenn er keine halluzinierten Kommandos erhält, kann ein
Kranker das Gefühl haben, auf zwingende Weise befehligt zu
werden. So könnte es sein, daß er in ganz normaler Manier mit
einem Besucher einen Händedruck wechselt, auf eine
diesbezügliche Frage jedoch antwortet: »Das mach ich nicht
selbst, die Hand streckt sich von alleine aus.« Oder ein Kranker
mag den Eindruck haben, beim Sprechen werde seine Zunge
von jemand anderem bewegt, so vor allem als Koprolalie-
Kranker, dem sich skatologische und obszöne Wörter in die
Rede drängen. Sogar schon in den Frühstadien der
Schizophrenie macht der Kranke Bekanntschaft mit
Erinnerungen, Musikeindrücken oder Gemütsbewegungen, die
als angenehm oder unangenehm empfunden werden können,
aber in jedem Fall ihm von irgendeiner fremden Instanz
aufgenötigt zu sein scheinen, so daß sie nicht »seiner« Kontrolle
unterliegen. Dieses Symptom ist äußerst verbreitet und ein
zuverlässiges diagnostisches Zeichen. Und diese
Fremdbeeinflussungsgefühle wachsen sich dann häufig zu den
veritablen Halluzinationen aus, über die wir bereits gesprochen
haben.
Bleuer schreibt: »Als von der Persönlichkeit losgelöste
psychische Äußerungen sind die Automatismen als solche selten
von bewußten Gefühlen begleitet. Die Kranken können tanzen
oder lachen, ohne fröhlich zu sein; einen Mord begehen, ohne zu
hassen; sich selbst umbringen, ohne des Lebens überdrüssig zu
sein... In allen Fällen fühlt sich die Persönlichkeit ihrer inneren
und äußeren Handlungen nicht mehr mächtig und einer fremden
Gewalt ausgeliefert.«23
Viele Kranke lassen derartigen Automatismen einfach freien
Lauf. Andere, denen ein Rest narrativer Fähigkeit verblieben ist,
erfinden sich Abwehrmaßnahmen gegen diese Fremdkontrolle
ihrer Handlungen. Hierher gehört der Negativismus, und zwar
meines Erachtens selbst noch der von Neurotikern. So
verschaffte sich einer von Bleulers Patienten, der unter einem
inneren Drang stand zu singen, einen Holzklotz, den er sich in
den Mund zu stopfen pflegte, um den Mund vom Singen
abzuhalten. Wir vermögen derzeit nicht zu sagen, ob solche
Automatismen und inneren Befehle immer und unter allen
Umständen das Werk artikulierter, den Kranken in seinen
Handlungen dirigierender Stimmen sind, wie das durch das
Konzept des Rückfalls in die bikamerale Psyche nahegelegt
wird., Tatsächlich könnten wir es hier mit einer
unbeantwortbaren Frage zu tun haben, weil man mit der
Möglichkeit rechnen muß, daß der abgespaltene
Persönlichkeitsteil, der noch auf den Therapeuten reagiert, die
bikameralen Kommandos, die von anderen Teilen des
Nervensystems »gehört« werden, unterdrückt.
Bei vielen Kranken tritt das in einem allgemein als
»Befehlsautomatie« bekannten Symptom in Erscheinung. Der
Kranke folgt dabei jedem x-beliebigen Befehl und jeder
Anregung, die ihn von außen erreichen. Selbst wenn er sich
ansonsten negativistisch verhält, ist er schlechterdings nicht in
der Lage, sich kurzen, autoritären Kommandos zu widersetzen.
Diese Kommandos dürfen sich aber nicht auf langwierige und
komplizierte Aufgaben, sondern müssen sich auf einfache
Verrichtungen beziehen. Mag sein, daß die bekannte
wachspuppenhafte Biegsamkeit der Katatoniker in diese Sparte
gehört, denn im Grunde genommen leisten diese Kranken den
Anweisungen des Arztes peinlich genau Folge, indem sie in
jeder Position verharren, in die sie gebracht werden. Wenn auch
derartige Erscheinungen natürlich nicht in allen Einzelheiten mit
den Charakteristika der bikameralen Psyche übereinstimmen, so
doch jedenfalls im Grundschema. Interessant wäre es, der
Hypothese nachzugehen, daß die Symptomatik der
Befehlsautomatie auf einen Kranken ohne
Gehörshalluzinationen schließen läßt, bei dem die von außen
kommende Stimme des Arztes die Stelle solcher
Halluzinationen einnimmt.
In Übereinstimmung mit dieser Hypothese steht das als
Echolalie (oder auch Echophrasie) bezeichnete Symptom. Sind
keine Halluzinationen im Spiel, wiederholt der Kranke
mechanisch alle Reden, Ausrufe und sonstigen Verlautbarungen
von anderen in seiner Umgebung. Wo Halluzinationen wirksam
sind, wird daraus die halluzinative Echolalie, bei der der Kranke
alles auszusprechen gezwungen ist, was seine Stimmen zu ihm
sagen. Die halluzinative Echolalie setzt nach meinem
Dafürhalten die gleiche Psychoorganisation voraus, die wir
bereits an den Propheten des Alten Testaments wie auch an den
aoidoi der homerischen Dichtungen beobachten konnten.
Entgrenzung des Körperschemas
Es wäre denkbar, daß der Abbau des »Ich« qua-Analogon und
seines »Seelenraums« auch hinter der bei Rorschach-Studien an
Schizophrenen festgestellten »Entgrenzung« steckt. Sie gibt –
quasi als das Negativ des Formschärfeprozents – den
prozentualen Wert für alle als schlecht, unscharf oder überhaupt
nicht umrandete oder konturierte Figuren gedeutete Klecksbilder
wieder. Das Interessanteste dabei ist von unserem Standpunkt
aus der Umstand, daß dieser Wert weitgehend mit lebhafter
Halluzinationstätigkeit der Versuchsperson korreliert. Kranke
mit hohem Entgrenzungswert berichten häufig von der
Empfindung, sich aufzulösen.
Wenn ich zerschmelze, habe ich keine Hände mehr, ich
begebe mich in einen Hauseingang, um nicht zertreten zu
werden. Alles fliegt weg von mir. In dem Hauseingang kann ich
die Stücke meines Körpers zusammensammeln. Es scheint, als
ob irgend etwas in mich hineingetan worden wäre, das mich in
Stücke reißt. Warum aber zerteile ich mich selbst in mehrere
Stücke? Ich habe das Gefühl, mir fehlt der innere
Zusammenhalt, meine Persönlichkeit zergeht, mein Ich
schwindet dahin, und ich höre auf zu sein. Alles zerrt mich
auseinander... Das einzige, was die einzelnen Stücke noch
zusammenhält, ist die Haut. Es gibt gar keine Verbindung
zwischen den verschiedenen Teilen meines Körpers ...24
Im Zuge einer empirischen Studie zum Phänomen der
Entgrenzung wurden achtzig Schizophreniepatienten einem
Rorschachtest unterzogen. Das Formschärfeprozent war
beträchtlich geringer als in der – hinsichtlich Alter und
sozialökonomischem Status vergleichbaren – Kontrollgruppe
von Normalen und Neurotikern. Die Schizophrenen deuteten die
Klecksgebilde gewöhnlich als verstümmelte Tier- oder
Menschenleiber.25 Darin spiegelt sich der Zerfall des Selbst-
Analogons beziehungsweise der metaphorischen Repräsentation,
die wir per Bewußtsein von uns selbst haben. Eine andere
Studie, durchgeführt an 600 Patienten des State Hospital
Worcester, erbrachte als spezifischen Befund, daß Entgrenzung
– die nach unserer Mutmaßung den Verlust des »Ich« qua-
Analogon impliziert – zu den für die Ausbildung von
Halluzinationen relevanten Faktoren zählt. Die Kranken, die am
stärksten halluzinierten, waren zugleich auch diejenigen, die die
größte Mühe hatten, »Grenzlinien zwischen dem Selbst und der
Welt« zu ziehen.26
Auf der gleichen Linie liegt die Tatsache, daß chronisch
Schizophrene zuweilen nicht in der Lage sind, sich auf
Fotografien wiederzuerkennen oder daß sie sich in irgendeiner
anderen Person wiederzuerkennen meinen, und zwar
unabhängig davon, ob es sich um Einzel- oder Gruppenbilder
handelt.
Die Vorteile der Schizophrenie
Zugegeben, eine befremdliche Überschrift – denn wie kann
man für ein so erschreckendes Leiden wie die Schizophrenie
unterstellen wollen, daß es Vorteile bringe? Die Rede ist hier
jedoch von Vorteilen unterm Aspekt der Menschheitsgeschichte
im ganzen. Es liegt auf der Hand, daß die biochemische
Grundlage dieser so ganz anderen Reaktion auf Streßbelastung
genetisch verankert ist. Und in Bezug auf eine Erbanlage, die
bereits in einer so frühen Etappe der Menschheitsentwicklung
auftrat, ist unumgänglich zu fragen, welchen biologischen
Vorteil sie einstmals mit sich brachte. Warum um es im
Fachjargon der Evolutionstheoretiker auszudrücken wurde sie
selektiert? Und – da diese Erbanlage über die ganze Welt
verbreitet ist – in welch unvordenklich lange zurückliegender
Epoche geschah das?
Die Antwort ist natürlich eines von den Themen, die ich in
diesem Buch wieder und wieder durchgespielt habe. Der
Selektionsvorteil einer solchen Gen-Ausstattung beruhte in der –
in Jahrtausenden der ältesten Zivilisationsgeschichte durch
natürliche und menschliche Selektion entwickelten –
bikameralen Psyche. Die beteiligten Gene – ob ihre
Wirkungsweise nun in etwas, das sich für den bewußten
Beobachter als Enzymmangel darstellt, oder in irgend etwas
anderem bestand – waren der genetische Hintergrund für die
Propheten und die »Söhne der nebi’im« und die ganze
bikamerale Menschheit vor ihnen.
Ein weiterer Vorteil der Schizophrenie – möglicherweise auch
in evolutionärer Hinsicht – ist, daß sie Unermüdlichkeit verleiht.
Zwar klagen einige wenige Schizophrene, zumal in den
Anfangsstadien der Krankheit, über eine allgemeine
Abgeschlagenheit, die meisten Kranken kennen jedoch nichts
dergleichen. Vielmehr sind sie weniger ermüdbar als Normale,
und was sie an Ausdauer aufzubieten vermögen, ist gewaltig.
Selbst viele Stunden lange Untersuchungen überstehen sie ohne
Ermüdung. Sie können Tag und Nacht auf den Beinen sein oder
unaufhörlich arbeiten, ohne irgendwelche Anzeichen von
Erschöpfung erkennen zu lassen. Katatoniker können tagelang
in unbequemen Körperhaltungen ausharren, die der Leser
allenfalls wenige Minuten ertragen würde. Das legt die
Vermutung nahe, daß Ermüdung großenteils eine
Hervorbringung der subjektiv bewußten Psyche sein könnte und
daß der bikamerale Mensch, als er die ägyptischen Pyramiden,
die sumerischen Zikkurat und die riesenhaften Tempel von
Teotihuacän allein mit manueller Arbeitskraft baute, das alles
sehr viel müheloser leistete, als mit Bewußtsein ausgestattete,
selbstreflexive Menschen dies vermöchten.
Ein Gebiet, auf dem die Schizophrenen ebenfalls »besser«
sind als andere Menschen – wenngleich man bezweifeln muß,
daß dies in unserer abstraktkomplizierten Welt einen Vorteil
bedeutet-, ist die schlichte sinnliche Wahrnehmung. Sie sind
wacher gegenüber visuellen Reizen, was nicht weiter
verwundert, wenn man bedenkt, daß sich diese Reize bei ihnen
nicht durch den Puffer eines Bewußtseins zwängen müssen. Zu
erkenne n ist dies im EEG an ihrer Fähigkeit, Alpha-Wellen auf
einen jähen Reiz hin schneller zu unterdrücken als normale
Menschen, sowie daran, daß sie zunächst verschwommen
projizierte und dann allmählich scharf eingestellte Dia-Szenen
bedeutend früher zu identifizieren vermögen.27 Tatsächlich
ertrinken Schizophrene förmlich in Sinneseindrücken. Unfähig
zu narrativieren oder zu kompatibilisieren, sehen sie jeden
Baum, aber niemals den Wald. Sie scheinen unmittelbarer und
bedingungsloser in ihre gegenständliche Umwelt verstrickt oder,
wie man auch sagen könnte, mit einem intensiveren Inder-Welt-
Sein ausgestattet zu sein. In diesem Sinn ließe sich jedenfalls die
Tatsache deuten, daß Schizophrene, die man – die optischen
Eindrücke verzerrende – Prismenbrillen tragen läßt, sich
schneller adaptieren lernen als andere Menschen (weil sie
nämlich nicht so stark überkompensieren).28
Die Neurologie der Schizophrenie
Ist die Schizophrenie ein partieller Rückfall in die bikamerale
Psyche und gehen unsere früheren Analysen an den Tatsachen
nicht völlig vorbei, dann müßten sich irgendwelche
neurologischen Veränderungen nachweisen lassen, die mit dem
im Fünften Kapitel des Ersten Buches (Seite 128-158)
präsentierten neurologischen Modell übereinstimmen. Ich stellte
dort die Hypothese auf, daß es sich bei den halluzinierten
Stimmen der bikameralen Psyche um Verschmelzungen von
gespeicherten Erziehungserlebnissen handelt, die auf irgendeine
Weise im rechten Schläfenlappen organisiert und über die
vordere Kommissur, eventuell auch über den Balken, in die
linke oder dominante Hemisphäre übermittelt wurden.
Weiterhin formulierte ich die Hypothese, daß das
aufkommende Bewußtsein unumgänglich nach Hemmung dieser
in der rechten Schläfenrinde entspringenden
Gehörshalluzinationen verlangte. Doch ist damit noch lange
nicht geklärt, was genau das denn nun in neuroanatomischer
Hinsicht zu bedeuten hat. Wir wissen mit Sicherheit, daß
spezifische Gehirnzentren auf andere hemmend wirken und daß
auf allerabstraktester Ebene das Gehirn sich zu jedem Zeitpunkt
in einer Art komplizierter Spannung (beziehungsweise im
Gleichgewicht) zwischen Erregung und Hemmung befindet, wie
überdies auch, daß Hemmung auf vielerlei Art eintreten kann.
So kann die Erregung eines Zentrums in der einen Hemisphäre
die Hemmung eines Zentrums in der anderen Hemisphäre zur
Folge haben. Beispielsweise sind die primären Sehfelder
wechselseitig hemmend, das heißt, daß die Stimulierung des
Sehfeldes der einen die Hemmung des Sehfelds der anderen
Hemisphäre nach sich zieht.29 Wir können demzufolge
vermuten, daß entweder ein Teil der Fasern des Balkens, der die
primären Sehfelder miteinander verbindet, in sich selbst
hemmend wirkt oder aber hemmende Zentren der
gegenüberliegenden Hemisphäre erregt. Auf der
Verhaltensebene bedeutet dies, daß ein Blick in diese oder jene
Richtung sich als die vektorielle Resultante der gegenstrebigen
Erregung der beiden primären Sehfelder darstellt.30 Und man
darf annehmen, daß diese wechselseitige Hemmung von Zentren
der einen und der anderen Hemisphäre noch in verschiedenen
anderen bilateral repräsentierten Funktionen wirksam ist.
Ein noch waghalsigeres Unternehmen ist es freilich, diesen
Befund auf dem Weg der Generalisierung auch auf
asymmetrische, unilaterale Funktionen auszuweiten. Dürfen wir
beispielsweise annehmen, daß eine linkshemisphärisch
repräsentierte psychische Funktion reziprok inhibitiv mit einer
rechtshemisphärisch repräsentierten anderen Funktion gekoppelt
ist, so daß einige der sogenannten höheren Geistesprozesse
möglicherweise als Resultanten aus der Gegenstrebigkeit der
beiden Hemisphären zu begreifen wären?
Wie dem auch sei – der erste Schritt, um diesen Vorstellungen
vom Verhältnis der Schizophrenie zur bikameralen Psyche und
ihrem neurologischen Modell einigen Kredit zu verschaffen,
besteht darin, bei Schizophrenen nach Lateralitätsunterschieden
irgendwelcher Art Ausschau zu halten. Ist bei diesen Kranken
mit der rechtshemisphärischen Hirnaktivität irgend etwas anders
als bei anderen Menschen? Die Forschung in dieser Richtung
steckt noch in den Anfängen, doch sind die folgenden
Untersuchungsergebnisse aus jüngerer Zeit bereits
vielversprechend:
Bei den meisten Menschen weist das EEG über eine längere
Periode eine geringfügig stärkere Aktivität der (dominanten)
linken gegenüber der rechten Hemisphäre aus. Bei
Schizophrenen dagegen ist es umgekehrt: rechts ein wenig
stärkere Aktivität als links.31
Die verstärkte Aktivität der rechten Hemisphäre
Schizophrener tritt nach einigen Minuten sensorischer
Deprivation – das ist die gleiche Bedingung, die bei normalen
Menschen zu Halluzinationen führen kann – viel massiver in
Erscheinung.
Stellen wir das EEG-Gerät so ein, daß wir alle paar Sekunden
Bescheid darüber erhalten, welche Hemisphäre jeweils die
aktivere ist, so zeigt sich, daß in dieser Beziehung bei den
meisten Menschen ungefähr einmal pro Minute ein Wechsel
zwischen den beiden Hemisphären stattfindet. Bei
Schizophrenen dagegen (soweit sie bisher daraufhin untersucht
wurden) tritt die Umschaltung – mit erheblicher
Phasenverzögerung – nur etwa alle vier Minuten ein. Dies mag
mit dazu beitragen, die »Segmentierung der Einstellung«, von
der weiter oben (Seite 514) die Rede war, zu erklären: etwa so,
daß Schizophrene dazu tendieren, auf seiten der einen oder der
anderen Hemisphäre »steckenzubleiben«, und somit nicht so
schnell wie andere Menschen von einem
Informationsverarbeitungsmodus in den anderen umschalten
können. Das wäre zugleich auch die Erklärung für ihre
Verwirrung und ihr häufig unlogisches Reden und Verhalten im
Verkehr mit anderen Mens chen, die mit höherer Frequenz hin
und her schalten.32
Es wäre möglich, daß die verringerte Umschaltfrequenz bei
Schizophrenen anatomische Ursachen hat. Bei der Autopsie
einer Reihe von chronisch Schizophrenen zeigte sich unerwartet,
daß der Balken des Gehirns (das Corpus callosum, das die
beiden Hemisphären miteinander verbindet) einen Millimeter
dicker als Normalmaß war. Es handelt sich um einen statistisch
zuverlässigen Befund. Die Abweichung könnte eine verstärkte
wechselseitige Hemmung zwischen den Hirnhemisphären
Schizophrener signalisieren.33 Die vordere Kommissur war in
die Untersuchung nicht mit einbezogen.
Falls unsere Theorie zutrifft, müßte jede einigermaßen
nennenswerte – sei’s durch Krankheit, Kreislaufschwankungen
oder streßbedingte neurochemische Veränderungen bewirkte –
Funktionsstörung in der linken Schläfenrinde im rechtsseitigen
Gegenstück das Erlöschen von normalerweise dort ausgeübten
Hemmungen mit sich bringen. Ist Schläfenlappenepilepsie die
Folge einer Läsion des linken Schläfenlappens (oder beider –
des rechten wie des linken) und infolgedessen (sehr
wahrscheinlich) der rechte Schläfenlappen von seiner normalen
Hemmung befreit, so entwickelt sich bei den Betroffenen in
nicht weniger als neunzig Prozent aller Fälle eine paranoide
Schizophrenie mit stark ausgeprägten Gehörshalluzinationen.
Betrifft die Schädigung allein den rechten Schläfenlappen, treten
die erwähnten Symptome noch nicht einmal in zehn Prozent der
Fälle auf. In der Tat neigt die zuletzt erwähnte Gruppe eher zur
manischdepressiven Psychose.34
Diese Befunde müssen künftig noch erhärtet und ausgebaut
werden. Jedoch belegen sie zusammengenommen erstmals und
zweifelsfrei signifikante Auswirkungen des Faktors Lateralität
in der Schizophrenie. Und diese Auswirkungen gehen in eine
Richtung, die es erlaubt, sie als teilweise Bestätigung dafür zu
verstehen, daß die Schizophrenie verwandt sein könnte mit einer
früheren Organisation des menschlichen Gehirns, der ich den
Namen »bikamerale Psyche« gegeben habe.
Zum Abschluß
Das Übermaß des Leids, das sie sowohl über die unmittelbar
Betroffenen wie über die ihnen Nahestehenden verhängt, macht
die Schizophrenie für uns zu einem der moralisch dringlichsten
Forschungsprobleme. In den vergangenen Jahrzehnten konnte
man mit dankbarer Genugtuung beschleunigte und massive
Fortschritte in den Behandlungsmethoden für diese Krankheit
verzeichnen. Sie segelten freilich nicht unter der Flagge neuer
und bisweilen ausgefallener Theorien (wie etwa die meine),
sondern stellten sich in der nüchternen Praxis des
Therapiealltags ein.
In der Tat bringen sich die Schizophrenietheorien – und ihre
Zahl ist Legion –, da sie allzuoft nur die Steckenpferde von
dogmatischen Verfechtern rivalisierender Anschauungen sind,
gegenseitig selbst zu Fall. Jede Forschungsrichtung veranschlagt
die in anderen Bereichen gemachten Entdeckungen a priori als
geringerwertig gegenüber den von ihr selbst untersuchten
Faktoren. Der Sozialmilieuforscher sieht in der Schizophrenie
das Resultat eines streßerzeugenden Milieus. Demgegenüber
betont der Biochemiker, daß ein streßerzeugendes Milieu nur
durch abnorme biochemische Reaktionen ein solches Resultat zu
zeitigen vermag. Wer sich auf den Aspekt der
Informationsverarbeitung konzentriert hat, vertritt die Ansicht,
daß Ausfälle in diesem Bereich unmittelbar zu Streß und
Streßabwehr führen. Die Theoretiker der Abwehrmechanismen
wiederum betrachten die Informationsverarbeitungsdefizite als
einen subjektiv motivierten Rückzug aus dem Kontakt mit der
Realität. Die Vererbungstheoretiker konzentrieren sich auf
Einzelheiten der Familiengeschichte, die sie im Rahmen der
Genetik interpretieren. Andere freilich haben keine Mühe, aus
dem gleichen Faktenmaterial Rückschlüsse auf die Mitwirkung
der elterlichen Erziehung bei der Entstehung der Schizophrenie
zu ziehen. Und so weiter. Ein kritischer Beobachter schilderte
die Lage einmal so: »Wie beim Karussellfahren sucht sich jeder
das Pferd aus, das ihm am besten gefällt. Man kann sich leicht
glauben machen, das eigene Pferd sprenge allen anderen voran
und weise ihnen den Weg. Dann jedoch ist die Tour zu Ende,
man muß absteigen und kommt um die Feststellung nicht
herum, daß das Pferdchen im Grunde keinen Schritt
vorangekommen ist.«35
Es gehört also einige Vermessenheit dazu, die lange Liste der
Schizophrenietheorien, wie ich es hier getan habe, um einen
weiteren Eintrag zu vermehren. In diesem Fall schien jedoch
eine gewisse Notwendigkeit dafür gegeben, und sei’s auch nur
aufgrund meiner Pflicht als Autor, die anderwärts in diesem
Buch vorgetragenen Thesen auf jede nur erdenkliche Art und
Weise zu vertiefen und zu präzisieren. Und die Schizophrenie –
gleichgültig, ob es sich bei ihr nun um eine nosologische Einheit
oder um ein Bündel von Krankheiten handelt – ist im akuten
Zustand praktisch durch ein Ensemble von Merkmalen definiert,
die nach unserer früheren Feststellung auch die
hervorstechenden Eigentümlichkeiten der bikameralen Psyche
waren. Das Auftreten von Gehörshalluzinationen, deren häufig
religiöser und ausnahmslos autoritärer Charakter, die Auflösung
des Ego oder des »Ich« qua-Analogon und des »Seelenraums«,
in dem dieses vordem Handlungsentscheidungen narrativ
auszugestalten und seine eigene Position im Zeit- und
Handlungskontinuum zu bestimmen vermochte: das alles
zusammen sind die großen Züge, in denen sich die Bilder
gleichen.
Es gibt jedoch auch große Unterschiede. Sofern in unserer
Hypothese auch nur ein Körnchen Wahrheit steckt, ist der
Rückfall lediglich ein partieller. Die Lerninhalte, die sich zu
einem subjektiven Bewußtsein summieren, sind machtvoll und
lassen sich niemals vollständig unterdrücken. Daher also die
Raserei und der Schrecken, die Qual und die Verzweiflung. Die
Angst, die sich im Gefolge einer so katastrophalen Wandlung
einstellt, die Entfremdung von der üblichen Form
zwischenmenschlicher Beziehungen, der Umstand, daß die
Stimmen in der kulturellen Umgebung weder Rückhalt noch
Anklang finden, so daß sie als Führer im täglichen Leben nichts
taugen, und der Zwang, sich gegen eine alle Dämme
durchbrechende Überflutung durch Umweltreize abschirmen zu
müssen – das alles führt im Ergebnis zu einem Rückzug aus der
Gesellschaft, der himmelweit verschieden ist von der total und
uneingeschränkt vergesellschafteten Existenz des bikameralen
Menschen. Der Mensch mit Bewußtsein ist unablässig dabei,
sich vermittels seiner Introspektion seines »Selbst« und seines
Standorts in bezug auf seine Ziele sowie relativ zu seiner
Gesamtsituation zu versichern. Der akut Schizophrene – dieser
Quellen der Sicherheit und der Narrativierungsfähigkeit beraubt,
von Halluzinationen heimgesucht, die von den Menschen in
seiner Umgebung als illegitim und irreal verworfen werden –
lebt in einer Welt, die das genaue Gegenteil der, Welt der
Leibeigenen des Gottes Marduk und der Idole von Ur
verkörpert.
Der moderne Schizophrene ist ein Mensch auf der Suche nach
jener Art von Kultur. Aber er bewahrt in der Regel noch Anteile
des subjektiven Bewußtseins, und diese setzen sich gegen die
primitivere Psychoorganisation zur Wehr und versuchen sich die
Kontrolle zu sichern inmitten einer Psychoorganisation, in der
eigentlich die Halluzinationen die Kontrolle ausüben müßten.
Im Ergebnis ist der Schizophrene eine schutzlos ihrer Umwelt
preisgegebene Psyche, ein Lakai der Götter in einer entgötterten
Welt.