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The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind
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German Translation
Der Ursprung des Bewußtsein
Julian Jaynes
(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)
Viertes Kapitel: Die Hypnose
Würde ich sie auffordern, einem Glas Essig den Geschmack
von Champagner abzugewinnen oder es als angenehm zu
empfinden, wenn ich Ihnen eine Nadel in den Arm steche, oder
ins Dunkel zu blicken und dabei die Pupillen zu verengen, als ob
Ihnen ein starkes Licht in die Augen schiene, oder irgend etwas
– egal, was – für wahr zu halten, was Sie normalerweise absolut
nicht glauben: dann würden Ihnen diese Aufgaben schwer, wenn
nicht sogar unlösbar vorkommen. Hätte ich Sie jedoch zuvor
den Induktionsprozeduren der Hypnose unterzogen, würden Sie
das alles auf mein erstes Wort hin ohne die geringste Mühe
schaffen.
Wie das? Wie ist es bloß möglich, ein derart übers
Normalmaß hinausschießendes Fähigkeitspotential aufzurufen?
Es scheint, daß wir in eine ganz andere Welt eintreten, wenn
wir jetzt die vertraute Atmosphäre der Poesie verlassen und uns
in den fremdartigen Dunstkreis der Hypnose begeben. Denn in
der vielköpfigen Familie von Problemen, die das Arbeitsfeld der
Psychologie ausmachen, ist die Hypnose das schwarze Schaf.
Wie eine unerwünschte Monstrosität wandert sie hin und her
zwischen Laboratorien und Jahrmärkten, Kliniken und
Varietetheatern. Nie scheint sie genügend Seriosität aufbringen
zu können, um sich der disziplinierteren Gangart
wissenschaftlicher Theorie anzubequemen. Ja, schon die bloße
Möglichkeit ihrer Existenz scheint all unseren »natürlichen«
Vorstellungen von bewußter Selbstkontrolle auf der einen und
allen wissenschaftlichen Persönlichkeitsbildern auf der anderen
Seite zu widerstreiten. Nichtsdestoweniger sollte außer Zweifel
stehen, daß jede Theorie über das Bewußtsein und sein
Zustandekommen, will sie sich nicht aus der Verantwortung
drücken, sich der mit diesem abweichenden Typ der
Verhaltenskontrolle gegebenen Problematik stellen muß.
Meine Antwort auf die zu Beginn dieses Kapitels gestellte
Frage dürfte wohl kaum noch überraschen: Die Hypnose vermag
dieses zusätzliche Befähigungspotential aufzurufen, weil sie das
allgemeine bikamerale Paradigma anspricht, das eine
absolutere Verhaltenskontrolle gestattet, als sie mit dem
Bewußtsein möglich ist.
Ich gehe sogar so weit zu behaupten, daß keine andere
Theorie außer der in diesem Buch vorgetragenen in der Lage ist,
das hier zur Geltung kommende Grundproblem überhaupt
sinnvoll darzustellen. Denn wäre die derzeitige Mentalität des
Menschen, wie meistenteils angenommen wird, ein
unwandelbares Merkmal, genetisch bedingt und zu irgendeiner
Zeit weit zurück in der Evolution der Säuger oder noch früher
entstanden – wie ließe sie sich dann so abändern, wie das in der
Hypnose geschieht? Abändern noch dazu allein mit ein bißchen
eher komisch wirkendem Hokuspokus von Seiten einer anderen
Person? Nur wenn wir die genetische Hypothese verwerfen und
das Bewußtsein als erlernte kulturelle Fähigkeit betrachten,
deren Substrat die Residuen eines älteren, autoritäreren Typs der
Verhaltenskontrolle sind – erst dann sehen wir uns in der Lage,
derartige Veränderungen im Seelenzustand in einen
einleuchtenden systematischen Zusammenhang zu bringen.
Tragendes Gerüst des vorliegenden Kapitels ist demnach der
Aufweis, daß und in welchem Annäherungsgrad die Hypnose
die vier Aspekte des bikameralen Paradigmas in sich faßt. Bevor
ich mich allerdings an diese Aufgabe mache, möchte ich so klar
wie möglich einen entscheidend wichtigen Zug an der
Ursprungsgeschichte der Hypnose herausstellen. Es handelt sich
dabei um etwas, wovon bereits im Zweiten Kapitel des Ersten
Buches (Seite 65 ff) und im Fünften Kapitel des Zweiten Buches
(Seite 317 f) die Rede war, nämlich um die generative Kraft der
Metapher, die sich in der Erzeugung neuer Mentalitätsstufen
äußert.
Die Paraphoranden der Newtonschen Kräfte
Wie das Bewußtsein erwächst die Hypnose an einem
bestimmten Punkt der Geschichte aus den Paraphoranden
einiger neuer Metaphern. Die erste dieser Metaphern bildete sich
im Anschluß an Sir Isaac Newtons Entdeckung des Prinzips der
universellen Gravitation und dessen Anwendung zur Erklärung
der Gezeiten des Meeres aus der Anziehungskraft des Mondes.
Die rätselhaften Anziehungs-, Beeinflussungs- und
Dominanzverhältnisse unter Menschen wurden daraufhin mit
den Newtonschen Gravitationskräften verglichen. Der Vergleich
führte zu der neuen (und aberwitzigen) Hypothese, derzufolge
zwischen allen Körpern, ob lebend oder tote Materie, zu- und
abnehmende Fluten der Anziehung vorherrschen: eine
»animalische Gravitation«, von der die Newtonsche Gravitation
lediglich einen speziellen Fall darstelle.1
Mit Händen zu greifen ist das alles in den
romantischverworrenen Schriften eines grenzenlosen
Bewunderers von Newton namens Anton Mesmer, der in diesem
Fall den Stein ins Rollen brachte. Und dann gesellte sich dazu
eine weitere Metapher oder, besser gesagt, zwei. Die
Schwerkraft ähnelt der Magnetkraft. Infolgedessen nämlich da
(wenigstens für Mesmers oberflächliche Denkweise) zwei
Dinge, die einem dritten ähnlich sind, auch einander ähnlich
sind – ist die animalische Gravitation das gleiche wie die
magnetische Anziehungskraft und kann daher als »animalischer
Magnetismus bezeichnet werden.
Und damit war die Theorie endlich wissenschaftlich
überprüfbar geworden. Um die Existenz dieser alle Lebewesen
durchflutenden, der Gravitation der Himmelskörper ähnelnden
magnetischen Schwingungskräfte zu beweisen, legte Mesmer
Magnete an eine Reihe hysterischer Patientinnen an, denen er
zuvor sogar Gaben eisenhaltiger Medikamente verabreicht hatte,
damit der Magnetismus bessere Wirkung zeitigte. Und wie er
zeitigte! Und was er zeitigte, waren unanfechtbare Resultate
nach dem Kenntnisstand damaliger Zeit. Die Magnete lösten
konvulsivische Zuckungen aus, wobei, so Mesmer, »im Körper
eine künstliche Ebbe und Flut« geschaffen und mittels
magnetischer Anziehung »ungleichmäßige Verteilung und
verworrener Fluß des Nervenfluidums« korrigiert wurden, was
wiederum »Nervenharmonie« zur Folge hatte. Er hatte
»bewiesen«, daß von Mensch zu Mensch Kraftströme fließen, so
mächtig wie die Kräfte, die die Planeten auf ihren
Umlaufbahnen halten.
Natürlich hatte er nicht das mindeste über Magnetismus oder
dergleichen bewiesen. Sondern er hatte etwas entdeckt, was
späterhin von Sir James Braid unter Zuhilfenahme des
Metaphorators »Schlaf« auf den Namen Hypnose getauft
werden sollte. Mesmers Kuren schlugen an, weil er seine
exotische Theorie seinen Patienten mit mitreißender
Überzeugungskraft nahezubringen wußte. Die heftigen
Zuckungen und eigenartig ziehenden Körperempfindungen beim
Anlegen der Magnete verdankten sich samt und sonders einem
kognitiven Imperativ des Inhalts, daß eben diese Dinge eintreten
würden, was sie dann auch taten – und damit war eine Art
selbsttätiger, selbstverstärkender Regelkreis installiert, der als
»Beweis« dafür gält, daß die Magnete funktionierten und eine
Heilung zu bewirken vermochten. Wir sollten uns in diesem
Zusammenhang daran erinnern, daß man im alten Assyrien
keinen Begriff vom Zufall hatte und daß deswegen der Ausgang
des Losewerfens von den Göttern gelenkt sein »mußte«: Ganz
genauso kannte man im achtzehnten Jahrhundert den Begriff der
Suggestion noch nicht, und deshalb mußte alles, was sich da tat,
von den Magneten bewirkt sein.
Als man dann dahinterkam, daß nicht nur Magnete selbst,
sondern auch Trinkgefäße, hölzerne Sachen, Menschen oder
Tiere, die man zuvor mit einem Magneten in Berührung
gebracht hatte, diese Wirkungen zeitigten (ein Aberglaube heckt
den anderen!), rückte die ganze Sache in einen neuen
(mittlerweile den vierten) Metaphernbereich hinüber, nämlich
auf das Feld der statischen Elektrizität, die zu damaliger Zeit –
man denke etwa an Benjamin Franklins Drachen – eifrig
erforscht wurde. Mesmer gelangte zu der Überzeugung, es
existiere eine »materia magnetica«, die genau wie die statische
Elektrizität übertragbar sei auf eine endlose Vielfalt von
Gegenständen. Vor allen Dingen Menschen – und ganz
besonders Mesmer selbst – vermochten den Magnetismus
aufzunehmen und zu speichern. Wird ein Kohlestab mit einem
Stück Fell bestrichen, lädt er sich elektrisch auf: Also mußte
Mesmer seine Patienten bestreichen, als ob sie Kohlestäbe
wären. Auf reguläre Magnete konnte er jetzt verzichten und auf
seinen eigenen animalischen Magnetismus zurückgreifen. Indem
er die Körper seiner Patienten bestrich, als seien sie Kohlestäbe,
oder andeutungsweise mit den Händen über sie hinfuhr, erzielte
er die gleichen Ergebnisse wie zuvor: Zuckungen, eigenartige,
spiralig ziehende Empfindungen und die Heilung von Leiden,
die späterhin den Namen »Hysterien« erhalten sollten.
Hier kommt es nun ganz entscheidend darauf an, sich Klarheit
über den Paraphorandenwandel (wie man ihn nennen könnte) zu
verschaffen, der aufgrund jener Metaphern in den beteiligten
Personen vor sich ging. Wir entsinnen uns: ein Paraphorand sind
die in den Metaphoranden projizierten Assoziationen
(Paraphoratoren) eines Metaphorators. Metaphorand sind im
vorliegenden Fall die Einflüsse, die Menschen aufeinander
ausüben. Metaphoratoren dasjenige, womit diese Einflüsse
verglichen werden- sind die unerbittlichen Kräfte der
Gravitation, des Magnetismus und der Elektrizität. Und ihre
Paraphoratoren: absoluter Zwang im Verhältnis zwischen
Himmelskörpern, unaufhaltsame Ströme aus Massen von
Leidener Flaschen und unwiderstehliche magnetische
Flutwellen, das alles wanderte auf dem Weg der Projektion in
den Metaphoranden »zwischenmenschliche Beziehungen« mit
ein und bewirkte dort einen handgreiflichen Wandel als Wandel
im psychischen Wesen der beteiligten Personen, indem es diese
in ein Meer unkontrollierbarer Kontrolle eintauchte, die von
dem »magnetischen Fluidum« im Körper des Therapeuten –
oder in Gegenständen, die das Fluidum von ihm »angenommen«
hatten – ausging.
Es ist zumindest denkbar, daß es eine andersartige Mentalität
war, was Mesmer zu entdecken im Begriff stand, eine
Mentalität, die unter gewissen Bedingungen – wenn man ihr den
geeigneten Lebensraum, ein eigenes Erziehungswesen, den
Rahmen eines eigenen Glaubenssystems und Isolation vom Rest
der Menschheit zugestanden hätte – vielleicht durchaus in der
Lage gewesen wäre, sich am Leben zu erhalten in einer nicht auf
dem gewöhnlichen Bewußtsein gegründeten Gesellschaftsform,
in der Metaphern von Energie und unwiderstehlicher Kontrolle
einen Teil der Bewußtseinsfunktionen übernommen hätten.
Wie ist so etwas auch nur denkbar? Ich deutete bereits an, daß
Mesmer meiner Ansicht nach erste, stolpernde Schritte in
Richtung einer neuen Methode des Aufrufs jenes neurologischen
Organisationsmusters machte, das ich als allgemeines
bikamerales Paradigma bezeichnet und an dem ich vier Aspekte
dingfest gemacht habe: den kollektiven kognitiven Imperativ,
die Induktion, die Trance und die archaische Autorität. Im
folgenden werde ich diese Aspekte der Reihe nach durchgehen.
Die Wandlung im Wesen des hypnotischen Menschen
Daß das Phänomen der Hypnose von einem kollektiven
kognitiven Imperativ beziehungsweise einem Gruppenglauben
gesteuert wird, erweist sich deutlich an dem stetigen Wandel,
dem es im Lauf der Geschichte unterliegt. Im gle ichen Maß, wie
sich die Ansichten und Meinungen über die Hypnose änderten,
änderte sich auch deren eigenstes Wesen. Einige Jahrzehnte
nach Mesmer wanden sich die Behandelten nicht mehr in
seltsamen Empfindungen und Konvulsionen, sondern gingen
statt dessen dazu über, in der Trance unaufgefordert zu sprechen
oder auf Fragen, die man an sie richtete, zu antworten. Zuvor
war nie etwas dergleichen vorgekommen. Um die Wende zum
neunzehnten Jahrhundert begannen die Behandelten dann von
selbst zu vergessen, was in der Trance vorgefallen war,2 etwas,
worüber aus der Zeit davor nie etwas verlautete. Um 1825
begannen Personen in Hypnose aus unerfindlichen Gründen,
sich selbst spontan Krankheitsdiagnosen zu stellen. Um die
Jahrhundertmitte hatte die Phrenologie – jene abwegige
»Wissenschaft«, die sich anheischig machte, aus den Buckeln
des menschlichen Schädels die Geisteskapazität des Besitzers
herauszulesen es zu solcher Beliebtheit gebracht, daß es ihr
gelang, die Hypnose faktisch ganz für ihre eigenen Zwecke in
Beschlag zu nehmen. Wurde der Schädel einer hypnotisierten
Versuchsperson über einem bestimmten phrenologischen
Zentrum gedrückt, so veranlaßte dies eine Demonstration der in
diesem Zentrum angesiedelten geistigen Fähigkeit (doch, so ist
es wirklich gewesen!), ein Phänomen, das weder zuvor noch
seither jemals wieder zu beobachten war. Druck auf den Schädel
nächst der Gehirnregion, in der vermeintlich das Gefühl der
»Andacht« residierte, veranlaßte die Versuchsperson, betend auf
die Knie zu sinken!3 Das war so, weil man glaubte, daß es so
wäre.
Nicht lange danach demonstrierte Charcot, der größte
»Nervenarzt« seiner Zeit, seinem zahlreichen Publikum von
Studenten und Fachgenossen in der Salpetriere, daß die Hypnose
doch noch etwas ganz anderes sei als bisher angenommen. Sie
zerfiel jetzt in drei aufeinanderfolgende Stadien: das
kataleptische, das lethargische und das somnambule. Diese
»Körperzustände« ließen sich durch die Manipulation von
Muskeln; Druck auf verschiedene Körperstellen oder Reibung
des Schädeldachs ineinander überführen. Schon das Reiben der
Kopfhaut über dem Broca-Zentrum genügte, um eine Aphasie
hervorzurufen. Als dann Binet in der Salpetriere eintraf, um sich
durch eigenen Augenschein von Charcots Entdeckungen zu
überzeugen, machte er prompt die ganze Sache noch
verwickelter, indem er zu Mesmers Magneten zurückkehrte und
noch bizarrere Verhaltensformen als Resultate der Hypnose
entdeckte.4 Durch Anlegen von Magneten auf der einen oder
anderen Körperseite seiner Versuchspersonen konnte er
Wahrnehmungen, hysterische Lähmungen, vermeintliche
Halluzinationen und motorische Phänomene wie per Flip-Flop-
Technik mal da-, mal dorthin dirigieren, als habe er es mit
Eisenspänen zu tun. Und wiederum handelte es sich um
Resultate, die man weder jemals zuvor noch seither wieder
beobachten konnte.
Die Sache verhält sich nicht etwa so, daß der Hypnotiseur
Mesmer oder Charcot, oder wie immer er heißen mochte –
einem gefügigen Hypnosesubjekt suggeriert hätte, worin seiner,
des Hypnotiseurs, Privatmeinung zufolge die Hypnose zu
bestehen habe. Vielmehr hatte sich innerhalb der Bezugsgruppe,
auf die er mit seiner Arbeit zielte, ein kognitiver Imperativ des
Inhalts herausgebildet, worin das Phänomen
»anerkanntermaßen« bestehe. Solche historischen Wandlungen
beweisen klar, daß die Hypnose keine starre Reaktion auf
eindeutig definierte Reize ist, sondern daß sie sich mit den
Erwartungen und Voreinstellungen der Epoche ändert.
Was dergestalt am Geschichtsverlauf in die Augen springt,
läßt sich auch auf eine den Bedingungen des kontrollierten
Experiments näherkommende Weise zeigen. Bis dato
beispiellose Manifestationen der Hypnose kann man schlicht
und einfach dadurch erhalten, daß man den Versuchspersonen
insinuiert, genau dies seien die Manifestationen, mit denen
normalerweise zu rechnen sei, das heißt daß sie Bestandteil des
die Hypnose betreffenden kollektiven kognitiven Imperativs
seien. So wurden die Teilnehmer eines psychologischen
Proseminars beiläufig instruiert, daß es der Versuchsperson in
Hypnose unmöglich sei, die dominante Hand zu bewegen. Zu
keiner Zeit jedoch war das jemals beobachtet worden. Es war
eine glatte Lüge. Trotzdem – als Teilnehmer dieses Seminars zu
einem späteren Zeitpunkt hypnotisiert wurden, und zwar ohne
weitere diesbezüglichen Instruktionen und Suggestionen, konnte
die Mehrzahl von ihnen in der Trance die dominante Hand nicht
bewegen. Aus derartigen Untersuchungsergebnissen wurde das
Konzept des »Forderungscharakters« der hypnotischen Situation
abgeleitet, der es mit sich bringe, daß die hypnotisie rte Person
die Phänomene kundgibt, mit denen der Hypnotiseur ihrer
Ansicht nach rechnet.5 Doch das heißt die Sache allzu
persönlichkeitsbezogen verstehen. Eine Rolle spielt vielmehr,
was es nach Meinung der Versuchsperson mit der Hypnose auf
sich hat. So verstanden, ist der »Forderungscharakter« seiner
Natur nach nichts anderes, als was in meiner Terminologie der
»kollektive kognitive Imperativ« heißt.
Auf andere Art verdeutlicht man sich die Kraft des
kollektiven Imperativs, wenn man auf seine Verstärkung in der
Masse achtet. Wie das religiöse Empfinden und der Glaube in
einer gutbesuchten Kirche zunehmen und ehedem auch die
Orakelgläubigkeit zunahm, je mehr Menschen ins Heiligtum
drängten, ebenso steigert sich die Wirksamkeit der Hypnose bei
der Vorführung im Theater. Es ist eine sattsam bekannte
Tatsache, daß ein Variete-Hypnotiseur, der seine Kunst vor
brechend vollgepackten Sitzreihen zur Schau stellt – wo der
kollektive Imperativ oder die Erwartungen bezüglich der
Hypnose mächtigen Auftrieb erfahren –, weitaus exotischere
hypnotische Phänomene hervorzurufen vermag, als man sie in
der Abgeschiedenheit von Labor oder Klinik antrifft.
Die Induktion
Zum zweiten ist die Position der Induktionsprozedur in der
Hypnose nicht zu übersehen.6 Und bedarf wohl keiner langen
Erläuterung. Eine enorme Vielfalt von Techniken befindet sich
derzeit im Schwang; ihnen allen gemeinsam ist jedoch eine
Bewußtseinsverengung, ähnlich den Induktionsprozeduren für
die Orakel, sowie die pelestike/katochos-Relation, die wir
bereits in anderem Zusammenhang kennengelernt haben (Seite
418). Das Hypnosesubjekt kann stehen, sitzen oder liegen; in
manchen Fällen wird es mit den Händen bestrichen, in anderen
nicht; in einigen Fällen findet eine enge Blickverschränkung
zwischen Hypnotiseur und Hypnosesubjekt statt, in anderen
nicht; manchmal wird das Hypnosesubjekt gebeten, den Blick
fest auf eine Kerzenflamme oder einen kleinen Edelstein oder
eine Reißzwecke an der Wand oder vielleicht sogar auf den
eigenen Daumennagel über den verschränkten Fingern zu
richten – und manchmal auch nichts dergleichen: Es existieren
Hunderte von Varianten. Aber stets ist der Hypnotiseur bemüht,
den Aufmerksamkeitsradius des Hypnosesubjekts auf seine, des
Hypnotiseurs, eigene Stimme einzuengen. »Sie hören jetzt nur
noch meine Stimme und fühlen sich immer schläfriger und
schläfriger ...« – das ist ein gängiges Sprechmuster, das so lange
wiederholt wird, bis das Subjekt bei gelungener Hypnose
beispielsweise nicht mehr imstande ist, die verschränkten Finger
voneinander zu lösen, sofern der Hypnotiseur es entsprechend
angewiesen hat, oder auf Geheiß des Hypnotiseurs den schlaff
herabhängenden Arm nicht mehr bewegen kann oder sich auf
entsprechendes Geheiß nicht mehr an den eigenen Namen zu
erinnern vermag. Derart simple Aufträge werden meist dazu
verwendet, während des Anlaufstadiums der Hypnose deren
Wirksamkeit zu kontrollieren.
Schafft die Versuchsperson es nicht, ihr Bewußtsein in der
erforderlichen Weise zu verengen; kann sie die Globalsituation
nicht vergessen; verharrt sie in einem Bewußtseinszustand von
anderweitiger Gerichtetheit, etwa auf den umgebenden Raum
oder die Beziehung zum Hypnotiseur; narrativiert sie noch mit
ihrem »Ich« qua-Analogon oder »sieht« sie ihr »Ich« qua-
Metapher hypnotisiert werden: dann schlägt die Hypnose fehl.
Doch führen dann wiederholte Versuche mit denselben Personen
oftmals zum Erfolg, woraus hervorgeht, daß die »Verengung«
des Bewußtseins in der hypnotischen Induktion teilweise in
einer erlernten Fähigkeit beruht – erlernt, so ist hinzuzufügen,
auf der Basis der aptischen Struktur, die zuvor als allgemeines
bikamerales Paradigma bezeichnet wurde. Wir haben bereits
festgestellt, daß die Mühelosigkeit, mit der ein katochos eine
halluzinatorische Trance erreicht, mit der Übung zunimmt; nicht
anders verhält es sich mit der Hypnose: noch für die am
leichtesten zugänglichen Hypnosesubjekte lassen sich Dauer
und Inhalt der Induktion bei wiederholten Sitzungen radikal
herabsetzen.
Trance und paralogische Willfährigkeit
Zum dritten heißt die hypnotische Trance bereits allgemein
Trance. Gewiß, sie unterscheidet sich gewöhnlich von der Art
Trance, wie sie bei anderen Relikten der bikameralen Psyche
vorkommt. Es treten in ihr keine echten Gehörshalluzinationen
auf wie in der Trance von Orakeln und Medien. Diese Position
des Paradigmas hält bei der Hypnose der Hypnotiseur besetzt.
Doch kommt es ;zur gleichen Minderung und im weiteren zum
völligen Schwund des Normal-Bewußtseins. Die Narrativierung
ist stark eingeschränkt. Das »Ich« qua-Analogon ist mehr oder
minder ausgelöscht. Der Hypnotisierte lebt nicht in einer
subjektiven Welt. Er introspiziert nicht wie andere Menschen,
weiß nicht, daß er unter Hypnose steht, und überwacht sich nicht
ständig, wie er es im nichthypnotisierten Zustand tun würde.
In neuerer Zeit wird zur Kennzeichnung des Trancezustands
fast regelmäßig die Metapher des Untergetauchtseins in einem
Gewässer bemüht. So ist etwa von »Versinken« und
»Versunkenheit«, von »tiefer« oder »flacher«, »oberflächlicher«
Trance die Rede. Häufig sagt der Hypnotiseur dem
Hypnosesubjekt, es werde auf »tiefere und immer tiefere«
Stadien »sinken«. Es ist in der Tat sehr wohl denkbar, daß die
gesamte Phänomenologie der Hypnose – zumal was die
posthypnotische Amnesie anbelangt – ohne den Metaphorator
»Versenkung« anders aussehen würde. Die Paraphoratoren von
oberhalb und unterhalb eines Wasserspiegels mit ihrem je
eigenen visuellen und taktilen Feld kreieren möglicherweise
zwei Erlebniswelten, die so etwas wie ein zustandsabhängiges
Gedächtnis zur Folge haben. Und der Grund für das plötzliche
Auftreten der spontanen posthypnotischen Amnesie zu Beginn
des neunzehnten Jahrhunderts liegt vielleicht in diesem Wechsel
von der Metaphorik der Gravitation zur Metaphorik der
Versenkung. Anders gesagt: die spontane posthypnotische
Amnesie war zunächst vielleicht nichts anderes als ein
Paraphorand der Versenkungsmetapher. (In diesem
Zusammenhang ist es interessant zu beobachten, daß die
posthypnotische Amnesie derzeit offenbar im Begriff steht, sich
aus der Gruppe der hypnotischen Phänomene zu verabschieden.
Das mag daran liegen, daß die Hypnose inzwischen zu einer
allgemein vertrauten Sache und damit zu einer
»eigenständigen«, einer Sache »an und für sich selbst«
geworden ist, während im selben Zug ihre metaphorische
Grundlage im Gebrauch abgeschliffen wurde, wodurch die
Macht ihrer Paraphoranden schwand.)
Die interessantesten hypnotischen Phänomene lassen sich
ohne Zweifel auf den »tieferen« Stadien der Trance hervorrufen.
Sie bilden einen extrem wichtigen Probierstein für jede Theorie
der menschlichen Psyche. Ohne anderslautende Anweisung
bleibt der Hypnotisierte »taub« für alles außer der Stimme des
Hypnotiseurs; was andere Menschen von sich geben, »hört« er
nicht: Schmerzen können einerseits »abgeblockt«, andererseits
ins Überdimensionale gesteigert werden. Die Affektivität ist
restlos durch Suggestion strukturierbar: instruiert man ihn, er
werde jetzt gleich einen tollen Witz zu hören bekommen,
schüttet der Hypnotisierte sich aus vor Lachen über die
Bemerkung »Das Gras ist grün«. Aus irgendwelchen Gründen
vermag eine Person in Hypnose auf Anweisung des
Hypnotiseurs bestimmte automatische Reaktionen besser zu
kontrollieren als im Normalzustand. Ihr Identitätsgefühl läßt
sich so radikal umkrempeln, daß sie sich, je nachdem, als Tier,
als Greis oder als Kleinkind – oder was sonst noch beliebt –
aufführt.
Doch es handelt sich um ein Als ob mit einem unterdrückten
So ist es nicht dahinter. Von einigen Extremisten in Sachen
Hypnose hört man bisweilen die Auffassung vertreten, daß die
Person in Trance, der man sagt, sie sei jetzt fünf, sechs Jahre alt,
faktisch auf dieses Kindheitsstadium regrediere. Das ist
nachweislich falsch. Es mag genügen, wenn ich dazu ein
einziges Beispiel anführe. Der Proband, um den es geht, war in
Deutschland geboren und im Alter von etwa acht Jahren mit
seiner Familie in ein englischsprachiges Land emigriert; er hatte
sich daraufhin in die englische Sprache eingelebt und sein
Deutsch so gut wie ganz vergessen. Als der Hypnotiseur ihm in
»Tiefenhypnose« erklärte, er sei jetzt sechs Jahre alt; benahm er
sich auf jede erdenkliche Weise als Kind – was sogar so weit
ging, daß er, zum Schreiben aufgefordert, in kindlicher
Krakelschrift Druckbuchstaben auf die Tafel malte. Auf
englisch gefragt, ob er Englisch verstehe, erklärte er in
kindlichem Englisch, er verstehe und spreche kein Englisch,
sondern nur Deutsch. Ja, er krakelte sogar auf englisch an die
Tafel, daß er kein einziges Wort Englisch verstehe!7 Das Ganze
gleicht also mehr einer schauspielerischen Simulation als echter
Regression. Es ist eine kritik- und gedankenlose »Hörigkeit«
gegenüber dem Hypnotiseur und seinen Erwartungen, die der
Hörigkeit des bikameralen Menschen gegenüber seinem Gott
ähnelt.
Ein zweiter weitverbreiteter – und selbst in erstrangigen
Lehrbüchern anzutreffender! – Irrtum in Sachen Hypnose ist die
Annahme, der Hypnotiseur könne echte Halluzinationen
hervorrufen. Meine eigenen (noch unveröffentlichten)
Beobachtungen beweisen das Gegenteil. Nachdem der Proband
in Tiefenhypnose versetzt war, überreichte ich ihm (mit der
entsprechenden Gestik) eine (nichtvorhandene) Vase mit der
Bitte, (nichtvorhandene) Blumen (deren jeweilige Farbe ich ihm
laut zurief) vom Tisch zu nehmen und in die Vase zu tun. Das
klappte mühelos. Es war eine Sache des schauspielerischen
Simulierens. Ganz anders dagegen lag der Fall, wenn ich dem
Probanden ein nichtexistentes Buch überreichte und ihn bat, die
erste Textseite aufzuschlagen und den Anfang laut vorzulesen.
Simulieren läßt sich dergleichen allenfalls unter Aufbietung
eines größeren Maßes an Kreativität, als den meisten von uns
zuteil geworden ist. Versuchspersonen in der beschriebenen
Lage lieferten zwar alle prompt die Gesten, als hielten sie ein
Buch und blätterten darin; in Einzelfällen waren sie wohl auch
in der Lage, eine klischeehafte Anfangswendung, ja unter
Umständen sogar einen ganzen Satz aufzusagen – doch dann
klagten sie regelmäßig, das Druckbild sei verwischt oder die
Type zu klein zum Lesen, oder brachten irgendeine andere
Rationalisierung vor. Oder: forderte man einen Probanden auf,
das (nichtexistente) Bild auf einem (leeren) Blatt Papier zu
beschreiben, so erhielt man bestenfalls einsilbige Auskünfte
darüber, was er sah, und auch diese erst auf bohrendes
Nachfragen hin und stockend vorgetragen. Wäre eine echte
Halluzination im Spiel gewesen, dann wären seine Blicke kreuz
und quer über das Papier gewandert, und eine ausgiebige
Bildbeschreibung wäre ein Kinderspiel gewesen – wie das der
Fall ist, wenn Schizophrene ihre Gesichtshalluzinationen
schildern. Ganz naturgemäß zeigten sich bei dem Experiment
starke individuelle Unterschiede, doch alles in allem entspricht
das beobachtete Verhalten mehr einer stockend simulierten
Rolle als der für. das Erleben echter Halluzinationen
charakteristischen zwanglosselbstverständlichen Beziehung auf
etwas wie von sich aus Gegebenes.
Noch deutlicher erweist sich dieser Punkt bei einem anderen
Experiment. Gibt man einer hypnotisierten Person den Auftrag,
quer durchs Zimmer zu gehen, und hat man ihr zuvor einen
Stuhl in den Weg gestellt, ihr aber gesagt, da sei kein Hindernis,
dann halluziniert sie den Stuhl nicht ins Nichtsein. Sie macht
schlicht und einfach einen Bogen um ihn. Die Versuchsperson
verhält sich so, als nähme sie den Stuhl nicht wahr – was sie
natürlich doch tut, sonst würde sie keinen Bogen um ihn
machen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß
nichthypnotisierte Versuchspersonen, die man auffordert, so zu
tun, als seien sie hypnotisiert, in der geschilderten Situation
prompt gegen den Stuhl krachen,8 da sie sich bemühen, sich
getreu der irrigen Auffassung zu verhalten, daß die Hypnose
eine tatsächliche Wahrnehmungsveränderung bewirke.
Aus derlei Beobachtungen erwuchs das wichtige Konzept der
»Trancelogik«, das eigens zu dem Zweck aufgestellt wurde,
dieser Ungleichheit zwischen Hypnose und Halluzination
Rechnung zu tragen.9 Trancelogik bedeutet nichts weiter als die
höfliche Art, auf absurde logische Widersprüche zu reagieren.
Freilich handelt es sich ebensowenig um eine Logik im
eigentlichen Sinn wie um ein simples Trancephänomen.
Vielmehr hat man es hier mit etwas zu tun, was meines
Erachtens zutreffender als paralogische Willfährigkeit
gegenüber der sprachlichen Realitätsvermittlung zu verstehen
ist. »Paralogisch« deshalb, weil die Regeln der Logik (die –
daran sollten wir uns erinnern – einen der Außenwelt
zugehörigen Maßstab für wahr und falsch darstellen und
keineswegs die Funktionsweise des Geistes abbilden) beiseite
geschoben werden, damit Realitätsaussagen willfahrt werden
kann, denen kein konkreter Sachverhalt entspricht. Dies ist ein
Verhaltenstyp, der gleichsam zum Grundrepertoire der Spezies
Mensch gehört und allenthalben anzutreffen ist; angefangen bei
den zeitgenössischen religiösen Litaneien bis hin zu den
diversen Formen des Abergla ubens in Stammesgesellschaften.
In besonders ausgeprägter Form und geradezu konstitutiver
Rolle ist er jedoch im hypnotischen Geisteszustand virulent.
Es ist paralogische Willfährigkeit, wenn eine Versuchsperson
um einen Stuhl, von dem man ihr versichert hat, er sei nicht da,
einen Bogen macht, statt (in logischer Willfährigkeit) gegen ihn
zu krachen, und gleichzeitig keinerlei logisches Defizit in ihrer
Handlungsweise zu entdecken vermag. Es ist paralogische
Willfährigkeit, wenn ein Proband auf englisch versichert, er
könne kein Englisch, und nicht das geringste dabei findet. Hätte
unser deutschbärtiger Proband den Hypnosezustand nur
simuliert, so hätte er sich fraglos logischwillfährig gezeigt,
indem er gerade soviel Deutsch geradebrecht hätte, wie er aus
seinem Gedächtnis noch hätte herauskramen können, oder aber
er hätte einfach den Mund gehalten.
Es ist paralogische Willfährigkeit, wenn es jemandem nichts
ausmacht, sich mit der Vorstellung zu arrangieren, daß ein und
dieselbe Person sich an zwei Orten gleichzeitig aufzuhalten
vermag. Erzählt man einem Hypnotisierten, daß die Person X
die Person Y sei, wird er sich in seinem Verhalten darauf
einstellen. Wenn dann die wirkliche Person Y den Raum betritt,
macht es ihm überhaupt nichts aus, sich damit abzufinden, daß
beide Personen die Person Y sind. Hier zeigt sich eine gewisse
Ähnlichkeit mit einer Form von paralogischer Willfährigkeit,
wie sie bei einem anderen Relikt der bikameralen Psyche, der
Schizophrenie, auftritt. Es kann vorkommen, daß von den
Patienten auf einer Station zwei sich für die gleiche bedeutende
oder göttliche Persönlichkeit halten, ohne daß einer von den
beiden etwas Unlogisches an dieser Situation zu entdecken
vermag.10 Meiner Meinung nach bekundete sich eine ähnliche
paralogische Willfährigkeit auch in der bikameralen Epoche
selbst, etwa wenn reglose Idole als lebendig und essend oder ein
und dieselbe Gottheit als gleichzeitig an mehreren Orten
weilend behandelt wurden, oder auch in der Menge
juwelenäugiger Standbilder von ein und demselb en Gottkönig,
die eins neben dem andern aufgereiht in den Pyramiden
gefunden wurden. Wie der bikamerale Mensch bemerkt der
Hypnotisierte in seinem Verhalten nichts Absonderliches,
keinerlei Ungereimtheit. Er »sieht« keine Widersprüche, weil er
der vollkommen bewußten Introspektion nicht mächtig ist.
Das Zeitempfinden ist während der Dauer einer Trance
ebenfalls gemindert (wie dies nach unserer früheren Feststellung
ja auch bei der bikameralen Psyche der Fall war). Das zeigt sich
besonders deutlich in der posthypnotischen Amnesie. In unserer
normalen Verfassung dient uns die spatialisierte Reihung der
Zeit im Bewußtsein als Substrat für Erinnerungsreihen. Fragt
uns jemand, was wir seit dem Frühstück getan haben,
narrativieren wir gewöhnlich eine Ereignisreihe entlang der
»Zeitachse«, auf der jedem Einzelereignis sein spezifischer
»Stellenwert« zukommt. Doch ein Mensch in hypnotischer
Trance verfügt ebensowenig wie der Schizophrene oder der
bikamerale Mensch über einen solchen Zeitschematismus, der es
ihm ermöglichen würde, den Ereignissen einen Stellenwert
zuzuweisen. Die Davor-danach-Dimensionalität der
spatialisierten Zeit geht ihm ab. Was ein Hypnotisierter an
Vorkommnissen während der Trance aus seiner
posthypnotischen Amnesie heraus überhaupt noch zu erinnern
vermag, sind nicht die Zeit-Räume des normalen Erinnerns,
sondern unklare, isolierte Bruchstücke vom Hinweis-Reiz-Typ.
Unter dem Einfluß der Amnesie vermögen Probanden allenfalls
Dinge wiederzugeben wie: »Ich hatte die Hände gefaltet, ich saß
in einem Sessel«, ohne Einzelheiten und Zusammenhang, was
mich in seiner Art an Hammurabi oder Achilleus erinnert.11
Freilich gibt es da einen bezeichnenden Unterschied zwischen
dem bikameralen Menschen und unseren hypnotisierten
Zeitgenossen: letztere sind oftmals in der Lage, auf Geheiß des
Hypnotiseurs den narrativierten Folgezusammenhang der
Erinnerung zu reproduzieren – woraus hervorgeht, daß neben
und außerhalb der Trance gleichzeitig eine parallele
Verarbeitung durch das Bewußtsein stattgefunden hat.
Solche Befunde machen die hypnotische Trance zu einem
Phänomen von faszinierender Komplexität. Parallelverarbeitung
...! Während eine Person dies oder jenes tut und sagt, verarbeitet
ihr Gehirn die Situation in mindestens zwei unterschiedlichen
Modi, deren einer im Verhältnis zum anderen der umfassendere
ist. Für diese Schlußfolgerung spricht mit noch verblüffenderer
Anschaulichkeit eine unlängst gemachte Entdeckung, die auf
den Namen »der versteckte Beobachter« (the hidden observer)
getauft wurde. Eine hypnotisierte Person, die instruiert wurde,
daß sie nichts dabei verspüren werde, wenn sie die Hand eine
Minute lang in einen Eimer mit eiskaltem Wasser eintauche
(eine wirklich schmerzhafte, wenngleich gesundheitsfördernde
Erfahrung), wird vielleicht kein Anzeichen von Unbehagen zu
erkennen geben und auf entsprechende Fragen antworten, sie
spüre nichts; wurde ihr jedoch zuvor gesagt, wenn – und nur
solange – der Hypnotiseur mit der Hand ihre Schulter berühre,
werde sie mit veränderter Stimme exakt angeben, was sie
wirklich spüre, dann passiert folgendes: bei der Berührung
macht die Versuchsperson ihrem Mißbehagen vielleicht
ungehindert Luft – häufig mit tiefer, gutturaler Stimme –, um
dann jedoch auf der Stelle in die gewöhnliche Stimmlage und
den Betäubungszustand zurückzufallen, sobald der Hypnotiseur
seine Hand von ihrer Schulter nimmt.12
Derartige Befunde verweisen uns zurück an eine längst für
widerlegt gehaltene Auffassung von der Hypnose als
Persönlichkeitsdissoziation, die um die Jahrhundertwende aus
Untersuchungen der multiplen Persönlichkeit erwachsen war.13
Deren Grundidee besagt, daß die Ganzheit der Psyche oder
Reaktivität in der Hypnose in ein Nebeneinander von
Einzelsträngen zerfällt, die unabhängig voneinander
funktionieren können. Was das für die hier im Ersten Buch
entwickelte Theorie vom Bewußtsein und seinem Ursprung
bedeutet, leuchtet nicht so ohne weiteres ein. Gleich auf den
ersten Blick zu sehen sind aber jedenfalls die Entsprechungen
zur eigentlichen bikameralen Organisation der Psyche sowie zu
dem im Ersten Kapitel des Ersten Buches (Seite 49)
geschilderten nichtbewußten Problemlöseverhalten.
Der in der Forschung vielleicht am wenigsten beachtete
Aspekt der Hypnose sind die Unterschiede im Wesen der
Trance, wie sie bei Personen auftreten, die von Hypnose zuvor
weder viel gesehen noch gehört haben. In aller Regel ist die
Trance heutigentags ein Zustand von Passivität und
Suggestibilität. Aber manche Versuchspersonen schlafen in der
Hypnose wirklich ein. Andere wiederum sind jederzeit noch
halb bei Bewußtsein, zugleich aber auch verstärkt suggestibel,
und wer wußte in so einem Fall verbindlich zu sagen, wo die
Schauspielerei aufhört und die Wirklichkeit anfängt? Wieder
andere Versuchspersonen verfallen in ein so heftiges Zittern,
daß sie aus der Trance »aufgeweckt« werden müssen. Und so
weiter und so fort.
Daß solche individuellen Unterschiede auf individuell
verschiedene Überzeugungen oder kollektive kognitive
Imperative zurückgehen, erhellt aus einer kürzlich
durchgeführten Untersuchung. Die Probanden wurden
aufgefordert, schriftlich darzulegen, was in der Hypnose
passiert. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden sie dann
hypnotisiert und die Resultate mit ihren Antizipationen
verglichen. Eine Probandin »erwachte« jedesmal aus der Trance,
sobald sie eine Aufgabe erhielt, zu deren Ausführung sie ihr
Augenlicht benötigte. Bei der Kontrolle ihres Berichts zeigte
sich dann, daß sie geschrieben hatte: »Für eine wirksame
hypnotische Trance müssen die Augen der Versuchsperson
geschlossen sein.« Ein Proband konnte erst im zweiten Anlauf
in Trance versetzt werden. Er hatte geschrieben: »Bei den
meisten Menschen gelingt die Hypnose nicht gleich beim ersten
Mal.« Und eine andere Probandin vermochte keine der ihr
aufgetragenen Aufgaben auszuführen, solange sie dabei zum
Stehen genötigt war. Sie hatte geschrieben: »Bei der Hypnose
muß die Versuchsperson entweder liegen oder sitzen.«14 Doch je
öfter und ausgiebiger über die Hypnose gesprochen wird – wie
justament auch auf diesen Seiten – desto standardisierter wird
der kognitive Imperativ und infolgedessen auch die Trance.
Der Hypnotiseur als Autoritätsinstanz
Und damit kommen wir – viertens – zu einem Fall von
archaischer Autoritätsinstanz ganz eigener Art, der ebenfalls
mitverantwortlich ist für die verschiedenen Formen der
hypnotischen Trance. Denn als Autoritätsinstanz tritt hier nicht
ein halluzinierter oder begeisternder Gott in Erscheinung,
sondern der Hypnotiseur selber. Für den Probanden ist er eine
ausgesprochene Respektsperson. Und wo dies nicht der Fall ist,
wird sich der Hypnotisierungsvorgang in aller Regel schwieriger
gestalten, oder es ist eine längere Induktion beziehungsweise auf
seiten des Probanden von vornherein ein größerer Glaube an die
Sache als solche (mit anderen Worten: ein stärkerer kognitiver
Imperativ) erforderlich.
Tatsächlich muß sich nach Meinung der meisten
wissenschaftlichen Experten auf diesem Gebiet zwischen
Hypnosesubjekt und Hypnotiseur ein besonderes
Vertrauensverhältnis herausgebildet haben.15 Eine allgemein
gebräuchliche Methode, die Ansprechbarkeit eines Menschen
für die Hypnose zu testen; besteht darin, daß man sich hinter
seinem Rücken postiert und ihn auffordert, sich bedenken- und
rückhaltlos nach hinten fallen zu lassen, damit er spüren könne,
was es heißt »loszulassen«. Tritt der Be treffende mit einem Fuß
zurück, um seinen Fall zu bremsen, weil er zuinnerst nicht
restlos davon überzeugt ist, daß er letztlich aufgefangen werden
wird, stellt sich hinterher mit praktisch absoluter
Regelmäßigkeit heraus, daß er für diesen speziellen Hypnotiseur
nicht ansprechbar ist.16
Dieses Vertrauensverhältnis liefert auch die Erklärung für die
unterschiedlichen Hypnoseergebnisse in der Klinik einerseits
und im Laboratorium andererseits. Im
medizinischpsychiatrischen Ambiente werden gemeinhin
tieferreichende Hypnosewirkungen erzielt, und das hat, wie ich
meine, seinen Grund darin, daß die Figur des Therapeuten im
Verhältnis zum Patienten mehr Gottähnlichkeit aufweist als die
des Versuchsleiters im Verhältnis zur Versuchsperson. Auf
ähnliche Weise läßt sich auch erklären, weshalb die Hypnose in
einem bestimmten Lebensalter am leichtesten zur Wirkung
kommt. Die Ansprechbarkeit für Hypnose ist im Alter von acht
bis zehn Jahren am größten.17 Kinder blicken dann noch mit
dem Glauben an deren unermeßliche Allmacht und
Allwissenheit zu den Erwachsenen auf: Das schlägt für den
Hypnotiseur zu Buche und erleichtert es ihm, die Funktion des
vierten Moments im allgemeinen bikameralen Paradigma
wahrzunehmen. Je gottähnlicher die Position des Hypnotiseurs
im Verhältnis zu seinem Hypnosesubjekt, desto müheloser läßt
sich das bikamerale Paradigma aktivieren.
Beweise für die Bikameraltheorie der Hypnose
Trifft es zu, daß wir es bei der Beziehung des
Hypnosesubjekts zum Hypnotiseur mit einem Relikt der
historisch älteren Beziehung zur bikameralen Stimme zu tun
haben, so ergibt sich daraus eine Reihe von interessanten
Fragen. Wenn das im Fünften Kapitel des Ersten Buches (Seite
128 ff) skizzierte neurologische Modell auch nur ansatzweise
richtig ist, dann dürfen wir im Zusammenhang mit der Hypnose
irgendwelche Lateralitätsphänomene erwarten. Eine
Konsequenz unserer Theorie ist die Prognose, daß im EEG
Hypnotisierter die rechtshemisphärische Hirnaktivität im
Verhältnis zur linkshemisphärischen deutlich verstärkt in
Erscheinung treten müßte – wenngleich die Zusammenhänge in
diesem Fall kompliziert werden durch den Umstand, daß die
Anweisungen des Hypnotiseurs von der linken Hemisphäre
aufgenommen und dort in gewissem Umfang verarbeitet werden
müssen. Aber wie dem auch sei – in jedem Fall wäre aufgrund
unserer Theorie ein proportionales Übergewicht der
rechtshemisphärischen Komponente im Vergleich zur
gewöhnlichen Bewußtseinslage zu erwarten.
Allerdings sind die von einzelnen Forschern auf diesem
Gebiet bisher erbrachten Befunde insgesamt gesehen so
widersprüchlich, daß wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt weit
davon entfernt sind, ein klares Bild auch nur vom regulären
EEG eines Menschen in Hypnose zu besitzen. Aber es stehen
noch andere Beweiswege – wenngleich leider mehr vermittelter
und indirekter Artoffen. Im einzelnen stellen sie sich
folgendermaßen dar:
Menschen lassen sich auch nach dem Merkmal kategorisieren,
ob sie die rechte oder die linke Hirnhemisphäre relativ stärker in
Anspruch nehmen als andere. Eine einfache Methode, sich
dieses Merkmals zu versichern, besteht darin, einem Menschen
Fragen zu stellen, während man ihm voll ins Gesicht sieht, und
zu beobachten, nach welcher Seite er bei der Suche nach den
Antworten den Blick wendet. (Wie im Ersten Buch, Fünftes
Kapitel, Seite 128 bezieht sich das Gesagte auch hier wieder auf
den Standardfall des Rechtshänders.) Geht der Blick (vom
Betreffenden selbst aus gesehen) nach rechts, beansprucht er
verhältnismäßig intensiver die linke und im umgekehrten Fall
mehr die rechte Hemisphäre – was darauf zurückzuführen ist,
daß die Aktivierung der vorderen Sehzentren sei’s der rechten,
sei’s der linken Hemisphäre mit einer Stellungsänderung der
Augen in kontralateraler Richtung einhergeht. Erst kürzlich
wurde berichtet, daß Menschen, die beim Beantworten von in
sogenannter »facetoface«-Kommunikation gestellten Fragen den
Blick nach links wenden – die mithin ihre rechte Hemisphäre
ausgiebiger benutzen als andere-, auch ausgesprochen leicht zu
hypnotisieren sind.18 Das läßt sich als Indiz dafür interpretieren,
daß zwischen rechtshemisphärischer Gehirnaktivität und
Hypnose ein ganz besonderer Zusammenhang besteht und daß
diejenigen Menschen am leichtesten zu hypnotisieren sind, die
sich am besten darauf verstehen, auf die rechte Hemisphäre zu
»horchen« und zu »vertrauen«. Im Fünften Kapitel des Ersten
Buches (Seite 148 ff) haben wir erfahren, daß der rechten
Hirnhemisphäre, die unserer Mutmaßung zufolge in früheren
Jahrtausenden die Quelle göttlicher Halluzinationen gewesen ist,
heute die Hauptverantwortung für Kreativität, Raumorientierung
und eine lebhafte Einbildungskraft zugewiesen wird. Mehrere
neuere Untersuchungen stellen übereinstimmend fest, daß
Menschen, denen die erwähnten Eigenschaften in höherem Maß
als anderen eignen, auch um so leichter zu hypnotisieren sind.19
Diese und ähnliche Befunde decken sich mit der Hypothese,
wonach das Hypnotisiertwerden bedeutet, sich
rechtshemisphärischen Funktionskategorien anzuvertrauen –
nicht anders als der bikamerale Mensch sich der göttlichen
Führung anvertraute.
Ist es korrekt, die Hypnose als Relikt der bikameralen Psyche
zu bezeichnen, dann wäre auch zu erwarten, daß je leichter ein
Mensch zu hypnotisieren, desto empfänglicher, offener, leichter
zugänglich er auch für andere Konkretionen des allgemeinen
bikameralen Paradigmas ist. In bezug auf Religiosität scheint
das in der Tat zuzutreffen. Menschen, die von Kindesbeinen an
regelmäßig die Kirche besuchen, lassen sich verhältnismäßig
leicht hypnotisieren, schwerer hingegen Menschen von eher
laxer Religiosität. Mehr als einer der Hypnoseforscher, die ich
kenne, sucht sich als Versuchspersonen bevorzugt
Theologiestudenten aus, weil er die Erfahrung gemacht hat, daß
sie vergleichsweise einfach zu hypnotisieren sind.
Das Phänomen der imaginären Gesellen in der Kindheit ist ein
Thema, zu dem ich mich in einer zukünftigen Arbeit
ausführlicher äußern werde. Vorweggenommen aber sei an
dieser Stelle schon: es handelt sich hierbei um ein weiteres
Relikt der bikameralen Psyche. Mindestens die Hälfte aller von
an mir in diesem Zusammenhang befragten Personen vermochte
sich deutlich daran zu erinnern, daß die Stimme des jeweiligen
Gesellen mit der gleichen Erlebnisqualität zu hören gewesen
war wie meine, des Befragers, Stimme, während ich meine
Fragen stellte. Eine echte Halluzination! Das Auftreten
imaginärer Gesellen ereignet sich zumeist in der Altersspanne
von drei bis sieben Jahren und geht damit der Phase, die nach
meiner Meinung den Kulminationspunkt der kindlichen
Bewußtseinsentwicklung bezeichnet, unmittelbar voraus. Für
mich stellt sich die Sache so dar, daß hier – aufgrund einer sei’s
angeborenen, sei’s umweltbedingten Disposition für imaginäre
Gesellen – die neurologische Struktur des allgemeinen
bikameralen Paradigmas eingeübt wird (um es metaphorisch
auszudrücken). Wenn die in diesem Kapitel vorgelegte
Hypothese stimmt, müßten wir damit rechnen, daß der fragliche
Personenkreis dann im späteren Leben auch auf andere
Aktivierungsformen des Paradigmas bereitwilliger anspricht –
beispielsweise auf die Hypnose. Und so ist es in der Tat.
Menschen, die in der Kindheit einen imaginären Gesellen
hatten, sind leichter zu hypnotisieren als solche, die diese
Erfahrung nicht kennengelernt haben. Auch hier haben wir also
wieder den Fall, daß der Faktor Hypnotisierbarkeit mit einem
anderen Relikt der bikameralen Psyche korreliert.
Wenn es richtig ist, in der Züchtigung von Kindern eine
Methode zur Eintrichterung verstärkter Autoritätshörigkeit –
und mithin ein Training von Teilen jener neurologischen
Verhalte, die ehedem die bikamerale Psyche ausmachten – zu
erblicken, dann dürfen wir auch hier wieder damit einhergehend
eine verstärkte Ansprechbarkeit für die Hypnose erwarten. Und
diese ist in der Tat gegeben. Aufgrund sorgfältiger Erhebungen
steht fest, daß Menschen, die in der Kindheit einem strengen,
mit harten Züchtigungen verbundenen innerfamiliären Regiment
unterworfen waren, als verhältnismäßig leicht hypnotisierbar
einzustufen sind, wenn man sie mit anderen vergleicht, die als
Kinder selten oder nie gezüchtigt wurden.
Diese Laborbefunde sind lediglich Indizien und lassen sich im
übrigen auf recht unterschiedliche Weise interpretieren (wer
Genaueres darüber zu erfahren wünscht, sei auf die
Originalberichte verwiesen). Zusammengenommen ergänzen sie
einander jedoch zu einem Bild, das die Hypothese stützt, daß es
sich bei der Hypnose zum Teil um das Relikt einer vorbewußten
Mentalität handelt. Stellt man die hypnotischen Phänomene
dergestalt vor das Panorama der Menschheitsgeschichte,
offenbaren sich in ihrer Physiognomie ganz neue und anders gar
nicht wahrnehmbare Züge. Für eine bedingungslos
biologistische Auffassung vom Bewußtsein, die seinen Ursprung
auf irgendeinen theoretisch angenommenen Punkt in der
Evolution des Nervensystems der Säuger verlegt, muß das
Phänomen der Hypnose, wenn ich das richtig sehe, etwas
schlechthin Unfaßliches bleiben: Sie begreift davon aber auch
nicht ein Haar. Sind wir uns aber erst einmal restlos im klaren
darüber, was es bedeutet, daß Bewußtsein ein kulturell erlernter
Vorgang ist, eine prekärgleichgewichtige Konstruktion über den
unterdrückten Relikten einer älteren Mentalität, dann ist auch
ohne weiteres einzusehen, daß Bewußtsein auf kulturellem
Wege zum Teil wieder entlernt oder zum Aussetzen gebracht
werden kann. Erlernte Merkmale, wie etwa das »Ich« qua-
Analogon, können unter Einfluß des geeigneten kulturellen
Imperativs in andersartigen Formen der Handlungseinleitung
aufgehen – ein Beispiel dafür ist die Hypnose. Der Grund,
warum diese andersartige Form von Initiative ausschließlich in
Verbindung mit den anderen Faktoren der
Bewußtseinsminderung, nämlich Induktion und Trance,
funktioniert, liegt darin, daß hier auf irgendeine Weise das
Paradigma einer Mentalität aufgerufen wird, die älteren
Ursprungs ist als das subjektive Bewußtsein.
Einwurf. Gibt es die Hypnose, oder gibt es sie nicht?
Zum Schluß möchte ich kurz auf alternative Interpretationen
der Befunde hinweisen. Vorläufig haben wir es dabei jedoch
nicht so sehr mit Theorien der Hypnose als vielmehr mit
einzelnen Gesichtspunkten zu tun, von denen jeder in
begrenztem Rahmen durchaus richtig ist. So werden in einer
einschlägigen Studie als besonders wichtig die Vorstellungskraft
des Hypnosesubjekts und seine Konzentration auf die
Suggestionen des Hypnotiseurs hervorgehoben und dazu die
Tendenz derartiger Vorstellungsbilder, konformes Handeln nach
sich zu ziehen.20 Richtig und wichtig in der Tat. In einer anderen
Studie wird die »Monomotivation« als der entscheidende
Umstand namhaft gemacht.21 Auch gut – nur daß dies ersichtlich
keine explikative, sondern eine deskriptive Kategorie ist. Eine
dritte stellt fest, das Grundlegende an der Sache sei schlicht und
einfach die menschliche Fähigkeit zum Rollenspiel, der
»Alsob«-Charakter der meisten Darbietungen in Hypnose.22
Auch das ist keineswegs falsch. Eine vierte betont sehr richtig
die Dissoziation.23 Eine fünfte meint, die Hypnose sei eine
Regression auf das Stadium der kindlichen Abhängigkeit von
den Eltern.24 Und in der Tat: jedes Relikt der bikameralen
Psyche erweckt diesen Anschein, da sie ja auf solch
zöglinghafter Erlebnisweise beruht.
Doch die wichtigste theoretische Meinungsverschiedenheit
eine unabgeschlossene, für unseren Zusammenhang
hochbedeutsame Kontroverse – betrifft die Frage, ob denn in der
Hypnose wirklich etwas grundlegend anderes vorgeht als bei
normaler, alltäglicher Bewußtseinsverfassung. Wäre der
zweiflerische Standpunkt das letzte Wort zu dieser Frage, dann
könnte nichts falscher sein als meine in diesem Kapitel
vorgetragene Interpretation der Hypnose als einer anders
gelagerten Mentalität. Denn die Hypnose kann schlechterdings
kein Relikt von was auch immer sein, solange es sie gar nicht
gibt. Sämtliche Manifestationen des Hypnosezustands, so lautet
der zweiflerische Standpunkt, lassen sich als simple
Übersteigerungen an sich normaler Phänomene erweisen. Wir
können sie der Reihe nach abhaken:
Was den »Kadavergehorsam« gegenüber dem Hypnotiseur
angeht, so beugen wir uns alle im Grunde gleichermaßen
gedanken- und kritiklos einem fremden Willen, wenn und soweit
die Situation es erfordert, beispielsweise den Kommandos eines
Lehrers, eines Verkehrspolizisten oder den Kommandos eines
Tanzmeisters.
Was eine Erscheinung wie das Ertauben auf Befehl und
ähnliches betrifft, so hat gewiß ein jeder schon erlebt, daß er
jemandem aufmerksam »lauschte« und trotzdem kein Wort von
dem vernahm, was gesagt wurde. Ob es sich also um die Mutter
handelt, die das tosende Gewitter verschläft, aber beim leisesten
Wimmern ihres Kindes aufwacht, oder um den Hypnotisierten,
der nur noch die Stimme des Hypnotiseurs vernimmt und allem
anderen gegenüber »schläft« – in beiden Fällen haben wir es mit
wesensmäßig ein und demselben psychischen Mechanismus zu
tun.
In bezug auf die induzierte Amnesie, über die sich
uneingeweihte Beobachter so sehr verwundern, ist lediglich zu
bemerken: Wer von uns kann sich erinnern, woran er fünf
Minuten zuvor gedacht hat? Dazu müßte man sich selber zur
fraglichen Zeit die Bereitschaft zum Erinnern vermittelt haben.
Und ebendies können die Hypnotiseure heute tun (oder lassen)
was der Auslöschung (oder Bekräftigung) des Paraphoranden
vom Untertauchen gleichkommt und das Hypnosesubjekt zum
Erinnern (oder Nichterinnern) veranlaßt.
Was die in der Hypnose auf Befehl eintretenden
Lähmungserscheinungen angeht: Wem ist es auf einem
Spaziergang mit einem Freund noch nicht passiert, daß man sich
beiderseits mehr und mehr in die Unterhaltung vertiefte und
dabei langsamer und langsamer wurde, bis man schließlich
stehenblieb? Aufmerksamkeitskonzentration und Einschränkung
der Motorik liegen in solchen Fällen auf derselben Skala.
In betreff der hypnotischen Analgesie, jenes meistbestaunten
aller hypnotischen Phänomene, ist zu bedenken: Wer hat noch
nicht beobachtet, wie ein Kind, das sich weh getan hatte, sich
durch irgendein Spielzeug ablenken ließ, bis die Tränen
versiegten und der Schmerz vergessen war? Oder nicht von
Unfallopfern gehört, die Blut verloren aus Wunden, von denen
sie nicht das geringste spürten? Und möglicherweise gehört
auch die Akupunktur zu den Dingen, die man in diesem
Zusammenhang zu berücksichtigen hat.
Und was den »versteckten Beobachter« betrifft: diese Art von
Parallelverarbeitung ist immerzu in Gang. Bei jedem
Alltagsgespräch legen wir uns unterm Zuhören eine Antwort
zurecht. Schauspieler sind unentwegt damit befaßt: Sie betätigen
sich jederzeit als ihre eigenen versteckten Beobachter;
Stanislawski zum Trotz sind sie jederzeit in der Lage, ihre
eigene Leistung kritisch zu bewerten. Als weitere Beispiele
könnte man hier einen großen Teil der im Ersten Kapitel des
Ersten Buches (Seite 33 ff) erwähnten Fälle von nichtbewußtem
Denken anführen oder auch die Ausführungen über die
Konversation beim Chauffieren zu Beginn des Vierten Kapitels
im gleichen Buch (Seite 110).
Und was die verblüffende Wirksamkeit der posthypnotischen
Suggestion angeht: jeder von uns nimmt sich zuweilen vor, eine
Handlung bei nächster Gelegenheit auf diese oder jene
bestimmte Weise auszuführen, und tut dies auch, wenn es soweit
ist, selbst wenn er seinen früher gefaßten Vorsatz dann schon
längst vergessen hat. Im Grunde besteht hier kein Unterschied
zur »prähypnotischen Suggestion«, wie wir sie einige Seiten
weiter vorn in dem Beispiel von der vermeintlich gelähmten
Hand und ähnlichen Fällen kennengelernt haben. Es handelt sich
dabei um eine Neustrukturierung des kollektiven kognitiven
Imperativs, die unser Reaktionsvermögen in sehr ausgeprägter
Form zu beeinflussen vermag.
Und ... und ... und ... Die Liste ließe sich verlängern, das
Argumentationsschema bliebe immer das gleiche:
Ausnahmeleistungen im Zustand der Hypnose sind in jedem Fall
bloß Übersteigerungen von Phänomenen, die auch im
Normalzustand vorkommen. Die Hypnose, so läuft das
Argument weiter, erscheint lediglich – und lediglich dem
Uneingeweihten – als etwas Besonderes. Das Tranceverhalten
ist nichts weiter als äußerste Konzentration, wie im
sprichwörtlichen Fall des »zerstreuten Professors«. Geradezu
eine Unmenge von Experimenten aus jüngerer Zeit zielt auf den
Nachweis, daß sämtliche hypnotischen Phänomene durch bloße
Suggestion mit Probanden im Wachzustand gedoubelt werden
können.25
Darauf erwidere ich – und nicht nur ich allein –, daß dies
keine Erklärung, sondern eine Eskamotierung der Hypnose ist.
Selbst wenn es zuträfe (was ich nicht glaube), daß alle
hypnotischen Phänomene im Alltagszustand gedoubelt werden
können, bleibt dennoch die Eigenart der Hypnose bestehen, die
sich definiert durch unverwechselbare Prozeduren, die
unverwechselbare Empfänglichkeit des Hypnosesubjekts (mit
Entsprechungen ebensogut in anderen Erfahrungsbereichen wie
in anderen Relikten der bikameralen Psyche) sowie durch den
enorm höheren Leichtigkeitsgrad, mit dem die hypnotischen
Phänomene, sei’s mit, sei’s ohne Induktionsprozedur, ausgeführt
werden. Für jedes Theoretisieren über die Frage, wie für die
Zukunft möglicherweise zu erwartende Wandlungen der
menschlichen Mentalität aussehen könnten, ist die zuletzt
genannte Eigenart von extrem wichtiger Bedeutung. Das ist
auch der Grund, warum ich dieses Kapitel so angefangen habe,
wie ich es angefangen habe. Fordert man uns auf, ein Tier oder
ein Fünfjähriger zu sein, keinen Schmerz zu empfinden, wenn
wir gestochen werden, farbenblind zu sein, in kataleptische
Starre zu verfallen, mit Nystagmus auf ein vorgestelltes Wirbeln
des Gesichtsfelds zu reagieren26 oder Essig den Geschmack von
Champagner abzugewinnen – so ist das im normalen
Bewußtseinszustand alles unendlich viel schwerer zu leisten, als
wenn das Normal-Bewußtsein durch Hypnose zum
Verschwinden gebracht ist. Derart exzeptionelle Leistungen
ohne Rapport zu einem Hypnotiseur zu vollbringen stellt
gigantische Anforderungen an Selbstüberredungsgabe und
Konzentrationsfähigkeit. Voll-Bewußtsein im Wachzustand
erscheint an und für sich wie ein riesiger Wildwuchs von
zudringlichen Abhaltungen, die abzuschütteln und hinter sich zu
lassen, um in eine derart unmittelbare Globalkontrolle
einzurasten, alles andere als einfach ist. Werfen Sie einen Blick
aus dem Fenster und reden Sie sich dabei ein, Sie seien
farbenblind, bis die Farben Rot und Grün für Sie wirklich nur
noch wie Grauschattierungen aussehen.27 Das läßt sich bis zu
einem gewissen Grad tatsächlich bewerkstelligen, gelingt jedoch
viel leichter in Hypnose. Oder erheben Sie sich von Ihrem Platz,
und benehmen Sie sich während der nächsten Viertelstunde als
Vogel: Flattern Sie mit den Armen, als wären es Flügel, und
stoßen Sie dabei seltsame Schreie aus: In der Hypnose macht
das überhaupt keine Mühe. Aber nicht ein einziger von den
Lesern des letzten Satzes bringt das zustande – sofern er allein
ist. Was immer es mit diesen schweißtreibenden Empfindungen
des Närrischen und Albernen auf sich haben mag, mit diesen
innerlichen Einwürfen: »Wozu das Ganze?« und »Das ist doch
Blödsinn!« – sie fallen wie penible Despoten über Sie her,
eifersüchtig wie Götter auf ein solches Beginnen; Sie brauchen
sowohl die Bewilligung von seifen einer Gruppe, die
Autorisierung durch einen kollektiven kognitiven Imperativ, als
auch das Kommando eines Operationsleiters – eines
Hypnotiseurs oder eines Gottes –, um derartigen Gehorsam
zustande zu bringen. Oder legen Sie Ihre Hände vor sich auf die
Tischplatte, und lassen Sie jetzt eine von beiden merklich röter
als die andere werden: Kann sein, daß Sie es schaffen, aber in
Hypnose geht es sehr viel leichter. Oder halten Sie beide Hände
fünfzehn Minuten lang in Schulterhöhe, ohne das geringste
Unbehagen zu verspüren: in Hypnose ein Kinderspiel, ohne
Hypnose eine beschwerliche Angelegenheit.
Die Hypnose steuert also irgend etwas Spezifisches hinzu, das
diese außerordentliche Leistungsfähigkeit bedingt und uns in
den Zustand setzt, Dinge zu tun, die wir normalerweise nicht
oder nur mit größter Mühe auszuführen vermögen. Was ist das?
Und sind überhaupt »wir« es, die diese Dinge tun? Tatsächlich
ist es so, als ob in der Hypnose jemand anderer durch uns
handle. Aber warum ist das so? Und warum geht das alles soviel
leichter? Kann man sagen, daß wir erst unseres bewußten Selbst
verlustig gehen müssen, bevor wir solcher Macht teilhaftig
werden, deren Ausübung demnach nicht unsere Sache ist?
Auf anderer Ebene stellt sich die Frage, woran es liegt, daß
wir im alltäglichen Leben nicht so weit über uns
hinauszuwachsen vermögen, daß wir in der Lage wären, uns
selbst zu ermächtigen, die Person zu sein, die wir wirklich gern
wären. Wenn sich unsere Identität und unsere Handlungsweise
im Zustand der Hypnose auswechseln lassen, wieso ist es uns
dann nicht möglich, dasselbe selber an und mit uns selbst zu
machen, auf daß unser Verhalten mit, derselben absoluten
Konsequenz aus unseren Entschlüssen fließt und auf daß, was
immer in uns es sein mag, das wir als Willen bezeichnen, unser
Handeln ebenso souverän regiert wie der Hypnotiseur sein
Hypnosesubjekt?
Die Antwort darauf ist zum Teil in der prinzipiellen
Begrenztheit unseres erlernten Bewußtseins in diesem
gegenwärtigen Jahrtausend zu suchen. Wo wir sie durchbrechen
wollen, sind wir auf die Hilfe irgendeines Relikts der
bikameralen Psyche, unserer ehemaligen Methode der
Verhaltenskontrolle, angewiesen. Mit dem Bewußtseinserwerb
haben wir jene einfachere, bedingungslosere Methode der
Verhaltenskontrolle, wie sie für die bikamerale Psyche
charakteristisch war, aufgegeben. Wir leben mitten in einem
summenden Schwarm von Warums und Wozus, von
Begründungen und Zwecksetzungen aus unseren
Narrativierungen, im Knotenpunkt der abenteuerlichen
Ausfahrten unseres »Ich« qua-Analogon nach allen
Himmelsrichtungen. Und dieses unablässige Ausspinnen von
Denkbarem und Möglichem ist die unerläßliche Bedingung
dafür, daß wir vor allzu impulsiven Verhaltensweisen bewahrt
bleiben. »Ich« qua-Analogon und »Ich« qua-Metapher sind stets
am Zusammenfluß zahlreicher kollektiver kognitiver Imrative
gelagert. Wir wissen zuviel, als daß wir uns selbst noch sehr
weitreichende Kommandos zu geben wüßten.
Wer dank dem, was Theologen das »Geschenk des Glaubens«
nennen, in der Lage ist, seinem Leben in einem religiösen
Glauben Mittelpunkt und Begrenzung zu geben, der hat nun
wirklich einen anderen kollektiven kognitiven Imperativ. Der
vermag nun wirklich durchs Gebet und die damit verbundenen
Antizipationen sein Selbst zu verändern – aufgrund eines
Wirkungszusammenhangs, ganz ähnlich dem der
posthypnotischen Suggestion. Es ist eine Tatsache, daß der
Glaube – sei’s ein politischer, sei’s ein religiöser, oder sei’s
auch einfach nur, als Frucht irgendeines älteren kognitiven
Imperativs, der Glaube an sich selbst – Wunder wirkt. Jeder, der
einmal das Martyrium der Gefängnis- oder Lagerhaft am
eigenen Leib erfahren hat, weiß, wie oft psychisches und
physisches Überleben allein in solch ungreifbarer fürsorglicher
Hand steht.
Doch wir anderen, die wir uns weiterhelfen müssen mit den
Modellen, die uns das Bewußtsein liefert, und mit einer aus
Skepsis geborenen Ethik – uns bleibt nichts übrig, als uns mit
unserer verminderten Kontrolle abzufinden. Im Selbstzweifel
studiert, sind wir nirgends so gelehrt wie gerade im eigenen
Mißerfolg und wahre Genies im Erfinden von Ausflüchten und
Aufmorgen-Vertagen von Entschlüssen. So üben wir uns mehr
und mehr im kraftlosen Vorsatz, bis die Hoffnung im
Unversuchten erstirbt und entschwindet. Wenigstens geht es
manchen von uns so. Und wollen wir uns dann über den
Klamauk unserer Kenntnisse erheben, um wirklich ein anderer
Mensch zu werden, so bedarf es dazu einer Autorität, über die
»wir« nicht verfügen.
Die Hypnose funktioniert nicht bei jedem. Das kann vielerlei
Gründe haben. Für eine bestimmte Menschengruppe läßt sich
allerdings zuverlässig sagen, daß ihre mangelnde Eignung für
die Hypnose neurologisch und zum Teil genetisch bedingt ist.
Bei diesen Menschen ist nach meiner Auffassung die ererbte
neurologische Basis des allgemeinen bikameralen Paradigmas
geringfügig anders organisiert. Es ist, als könnten sie die von
außen kommende Autorität eines Hypnotiseurs nicht
akzeptieren, weil der zuständige Teil des bikameralen
Paradigmas bei ihnen schon besetzt ist. Tatsächlich machen sie
auf die anders gearteten Menschen in ihrer Umgebung oft den
Eindruck, als stünden sie bereits unter Hypnose, besonders wenn
sie, wie es ihnen gewöhnlich von Zeit zu Zeit widerfährt, in
einer »Heilanstalt« interniert gehalten werden. Manche
Theoretiker haben sogar die Hypothese gewagt, daß dies exakt
den Zustand definiere, in dem sie sich befinden – ein Zustand
fortgesetzter Selbsthypnose. Indes haben wir es hier nach meiner
Ansicht mit einem verheerenden Mißbrauch des Begriffs
Hypnose zu tun. Das Verhalten der Schizophrenen – wie diese
Menschen genannt werden – werden wir aus anderem
Blickwinkel betrachten müssen. Und das tun wir im folgenden
Kapitel.