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The Origin of Consciousness in the
Breakdown of the Bicameral Mind

German Translation

Der Ursprung des Bewußtsein

Julian Jaynes

EINFÜHRUNG | BUCH 1 | BUCH 2 | BUCH 3

1. Kapitel 1: Das Streben nach Autorisierung

2. Kapitel 2: Von Propheten und Besessenheit

3. Kapite 3: Von Dichtung und Musik

4. Kapitel 4: Die Hypnose

5. Kapitel 5: Die Schizophrenie

6. Kapitel 6: Die Augurien der Wissenschaft


Kapitel 4: Die Hypnose

Würde ich sie auffordern, einem Glas Essig den Geschmack von Champagner abzugewinnen oder es als angenehm zu empfinden, wenn ich Ihnen eine Nadel in den Arm steche, oder ins Dunkel zu blicken und dabei die Pupillen zu verengen, als ob Ihnen ein starkes Licht in die Augen schiene, oder irgend etwas – egal, was – für wahr zu halten, was Sie normalerweise absolut nicht glauben: dann würden Ihnen diese Aufgaben schwer, wenn nicht sogar unlösbar vorkommen. Hätte ich Sie jedoch zuvor den Induktionsprozeduren der Hypnose unterzogen, würden Sie das alles auf mein erstes Wort hin ohne die geringste Mühe schaffen.

Wie das? Wie ist es bloß möglich, ein derart übers Normalmaß hinausschießendes Fähigkeitspotential aufzurufen?

Es scheint, daß wir in eine ganz andere Welt eintreten, wenn wir jetzt die vertraute Atmosphäre der Poesie verlassen und uns in den fremdartigen Dunstkreis der Hypnose begeben. Denn in der vielköpfigen Familie von Problemen, die das Arbeitsfeld der Psychologie ausmachen, ist die Hypnose das schwarze Schaf. Wie eine unerwünschte Monstrosität wandert sie hin und her zwischen Laboratorien und Jahrmärkten, Kliniken und Varietetheatern. Nie scheint sie genügend Seriosität aufbringen zu können, um sich der disziplinierteren Gangart wissenschaftlicher Theorie anzubequemen. Ja, schon die bloße Möglichkeit ihrer Existenz scheint all unseren »natürlichen« Vorstellungen von bewußter Selbstkontrolle auf der einen und allen wissenschaftlichen Persönlichkeitsbildern auf der anderen Seite zu widerstreiten. Nichtsdestoweniger sollte außer Zweifel stehen, daß jede Theorie über das Bewußtsein und sein Zustandekommen, will sie sich nicht aus der Verantwortung drücken, sich der mit diesem abweichenden Typ der Verhaltenskontrolle gegebenen Problematik stellen muß.

Meine Antwort auf die zu Beginn dieses Kapitels gestellte Frage dürfte wohl kaum noch überraschen: Die Hypnose vermag dieses zusätzliche Befähigungspotential aufzurufen, weil sie das allgemeine bikamerale Paradigma anspricht, das eine absolutere Verhaltenskontrolle gestattet, als sie mit dem Bewußtsein möglich ist.

Ich gehe sogar so weit zu behaupten, daß keine andere Theorie außer der in diesem Buch vorgetragenen in der Lage ist, das hier zur Geltung kommende Grundproblem überhaupt sinnvoll darzustellen. Denn wäre die derzeitige Mentalität des Menschen, wie meistenteils angenommen wird, ein unwandelbares Merkmal, genetisch bedingt und zu irgendeiner Zeit weit zurück in der Evolution der Säuger oder noch früher entstanden – wie ließe sie sich dann so abändern, wie das in der Hypnose geschieht? Abändern noch dazu allein mit ein bißchen eher komisch wirkendem Hokuspokus von Seiten einer anderen Person? Nur wenn wir die genetische Hypothese verwerfen und das Bewußtsein als erlernte kulturelle Fähigkeit betrachten, deren Substrat die Residuen eines älteren, autoritäreren Typs der Verhaltenskontrolle sind – erst dann sehen wir uns in der Lage, derartige Veränderungen im Seelenzustand in einen einleuchtenden systematischen Zusammenhang zu bringen.

Tragendes Gerüst des vorliegenden Kapitels ist demnach der Aufweis, daß und in welchem Annäherungsgrad die Hypnose die vier Aspekte des bikameralen Paradigmas in sich faßt. Bevor ich mich allerdings an diese Aufgabe mache, möchte ich so klar wie möglich einen entscheidend wichtigen Zug an der Ursprungsgeschichte der Hypnose herausstellen. Es handelt sich dabei um etwas, wovon bereits im Zweiten Kapitel des Ersten Buches (Seite 65 ff) und im Fünften Kapitel des Zweiten Buches (Seite 317 f) die Rede war, nämlich um die generative Kraft der Metapher, die sich in der Erzeugung neuer Mentalitätsstufen äußert.


Die Paraphoranden der Newtonschen Kräfte

Wie das Bewußtsein erwächst die Hypnose an einem bestimmten Punkt der Geschichte aus den Paraphoranden einiger neuer Metaphern. Die erste dieser Metaphern bildete sich im Anschluß an Sir Isaac Newtons Entdeckung des Prinzips der universellen Gravitation und dessen Anwendung zur Erklärung der Gezeiten des Meeres aus der Anziehungskraft des Mondes. Die rätselhaften Anziehungs-, Beeinflussungs- und Dominanzverhältnisse unter Menschen wurden daraufhin mit den Newtonschen Gravitationskräften verglichen. Der Vergleich führte zu der neuen (und aberwitzigen) Hypothese, derzufolge zwischen allen Körpern, ob lebend oder tote Materie, zu- und abnehmende Fluten der Anziehung vorherrschen: eine »animalische Gravitation«, von der die Newtonsche Gravitation lediglich einen speziellen Fall darstelle.1

Mit Händen zu greifen ist das alles in den romantischverworrenen Schriften eines grenzenlosen Bewunderers von Newton namens Anton Mesmer, der in diesem Fall den Stein ins Rollen brachte. Und dann gesellte sich dazu eine weitere Metapher oder, besser gesagt, zwei. Die Schwerkraft ähnelt der Magnetkraft. Infolgedessen nämlich da (wenigstens für Mesmers oberflächliche Denkweise) zwei Dinge, die einem dritten ähnlich sind, auch einander ähnlich sind – ist die animalische Gravitation das gleiche wie die magnetische Anziehungskraft und kann daher als »animalischer Magnetismus bezeichnet werden.

Und damit war die Theorie endlich wissenschaftlich überprüfbar geworden. Um die Existenz dieser alle Lebewesen durchflutenden, der Gravitation der Himmelskörper ähnelnden magnetischen Schwingungskräfte zu beweisen, legte Mesmer Magnete an eine Reihe hysterischer Patientinnen an, denen er zuvor sogar Gaben eisenhaltiger Medikamente verabreicht hatte, damit der Magnetismus bessere Wirkung zeitigte. Und wie er zeitigte! Und was er zeitigte, waren unanfechtbare Resultate nach dem Kenntnisstand damaliger Zeit. Die Magnete lösten konvulsivische Zuckungen aus, wobei, so Mesmer, »im Körper eine künstliche Ebbe und Flut« geschaffen und mittels magnetischer Anziehung »ungleichmäßige Verteilung und verworrener Fluß des Nervenfluidums« korrigiert wurden, was wiederum »Nervenharmonie« zur Folge hatte. Er hatte »bewiesen«, daß von Mensch zu Mensch Kraftströme fließen, so mächtig wie die Kräfte, die die Planeten auf ihren Umlaufbahnen halten.

Natürlich hatte er nicht das mindeste über Magnetismus oder dergleichen bewiesen. Sondern er hatte etwas entdeckt, was späterhin von Sir James Braid unter Zuhilfenahme des Metaphorators »Schlaf« auf den Namen Hypnose getauft werden sollte. Mesmers Kuren schlugen an, weil er seine exotische Theorie seinen Patienten mit mitreißender Überzeugungskraft nahezubringen wußte. Die heftigen Zuckungen und eigenartig ziehenden Körperempfindungen beim Anlegen der Magnete verdankten sich samt und sonders einem kognitiven Imperativ des Inhalts, daß eben diese Dinge eintreten würden, was sie dann auch taten – und damit war eine Art selbsttätiger, selbstverstärkender Regelkreis installiert, der als »Beweis« dafür gält, daß die Magnete funktionierten und eine Heilung zu bewirken vermochten. Wir sollten uns in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß man im alten Assyrien keinen Begriff vom Zufall hatte und daß deswegen der Ausgang des Losewerfens von den Göttern gelenkt sein »mußte«: Ganz genauso kannte man im achtzehnten Jahrhundert den Begriff der Suggestion noch nicht, und deshalb mußte alles, was sich da tat, von den Magneten bewirkt sein.

Als man dann dahinterkam, daß nicht nur Magnete selbst, sondern auch Trinkgefäße, hölzerne Sachen, Menschen oder Tiere, die man zuvor mit einem Magneten in Berührung gebracht hatte, diese Wirkungen zeitigten (ein Aberglaube heckt den anderen!), rückte die ganze Sache in einen neuen (mittlerweile den vierten) Metaphernbereich hinüber, nämlich auf das Feld der statischen Elektrizität, die zu damaliger Zeit – man denke etwa an Benjamin Franklins Drachen – eifrig erforscht wurde. Mesmer gelangte zu der Überzeugung, es existiere eine »materia magnetica«, die genau wie die statische Elektrizität übertragbar sei auf eine endlose Vielfalt von Gegenständen. Vor allen Dingen Menschen – und ganz besonders Mesmer selbst – vermochten den Magnetismus aufzunehmen und zu speichern. Wird ein Kohlestab mit einem Stück Fell bestrichen, lädt er sich elektrisch auf: Also mußte Mesmer seine Patienten bestreichen, als ob sie Kohlestäbe wären. Auf reguläre Magnete konnte er jetzt verzichten und auf seinen eigenen animalischen Magnetismus zurückgreifen. Indem er die Körper seiner Patienten bestrich, als seien sie Kohlestäbe, oder andeutungsweise mit den Händen über sie hinfuhr, erzielte er die gleichen Ergebnisse wie zuvor: Zuckungen, eigenartige, spiralig ziehende Empfindungen und die Heilung von Leiden, die späterhin den Namen »Hysterien« erhalten sollten.

Hier kommt es nun ganz entscheidend darauf an, sich Klarheit über den Paraphorandenwandel (wie man ihn nennen könnte) zu verschaffen, der aufgrund jener Metaphern in den beteiligten Personen vor sich ging. Wir entsinnen uns: ein Paraphorand sind die in den Metaphoranden projizierten Assoziationen (Paraphoratoren) eines Metaphorators. Metaphorand sind im vorliegenden Fall die Einflüsse, die Menschen aufeinander ausüben. Metaphoratoren dasjenige, womit diese Einflüsse verglichen werden- sind die unerbittlichen Kräfte der Gravitation, des Magnetismus und der Elektrizität. Und ihre Paraphoratoren: absoluter Zwang im Verhältnis zwischen Himmelskörpern, unaufhaltsame Ströme aus Massen von Leidener Flaschen und unwiderstehliche magnetische Flutwellen, das alles wanderte auf dem Weg der Projektion in den Metaphoranden »zwischenmenschliche Beziehungen« mit ein und bewirkte dort einen handgreiflichen Wandel als Wandel im psychischen Wesen der beteiligten Personen, indem es diese in ein Meer unkontrollierbarer Kontrolle eintauchte, die von dem »magnetischen Fluidum« im Körper des Therapeuten – oder in Gegenständen, die das Fluidum von ihm »angenommen« hatten – ausging.

Es ist zumindest denkbar, daß es eine andersartige Mentalität war, was Mesmer zu entdecken im Begriff stand, eine Mentalität, die unter gewissen Bedingungen – wenn man ihr den geeigneten Lebensraum, ein eigenes Erziehungswesen, den Rahmen eines eigenen Glaubenssystems und Isolation vom Rest der Menschheit zugestanden hätte – vielleicht durchaus in der Lage gewesen wäre, sich am Leben zu erhalten in einer nicht auf dem gewöhnlichen Bewußtsein gegründeten Gesellschaftsform, in der Metaphern von Energie und unwiderstehlicher Kontrolle einen Teil der Bewußtseinsfunktionen übernommen hätten.

Wie ist so etwas auch nur denkbar? Ich deutete bereits an, daß Mesmer meiner Ansicht nach erste, stolpernde Schritte in Richtung einer neuen Methode des Aufrufs jenes neurologischen Organisationsmusters machte, das ich als allgemeines bikamerales Paradigma bezeichnet und an dem ich vier Aspekte dingfest gemacht habe: den kollektiven kognitiven Imperativ, die Induktion, die Trance und die archaische Autorität. Im folgenden werde ich diese Aspekte der Reihe nach durchgehen.


Die Wandlung im Wesen des hypnotischen Menschen

Daß das Phänomen der Hypnose von einem kollektiven kognitiven Imperativ beziehungsweise einem Gruppenglauben gesteuert wird, erweist sich deutlich an dem stetigen Wandel, dem es im Lauf der Geschichte unterliegt. Im gle ichen Maß, wie sich die Ansichten und Meinungen über die Hypnose änderten, änderte sich auch deren eigenstes Wesen. Einige Jahrzehnte nach Mesmer wanden sich die Behandelten nicht mehr in seltsamen Empfindungen und Konvulsionen, sondern gingen statt dessen dazu über, in der Trance unaufgefordert zu sprechen oder auf Fragen, die man an sie richtete, zu antworten. Zuvor war nie etwas dergleichen vorgekommen. Um die Wende zum neunzehnten Jahrhundert begannen die Behandelten dann von selbst zu vergessen, was in der Trance vorgefallen war,2 etwas, worüber aus der Zeit davor nie etwas verlautete. Um 1825 begannen Personen in Hypnose aus unerfindlichen Gründen, sich selbst spontan Krankheitsdiagnosen zu stellen. Um die Jahrhundertmitte hatte die Phrenologie – jene abwegige »Wissenschaft«, die sich anheischig machte, aus den Buckeln des menschlichen Schädels die Geisteskapazität des Besitzers herauszulesen es zu solcher Beliebtheit gebracht, daß es ihr gelang, die Hypnose faktisch ganz für ihre eigenen Zwecke in Beschlag zu nehmen. Wurde der Schädel einer hypnotisierten Versuchsperson über einem bestimmten phrenologischen Zentrum gedrückt, so veranlaßte dies eine Demonstration der in diesem Zentrum angesiedelten geistigen Fähigkeit (doch, so ist es wirklich gewesen!), ein Phänomen, das weder zuvor noch seither jemals wieder zu beobachten war. Druck auf den Schädel nächst der Gehirnregion, in der vermeintlich das Gefühl der »Andacht« residierte, veranlaßte die Versuchsperson, betend auf die Knie zu sinken!3 Das war so, weil man glaubte, daß es so wäre.

Nicht lange danach demonstrierte Charcot, der größte »Nervenarzt« seiner Zeit, seinem zahlreichen Publikum von Studenten und Fachgenossen in der Salpetriere, daß die Hypnose doch noch etwas ganz anderes sei als bisher angenommen. Sie zerfiel jetzt in drei aufeinanderfolgende Stadien: das kataleptische, das lethargische und das somnambule. Diese »Körperzustände« ließen sich durch die Manipulation von Muskeln; Druck auf verschiedene Körperstellen oder Reibung des Schädeldachs ineinander überführen. Schon das Reiben der Kopfhaut über dem Broca-Zentrum genügte, um eine Aphasie hervorzurufen. Als dann Binet in der Salpetriere eintraf, um sich durch eigenen Augenschein von Charcots Entdeckungen zu überzeugen, machte er prompt die ganze Sache noch verwickelter, indem er zu Mesmers Magneten zurückkehrte und noch bizarrere Verhaltensformen als Resultate der Hypnose entdeckte.4 Durch Anlegen von Magneten auf der einen oder anderen Körperseite seiner Versuchspersonen konnte er Wahrnehmungen, hysterische Lähmungen, vermeintliche Halluzinationen und motorische Phänomene wie per Flip-Flop- Technik mal da-, mal dorthin dirigieren, als habe er es mit Eisenspänen zu tun. Und wiederum handelte es sich um Resultate, die man weder jemals zuvor noch seither wieder beobachten konnte.

Die Sache verhält sich nicht etwa so, daß der Hypnotiseur Mesmer oder Charcot, oder wie immer er heißen mochte – einem gefügigen Hypnosesubjekt suggeriert hätte, worin seiner, des Hypnotiseurs, Privatmeinung zufolge die Hypnose zu bestehen habe. Vielmehr hatte sich innerhalb der Bezugsgruppe, auf die er mit seiner Arbeit zielte, ein kognitiver Imperativ des Inhalts herausgebildet, worin das Phänomen »anerkanntermaßen« bestehe. Solche historischen Wandlungen beweisen klar, daß die Hypnose keine starre Reaktion auf eindeutig definierte Reize ist, sondern daß sie sich mit den Erwartungen und Voreinstellungen der Epoche ändert.

Was dergestalt am Geschichtsverlauf in die Augen springt, läßt sich auch auf eine den Bedingungen des kontrollierten Experiments näherkommende Weise zeigen. Bis dato beispiellose Manifestationen der Hypnose kann man schlicht und einfach dadurch erhalten, daß man den Versuchspersonen insinuiert, genau dies seien die Manifestationen, mit denen normalerweise zu rechnen sei, das heißt daß sie Bestandteil des die Hypnose betreffenden kollektiven kognitiven Imperativs seien. So wurden die Teilnehmer eines psychologischen Proseminars beiläufig instruiert, daß es der Versuchsperson in Hypnose unmöglich sei, die dominante Hand zu bewegen. Zu keiner Zeit jedoch war das jemals beobachtet worden. Es war eine glatte Lüge. Trotzdem – als Teilnehmer dieses Seminars zu einem späteren Zeitpunkt hypnotisiert wurden, und zwar ohne weitere diesbezüglichen Instruktionen und Suggestionen, konnte die Mehrzahl von ihnen in der Trance die dominante Hand nicht bewegen. Aus derartigen Untersuchungsergebnissen wurde das Konzept des »Forderungscharakters« der hypnotischen Situation abgeleitet, der es mit sich bringe, daß die hypnotisie rte Person die Phänomene kundgibt, mit denen der Hypnotiseur ihrer Ansicht nach rechnet.5 Doch das heißt die Sache allzu persönlichkeitsbezogen verstehen. Eine Rolle spielt vielmehr, was es nach Meinung der Versuchsperson mit der Hypnose auf sich hat. So verstanden, ist der »Forderungscharakter« seiner Natur nach nichts anderes, als was in meiner Terminologie der »kollektive kognitive Imperativ« heißt.

Auf andere Art verdeutlicht man sich die Kraft des kollektiven Imperativs, wenn man auf seine Verstärkung in der Masse achtet. Wie das religiöse Empfinden und der Glaube in einer gutbesuchten Kirche zunehmen und ehedem auch die Orakelgläubigkeit zunahm, je mehr Menschen ins Heiligtum drängten, ebenso steigert sich die Wirksamkeit der Hypnose bei der Vorführung im Theater. Es ist eine sattsam bekannte Tatsache, daß ein Variete-Hypnotiseur, der seine Kunst vor brechend vollgepackten Sitzreihen zur Schau stellt – wo der kollektive Imperativ oder die Erwartungen bezüglich der Hypnose mächtigen Auftrieb erfahren –, weitaus exotischere hypnotische Phänomene hervorzurufen vermag, als man sie in der Abgeschiedenheit von Labor oder Klinik antrifft.


Die Induktion

Zum zweiten ist die Position der Induktionsprozedur in der Hypnose nicht zu übersehen.6 Und bedarf wohl keiner langen Erläuterung. Eine enorme Vielfalt von Techniken befindet sich derzeit im Schwang; ihnen allen gemeinsam ist jedoch eine Bewußtseinsverengung, ähnlich den Induktionsprozeduren für die Orakel, sowie die pelestike/katochos-Relation, die wir bereits in anderem Zusammenhang kennengelernt haben (Seite 418). Das Hypnosesubjekt kann stehen, sitzen oder liegen; in manchen Fällen wird es mit den Händen bestrichen, in anderen nicht; in einigen Fällen findet eine enge Blickverschränkung zwischen Hypnotiseur und Hypnosesubjekt statt, in anderen nicht; manchmal wird das Hypnosesubjekt gebeten, den Blick fest auf eine Kerzenflamme oder einen kleinen Edelstein oder eine Reißzwecke an der Wand oder vielleicht sogar auf den eigenen Daumennagel über den verschränkten Fingern zu richten – und manchmal auch nichts dergleichen: Es existieren Hunderte von Varianten. Aber stets ist der Hypnotiseur bemüht, den Aufmerksamkeitsradius des Hypnosesubjekts auf seine, des Hypnotiseurs, eigene Stimme einzuengen. »Sie hören jetzt nur noch meine Stimme und fühlen sich immer schläfriger und schläfriger ...« – das ist ein gängiges Sprechmuster, das so lange wiederholt wird, bis das Subjekt bei gelungener Hypnose beispielsweise nicht mehr imstande ist, die verschränkten Finger voneinander zu lösen, sofern der Hypnotiseur es entsprechend angewiesen hat, oder auf Geheiß des Hypnotiseurs den schlaff herabhängenden Arm nicht mehr bewegen kann oder sich auf entsprechendes Geheiß nicht mehr an den eigenen Namen zu erinnern vermag. Derart simple Aufträge werden meist dazu verwendet, während des Anlaufstadiums der Hypnose deren Wirksamkeit zu kontrollieren.

Schafft die Versuchsperson es nicht, ihr Bewußtsein in der erforderlichen Weise zu verengen; kann sie die Globalsituation nicht vergessen; verharrt sie in einem Bewußtseinszustand von anderweitiger Gerichtetheit, etwa auf den umgebenden Raum oder die Beziehung zum Hypnotiseur; narrativiert sie noch mit ihrem »Ich« qua-Analogon oder »sieht« sie ihr »Ich« qua- Metapher hypnotisiert werden: dann schlägt die Hypnose fehl. Doch führen dann wiederholte Versuche mit denselben Personen oftmals zum Erfolg, woraus hervorgeht, daß die »Verengung« des Bewußtseins in der hypnotischen Induktion teilweise in einer erlernten Fähigkeit beruht – erlernt, so ist hinzuzufügen, auf der Basis der aptischen Struktur, die zuvor als allgemeines bikamerales Paradigma bezeichnet wurde. Wir haben bereits festgestellt, daß die Mühelosigkeit, mit der ein katochos eine halluzinatorische Trance erreicht, mit der Übung zunimmt; nicht anders verhält es sich mit der Hypnose: noch für die am leichtesten zugänglichen Hypnosesubjekte lassen sich Dauer und Inhalt der Induktion bei wiederholten Sitzungen radikal herabsetzen.


Trance und paralogische Willfährigkeit

Zum dritten heißt die hypnotische Trance bereits allgemein Trance. Gewiß, sie unterscheidet sich gewöhnlich von der Art Trance, wie sie bei anderen Relikten der bikameralen Psyche vorkommt. Es treten in ihr keine echten Gehörshalluzinationen auf wie in der Trance von Orakeln und Medien. Diese Position des Paradigmas hält bei der Hypnose der Hypnotiseur besetzt. Doch kommt es ;zur gleichen Minderung und im weiteren zum völligen Schwund des Normal-Bewußtseins. Die Narrativierung ist stark eingeschränkt. Das »Ich« qua-Analogon ist mehr oder minder ausgelöscht. Der Hypnotisierte lebt nicht in einer subjektiven Welt. Er introspiziert nicht wie andere Menschen, weiß nicht, daß er unter Hypnose steht, und überwacht sich nicht ständig, wie er es im nichthypnotisierten Zustand tun würde.

In neuerer Zeit wird zur Kennzeichnung des Trancezustands fast regelmäßig die Metapher des Untergetauchtseins in einem Gewässer bemüht. So ist etwa von »Versinken« und »Versunkenheit«, von »tiefer« oder »flacher«, »oberflächlicher« Trance die Rede. Häufig sagt der Hypnotiseur dem Hypnosesubjekt, es werde auf »tiefere und immer tiefere« Stadien »sinken«. Es ist in der Tat sehr wohl denkbar, daß die gesamte Phänomenologie der Hypnose – zumal was die posthypnotische Amnesie anbelangt – ohne den Metaphorator »Versenkung« anders aussehen würde. Die Paraphoratoren von oberhalb und unterhalb eines Wasserspiegels mit ihrem je eigenen visuellen und taktilen Feld kreieren möglicherweise zwei Erlebniswelten, die so etwas wie ein zustandsabhängiges Gedächtnis zur Folge haben. Und der Grund für das plötzliche Auftreten der spontanen posthypnotischen Amnesie zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts liegt vielleicht in diesem Wechsel von der Metaphorik der Gravitation zur Metaphorik der Versenkung. Anders gesagt: die spontane posthypnotische Amnesie war zunächst vielleicht nichts anderes als ein Paraphorand der Versenkungsmetapher. (In diesem Zusammenhang ist es interessant zu beobachten, daß die posthypnotische Amnesie derzeit offenbar im Begriff steht, sich aus der Gruppe der hypnotischen Phänomene zu verabschieden. Das mag daran liegen, daß die Hypnose inzwischen zu einer allgemein vertrauten Sache und damit zu einer »eigenständigen«, einer Sache »an und für sich selbst« geworden ist, während im selben Zug ihre metaphorische Grundlage im Gebrauch abgeschliffen wurde, wodurch die Macht ihrer Paraphoranden schwand.)

Die interessantesten hypnotischen Phänomene lassen sich ohne Zweifel auf den »tieferen« Stadien der Trance hervorrufen. Sie bilden einen extrem wichtigen Probierstein für jede Theorie der menschlichen Psyche. Ohne anderslautende Anweisung bleibt der Hypnotisierte »taub« für alles außer der Stimme des Hypnotiseurs; was andere Menschen von sich geben, »hört« er nicht: Schmerzen können einerseits »abgeblockt«, andererseits ins Überdimensionale gesteigert werden. Die Affektivität ist restlos durch Suggestion strukturierbar: instruiert man ihn, er werde jetzt gleich einen tollen Witz zu hören bekommen, schüttet der Hypnotisierte sich aus vor Lachen über die Bemerkung »Das Gras ist grün«. Aus irgendwelchen Gründen vermag eine Person in Hypnose auf Anweisung des Hypnotiseurs bestimmte automatische Reaktionen besser zu kontrollieren als im Normalzustand. Ihr Identitätsgefühl läßt sich so radikal umkrempeln, daß sie sich, je nachdem, als Tier, als Greis oder als Kleinkind – oder was sonst noch beliebt – aufführt.

Doch es handelt sich um ein Als ob mit einem unterdrückten So ist es nicht dahinter. Von einigen Extremisten in Sachen Hypnose hört man bisweilen die Auffassung vertreten, daß die Person in Trance, der man sagt, sie sei jetzt fünf, sechs Jahre alt, faktisch auf dieses Kindheitsstadium regrediere. Das ist nachweislich falsch. Es mag genügen, wenn ich dazu ein einziges Beispiel anführe. Der Proband, um den es geht, war in Deutschland geboren und im Alter von etwa acht Jahren mit seiner Familie in ein englischsprachiges Land emigriert; er hatte sich daraufhin in die englische Sprache eingelebt und sein Deutsch so gut wie ganz vergessen. Als der Hypnotiseur ihm in »Tiefenhypnose« erklärte, er sei jetzt sechs Jahre alt; benahm er sich auf jede erdenkliche Weise als Kind – was sogar so weit ging, daß er, zum Schreiben aufgefordert, in kindlicher Krakelschrift Druckbuchstaben auf die Tafel malte. Auf englisch gefragt, ob er Englisch verstehe, erklärte er in kindlichem Englisch, er verstehe und spreche kein Englisch, sondern nur Deutsch. Ja, er krakelte sogar auf englisch an die Tafel, daß er kein einziges Wort Englisch verstehe!7 Das Ganze gleicht also mehr einer schauspielerischen Simulation als echter Regression. Es ist eine kritik- und gedankenlose »Hörigkeit« gegenüber dem Hypnotiseur und seinen Erwartungen, die der Hörigkeit des bikameralen Menschen gegenüber seinem Gott ähnelt.

Ein zweiter weitverbreiteter – und selbst in erstrangigen Lehrbüchern anzutreffender! – Irrtum in Sachen Hypnose ist die Annahme, der Hypnotiseur könne echte Halluzinationen hervorrufen. Meine eigenen (noch unveröffentlichten) Beobachtungen beweisen das Gegenteil. Nachdem der Proband in Tiefenhypnose versetzt war, überreichte ich ihm (mit der entsprechenden Gestik) eine (nichtvorhandene) Vase mit der Bitte, (nichtvorhandene) Blumen (deren jeweilige Farbe ich ihm laut zurief) vom Tisch zu nehmen und in die Vase zu tun. Das klappte mühelos. Es war eine Sache des schauspielerischen Simulierens. Ganz anders dagegen lag der Fall, wenn ich dem Probanden ein nichtexistentes Buch überreichte und ihn bat, die erste Textseite aufzuschlagen und den Anfang laut vorzulesen. Simulieren läßt sich dergleichen allenfalls unter Aufbietung eines größeren Maßes an Kreativität, als den meisten von uns zuteil geworden ist. Versuchspersonen in der beschriebenen Lage lieferten zwar alle prompt die Gesten, als hielten sie ein Buch und blätterten darin; in Einzelfällen waren sie wohl auch in der Lage, eine klischeehafte Anfangswendung, ja unter Umständen sogar einen ganzen Satz aufzusagen – doch dann klagten sie regelmäßig, das Druckbild sei verwischt oder die Type zu klein zum Lesen, oder brachten irgendeine andere Rationalisierung vor. Oder: forderte man einen Probanden auf, das (nichtexistente) Bild auf einem (leeren) Blatt Papier zu beschreiben, so erhielt man bestenfalls einsilbige Auskünfte darüber, was er sah, und auch diese erst auf bohrendes Nachfragen hin und stockend vorgetragen. Wäre eine echte Halluzination im Spiel gewesen, dann wären seine Blicke kreuz und quer über das Papier gewandert, und eine ausgiebige Bildbeschreibung wäre ein Kinderspiel gewesen – wie das der Fall ist, wenn Schizophrene ihre Gesichtshalluzinationen schildern. Ganz naturgemäß zeigten sich bei dem Experiment starke individuelle Unterschiede, doch alles in allem entspricht das beobachtete Verhalten mehr einer stockend simulierten Rolle als der für. das Erleben echter Halluzinationen charakteristischen zwanglosselbstverständlichen Beziehung auf etwas wie von sich aus Gegebenes.

Noch deutlicher erweist sich dieser Punkt bei einem anderen Experiment. Gibt man einer hypnotisierten Person den Auftrag, quer durchs Zimmer zu gehen, und hat man ihr zuvor einen Stuhl in den Weg gestellt, ihr aber gesagt, da sei kein Hindernis, dann halluziniert sie den Stuhl nicht ins Nichtsein. Sie macht schlicht und einfach einen Bogen um ihn. Die Versuchsperson verhält sich so, als nähme sie den Stuhl nicht wahr – was sie natürlich doch tut, sonst würde sie keinen Bogen um ihn machen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß nichthypnotisierte Versuchspersonen, die man auffordert, so zu tun, als seien sie hypnotisiert, in der geschilderten Situation prompt gegen den Stuhl krachen,8 da sie sich bemühen, sich getreu der irrigen Auffassung zu verhalten, daß die Hypnose eine tatsächliche Wahrnehmungsveränderung bewirke.

Aus derlei Beobachtungen erwuchs das wichtige Konzept der »Trancelogik«, das eigens zu dem Zweck aufgestellt wurde, dieser Ungleichheit zwischen Hypnose und Halluzination Rechnung zu tragen.9 Trancelogik bedeutet nichts weiter als die höfliche Art, auf absurde logische Widersprüche zu reagieren. Freilich handelt es sich ebensowenig um eine Logik im eigentlichen Sinn wie um ein simples Trancephänomen. Vielmehr hat man es hier mit etwas zu tun, was meines Erachtens zutreffender als paralogische Willfährigkeit gegenüber der sprachlichen Realitätsvermittlung zu verstehen ist. »Paralogisch« deshalb, weil die Regeln der Logik (die – daran sollten wir uns erinnern – einen der Außenwelt zugehörigen Maßstab für wahr und falsch darstellen und keineswegs die Funktionsweise des Geistes abbilden) beiseite geschoben werden, damit Realitätsaussagen willfahrt werden kann, denen kein konkreter Sachverhalt entspricht. Dies ist ein Verhaltenstyp, der gleichsam zum Grundrepertoire der Spezies Mensch gehört und allenthalben anzutreffen ist; angefangen bei den zeitgenössischen religiösen Litaneien bis hin zu den diversen Formen des Abergla ubens in Stammesgesellschaften. In besonders ausgeprägter Form und geradezu konstitutiver Rolle ist er jedoch im hypnotischen Geisteszustand virulent.

Es ist paralogische Willfährigkeit, wenn eine Versuchsperson um einen Stuhl, von dem man ihr versichert hat, er sei nicht da, einen Bogen macht, statt (in logischer Willfährigkeit) gegen ihn zu krachen, und gleichzeitig keinerlei logisches Defizit in ihrer Handlungsweise zu entdecken vermag. Es ist paralogische Willfährigkeit, wenn ein Proband auf englisch versichert, er könne kein Englisch, und nicht das geringste dabei findet. Hätte unser deutschbärtiger Proband den Hypnosezustand nur simuliert, so hätte er sich fraglos logischwillfährig gezeigt, indem er gerade soviel Deutsch geradebrecht hätte, wie er aus seinem Gedächtnis noch hätte herauskramen können, oder aber er hätte einfach den Mund gehalten.

Es ist paralogische Willfährigkeit, wenn es jemandem nichts ausmacht, sich mit der Vorstellung zu arrangieren, daß ein und dieselbe Person sich an zwei Orten gleichzeitig aufzuhalten vermag. Erzählt man einem Hypnotisierten, daß die Person X die Person Y sei, wird er sich in seinem Verhalten darauf einstellen. Wenn dann die wirkliche Person Y den Raum betritt, macht es ihm überhaupt nichts aus, sich damit abzufinden, daß beide Personen die Person Y sind. Hier zeigt sich eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Form von paralogischer Willfährigkeit, wie sie bei einem anderen Relikt der bikameralen Psyche, der Schizophrenie, auftritt. Es kann vorkommen, daß von den Patienten auf einer Station zwei sich für die gleiche bedeutende oder göttliche Persönlichkeit halten, ohne daß einer von den beiden etwas Unlogisches an dieser Situation zu entdecken vermag.10 Meiner Meinung nach bekundete sich eine ähnliche paralogische Willfährigkeit auch in der bikameralen Epoche selbst, etwa wenn reglose Idole als lebendig und essend oder ein und dieselbe Gottheit als gleichzeitig an mehreren Orten weilend behandelt wurden, oder auch in der Menge juwelenäugiger Standbilder von ein und demselb en Gottkönig, die eins neben dem andern aufgereiht in den Pyramiden gefunden wurden. Wie der bikamerale Mensch bemerkt der Hypnotisierte in seinem Verhalten nichts Absonderliches, keinerlei Ungereimtheit. Er »sieht« keine Widersprüche, weil er der vollkommen bewußten Introspektion nicht mächtig ist.

Das Zeitempfinden ist während der Dauer einer Trance ebenfalls gemindert (wie dies nach unserer früheren Feststellung ja auch bei der bikameralen Psyche der Fall war). Das zeigt sich besonders deutlich in der posthypnotischen Amnesie. In unserer normalen Verfassung dient uns die spatialisierte Reihung der Zeit im Bewußtsein als Substrat für Erinnerungsreihen. Fragt uns jemand, was wir seit dem Frühstück getan haben, narrativieren wir gewöhnlich eine Ereignisreihe entlang der »Zeitachse«, auf der jedem Einzelereignis sein spezifischer »Stellenwert« zukommt. Doch ein Mensch in hypnotischer Trance verfügt ebensowenig wie der Schizophrene oder der bikamerale Mensch über einen solchen Zeitschematismus, der es ihm ermöglichen würde, den Ereignissen einen Stellenwert zuzuweisen. Die Davor-danach-Dimensionalität der spatialisierten Zeit geht ihm ab. Was ein Hypnotisierter an Vorkommnissen während der Trance aus seiner posthypnotischen Amnesie heraus überhaupt noch zu erinnern vermag, sind nicht die Zeit-Räume des normalen Erinnerns, sondern unklare, isolierte Bruchstücke vom Hinweis-Reiz-Typ. Unter dem Einfluß der Amnesie vermögen Probanden allenfalls Dinge wiederzugeben wie: »Ich hatte die Hände gefaltet, ich saß in einem Sessel«, ohne Einzelheiten und Zusammenhang, was mich in seiner Art an Hammurabi oder Achilleus erinnert.11 Freilich gibt es da einen bezeichnenden Unterschied zwischen dem bikameralen Menschen und unseren hypnotisierten Zeitgenossen: letztere sind oftmals in der Lage, auf Geheiß des Hypnotiseurs den narrativierten Folgezusammenhang der Erinnerung zu reproduzieren – woraus hervorgeht, daß neben und außerhalb der Trance gleichzeitig eine parallele Verarbeitung durch das Bewußtsein stattgefunden hat.

Solche Befunde machen die hypnotische Trance zu einem Phänomen von faszinierender Komplexität. Parallelverarbeitung ...! Während eine Person dies oder jenes tut und sagt, verarbeitet ihr Gehirn die Situation in mindestens zwei unterschiedlichen Modi, deren einer im Verhältnis zum anderen der umfassendere ist. Für diese Schlußfolgerung spricht mit noch verblüffenderer Anschaulichkeit eine unlängst gemachte Entdeckung, die auf den Namen »der versteckte Beobachter« (the hidden observer) getauft wurde. Eine hypnotisierte Person, die instruiert wurde, daß sie nichts dabei verspüren werde, wenn sie die Hand eine Minute lang in einen Eimer mit eiskaltem Wasser eintauche (eine wirklich schmerzhafte, wenngleich gesundheitsfördernde Erfahrung), wird vielleicht kein Anzeichen von Unbehagen zu erkennen geben und auf entsprechende Fragen antworten, sie spüre nichts; wurde ihr jedoch zuvor gesagt, wenn – und nur solange – der Hypnotiseur mit der Hand ihre Schulter berühre, werde sie mit veränderter Stimme exakt angeben, was sie wirklich spüre, dann passiert folgendes: bei der Berührung macht die Versuchsperson ihrem Mißbehagen vielleicht ungehindert Luft – häufig mit tiefer, gutturaler Stimme –, um dann jedoch auf der Stelle in die gewöhnliche Stimmlage und den Betäubungszustand zurückzufallen, sobald der Hypnotiseur seine Hand von ihrer Schulter nimmt.12

Derartige Befunde verweisen uns zurück an eine längst für widerlegt gehaltene Auffassung von der Hypnose als Persönlichkeitsdissoziation, die um die Jahrhundertwende aus Untersuchungen der multiplen Persönlichkeit erwachsen war.13 Deren Grundidee besagt, daß die Ganzheit der Psyche oder Reaktivität in der Hypnose in ein Nebeneinander von Einzelsträngen zerfällt, die unabhängig voneinander funktionieren können. Was das für die hier im Ersten Buch entwickelte Theorie vom Bewußtsein und seinem Ursprung bedeutet, leuchtet nicht so ohne weiteres ein. Gleich auf den ersten Blick zu sehen sind aber jedenfalls die Entsprechungen zur eigentlichen bikameralen Organisation der Psyche sowie zu dem im Ersten Kapitel des Ersten Buches (Seite 49) geschilderten nichtbewußten Problemlöseverhalten.

Der in der Forschung vielleicht am wenigsten beachtete Aspekt der Hypnose sind die Unterschiede im Wesen der Trance, wie sie bei Personen auftreten, die von Hypnose zuvor weder viel gesehen noch gehört haben. In aller Regel ist die Trance heutigentags ein Zustand von Passivität und Suggestibilität. Aber manche Versuchspersonen schlafen in der Hypnose wirklich ein. Andere wiederum sind jederzeit noch halb bei Bewußtsein, zugleich aber auch verstärkt suggestibel, und wer wußte in so einem Fall verbindlich zu sagen, wo die Schauspielerei aufhört und die Wirklichkeit anfängt? Wieder andere Versuchspersonen verfallen in ein so heftiges Zittern, daß sie aus der Trance »aufgeweckt« werden müssen. Und so weiter und so fort.

Daß solche individuellen Unterschiede auf individuell verschiedene Überzeugungen oder kollektive kognitive Imperative zurückgehen, erhellt aus einer kürzlich durchgeführten Untersuchung. Die Probanden wurden aufgefordert, schriftlich darzulegen, was in der Hypnose passiert. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden sie dann hypnotisiert und die Resultate mit ihren Antizipationen verglichen. Eine Probandin »erwachte« jedesmal aus der Trance, sobald sie eine Aufgabe erhielt, zu deren Ausführung sie ihr Augenlicht benötigte. Bei der Kontrolle ihres Berichts zeigte sich dann, daß sie geschrieben hatte: »Für eine wirksame hypnotische Trance müssen die Augen der Versuchsperson geschlossen sein.« Ein Proband konnte erst im zweiten Anlauf in Trance versetzt werden. Er hatte geschrieben: »Bei den meisten Menschen gelingt die Hypnose nicht gleich beim ersten Mal.« Und eine andere Probandin vermochte keine der ihr aufgetragenen Aufgaben auszuführen, solange sie dabei zum Stehen genötigt war. Sie hatte geschrieben: »Bei der Hypnose muß die Versuchsperson entweder liegen oder sitzen.«14 Doch je öfter und ausgiebiger über die Hypnose gesprochen wird – wie justament auch auf diesen Seiten – desto standardisierter wird der kognitive Imperativ und infolgedessen auch die Trance.


Der Hypnotiseur als Autoritätsinstanz

Und damit kommen wir – viertens – zu einem Fall von archaischer Autoritätsinstanz ganz eigener Art, der ebenfalls mitverantwortlich ist für die verschiedenen Formen der hypnotischen Trance. Denn als Autoritätsinstanz tritt hier nicht ein halluzinierter oder begeisternder Gott in Erscheinung, sondern der Hypnotiseur selber. Für den Probanden ist er eine ausgesprochene Respektsperson. Und wo dies nicht der Fall ist, wird sich der Hypnotisierungsvorgang in aller Regel schwieriger gestalten, oder es ist eine längere Induktion beziehungsweise auf seiten des Probanden von vornherein ein größerer Glaube an die Sache als solche (mit anderen Worten: ein stärkerer kognitiver Imperativ) erforderlich.

Tatsächlich muß sich nach Meinung der meisten wissenschaftlichen Experten auf diesem Gebiet zwischen Hypnosesubjekt und Hypnotiseur ein besonderes Vertrauensverhältnis herausgebildet haben.15 Eine allgemein gebräuchliche Methode, die Ansprechbarkeit eines Menschen für die Hypnose zu testen; besteht darin, daß man sich hinter seinem Rücken postiert und ihn auffordert, sich bedenken- und rückhaltlos nach hinten fallen zu lassen, damit er spüren könne, was es heißt »loszulassen«. Tritt der Be treffende mit einem Fuß zurück, um seinen Fall zu bremsen, weil er zuinnerst nicht restlos davon überzeugt ist, daß er letztlich aufgefangen werden wird, stellt sich hinterher mit praktisch absoluter Regelmäßigkeit heraus, daß er für diesen speziellen Hypnotiseur nicht ansprechbar ist.16

Dieses Vertrauensverhältnis liefert auch die Erklärung für die unterschiedlichen Hypnoseergebnisse in der Klinik einerseits und im Laboratorium andererseits. Im medizinischpsychiatrischen Ambiente werden gemeinhin tieferreichende Hypnosewirkungen erzielt, und das hat, wie ich meine, seinen Grund darin, daß die Figur des Therapeuten im Verhältnis zum Patienten mehr Gottähnlichkeit aufweist als die des Versuchsleiters im Verhältnis zur Versuchsperson. Auf ähnliche Weise läßt sich auch erklären, weshalb die Hypnose in einem bestimmten Lebensalter am leichtesten zur Wirkung kommt. Die Ansprechbarkeit für Hypnose ist im Alter von acht bis zehn Jahren am größten.17 Kinder blicken dann noch mit dem Glauben an deren unermeßliche Allmacht und Allwissenheit zu den Erwachsenen auf: Das schlägt für den Hypnotiseur zu Buche und erleichtert es ihm, die Funktion des vierten Moments im allgemeinen bikameralen Paradigma wahrzunehmen. Je gottähnlicher die Position des Hypnotiseurs im Verhältnis zu seinem Hypnosesubjekt, desto müheloser läßt sich das bikamerale Paradigma aktivieren.


Beweise für die Bikameraltheorie der Hypnose

Trifft es zu, daß wir es bei der Beziehung des Hypnosesubjekts zum Hypnotiseur mit einem Relikt der historisch älteren Beziehung zur bikameralen Stimme zu tun haben, so ergibt sich daraus eine Reihe von interessanten Fragen. Wenn das im Fünften Kapitel des Ersten Buches (Seite 128 ff) skizzierte neurologische Modell auch nur ansatzweise richtig ist, dann dürfen wir im Zusammenhang mit der Hypnose irgendwelche Lateralitätsphänomene erwarten. Eine Konsequenz unserer Theorie ist die Prognose, daß im EEG Hypnotisierter die rechtshemisphärische Hirnaktivität im Verhältnis zur linkshemisphärischen deutlich verstärkt in Erscheinung treten müßte – wenngleich die Zusammenhänge in diesem Fall kompliziert werden durch den Umstand, daß die Anweisungen des Hypnotiseurs von der linken Hemisphäre aufgenommen und dort in gewissem Umfang verarbeitet werden müssen. Aber wie dem auch sei – in jedem Fall wäre aufgrund unserer Theorie ein proportionales Übergewicht der rechtshemisphärischen Komponente im Vergleich zur gewöhnlichen Bewußtseinslage zu erwarten.

Allerdings sind die von einzelnen Forschern auf diesem Gebiet bisher erbrachten Befunde insgesamt gesehen so widersprüchlich, daß wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt weit davon entfernt sind, ein klares Bild auch nur vom regulären EEG eines Menschen in Hypnose zu besitzen. Aber es stehen noch andere Beweiswege – wenngleich leider mehr vermittelter und indirekter Artoffen. Im einzelnen stellen sie sich folgendermaßen dar:

Menschen lassen sich auch nach dem Merkmal kategorisieren, ob sie die rechte oder die linke Hirnhemisphäre relativ stärker in Anspruch nehmen als andere. Eine einfache Methode, sich dieses Merkmals zu versichern, besteht darin, einem Menschen Fragen zu stellen, während man ihm voll ins Gesicht sieht, und zu beobachten, nach welcher Seite er bei der Suche nach den Antworten den Blick wendet. (Wie im Ersten Buch, Fünftes Kapitel, Seite 128 bezieht sich das Gesagte auch hier wieder auf den Standardfall des Rechtshänders.) Geht der Blick (vom Betreffenden selbst aus gesehen) nach rechts, beansprucht er verhältnismäßig intensiver die linke und im umgekehrten Fall mehr die rechte Hemisphäre – was darauf zurückzuführen ist, daß die Aktivierung der vorderen Sehzentren sei’s der rechten, sei’s der linken Hemisphäre mit einer Stellungsänderung der Augen in kontralateraler Richtung einhergeht. Erst kürzlich wurde berichtet, daß Menschen, die beim Beantworten von in sogenannter »facetoface«-Kommunikation gestellten Fragen den Blick nach links wenden – die mithin ihre rechte Hemisphäre ausgiebiger benutzen als andere-, auch ausgesprochen leicht zu hypnotisieren sind.18 Das läßt sich als Indiz dafür interpretieren, daß zwischen rechtshemisphärischer Gehirnaktivität und Hypnose ein ganz besonderer Zusammenhang besteht und daß diejenigen Menschen am leichtesten zu hypnotisieren sind, die sich am besten darauf verstehen, auf die rechte Hemisphäre zu »horchen« und zu »vertrauen«. Im Fünften Kapitel des Ersten Buches (Seite 148 ff) haben wir erfahren, daß der rechten Hirnhemisphäre, die unserer Mutmaßung zufolge in früheren Jahrtausenden die Quelle göttlicher Halluzinationen gewesen ist, heute die Hauptverantwortung für Kreativität, Raumorientierung und eine lebhafte Einbildungskraft zugewiesen wird. Mehrere neuere Untersuchungen stellen übereinstimmend fest, daß Menschen, denen die erwähnten Eigenschaften in höherem Maß als anderen eignen, auch um so leichter zu hypnotisieren sind.19 Diese und ähnliche Befunde decken sich mit der Hypothese, wonach das Hypnotisiertwerden bedeutet, sich rechtshemisphärischen Funktionskategorien anzuvertrauen – nicht anders als der bikamerale Mensch sich der göttlichen Führung anvertraute.

Ist es korrekt, die Hypnose als Relikt der bikameralen Psyche zu bezeichnen, dann wäre auch zu erwarten, daß je leichter ein Mensch zu hypnotisieren, desto empfänglicher, offener, leichter zugänglich er auch für andere Konkretionen des allgemeinen bikameralen Paradigmas ist. In bezug auf Religiosität scheint das in der Tat zuzutreffen. Menschen, die von Kindesbeinen an regelmäßig die Kirche besuchen, lassen sich verhältnismäßig leicht hypnotisieren, schwerer hingegen Menschen von eher laxer Religiosität. Mehr als einer der Hypnoseforscher, die ich kenne, sucht sich als Versuchspersonen bevorzugt Theologiestudenten aus, weil er die Erfahrung gemacht hat, daß sie vergleichsweise einfach zu hypnotisieren sind.

Das Phänomen der imaginären Gesellen in der Kindheit ist ein Thema, zu dem ich mich in einer zukünftigen Arbeit ausführlicher äußern werde. Vorweggenommen aber sei an dieser Stelle schon: es handelt sich hierbei um ein weiteres Relikt der bikameralen Psyche. Mindestens die Hälfte aller von an mir in diesem Zusammenhang befragten Personen vermochte sich deutlich daran zu erinnern, daß die Stimme des jeweiligen Gesellen mit der gleichen Erlebnisqualität zu hören gewesen war wie meine, des Befragers, Stimme, während ich meine Fragen stellte. Eine echte Halluzination! Das Auftreten imaginärer Gesellen ereignet sich zumeist in der Altersspanne von drei bis sieben Jahren und geht damit der Phase, die nach meiner Meinung den Kulminationspunkt der kindlichen Bewußtseinsentwicklung bezeichnet, unmittelbar voraus. Für mich stellt sich die Sache so dar, daß hier – aufgrund einer sei’s angeborenen, sei’s umweltbedingten Disposition für imaginäre Gesellen – die neurologische Struktur des allgemeinen bikameralen Paradigmas eingeübt wird (um es metaphorisch auszudrücken). Wenn die in diesem Kapitel vorgelegte Hypothese stimmt, müßten wir damit rechnen, daß der fragliche Personenkreis dann im späteren Leben auch auf andere Aktivierungsformen des Paradigmas bereitwilliger anspricht – beispielsweise auf die Hypnose. Und so ist es in der Tat. Menschen, die in der Kindheit einen imaginären Gesellen hatten, sind leichter zu hypnotisieren als solche, die diese Erfahrung nicht kennengelernt haben. Auch hier haben wir also wieder den Fall, daß der Faktor Hypnotisierbarkeit mit einem anderen Relikt der bikameralen Psyche korreliert.

Wenn es richtig ist, in der Züchtigung von Kindern eine Methode zur Eintrichterung verstärkter Autoritätshörigkeit – und mithin ein Training von Teilen jener neurologischen Verhalte, die ehedem die bikamerale Psyche ausmachten – zu erblicken, dann dürfen wir auch hier wieder damit einhergehend eine verstärkte Ansprechbarkeit für die Hypnose erwarten. Und diese ist in der Tat gegeben. Aufgrund sorgfältiger Erhebungen steht fest, daß Menschen, die in der Kindheit einem strengen, mit harten Züchtigungen verbundenen innerfamiliären Regiment unterworfen waren, als verhältnismäßig leicht hypnotisierbar einzustufen sind, wenn man sie mit anderen vergleicht, die als Kinder selten oder nie gezüchtigt wurden.


Diese Laborbefunde sind lediglich Indizien und lassen sich im übrigen auf recht unterschiedliche Weise interpretieren (wer Genaueres darüber zu erfahren wünscht, sei auf die Originalberichte verwiesen). Zusammengenommen ergänzen sie einander jedoch zu einem Bild, das die Hypothese stützt, daß es sich bei der Hypnose zum Teil um das Relikt einer vorbewußten Mentalität handelt. Stellt man die hypnotischen Phänomene dergestalt vor das Panorama der Menschheitsgeschichte, offenbaren sich in ihrer Physiognomie ganz neue und anders gar nicht wahrnehmbare Züge. Für eine bedingungslos biologistische Auffassung vom Bewußtsein, die seinen Ursprung auf irgendeinen theoretisch angenommenen Punkt in der Evolution des Nervensystems der Säuger verlegt, muß das Phänomen der Hypnose, wenn ich das richtig sehe, etwas schlechthin Unfaßliches bleiben: Sie begreift davon aber auch nicht ein Haar. Sind wir uns aber erst einmal restlos im klaren darüber, was es bedeutet, daß Bewußtsein ein kulturell erlernter Vorgang ist, eine prekärgleichgewichtige Konstruktion über den unterdrückten Relikten einer älteren Mentalität, dann ist auch ohne weiteres einzusehen, daß Bewußtsein auf kulturellem Wege zum Teil wieder entlernt oder zum Aussetzen gebracht werden kann. Erlernte Merkmale, wie etwa das »Ich« qua- Analogon, können unter Einfluß des geeigneten kulturellen Imperativs in andersartigen Formen der Handlungseinleitung aufgehen – ein Beispiel dafür ist die Hypnose. Der Grund, warum diese andersartige Form von Initiative ausschließlich in Verbindung mit den anderen Faktoren der Bewußtseinsminderung, nämlich Induktion und Trance, funktioniert, liegt darin, daß hier auf irgendeine Weise das Paradigma einer Mentalität aufgerufen wird, die älteren Ursprungs ist als das subjektive Bewußtsein.


Einwurf. Gibt es die Hypnose, oder gibt es sie nicht?

Zum Schluß möchte ich kurz auf alternative Interpretationen der Befunde hinweisen. Vorläufig haben wir es dabei jedoch nicht so sehr mit Theorien der Hypnose als vielmehr mit einzelnen Gesichtspunkten zu tun, von denen jeder in begrenztem Rahmen durchaus richtig ist. So werden in einer einschlägigen Studie als besonders wichtig die Vorstellungskraft des Hypnosesubjekts und seine Konzentration auf die Suggestionen des Hypnotiseurs hervorgehoben und dazu die Tendenz derartiger Vorstellungsbilder, konformes Handeln nach sich zu ziehen.20 Richtig und wichtig in der Tat. In einer anderen Studie wird die »Monomotivation« als der entscheidende Umstand namhaft gemacht.21 Auch gut – nur daß dies ersichtlich keine explikative, sondern eine deskriptive Kategorie ist. Eine dritte stellt fest, das Grundlegende an der Sache sei schlicht und einfach die menschliche Fähigkeit zum Rollenspiel, der »Alsob«-Charakter der meisten Darbietungen in Hypnose.22 Auch das ist keineswegs falsch. Eine vierte betont sehr richtig die Dissoziation.23 Eine fünfte meint, die Hypnose sei eine Regression auf das Stadium der kindlichen Abhängigkeit von den Eltern.24 Und in der Tat: jedes Relikt der bikameralen Psyche erweckt diesen Anschein, da sie ja auf solch zöglinghafter Erlebnisweise beruht.

Doch die wichtigste theoretische Meinungsverschiedenheit eine unabgeschlossene, für unseren Zusammenhang hochbedeutsame Kontroverse – betrifft die Frage, ob denn in der Hypnose wirklich etwas grundlegend anderes vorgeht als bei normaler, alltäglicher Bewußtseinsverfassung. Wäre der zweiflerische Standpunkt das letzte Wort zu dieser Frage, dann könnte nichts falscher sein als meine in diesem Kapitel vorgetragene Interpretation der Hypnose als einer anders gelagerten Mentalität. Denn die Hypnose kann schlechterdings kein Relikt von was auch immer sein, solange es sie gar nicht gibt. Sämtliche Manifestationen des Hypnosezustands, so lautet der zweiflerische Standpunkt, lassen sich als simple Übersteigerungen an sich normaler Phänomene erweisen. Wir können sie der Reihe nach abhaken:

Was den »Kadavergehorsam« gegenüber dem Hypnotiseur angeht, so beugen wir uns alle im Grunde gleichermaßen gedanken- und kritiklos einem fremden Willen, wenn und soweit die Situation es erfordert, beispielsweise den Kommandos eines Lehrers, eines Verkehrspolizisten oder den Kommandos eines Tanzmeisters.

Was eine Erscheinung wie das Ertauben auf Befehl und ähnliches betrifft, so hat gewiß ein jeder schon erlebt, daß er jemandem aufmerksam »lauschte« und trotzdem kein Wort von dem vernahm, was gesagt wurde. Ob es sich also um die Mutter handelt, die das tosende Gewitter verschläft, aber beim leisesten Wimmern ihres Kindes aufwacht, oder um den Hypnotisierten, der nur noch die Stimme des Hypnotiseurs vernimmt und allem anderen gegenüber »schläft« – in beiden Fällen haben wir es mit wesensmäßig ein und demselben psychischen Mechanismus zu tun.

In bezug auf die induzierte Amnesie, über die sich uneingeweihte Beobachter so sehr verwundern, ist lediglich zu bemerken: Wer von uns kann sich erinnern, woran er fünf Minuten zuvor gedacht hat? Dazu müßte man sich selber zur fraglichen Zeit die Bereitschaft zum Erinnern vermittelt haben. Und ebendies können die Hypnotiseure heute tun (oder lassen) was der Auslöschung (oder Bekräftigung) des Paraphoranden vom Untertauchen gleichkommt und das Hypnosesubjekt zum Erinnern (oder Nichterinnern) veranlaßt.

Was die in der Hypnose auf Befehl eintretenden Lähmungserscheinungen angeht: Wem ist es auf einem Spaziergang mit einem Freund noch nicht passiert, daß man sich beiderseits mehr und mehr in die Unterhaltung vertiefte und dabei langsamer und langsamer wurde, bis man schließlich stehenblieb? Aufmerksamkeitskonzentration und Einschränkung der Motorik liegen in solchen Fällen auf derselben Skala.

In betreff der hypnotischen Analgesie, jenes meistbestaunten aller hypnotischen Phänomene, ist zu bedenken: Wer hat noch nicht beobachtet, wie ein Kind, das sich weh getan hatte, sich durch irgendein Spielzeug ablenken ließ, bis die Tränen versiegten und der Schmerz vergessen war? Oder nicht von Unfallopfern gehört, die Blut verloren aus Wunden, von denen sie nicht das geringste spürten? Und möglicherweise gehört auch die Akupunktur zu den Dingen, die man in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen hat.

Und was den »versteckten Beobachter« betrifft: diese Art von Parallelverarbeitung ist immerzu in Gang. Bei jedem Alltagsgespräch legen wir uns unterm Zuhören eine Antwort zurecht. Schauspieler sind unentwegt damit befaßt: Sie betätigen sich jederzeit als ihre eigenen versteckten Beobachter; Stanislawski zum Trotz sind sie jederzeit in der Lage, ihre eigene Leistung kritisch zu bewerten. Als weitere Beispiele könnte man hier einen großen Teil der im Ersten Kapitel des Ersten Buches (Seite 33 ff) erwähnten Fälle von nichtbewußtem Denken anführen oder auch die Ausführungen über die Konversation beim Chauffieren zu Beginn des Vierten Kapitels im gleichen Buch (Seite 110).

Und was die verblüffende Wirksamkeit der posthypnotischen Suggestion angeht: jeder von uns nimmt sich zuweilen vor, eine Handlung bei nächster Gelegenheit auf diese oder jene bestimmte Weise auszuführen, und tut dies auch, wenn es soweit ist, selbst wenn er seinen früher gefaßten Vorsatz dann schon längst vergessen hat. Im Grunde besteht hier kein Unterschied zur »prähypnotischen Suggestion«, wie wir sie einige Seiten weiter vorn in dem Beispiel von der vermeintlich gelähmten Hand und ähnlichen Fällen kennengelernt haben. Es handelt sich dabei um eine Neustrukturierung des kollektiven kognitiven Imperativs, die unser Reaktionsvermögen in sehr ausgeprägter Form zu beeinflussen vermag.

Und ... und ... und ... Die Liste ließe sich verlängern, das Argumentationsschema bliebe immer das gleiche: Ausnahmeleistungen im Zustand der Hypnose sind in jedem Fall bloß Übersteigerungen von Phänomenen, die auch im Normalzustand vorkommen. Die Hypnose, so läuft das Argument weiter, erscheint lediglich – und lediglich dem Uneingeweihten – als etwas Besonderes. Das Tranceverhalten ist nichts weiter als äußerste Konzentration, wie im sprichwörtlichen Fall des »zerstreuten Professors«. Geradezu eine Unmenge von Experimenten aus jüngerer Zeit zielt auf den Nachweis, daß sämtliche hypnotischen Phänomene durch bloße Suggestion mit Probanden im Wachzustand gedoubelt werden können.25

Darauf erwidere ich – und nicht nur ich allein –, daß dies keine Erklärung, sondern eine Eskamotierung der Hypnose ist. Selbst wenn es zuträfe (was ich nicht glaube), daß alle hypnotischen Phänomene im Alltagszustand gedoubelt werden können, bleibt dennoch die Eigenart der Hypnose bestehen, die sich definiert durch unverwechselbare Prozeduren, die unverwechselbare Empfänglichkeit des Hypnosesubjekts (mit Entsprechungen ebensogut in anderen Erfahrungsbereichen wie in anderen Relikten der bikameralen Psyche) sowie durch den enorm höheren Leichtigkeitsgrad, mit dem die hypnotischen Phänomene, sei’s mit, sei’s ohne Induktionsprozedur, ausgeführt werden. Für jedes Theoretisieren über die Frage, wie für die Zukunft möglicherweise zu erwartende Wandlungen der menschlichen Mentalität aussehen könnten, ist die zuletzt genannte Eigenart von extrem wichtiger Bedeutung. Das ist auch der Grund, warum ich dieses Kapitel so angefangen habe, wie ich es angefangen habe. Fordert man uns auf, ein Tier oder ein Fünfjähriger zu sein, keinen Schmerz zu empfinden, wenn wir gestochen werden, farbenblind zu sein, in kataleptische Starre zu verfallen, mit Nystagmus auf ein vorgestelltes Wirbeln des Gesichtsfelds zu reagieren26 oder Essig den Geschmack von Champagner abzugewinnen – so ist das im normalen Bewußtseinszustand alles unendlich viel schwerer zu leisten, als wenn das Normal-Bewußtsein durch Hypnose zum Verschwinden gebracht ist. Derart exzeptionelle Leistungen ohne Rapport zu einem Hypnotiseur zu vollbringen stellt gigantische Anforderungen an Selbstüberredungsgabe und Konzentrationsfähigkeit. Voll-Bewußtsein im Wachzustand erscheint an und für sich wie ein riesiger Wildwuchs von zudringlichen Abhaltungen, die abzuschütteln und hinter sich zu lassen, um in eine derart unmittelbare Globalkontrolle einzurasten, alles andere als einfach ist. Werfen Sie einen Blick aus dem Fenster und reden Sie sich dabei ein, Sie seien farbenblind, bis die Farben Rot und Grün für Sie wirklich nur noch wie Grauschattierungen aussehen.27 Das läßt sich bis zu einem gewissen Grad tatsächlich bewerkstelligen, gelingt jedoch viel leichter in Hypnose. Oder erheben Sie sich von Ihrem Platz, und benehmen Sie sich während der nächsten Viertelstunde als Vogel: Flattern Sie mit den Armen, als wären es Flügel, und stoßen Sie dabei seltsame Schreie aus: In der Hypnose macht das überhaupt keine Mühe. Aber nicht ein einziger von den Lesern des letzten Satzes bringt das zustande – sofern er allein ist. Was immer es mit diesen schweißtreibenden Empfindungen des Närrischen und Albernen auf sich haben mag, mit diesen innerlichen Einwürfen: »Wozu das Ganze?« und »Das ist doch Blödsinn!« – sie fallen wie penible Despoten über Sie her, eifersüchtig wie Götter auf ein solches Beginnen; Sie brauchen sowohl die Bewilligung von seifen einer Gruppe, die Autorisierung durch einen kollektiven kognitiven Imperativ, als auch das Kommando eines Operationsleiters – eines Hypnotiseurs oder eines Gottes –, um derartigen Gehorsam zustande zu bringen. Oder legen Sie Ihre Hände vor sich auf die Tischplatte, und lassen Sie jetzt eine von beiden merklich röter als die andere werden: Kann sein, daß Sie es schaffen, aber in Hypnose geht es sehr viel leichter. Oder halten Sie beide Hände fünfzehn Minuten lang in Schulterhöhe, ohne das geringste Unbehagen zu verspüren: in Hypnose ein Kinderspiel, ohne Hypnose eine beschwerliche Angelegenheit.

Die Hypnose steuert also irgend etwas Spezifisches hinzu, das diese außerordentliche Leistungsfähigkeit bedingt und uns in den Zustand setzt, Dinge zu tun, die wir normalerweise nicht oder nur mit größter Mühe auszuführen vermögen. Was ist das? Und sind überhaupt »wir« es, die diese Dinge tun? Tatsächlich ist es so, als ob in der Hypnose jemand anderer durch uns handle. Aber warum ist das so? Und warum geht das alles soviel leichter? Kann man sagen, daß wir erst unseres bewußten Selbst verlustig gehen müssen, bevor wir solcher Macht teilhaftig werden, deren Ausübung demnach nicht unsere Sache ist?

Auf anderer Ebene stellt sich die Frage, woran es liegt, daß wir im alltäglichen Leben nicht so weit über uns hinauszuwachsen vermögen, daß wir in der Lage wären, uns selbst zu ermächtigen, die Person zu sein, die wir wirklich gern wären. Wenn sich unsere Identität und unsere Handlungsweise im Zustand der Hypnose auswechseln lassen, wieso ist es uns dann nicht möglich, dasselbe selber an und mit uns selbst zu machen, auf daß unser Verhalten mit, derselben absoluten Konsequenz aus unseren Entschlüssen fließt und auf daß, was immer in uns es sein mag, das wir als Willen bezeichnen, unser Handeln ebenso souverän regiert wie der Hypnotiseur sein Hypnosesubjekt?

Die Antwort darauf ist zum Teil in der prinzipiellen Begrenztheit unseres erlernten Bewußtseins in diesem gegenwärtigen Jahrtausend zu suchen. Wo wir sie durchbrechen wollen, sind wir auf die Hilfe irgendeines Relikts der bikameralen Psyche, unserer ehemaligen Methode der Verhaltenskontrolle, angewiesen. Mit dem Bewußtseinserwerb haben wir jene einfachere, bedingungslosere Methode der Verhaltenskontrolle, wie sie für die bikamerale Psyche charakteristisch war, aufgegeben. Wir leben mitten in einem summenden Schwarm von Warums und Wozus, von Begründungen und Zwecksetzungen aus unseren Narrativierungen, im Knotenpunkt der abenteuerlichen Ausfahrten unseres »Ich« qua-Analogon nach allen Himmelsrichtungen. Und dieses unablässige Ausspinnen von Denkbarem und Möglichem ist die unerläßliche Bedingung dafür, daß wir vor allzu impulsiven Verhaltensweisen bewahrt bleiben. »Ich« qua-Analogon und »Ich« qua-Metapher sind stets am Zusammenfluß zahlreicher kollektiver kognitiver Imrative gelagert. Wir wissen zuviel, als daß wir uns selbst noch sehr weitreichende Kommandos zu geben wüßten.

Wer dank dem, was Theologen das »Geschenk des Glaubens« nennen, in der Lage ist, seinem Leben in einem religiösen Glauben Mittelpunkt und Begrenzung zu geben, der hat nun wirklich einen anderen kollektiven kognitiven Imperativ. Der vermag nun wirklich durchs Gebet und die damit verbundenen Antizipationen sein Selbst zu verändern – aufgrund eines Wirkungszusammenhangs, ganz ähnlich dem der posthypnotischen Suggestion. Es ist eine Tatsache, daß der Glaube – sei’s ein politischer, sei’s ein religiöser, oder sei’s auch einfach nur, als Frucht irgendeines älteren kognitiven Imperativs, der Glaube an sich selbst – Wunder wirkt. Jeder, der einmal das Martyrium der Gefängnis- oder Lagerhaft am eigenen Leib erfahren hat, weiß, wie oft psychisches und physisches Überleben allein in solch ungreifbarer fürsorglicher Hand steht.

Doch wir anderen, die wir uns weiterhelfen müssen mit den Modellen, die uns das Bewußtsein liefert, und mit einer aus Skepsis geborenen Ethik – uns bleibt nichts übrig, als uns mit unserer verminderten Kontrolle abzufinden. Im Selbstzweifel studiert, sind wir nirgends so gelehrt wie gerade im eigenen Mißerfolg und wahre Genies im Erfinden von Ausflüchten und Aufmorgen-Vertagen von Entschlüssen. So üben wir uns mehr und mehr im kraftlosen Vorsatz, bis die Hoffnung im Unversuchten erstirbt und entschwindet. Wenigstens geht es manchen von uns so. Und wollen wir uns dann über den Klamauk unserer Kenntnisse erheben, um wirklich ein anderer Mensch zu werden, so bedarf es dazu einer Autorität, über die »wir« nicht verfügen.

Die Hypnose funktioniert nicht bei jedem. Das kann vielerlei Gründe haben. Für eine bestimmte Menschengruppe läßt sich allerdings zuverlässig sagen, daß ihre mangelnde Eignung für die Hypnose neurologisch und zum Teil genetisch bedingt ist. Bei diesen Menschen ist nach meiner Auffassung die ererbte neurologische Basis des allgemeinen bikameralen Paradigmas geringfügig anders organisiert. Es ist, als könnten sie die von außen kommende Autorität eines Hypnotiseurs nicht akzeptieren, weil der zuständige Teil des bikameralen Paradigmas bei ihnen schon besetzt ist. Tatsächlich machen sie auf die anders gearteten Menschen in ihrer Umgebung oft den Eindruck, als stünden sie bereits unter Hypnose, besonders wenn sie, wie es ihnen gewöhnlich von Zeit zu Zeit widerfährt, in einer »Heilanstalt« interniert gehalten werden. Manche Theoretiker haben sogar die Hypothese gewagt, daß dies exakt den Zustand definiere, in dem sie sich befinden – ein Zustand fortgesetzter Selbsthypnose. Indes haben wir es hier nach meiner Ansicht mit einem verheerenden Mißbrauch des Begriffs Hypnose zu tun. Das Verhalten der Schizophrenen – wie diese Menschen genannt werden – werden wir aus anderem Blickwinkel betrachten müssen. Und das tun wir im folgenden Kapitel.

EINFÜHRUNG | BUCH 1 | BUCH 2 | BUCH 3

1. Kapitel 1: Das Streben nach Autorisierung

2. Kapitel 2: Von Propheten und Besessenheit

3. Kapite 3: Von Dichtung und Musik

4. Kapitel 4: Die Hypnose

5. Kapitel 5: Die Schizophrenie

6. Kapitel 6: Die Augurien der Wissenschaft