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The Origin of Consciousness in the
Breakdown of the Bicameral Mind

German Translation

Der Ursprung des Bewußtsein

Julian Jaynes

EINFÜHRUNG | BUCH 1 | BUCH 2 | BUCH 3

1. Kapitel 1: Das Streben nach Autorisierung

2. Kapitel 2: Von Propheten und Besessenheit

3. Kapitel 3: Von Dichtung und Musik

4. Kapitel 4: Die Hypnose

5. Kapitel 5: Die Schizophrenie

6. Kapitel 6: Die Augurien der Wissenschaft


Kapitel 2: Von Propheten und Besessenheit

Dem Leser dürfte die große Lücke in der hier vorgetragenen Theorie der Orakel, über die ich im vorigen nonchalant hinweggeglitten bin, nicht entgangen sein. Ich habe das allgemeine bikamerale Paradigma als Relikt der bikameralen Psyche bezeichnet. Gleichwohl handelt es sich bei dem durch Bewußtseinsverengung oder Bewußtseinsverlust gekennzeichneten Entrückungszustand nicht um ein Replikat der bikameralen Psyche (jedenfalls gilt dies für das vierte und spätere Stadien des Orakulierens). Vielmehr haben wir es (vom vierten Stadium an bis zum Verschwinden der Orakel) mit einem vollständigen Dominieren der Gott-Komponente über die Person und ihr Sprechen zu tun – einem Dominieren, das zwar die Person als Resonanzboden benutzt, ihr aber nicht gestattet, sich hinterher an das Vorgefallene zu erinnern. Dieses Phänomen kennt man unter dem Namen Besessenheit.

Ein Phänomen, das uns Fragen aufgibt. Fragen, die sich nicht nur auf die längst vergangenen Orakel des Altertums beziehen. Besessenheit tritt auch heute noch auf und ist über lange historische Zeiten hin immer wieder aufgetreten. Sie kommt in einer Negativform vor, die im neutestamentarischen Galiläa eine der verbreitetsten Krankheiten gewesen zu sein scheint. Und mit guten Gründen ließe sich behaupten, daß zumindest ein Teil der Wanderpropheten in Mesopotamien, Israel, Griechenland und anderswo nicht einfach irgend etwas an die Zuhörer weitergab, was zuvor halluzinativ gehört worden war, sondern daß die göttliche Botschaft unmittelbar vom Stimmapparat des Propheten ausging, ohne daß dieser Kenntnis von dem Vorgang gehabt oder sich hinterher hätte daran erinnern können. Wer wie ich den damit verbundenen Zustand als Bewußtlosigkeit bezeichnet, schuldet dafür einige Erklärungen. Denn könnte man nicht ebensogut auch sagen, daß es sich nicht um einen »Verlust« des Bewußtseins, sondern um seinen Austausch gegen eine neue, andersgeartete Form von Bewußtsein handelt? Doch was könnte das konkret bedeuten? Oder ist es vielleicht so, daß jene Sprachorganisation des Nervensystems, die aus dem vermeintlich besessenen Menschen spricht, Bewußtsein im Sinn des (hier im Zweiten Kapitel des Ersten Buches dargelegten) Narrativierens in einem »Innenraum« gar nicht kennt?

Auf diese Fragen gibt es keine kurzen und bündigen Antworten. Der Umstand, daß wir den Sachverhalt des Besessenseins von metaphysischen Wesenheiten als ontologischen Unfug abtun dürfen, sollte uns nicht blind machen für die psychologischen und historischen Einsichten, die sich aus der genauen Untersuchung solcher Auswüchse der Geschichte und des Glaubens gewinnen lassen. In der Tat muß jede Theorie über das Bewußtsein und seinen Ursprung in der Zeit sich auch diesen rätselhaften Abseitigkeiten stellen. Und ich behaupte nachdrücklich, daß die hier vertretene Theorie besser als jede andere in der Lage ist, in diese dunklen Ecken und Winkel der Psychohistorie hineinzuleuchten. Denn solange wir an der rein biologischen Evolution des Bewußtseins im Rahmen der Entwicklungsgeschichte der niederen Wirbeltiere festhalten, sind die erwähnten Phänomene für uns unzugänglich und in ihrer historisch wie kulturell abseitigen Natur nicht einmal ansatzweise zu begreifen. Allein die Voraussetzung, daß Bewußtsein unter dem Diktat eines kollektiven kognitiven Imperativs erlernt wird, ermöglicht uns überhaupt erst einen rationalen Zugriff auf die erwähnten Fragen.

Der erste Schritt zum Verständnis eines psychischen Phänomens besteht darin, seine historische Zeitdauer einzugrenzen. Wann ist es erstmals aufgetreten?

Die Antwort darauf braucht man, jedenfalls soweit es um Griechenland geht, nicht lange zu suchen. Nirgendwo in der »Ilias« oder der »Odyssee« oder sonst einer frühgriechischen Dichtung findet sich auch nur der leiseste Hinweis auf Besessenheit oder sonst etwas dergleichen. Während des eigentlich bikameralen Zeitalters kommt es niemals vor, daß ein »Gott« durch den Mund eines Menschen spricht. Dagegen ist diese Erscheinung allen Anzeichen nach bis um 400 v. Chr. genauso selbstverständlich geworden, wie es heute etwa Kirchenbauten sind: Nicht nur in den zahlreichen öffentlichen Orakeln, sondern auch in einzelnen Privatleuten ist sie über ganz Griechenland verbreitet. Die bikamerale Psyche ist verschwunden und hat die Besessenheit als Rückstand hinterlassen.

Im vierten Jahrhundert v. Chr. läßt Platon den Sokrates mitten in einem Dialog über politische Fragen beiläufig hinwerfen: »Gottbesessene Menschen sagen viel Wahres, wissen aber nichts von dem, was sie sagen«1 – so beiläufig, als könne man solchen Propheten an jeder Straßenecke von Athen begegnen. Und was die Bewußtlosigkeit der zeitgenössischen Orakel betrifft, so läßt er daran keinen Zweifel:


... denn die Prophetie ist ein Wahnsinn, und die Prophetin zu Delphi und die Priesterinnen zu Dodona haben im Wahnsinn vieles Gute in privaten und öffentlichen Angelegenheiten unserer Hellas zugewendet, bei Verstande aber Kümmerliches oder gar nichts.2


Und gleichermaßen bedeutet in der Folgezeit die vermeintliche Besessenheit stets die Auslöschung des gewöhnlichen Bewußtseins. Vierhundert Jahre nach Platon, im ersten nachchristliche n Jahrhundert, stellt Philon aus Alexandria kategorisch fest:


Wenn ihn [einen Propheten] die Begeisterung ankommt, verliert er das Bewußtsein, sein Denken schwindet dahin und verläßt die Festung seiner Seele, wo hingegen nun der göttliche Geist eingezogen ist und Wohnung genommen hat, und dieser bringt alle Organe zum Klingen, so daß der Mensch allem, was der Geist ihm eingibt, klaren Ausdruck verleiht.3

Das gilt auch noch im folgenden Jahrhundert, wo Aristides über die Orakelpriesterinnen zu Dodona schreibt, daß sie solange sie noch nicht von Begeisterung ergriffen sind, nicht wissen, was sie sagen werden, ebensowenig wie sie sich, sobald sie wieder zu Verstand gekommen sind, erinnern können, was sie gesagt haben, also daß jedermann von dem weiß, was sie sagen, nur sie selber nicht.4


Und Iamblichos aus Chalkis, der führende Kopf des Neuplatonismus zu Beginn des dritten Jahrhunderts, behauptete, daß die göttliche Besessenheit eine »Teilhabe« am Göttlichen sei, daß sie in einer »Vergemeinschaftung von Energie« zwischen Gott und Mensch bestehe und »in der Tat alles, was in uns vorgeht, begreift, jedoch unser eigentliches Eigen- Bewußtsein und unsere Eigenbewegung auslöscht«.5 Besessenheit dieser Art bedeutet also nicht die Rückkehr zur bikameralen Psyche im ursprünglichen Sinn. Denn wenn tausend Jahre früher ein Achilleus die Göttin Athene hörte, dann wußte er hinterher bestimmt, was sie ihm gesagt hatte: Das war nämlich die Funktion der bikameralen Psyche.

Damit sind wir beim springenden Punkt des Problems angelangt. Was ein besessener Prophet redet, ist nicht eigentlich halluziniert, nicht etwas von einem bewußten, halbbewußten oder – wie im Fall der eigentlichen bikameralen Psyche – nichtbewußten Menschen Gehörtes. Die besessene Rede wird äußerlich artikuliert und von anderen gehört. Sie tritt nur bei normalerweise bewußten Menschen auf, und zwar korrelativ mit Bewußtseinsschwund. Was berechtigt uns also dazu, zwischen diesen beiden Phänomenen – den Halluzinationen der bikameralen Psyche und der Rede von Besessenen – eine Verwandtschaft zu behaupten?

Darauf habe ich keine wirklich hieb- und stichfeste Antwort parat. Zugunsten der behaupteten Verwandtschaftsbeziehung kann ich nur zaghaft vorbringen, daß beide (1) die gleiche soziale Funktion erfüllen, (2) sich auch darin ähneln, daß sie autoritativ Handlungsermächtigungen ausstellen, und daß (3) das wenige, was wir an Faktenmaterial über die Frühgeschichte der Orakel besitzen, darauf hindeutet, daß die Institutionalisierung von Besessenheit in ausgesuchten Personen an bestimmten Orten in allmählichem Übergang aus dem Halluzinieren von Gottheiten erwachsen ist, das jeder Beliebige an diesen Orten erleben konnte. Berechtigt ist demnach zumindest die hypothetische Vermutung, daß die Besessenheit über Transformationsschritte eigener Art einen Abkömmling von Bikameralität darstellt, bei dem die Induktionsrituale, veränderten kollektiven kognitiven Imperative und eingeübten Erwartungen in jener expressiven »Besessenheit«, das heißt im Übermanntwerden des betreffenden Mens chen durch die Gott- Komponente der bikameralen Psyche resultieren. Vielleicht kann man die Sache so formulieren: Um die ältere Mentalität zu restituieren, war es nötig, das sich entwickelnde Bewußtsein immer nachhaltiger auszuschalten, so daß im selben Zug schließlich die gesamte Mensch-Komponente als solche unterdrückt wurde und die Gott-Komponente allein die Kontrolle über den Sprachapparat ausübte.

Und wie hat man sich die neurologische Seite dieser Mentalität vorzustellen? Aus dem im Fünften Kapitel des Ersten Buches (Seite 128-159) ausgeführten Modell ergibt sich praktisch von selbst die Hypothese, daß mit dem Besessensein irgendeine Störung des normalen Dominanzverhältnisses zwischen den beiden Hirnhemisphären einhergehen muß, dergestalt, daß die Aktivität der rechten Hemisphäre um etliches stärker ist als im Normalzustand. Mit anderen Worten und als Frage formuliert: Hätten wir auf der Kopfhaut einer der rasenden Orakelpriesterinnen von Delphi Elektroden anbringen können, hätten wir dann über der rechten Hemisphäre – insbesondere über dem Schläfenlappen – ein in direkter Abhängigkeit vom Grad ihrer Besessenheit beschleunigtes EEG (mithin verstärkte Aktivität) zu verzeichnen gehabt?

Ich meine: ja. Zum wenigsten ist die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß in dem Dominanzverhältnis zwischen den beiden Hemisphären eine Veränderung eintrat und daß die propädeutische Schulung der Orakel in nichts anderem bestand als darin, die Beantwortung des komplexen Induktionsreizes mit einer im Verhältnis zur linken verstärkten Aktivität der rechten Hemisphäre per Bahnung als festes Reaktionsmuster zu etablieren. Diese Hypothese würde auch die verzerrten Züge, die äußeren Anzeichen von Raserei und den Nystagmus der Augen erklären, indem sie diese Dinge auf die abnorme Interferenz der rechten Hemisphäre oder den Wegfall linkshemisphärischer Hemmung zurückzuführen erlaubt.6

Hier ist noch eine Anmerkung zum Geschlechterunterschied zu machen. Wie inzwischen allgemein bekannt, sind Frauen in puncto Gehirnfunktionen biologisch weniger lateralisiert als Männer. In schlichtes Deutsch übertragen, bedeutet dies, daß die psychischen Funktionen bei Frauen nicht im gleichen Grad wie bei Männern überwiegend in der einen oder der anderen Gehirnhälfte lokalisiert sind. Die mentalen Fähigkeiten sind bei Frauen gleichmäßiger über die beiden Hemisphären verteilt. Bereits im Alter von sechs Jahren vermag ein Junge die Aufgabe, Gegenstände allein durch Betasten zu identifizieren, mit der linken Hand besser zu lösen als mit der rechten. Bei Mädchen funktioniert das mit beiden Händen gleich gut. Daran zeigt sich, daß die Funktion des haptischen Wiedererkennens (wie sie genannt wird) bei Jungen dieses Alters bereits überwiegend rechtshemisphärisch lokalisiert ist, nicht jedoch bei Mädchen.7 Und ebenso allgemein bekannt ist, daß ältere Männer mit einem Schlaganfall oder einer Blutung in der linken Hemisphäre in größerem Umfang von Sprachstörungen betroffen sind als Frauen in den gleichen Umständen. Demnach dürfen wir davon ausgehen, daß Residuen der rechtshemisphärischen Sprachfunktion bei Frauen stärker vertreten sind, so daß es ihnen leichter fallen müßte, das Orakulieren zu erlernen. Und in der Tat bestand die Zunft der Orakel und Sibyllen zumindest im europäischen Kulturbereich seit jeher zum überwiegenden Teil aus Frauen.


Induzierte Besessenheit

Wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben, wird das wie unter göttlichem Einfluß stehende institutionalisierte bewußtlose Reden der Orakelpropheten im Lauf der ersten Jahrhunderte der christlichen Ära zusehends inkohärenter, bis sich ihm schließlich überhaupt kein Sinn mehr zuordnen läßt und die Orakel ganz verstummen. Sie geraten unter Beschuß von seifen eines rationalistischeren Denkstils; auf den Komödienbühnen und in der Literatur werden Breitseiten von Kritik und vernichtenden Respektlosigkeiten auf sie abgefeuert. Eine derartige Unterdrückung eines allgemeinen kulturellen Paradigmas in der Öffentlichkeit (genaugenommen: in der städtischurbanen Öffentlichkeit) endet erfahrungsgemäß häufig mit der Abwanderung dieses Paradigmas in den Privatbereich, in den Untergrund des Sektierertums und der esoterischen Kulte, wo der zugrundeliegende kognitive Imperativ vor Kritik geschützt ist. Nicht anders verhält es sich im Fall der induzierten Besessenheit. Zwar sind die öffentlichen Orakel durch Verspottung zum Schweigen gebracht, doch bleibt das Autoritätsverlangen nach wie vor so groß, daß jetzt auf breiter Front die Privatbemühungen losbrechen, die Götter zurückzuholen und sie im Mund fast x-beliebiger Menschen wieder zum Reden zu bringen.

Im zweiten Jahrhundert n. Chr. ist eine wachsende Zahl solcher »theurgischer« Kulte zu verzeichnen. Ihre Seancen hielten sie zuweilen in den offiziellen Heiligtümern ab, mit zunehmender Häufigkeit jedoch als Konventikel in privater Umgebung. In der Regel versuchte eine pelestike genannte Person, die das Ganze leitete, den Gott zur zeitweiligen Inkarnation in einer anderen Person zu bewegen; diese zweite Person – katochos oder, in speziellerem Sinn, docheus geheißen – war das, was man heutigentags in einschlägigen Kreisen als ein »Medium« bezeichnen würde.8 Es stellte sich bald heraus, daß die Sache mit einem katochos aus einfachen Verhältnissen, ohne große Bildung, am besten klappte – entsprechende Empfehlungen ziehen sich wie ein Generalbaß durch die gesamte einschlägige Literatur. Iamblichos aus Chalkis, der wahre Apostel dieses Treibens, vermerkt zu Beginn des dritten Jahrhunderts, die besten Medien seien »schlichte junge Leute«. Und das waren ja auch, wie wir uns erinnern, die ungebildeten Bauernmädchen, die man sich aussuchte, um sie als Priesterinnen für das Delphische Orakel zu schulen. In anderen Schriften ist von Heranwachsenden wie dem Knaben Aidesios die Rede, »der nur den Kranz aufzusetzen und in die Sonne zu blicken brauchte, um auf der Stelle in unübertroffener Inspiriertheit ein zuverlässiges Orakel von sich zu geben«. Mit Sicherheit war dies das Ergebnis sorgfältiger Schulung. Daß die induzierte bikamerale Besessenheit erlernt werden mußte, erhellt aus der Tatsache, daß die Orakel geschult wurden, wie auch aus einer Bemerkung des Pythagoras von Rhodos, derzufolge die Götter sich zuerst nur widerstrebend einstellen, später jedoch wenn sie es gewohnt sind, in ein und dieselbe Person einzukehren – mit größerer Bereitwilligkeit.


Das Lernziel bestand nach meiner Theorie darin, die Hervorbringung eines der bikameralen Psyche nahekommenden Zustandes zum konditionierten, durch die Induktionsprozedur abrufbaren Reflex zu machen. Dies ist ein Punkt, der Beachtung verdient: Norma lerweise kommt es uns nämlich nicht in den Sinn, wir könnten eine neue, bewußtlose Mentalität und womöglich ein völlig neues Verhältnis zwischen unseren Hirnhemisphären erlernen wie das Fahrradfahren.

Da es dabei um das Erlernen eines inzwischen zum praktischen Problem gewordenen neurologischen Zustands ging – eines vom Alltagsleben himmelweit unterschiedenen Zustands –, ist es nicht weiter verwunderlich, daß die per Induktion vermittelten Hinweisreize ausgefallen um jeden Preis und vom Alltag denkbar weit entfernt zu sein hatten.

Und das waren sie ohne Frage: Seltsames und Abwegiges in jeglicher Form: Rauchbäder oder Bäder in heiligen Gewässern, sakrale Gewänder und magische Gürtel, bombastische Kränze und geheimsymbolische Abzeichen; man postierte sich in einem Zauberkreis, wie die mittelalterlichen Magier es taten, oder auf characteres, wie Doktor Faustus, als er den Mephistopheles herbeihalluzinierte; man rieb sich Strychnin in die Augen, um Visionen hervorzurufen, wie es in Ägypten Brauch war, oder man wusch sich mit Schwefel und Meerwasser, nach Porphyrios (3. Jh. n. Chr.) ein sehr altes, in Griechenland aufgekommenes Verfahren zur Läuterung der Geistseele, auf daß sie um so eher ein höheres Wesen in sich zu empfangen in der Lage sei. All diese Dinge bewirkten natürlich nur insoweit etwas, als man glaubte, sie bewirkten etwas – so wie auch wir Zeitgenossen einer Spätzeit keinen »freien Willen« haben, es sei denn, wir glauben, wir hätten einen.

Und was dabei bewerkstelligt wurde, die »Gottesempfängnis«, unterschied sich psychologisch nicht von den anderen Formen der Besessenheit, die wir bereits kennengelernt haben. Bewußtsein und normale Reaktivität des katochos waren gewöhnlich völlig ausgelöscht, so daß er auf fremde Hilfe angewiesen war. Und in diesem Zustand tiefer Trance offenbarte dann vermeintlich der »Gott« Vergangenes und Zukünftiges, beantwortete Fragen oder traf Entscheidungen genau wie in den alten griechischen Orakeln.

Welche Erklärung hatte man dafür, wenn die Auskünfte der Götter sich als irrig erwiesen? Nun, dann hatte man wohl versehentlich böse Geister herbeizitiert statt einen echten Gott, oder irgendwelche anderen Geister hatten sich ungebeten in dem Medium breitgemacht. Iamblichos persönlich will einmal in seinem Medium einen Geist demaskiert haben, der sich für Apollon ausgab, aber nichts weiter war als der Geist eines Gladiators. Mit Apologien dieser Art ist die gesamte spiritualistische Dekadenzliteratur der Folgezeit gespickt.

Und wenn die Seance nicht zum Erfolg zu führen schien, unterzog sich häufig der Versammlungsleiter seinerseits einer Induktion durch Läuterungsriten, die ihn in einen halluzinatorischen Zustand versetzte, in dem er dann klarer »sah« oder auch von dem bewußtlosen Medium etwas »hörte«, was dieses womöglich gar nicht gesagt hatte. Dieses »Doubeln« der medialen Rolle, das dem Zusammenspiel zwischen den prophetai und den eigentlichen Orakeln ähnelt, ist die Erklärung für die vielfach berichteten Levitationen des Mediums oder die Größen- und Formveränderungen an dessen Körper.9

Zum Ende des dritten Jahrhunderts hatte unversehens das Christentum die heidnische Welt mit eigenen Autorisiertheitsansprüchen überschwemmt und begann jetzt, sich viele der damals existierenden heidnischen Praktiken zu assimilieren. Zu diesen gehörte auch die Gedankenfigur der Besessenheit, die jedoch im Zuge ihrer Einverleibung in das Christentum ins Transzendentale gewendet wurde. Fast zur gleichen Zeit, als Iamblichos die Herablassung des Göttlichen in Standbilder und analphabetische junge katochoi lehrte, die dergestalt auf dem Weg »energetischer Gemeinschaft« mit einem Gott am göttlichen Wesen »partizipierten«, begann der Vertreter eines Konkurrenzunternehmens, nämlich Athanasius, der Bischof von Alexandria, das gleiche für den Analphabeten Jesus zu reklamieren. Der Messias der Christen hatte bis dahin für gott-ähnlich gegolten, allenfalls für einen Halbgott, in dessen Natur sich seine vorgeblich gemischte Abkunft widerspiegelte. Doch Athanasius gelang es, Kaiser Konstantin, die Konzilsväter zu Nicaea und später den größten Teil der Christenheit davon zu überzeugen, daß Jesus an Jahwe partizipierte, einerlei Wesens mit ihm war: DAS FLEISCHGEWORDENE BIKAMERALE WORT. Wir dürfen, glaube ich, sagen, daß die sich ausbreitende Kirche unter der Bedrohung, in Sekten zu zersplittern, das subjektive Phänomen der Besessenheit zum objektiven theologischen Dogma übersteigerte. Der Zweck, den sie dabei verfolgte, war der, ihren noch weitergehenden Anspruch auf absolute Autorisiertheit zu substantiieren. Für die athanasischen Christen waren die realen Götter wirklich auf die Erde zurückgekehrt und würden abermals wiederkehren.

Merkwürdigerweise hat die erstarkende frühchristliche Kirche weder im Fall des Delphischen Orakels noch im Fall der Sibyllen bestritten, daß hier Verbindung mit überirdischen Realitäten aufgenommen werde. Doch heidnische Seancen mit einfachen Bürschlein als gotterfüllten Medien wurden als theologische Randale behandelt, als boshafter Unfug des Teufels und zwielichtiger Geister. Also daß im selben Zuge, wie sich die Kirche zur politischen Autorität des Mittelalters aufschwingt, die willentlich induzierte Besessenheit verschwindet – zumindest aus der öffentlichen Wahrnehmung. Sie wandert jetzt noch tiefer in den subkulturellen Untergrund, ins Hexenwesen und diverse Formen der Nekromantik ab und taucht von dort nur mehr zeitweilig ins öffentliche Bewußtsein auf.

Auf die gegenwärtige Bedeutung dieser Praxis komme ich alsbald zu sprechen. Zuvor sollten wir jedoch unsere Aufmerksamkeit auf einen kulturellen Nebeneffekt der induzierten Besessenheit richten, ihre eher besorgniserregende Negativform, die ich hier bezeichnen möchte als.


Schwarze Besessenheit

Jenes ausgesprochen sonderbare Relikt der bikameralen Psyche hat nämlich auch eine Kehrseite – seine Nachtseite gewissermaßen. Und sie unterscheidet sich wesentlich von den anderen im vorliegenden Kapitel behandelten Phänomenen. Es ist nämlich keine Reaktion auf eine rituelle Induktion, die zu dem Zweck durchgeführt wird, die bikamerale Psyche wiederzuerlangen. Es ist eine krankhafte Störung, die als Reaktion auf Streß auftritt. Praktisch tritt hier emotionaler Streß an die Stelle der Induktion im allgemeinen bikameralen Paradigma, das im übrigen genau wie im Altertum funktioniert. Und wenn das geschieht, dann fallen allerdings Autorisierung und autorisierende Instanz ganz anders aus.

Diese Andersartigkeit gibt hochinteressante Rätsel auf. Im Neuen Testament, wo erstmals in der Geschichte von solch spontanem Besessensein die Rede ist, heißt es (auf griechisch) daimonizomai, zum Dämon werden.10 Und von damals bis heute eignet dem Phänomen, wann immer es auftaucht, meistenteils jener Negativcharakter, der dem neutestamentlichen Namen anhaftet. Das Woher dieses Negativcharakters ist derzeit noch ungeklärt. In einem früheren Kapitel (Zweites Buch, Viertes Kapitel) habe ich den Ursprung des »Bösen« hypothetisch in das Willensvakuum verlegt, das aus dem Verstummen der bikameralen Stimmen resultiert. Daß der Schauplatz, wo sich das abspielte, Mesopotamien war und insbesondere Babylonien, wohin die Juden im sechsten Jahrhundert v. Chr. ins Exil verschleppt wurden, mag die Erklärung dafür sein, warum beim Einsetzen dieses Syndroms in der Welt, die das Neue Testament beschreibt, der Negativcharakter überwog.

Doch wo immer die eigentlichen Ursachen des Phänomens zu suchen sein mögen: auf der individuellen Ebene müssen sie denjenigen verwandt sein, die für den überwiegend düsternegativen Charakter der Halluzinationen Schizophrener verantwortlich sind. In der Tat springt diese Verwandtschaft zwischen Schwarzer Besessenheit und Schizophrenie bei näherem Hinsehen förmlich in die Augen.

Wie der schizophrene Schub beginnt die Schwarze Besessenheit gewöhnlich mit irgendeiner Art von Halluzination.11 Oft besteht diese in der tadelnden »Stimme« eines »Dämons« oder ähnlichen Wesens, die sich nach einer Periode starker Streßbelastung »hören« läßt. Doch anders als bei der Schizophrenie entwickelt sich die Stimme dann zu einem sekundären Persönlichkeitssystem: Das Subjekt verliert die Selbstkontrolle und verfällt in periodisch auftretende Trancezustände mit Bewußtseinsschwund, während deren der »dämonische« Persönlichkeitsaspekt das Regiment führt. Diese Entwicklung ist wahrscheinlich im Vorliegen eines – durch Gruppen- oder Religionszugehörigkeit bedingten – starken kollektiven kognitiven Imperativs begründet.

Bei den Betroffenen handelt es sich ausnahmslos um Personen ohne nennenswerte Bildung – in der Regel um Analphabeten –, die allesamt aus tiefster Seele an die Existenz von Geistern oder Dämonen oder ähnlichen Wesen glauben und in deren gesellschaftlichem Umfeld dieser Glaube fest verankert ist. Die gewöhnliche Dauer der Anfälle schwankt zwischen mehreren Minuten und ein, zwei Stunden; in der Zeit zwischen den Anfällen ist das Erscheinungsbild des Patienten vergleichsweise normal und erinnert wenig an sein Leiden. Im Gegensatz zu dem, was Schauerromane uns glauben machen wollen, ist die Schwarze Besessenheit hauptsächlich ein sprachliches Phänomen, keine Angelegenheit des faktischen Verhaltens. Unter allen von mir untersuchten Fällen war Delinquenzverhalten gegenüber anderen Menschen die Ausnahme. Der Besessene schießt nicht los und führt sich auf wie ein Dämon: Er redet nur wie einer.

Die Anfallsepisoden sind in der Regel von Leib- und Gliederverrenkungen und -windungen begleitet, wie sie auch bei der induzierten Besessenheit auftreten. Die Stimme ist entstellt, häufig ins Gutturale verschoben, voller Schreie, Seufzer und Vulgarismen, und gewöhnlich lästert und beschimpft sie die anerkannten Gottheiten der jeweiligen Epoche. Fast ausnahmslos herrscht totaler Bewußtseinsverlust, und die betroffene Person scheint währenddem in das Gegenteil ihres normalen Selbst verwandelt. »Er« bezeichnet sich unter Umständen als Gott, Dämon, Geist, Gespenst oder auch als ein Tier (im Orient ist es meist »der Fuchs«), fordert ein Heiligtum oder Anbetung und jagt Krämpfe in den Leib des Patienten, wenn ihm die Erfüllung seiner Forderungen verweigert wird. Von seinem natürlichen Selbst redet »er« gemeinhin in der dritten Person und verächtlich wie von einem nichtsnutzigen Fremden, so wie Jahwe zuweilen seine Propheten wegwerfend behandelt oder die Musen ihre Dichter höhnten.12 Und häufig zeigt »er« sich sehr viel intelligenter und wacher als der Patient im Normalzustand, so wie auch Jahwe und die Musen intelligenter und wacher als ihre Propheten und Dichter waren.

Wie bei der Schizophrenie kommt der Fall vor, daß der Patient ausführt, was er geheißen wird, und – was noch merkwürdiger ist, daß er sich interessiert zeigt am Zustandekommen von Verträgen oder Abmachungen mit seinen Beobachtern, etwa in Gestalt des Versprechens, daß »er« aus seinem Wirt weichen wird, sobald die oder jene Bedingung erfüllt ist; kommen derartige Vereinbarungen zustande, werden sie von dem »Dämon« so getreu und pünktlich erfüllt wie im Alten Testament die zuweilen ähnlichen Bündnisse seitens Jahwes. In gewisser Weise verwandt mit jener Ansprechbarkeit und dem Interesse an Verträgen ist der Umstand, daß die Kur für die spontane, streßbedingte Besessenheit, nämlich der Exorzismus, von den Tagen des Neuen Testaments bis heute stets die gleiche geblieben ist. Sie besteht einfach darin, daß eine Autoritätsperson, die im Namen einer mächtigeren Gottheit auftritt, die Befehlsgewalt an sich reißt und ausübt; häufig erfolgt dies im Anschluß an ein Induktionsritual. Die Rolle des Exorzisten läßt sich im Rahmen des allgemeinen bikameralen Paradigmas als die Funktion der Autorisierungsinstanz interpretieren, aus der nun der »Dämon« seinerseits verdrängt wird. Die kognitiven Imperative des Glaubenssystems, das überhaupt die Form des Leidens bedingt, bedingen auch die Kur.

Das Phänomen ist unabhängig vom Lebensalter, dagegen zeigt es ausgeprägte Geschlechtsspezifik, variierend je nach der historische n Epoche, worin sich seine Verwurzelung in kulturell bedingten Erwartungshaltungen erweist. Die Besessenen, die im Neuen Testament von Jesus oder seinen Jüngern geheilt werden; sind in der überwältigenden Mehrzahl Männer. Vom Mittelalter an ist das Zahlenverhältnis zugunsten der Weiblichkeit verkehrt. Als weiteres Indiz dafür, daß es seine Basis in einem kollektiven kognitiven Imperativ hat, sind die gelegentlich auftretenden Epidemien zu werten, so etwa die epidemische Besessenheit in mittelalterlichen Frauenklöstern oder in Salem (Massachusetts) im achtzehnten Jahrhundert. Oder die epidemischen Fälle, wie sie nach vorliegenden Berichten im neunzehnten Jahrhundert in den Savoyer Alpen vorgekommen sein und manchmal auch heute noch da und dort vorkommen sollen.

Nochmals: bei so frappierenden Veränderungen der Geistesverfassung wie im vorliegenden Fall kommt man um die Frage nach der neurologischen Komponente nicht herum. Was geht da vor? Werden die Sprachzentren der rechten (nichtdominanten) Hemisphäre bei der spontanen Besessenheit ebenso aktiviert wie, nach meiner bereits vorgetragenen Auffassung, bei der induzierten Besessenheit der Orakel? Und sind Verrenkungen und verzerrte Gesichtszüge darauf zurückzuführen, daß die rechte Hemisphäre in die Verhaltenskontrolle eingreift? Der Umstand, daß es sich bei der Mehrzahl der Betroffenen (wie ja auch generell bei den Sibyllen und bei den meisten Orakeln) um Frauen handelt, sowie der weitere Umstand, daß Frauen (zur Zeit und in unserer Kultur) weniger lateralisiert sind als Männer, deuten zusammengenommen in diese Richtung.

Zumindest in einem Teil der Fälle setzt die Besessenheit mit linksseitigen Körperverrenkungen ein, was auf die Stichhaltigkeit der vorgetragenen Vermutungen hindeutet. Betrachten wir einen Fall, der aus der Zeit kurz nach der Jahrhundertwende berichtet wird. Es handelt sich um eine siebenundvierzigjährige Japanerin ohne Schulbildung, die sechs- , siebenmal täglich vom »Fuchsgeist« (wie sie selber sagte) besessen wurde, und zwar stets mit der gleichen Lateralsymptomatik. Ihr Arzt berichtet darüber:


Zuerst zeigten sich leichte, dann stärkere Zuckungen links um den Mund und im linken Arme. Sie schlug sich mit der geballten rechten Faust wiederholt heftig auf die linke Brust, die von früheren solchen Anlässen her ganz geschwollen und blutrünstig war, und sagte zu mir: Ach Herr, jetzt regt er sich hier wieder, hier in meiner Brust.« Da kam plötzlich aus ihrem Munde eine fremde scharfe Stimme in schnarrendem Ton: »Ja, freilich bin ich da, und glaubst du dumme Gans etwa, daß du mich hindern kannst?« Darauf die Frau zu uns: »Ach Gott, ihr Herren, verzeiht, ich kann gewiß nichts dafür.« Dann sich immer wieder auf die Brust schlagend und mit dem linken Gesicht zuckend zum Fuchs: »Sei still, Bestie, schämst du dich denn gar nicht vor diesem Herrn?« ... Die Frau droht ihm, beschwört ihn, ruhig zu sein. Er unterbricht sie, und nach kurzer Zeit ist er im Alleinbesitz des Denkens und der Sprache. Mit einer unfaßlichen Schlagfertigkeit antwortet er auf alle Fragen, hat sofort für alles eine Erklärung bereit. Die Frau ist jetzt passiv wie ein Automat, versteht offenbar nicht mehr deutlich, was man ihr sagt, an ihrer Stelle erwidert immer hämisch der Fuchs ... Nach zehn Minuten spricht der Fuchs undeutlicher ... nach einiger Zeit ist [die Frau] wieder ganz normal. Sie kennt die Vorgänge im ersten Teile des Anfalles genau, während sie über die Zeit der Alleinherrschaft des Fuchses keine genaue Auskunft geben kann... Sie bittet weinend um Entschuldigung und Vergebung wegen des abscheulichen Benehmens des Fuchses.13

Aber das ist ein Einzelfall. Ein Patient mit derart ausgeprägter Lateralsymptomatik ist mir kein zweites Mal untergekommen.

Beim Rätselraten über die Neurologie der Schwarzen Besessenheit kann, wie ich meine, ein Blick auf ein modernes Leiden, das sogenannte »Lillesdela-Tourette-Syndrom«14 (zuweilen auch als Koprolalie und »Zotenreißerkrankheit« [foulmouth disease] bezeichnet), nützliche Hinweise vermitteln. Die ausgefallene Symptomatik setzt gewöhnlich im Kindheitsalter mit fünf Jahren, in manchen Fällen früher ein; sie besteht dann unter Umständen lediglich in wiederholten Gesichtszuckungen oder in einem zusammenhanglos gebrauchten verpönten Wort. Im Lauf der Zeit wird daraus der unbeherrschbare Zwang, mitten in einem sonst normal verlaufenden Gespräch krasse Unflätigkeiten, Grunzer, Blaffer oder Flüche hervorzustoßen; daneben entwickeln sich allerlei Gesichtstics, zwanghaftes Zungeherausstrecken und dergleichen. Das alles setzt sich dann, sehr zum Kummer des Patienten, im Erwachsenenleben fort. Selber am meisten entsetzt und verlegen über ihre unkontrollierbaren Ausbrüche von Vulgarität, wissen sich diese Menschen in ihrer Angst vor der Blamage oftmals keinen anderen Rat, als überhaupt nicht mehr aus den eigenen vier Wänden hinaus und unter Menschen zu gehen. In einem mir bekannten Fall aus jüngerer Zeit erfand sich ein Mann als Schutz vor dem Entdecktwerden ein schweres Blasenleiden, das ihn zu häufigem Wasserlassen zwinge. In Wirklichkeit spürte er jedesmal, wenn er im Restaurant oder in der Wohnung seiner Gastgeber auf die Toilette stürzte, die verbalen Gemeinheiten in sich aufsteigen, die er dann in der Abgeschiedenheit des stillen Örtchens herausließ, um sich Erleichterung zu verschaffen.15 Was dieser Mann da in sich spürte, dürfte nicht unähnlich gewesen sein dem Feuer, das in den Gebeinen des Propheten Jeremia verschlossen war (Jeremia 20, 9; vgl. hier Zweites Buch, Sechstes Kapitel), wenngleich das semantische Ergebnis davon ein (indes durchaus nicht absolut) anderes war.

Was das Tourette-Syndrom für uns interessant macht, ist seine unverkennbare Ähnlichkeit mit der Anfangsphase der streßbedingten Besessenheit – eine Ähnlichkeit, die so weit geht, daß sich die Vermutung, ein und’ derselbe physiologische Mechanismus bilde die Basis beider Phänomene, förmlich aufdrängt. Und dieser Mechanismus könnte sehr wohl eine unvollständige Dominanzlateralisierung sein, die sich in der Weise auswirkt, daß sich die Sprachzentren der rechten Hemisphäre (möglicherweise stimuliert durch Impulse aus den Basalganglien) unter Bedingungen, wie sie beim bikameralen Menschen zu Halluzinationen geführt hätten, periodisch in das Sprachverhalten einmischen. Demnach überrascht es nicht, daß nahezu alle unter dem Tourette-Syndrom leidenden Personen ein anomales Gehirnwellenbild aufweisen, daß bei einem Teil von ihnen das Zentralnervensystem geschädigt ist, daß sie in der Regel Linkshänder sind (bei der Mehrzahl der Linkshänder ist die Dominanz nicht einseitig, sondern gemischt lateralisiert) und daß die Symptome ungefähr im fünften Lebensjahr einsetzen, also zu der Zeit, da die neurologische Entwicklung der Hemisphärendominanz in bezug auf die Sprachfunktion ihren Abschluß erfährt.

Als Aussage über unser Nervensystem ist all das höchst wichtig, andererseits aber auch wieder Anlaß für Unbehagen. Denn obschon ich von der grundsätzlichen Richtigkeit des im Fünften Kapitel des Ersten Buches vorgestellten neurologischen Modells überzeugt bin, sind wir augenblicklich dabei, uns immer weiter von ihm zu entfernen. Es ist ganz unwahrscheinlich, daß bei den Fällen von neuzeitlicher Geistbesessenheit die rechtshemisphärischen Sprachzentren direkt an der Artikulation der Rede als solcher beteiligt sind. Eine dahingehende Hypothese stünde im Widerspruch zu so vielen klinischen Befunden, daß sie von ganz abartigen Ausnahmefällen abgesehen von vornherein als unhaltbar ausscheidet.

Größere Wahrscheinlichkeit hat die Möglichkeit für sich, daß der Unterschied zwischen der bikameralen Psyche und den modernen Besessenheitszuständen darauf beruht, daß im Fall der ersteren die Halluzinationen de facto in der rechten Hemisphäre organisiert und von dort ins Gehör übermittelt wurden; bei der Besessenheit dagegen fällt die Artikulation der Rede in den Bereich der normalen linkshemisphärischen Sprachfunktion, die jedoch unter Kontrolle oder Lenkung von seifen der rechten Hemisphäre steht. Mit anderen Worten: das Pendant zum Wernicke-Zentrum in der rechten Hemisphäre bedient sich des Broca-Zentrums in der linken Hemisphäre als Instruments, woraus eben deren Trancezustand und Depersonalisierung resultiert. Ein solchermaßen überkreuztes Steuerungsverhältnis ist möglicherweise das neurologische Substrat für das Schwinden des normalen Bewußtseins.


Besessenheit in der Welt der Gegenwart

Anhand einer zeitgenössischen Form von induzierter Besessenheit möchte ich im folgenden den einigermaßen schlüssigen Beweis dafür liefern, daß es sich bei dem Phänomen um das Ergebnis eines Lernprozesses handelt. Das geeignetste Demonstrationsbeispiel, das ich finden konnte, ist die Umbanda- Religion, wie sie heute in Brasilien praktiziert wird: Es ist die zahlenmäßig bei weitem stärkste der afroamerikanischsynkretistischen Religionen, denen heute mehr als die Hälfte der brasilianischen Bevölkerung anhängt. Menschen mit jedem nur erdenklichen ethnischen Hintergrund glauben an sie als eine Quelle verbindlicher Entscheidungen, und ganz bestimmt haben wir es in ihr mit dem ausgedehntesten Vorkommen von induzierter Besessenheit seit dem dritten nachchristlichen Jahrhundert zu tun.

Spielen wir also einmal Zuschauer bei einer typischen gira, einer »Rundreise«, wie die Umbanda-Zusammenkünfte treffend genannt werden.16 Der Schauplatz, wo dergleichen heute stattfindet, ist vielleicht der Oberstock eines Lagerhauses oder eine leerstehende Autowerkstatt. Ein knappes Dutzend Medien (zu zwei Dritteln Frauen), feierlich in Weiß gekleidet, tritt aus einem Umkleideraum vor den weißdrapierten, mit Blumen, Kerzen und christlichen Heiligenbildern und -Statuen überladenen Altar, erwartet von einem etwa hundertköpfigen Teilnehmerpublikum, das, durch eine Schranke vom Ort des Rituals abgetrennt, den Rest des Raumes füllt. Unter dem Getrommel der Musikanten und dem Gesang des Publikums beginnen die Medien, ihre Körper in schwingende Bewegung zu versetzen oder zu tanzen. Die Bewegung erfolgt dabei stets gegen den Uhrzeigersinn, das heißt ausgehend von motorischen Impulsen aus der rechten Hirnhemisphäre. Daran anschließend findet eine Art Gottesdienst nach christlichem Vorbild statt. Danach erneut frenetisches Getrommel, alles singt, und die Medien beginnen ihre Geister zu rufen; manche kreiseln dabei linksum wie wirbelnde Derwische, womit sie neuerlich die rechte Hemisphäre erregen. Jetzt wird deutlich, warum das Medium mit einer expliziten Metapher als cavalo, Pferd, bezeichnet wird. Von dem Geist um welchen auch immer es sich im Einzelfall handeln mag – wird angenommen, daß er sich in sein cavalo hinabläßt, und während das geschieht, wirft das Medium Kopf und Brustkorb gegenstrebig vor und zurück wie ein Wildpferd beim Eingerittenwerden. Dabei fliegen die Haare wild um den Kopf. Das Gesicht nimmt einen verzerrten Ausdruck an wie bei den bereits erwähnten Besessenheitsformen der Antike. Die Körperhaltung verändert sich zum Abbild irgendeines der verschiedenen Geister, die nach allgemeiner Überzeugung im Ritual von ihrem Medium Besitz ergreifen. Ist diese Besitzergreifung abgeschlossen, das Medium also vollständig »besessen«, tanzen die »Geister« vielleicht noch für eine Weile oder tauschen in diesem Besessenheitsstadium untereinander Grußformalitäten aus oder treiben sonst etwas, das zum Bild dieses oder jenes speziellen Geistes paßt, um dann, sobald das Trommeln aussetzt, jeder seinen vorbestimmten Platz einzunehmen, wo sie in absonderlicher Haltung – die Hände mit auswärts gekehrten Handflächen seitlich herabhängend und unter ebenso absonderlichem fortwährendem Fingerschnicken darauf warten, daß einzelne Teilnehmer aus dem Publikum zur consulta an sie herantreten. Bei der consulta erteilt das besessene Medium auf die entsprechende Bitte hin eine konkrete Anweisung, wie in der oder jener Angelegenheit praktisch zu verfahren sei; die angesprochenen Probleme können aus allen möglichen Lebensbereichen stammen – sie können zum Beispiel die Frage betreffen; wie man Arbeit findet oder behält oder wie man ein Geldgeschäft abwickeln soll, oder sie betreffen Familienstreitigkeiten, eine Liebesaffäre und unter Umständen, wenn die Ratsuchenden Schüler oder Studenten sind, sogar die Frage, wie man sic h am zweckmäßigsten auf eine bevorstehende Prüfung vorbereitet.

Der Beweis dafür, daß die Besessenheit eine erlernte Geistesverfassung darstellt, ist nun allerdings in diesem brasilianischen Kult mit Händen zu greifen. Auf einem bairro- Spielplatz kann man gelegentlich Kinder beobachten; wie sie im Spiel die charakteristischen Ruckbewegungen von Kopf und Brustkorb nachahmen, die im Ritual zur Herbeiführung und Beendigung des Besessenheitszustands eingesetzt werden. Sobald ein Kind den Wunsch bekundet, Medium zu werden, wird es darin bestärkt und erhält die entsprechende Spezialausbildung- so wie die Bauernmädchen, die in Delphi oder wo auch immer im griechischen Kulturbereich als Orakel rekrutiert wurden. Ja, manche der zahlreichen Umbanda-Zentren (allein in Sao Paulo gibt es 4000) halten regelmäßig Schulungskurse ab, und die dabei angewandten Unterrichtsmethoden umfassen verschiedene Techniken, die Neophyten in einen Zustand der Bewußtseinstrübung zu versetzen, um ihnen alsdann den Eintritt in den Trancezustand wie auch hypnoseähnliche Techniken beizubringen. Und im Trancezustand wird den Novizen oder Novizinnen dann weiter beigebracht, wie jeder einzelne der in Frage kommenden Geister sieh aufführt. Diese Differenzierung unter den in der Besessenheit auftretenden Geistern ist ein wichtiger Umstand, bei dem ich noch etwas länger verweilen möchte, um seine kulturelle Funktion zu verdeutlichen.

Relikte der bikameralen Psyche existieren nicht in irgendeinem luftleeren psychologischen Raum. Das bedeutet: sie sind nicht als isolierte Erscheinungen aufzufassen, die einfach innerhalb einer Kultur auftauchen, um es sich dort auf ihren Lorbeeren von Anno dunnemals bequem zu machen und/oder ein müßiggängerisches Eckensteherdasein zu führen, sondern ihr Lebensraum ist stets die vitale Mitte einer Kultur oder Subkultur: Sie sind die Energie und Antriebskraft des Unausgesprochenen und Subrationalen. In der Tat bilden sie den irrationalen und nicht hinterfragbaren Quell- und strukturellen Vereinigungspunkt der fraglichen Kultur. Und die Kultur ist ihrerseits wieder Substrat des Bewußtseinstyps ihrer Individuen, der Art und Weise, wie das »Ich qua-Metapher« vom »Ichqua- Analogon« »wahrgenommen« und wie exzerpiert wird, sowie der Zwänge, die für Narrativierung und Kompatibilisierung gelten.

Und die Relikte der bikameralen Psyche, um die es augenblicklich geht, bilden durchaus keine Ausnahme davon. Ein Besessenheitskult wie der der Umbands funktioniert als mächtiger psychologischer Rückhalt für die Massen seiner armen, unterprivilegierten, hungernden Anhänger. Er ist durchsetzt mit dem Grundgefühl der caridade, der Nächstenliebe, in dem dieses bunte Gemisch politisch Machtloser, durch Verstädterung und ethnische Ungleichheit Entwurzelter Trost und Zusammenhalt findet. Und betrachten wir die einzelnen Formen neurologischer Organisation, wie sie in den von den Medien Besitz ergreifenden Geistern repräsentiert erscheinen. Sie erinnern an die privaten Fürsprechergottheiten der Sumerer und Babylonier, die als Vermittler zu den Obergöttern auftraten. Jedes Medium kann am jeweiligen Abend von einem einzelnen der namentlich bekannten Geister aus irgendeiner der vier Hauptklassen von Geistern besessen sein. Diese Klassen sind, nach der Häufigkeit des Auftretens ihrer Mitglieder geordnet:

– die caboclos, Geister brasilindianischer Krieger, deren Rat in Situationen gefragt ist, die schnelles und entschlossenes Handeln verlangen, so etwa, wenn es darum geht, einen Arbeitsplatz zu finden oder zu behalten.
– die pretos velhos, Geister der alten afrobrasilianischen Sklaven, deren Geschick sich beim Lösen lange verschleppter persönlicher Probleme bewährt.
– die criantas, Geister verstorbener Kinder, deren Medien ausgelassenheitere Ratschläge geben.
– die exus (Dämonen) und – in der weiblichen Spielart-pombagiras (Ringeltauben), Geister böswilliger Landesfremder, deren Medien niederträchtige und aggressive Ratschläge geben.

In jedem dieser vier Haupttypen von Geistern ist jeweils eine ethnische Gruppe aus dem Völkergemisch der Anhängerschaft repräsentiert: Indios, Afrikaner, Brasilianer (die criantas sind »unseresgleichen«) und Europäer. Und jeder verkörpert ein anderes Familienverhältnis des Ratsuchenden: das zu Vater, Großvater oder Geschwistern, oder er verkörpert das Verhältnis zu Familienfremden. Dazu repräsentiert jeder einen anderen Entscheidungsbereich: rasche Entschlüsse angesichts konkreter Handlungsalternativen, Trost und Zuspruch bei persönlichen Problemen, Ratschläge, die auf Ausgelassenheit und Zeitvertreib zielen, und Entscheidungen in Angelegenheiten, bei denen Aggressionen im Spiel sind. Auch für die griechischen Götter war das Unterscheidungsmerkmal ursprünglich die Zuständigkeit für einen bestimmten Entscheidungsbereich: Die Geister der Umbands weisen also in diesem Punkt direkte Ähnlichkeit mit ihnen auf. Und das Ganze ähnelt einer in sich vierdimensionalen Struktur oder Metaphernmatrix, die zwischenmenschliche Bindungen und kulturellen Zusammenhalt stiftet.

Und das alles ist, wie ich meine, ein Überbleibsel der bikameralen Psyche in dem nunmehr jahrtausendealten Prozeß der Anpassung an eine neue Mentalität.

Die echte Besessenheit, so wie sie von Platon und anderen geschildert wird, findet nach einhelliger Meinung nur im bewußtlosen Zustand statt, und eben darin liegt der Unterschied zwischen ihr und der Schauspielerei, dem Nursotunalsob. Bei der Ausbildung der Orakel muß jedoch mit Abstufung und Zwischenschritten gearbeitet worden sein, bis jener Zustand erreicht war. Und genau das ist, nach allem, was wir wissen, auch bei den brasilianischen Besessenheitskulten der Fall. Für den jugendlichen Initianden beginnt die Sache vielleicht damit, daß er/sie Besessenheit schauspielerisch darstellt, und die nächsten Schritte der Ausbildung führen dann zu dem Ziel, daß er/sie zwischen der Redeweise der Geister und dem, was er/sie selber normalerweise sagen würde, zu unterscheiden vermag. Das nächste Ausbildungsstadium bringt ein Oszillieren zwischen Bewußtsein und Bewußtlosigkeit. Und dann schließlich ist die vollendete Besessenheit erreicht – das heißt, wenn ich oben richtig vermutet habe, der Brückenschlag zwischen Wernicke-Zentrum rechts und Broca-Zentrum links geschafft und damit jener heißbegehrte Zustand von Bewußtlosigkeit ohne alle Erinnerung an das, was geschieht. Davon kann freilich nicht bei allen Medien die Rede sein. Und bei einer derart verbreiteten pseudobikameralen Praxis wie dem Umbandakult darf man nichts anderes erwarten, als, daß Schauspielerei und Trance von unterschiedlicher Qualität oder unterschiedlichen Echtheitsgraden in wechselndem Mischungsverhältnis miteinander verbunden sind und das mitunter sogar in ein und demselben Medium.


Glossolalie

Zum Abschluß sei noch auf ein Phänomen eingegangen, das eine schwache Ähnlichkeit mit der induzierten Besessenheit aufweist: die Glossolalie, in der Apostelgeschichte (10, 46; 19, 6) als das »Reden in Zungen« erwähnt. Glossolalie ist das fließende Reden in artikulierten Lauten, die sich wie Laute einer unbekannten Sprache anhören; ein Reden, dem sogar der Sprecher selbst keinen Sinn abzugewinnen vermag, ja an das er sich hinterher in den seltensten Fällen überhaupt noch erinnert. Das Phänomen scheint erstmals innerhalb der urchristlichen Gemeinde aufgetreten zu sein,17 nämlich als das sogenannte Pfingstwunder, das als Ausgießung des Heiligen Geistes über die versammelten Apostel oder als deren Erfüllung mit dem Heiligen Geist beschrieben wird. Das Ereignis wurde bald als die Geburtsstunde der christlichen Kirche angesehen und im Pfingstfest – am fünfzigsten Tag nach Ostern gefeiert.18 Im 2. Kapitel der Apostelgeschichte wird es geschildert als »ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes«, der zerteilte Zungen »wie von Feuer« mit sich führt und unter dessen Einfluß die Apostel wie betrunken in fremden Sprachen zu predigen beginnen, die sie nie gelernt haben.

Der veränderte Geisteszustand, wie er den Aposteln und ihresgleichen widerfuhr, fand seine Autorisierung in sich selbst. Die Praxis breitete sich aus. Bald redeten die Frühchristen allerorten in Zungen. Paulus erhob die Glossolalie in gleichen Rang mit der Prophetie (1. Korinther 14). Und in der nachpaulinischen Geschichte gab es immer wieder Perioden, in denen das Zungenreden als Ersatz für die verlorengegangene Autorität der bikameralen Psyche in Mode war.

Die Formen, in denen es bis in die jüngste Zeit hinein praktiziert wird – und zwar nicht nur von theologisch extrem konservativen Sekten, sondern auch im Umkreis von Kirchen, die der Hauptlinie des Protestantismus zuzurechnen sind-, haben dem Phänomen die Aufmerksamkeit der Wissenschaft zugezogen, die ihrerseits einige interessante Ergebnisse produzierte. Die Glossolalie des Individuums manifestiert sich beim erstenmal stets im Gruppenzusammenhang und stets im Rahmen einer gottesdienstlichen Veranstaltung. Den Faktor Gruppe habe ich hervorgehoben, weil ich glaube, daß diese Bekräftigung des kollektiven kognitiven Imperativs unerläßlich ist für eine besonders tiefe Art von Trance. Häufig trifft man auch auf eine Phase, die einer Induktion entspricht, so insbesondere aufputschenden Gesang, gefolgt von den Zurufen eines charismatischen Führers: »Wenn ihr merkt, daß irgend etwas mit eurem Sprechen vorgeht, dann sperrt euch nicht dagegen – laßt es einfach geschehen!«19

Bei wiederholter Teilnahme an derartigen Zusammenkünften lernen die Gläubigen durch die Beobachtung der Glossolalie anderer Teilnehmer zunächst einmal, in einen Zustand tiefer Trance einzutreten, in dem sie – bei stark vermindertem oder völlig ausgelöschtem Bewußtsein auf exterozeptive Reize nicht mehr reagieren. Die Trance ist in diesem Fall eine nahezu autonome: mit Schütteln, Schauern, Schweißbildung, Zuckungen und Tränenfluß verbunden. Daraufhin lernt der oder die Betreffende auf irgendeine Weise, »es geschehen zu lassen«. Und dann geschieht es auch, laut und deutlich, am Ende jedes Satzes in Stöhnen ausklingend: aria ariari isa, vena amiria asaria!20 Es ist ein stampfender Rhythmus, und so ähnlich mögen die hexametrischen Daktylen auf die Zuhörer der aoidoi gewirkt haben. Das Erstaunliche dabei ist: dieser regelmäßige Wechsel von betonten und unbetonten Silben, der so sehr an das Versmaß der homerischen Epen erinnert, ändert sich mit der Muttersprache des Sprechers ebensowenig wie die steigende und zum Satzende hin abfallende Intonationskurve. Gleichgültig, ob der »in Zungen Stammelnde« Brite, Portugiese, Spanier, Indonesier, Schwarzafrikaner oder Maya ist, gleichgültig auch, an welchem Schauplatz das Geschehen stattfindet – das Schema der Glossolalie ist immer das gleiche.21

Nach der Glossolalie schlägt der Betreffende die Augen auf und kehrt von seinem bewußtlosen Höhenflug langsam in die staubigen Niederungen der Realität zurück. Er erinnert sich kaum an das, was mit ihm vorgegangen ist. Aber man erzählt es ihm. Er war vom Heiligen Geist besessen. Gott hatte sich ihn zur Marionette auserkoren. Seine Sorgen lösen sich in Hoffnung auf, und sein Kummer schlägt in Freude um. Das ist die höchstmögliche Autorisierung, die man erfahren kann, denn der Heilige Geist ist ja eins mit dem letzten Ursprung allen Seins. Gott hat sich herabgelassen, in seinem nichtswürdigen Diener Quartier zu nehmen, und hat mit des Dieners eigener Zunge göttliche Worte gesprochen. Der Mensch ist zum Gott geworden – für wenige Augenblicke.

Aus mystischem Halbdämmer ins nüchterne Tageslicht gerückt, sieht die Sache nicht mehr ganz so erhebend aus. Zwar besteht das Phänomen nicht im simplen Hervorstoßen sinnloser Laute, und der Normalmensch wäre kaum imstande, derlei mit gleicher Flüssigkeit und Durchgebildetheit zu imitieren; doch steckt in allem, was da laut wird, nicht die geringste semantische Bedeutung. Spielt man Tonbandaufzeichnungen von Glossolalie Angehörigen der gleichen Religionsgruppe vor, so hört jeder von ihnen etwas anderes heraus.22 Daß alle derartigen Stimmäußerungen einander im Metrum ähneln, unabhängig von Kulturzugehörigkeit und Muttersprache der Glossolalierenden, ist vermutlich ein Anzeichen dafür, daß im gleichen Ausmaß, wie die Trance die kortikale Kontrolle schwächt, rhythmische Entladungen aus subkortikalen Strukturen ins Spiel gelangen.23

Die Fähigkeit des Zungenredens ist nicht von Dauer. Sie verliert sich mit der Zeit. Je öfter sie ausgeübt wird, desto bewußter wird sie, und das zerstört den Trancezustand. Einer der wesentlichsten Parameter des Phänomens ist – zumindest bei Gruppen mit höherem Bildungsstand, bei denen der kollektive Imperativ sowieso schwächer ausgebildet ist- die Gegenwart eines charismatischen Führers, der dem einzelnen das Zungenreden überhaupt erst beibringt. Soll die Fähigkeit dann, solange das überhaupt möglich ist, bewahrt werden – und die Euphorie, die sich hinterher einstellt, macht die Glossolalie zu einem innigst erwünschten Geisteszustand –, so geht das nur unter der Bedingung, daß die Beziehung zu dem autoritativen Führer aufrechterhalten wird. Im letzten ist es also bei der Sache um die Fähigkeit zu tun, die bewußte Herrschaft über die physiologischen Steuerungsmechanismen des Sprachapparats angesichts einer als wohlwollend empfundenen Autoritätsfigur aufzugeben. Wie vorauszusehen, erweisen sich Glossolalierende im Thematischen Apperzeptions-Test als unterwürfiger gegenüber real anwesenden Autoritätsfiguren, leichter durch sie beeinflußbar und willensabhängiger von ihnen als Personen, die keinerlei Eignung zum Zungenreden aufweisen.24

Halten wir fest: die Konfiguratio n seiner Parameter – nämlich der starke kognitive Imperativ eines religiösen Glaubens vor dem Hintergrund einer Gruppe mit engem Zusammenhalt; Bewußtseinsverengung bis zum Trancestadium; eine archaische Autorisierungsinstanz einesteils im Heiligen Geist, zum andern in dem charismatischen Führer – die Konfiguration dieser Parameter ist es, was uns berechtigt, das Zungenreden als ein weiteres Beispiel für das allgemeine bikamerale Paradigma und mithin als Relikt der bikameralen Psyche zu betrachten.

Aria ariari isa, vena amiria asaria
Menin aeide thea Peleiadeo Achilleos

Diese Gegenüberstellung des Klangbilds der Glossolalie und des Klangbilds der griechischen Epen (die zweite zitierte Zeile ist der erste Vers der »Ilias«) dient hier nicht etwa der bloßen rhetorischen Ausschmückung meines Vortrags. Sondern es ist ein sehr gezielter Vergleich. Er soll uns unter anderem an dieser Stelle den Einstieg in das folgende Kapitel eröffnen. Denn wir sollten unsere Betrachtung von Kulturkuriosa nicht beenden, ohne uns zumindest überblicksartig einmal klargemacht zu haben, was für ein sonderbar, abweichend, wahrhaft tiefgründig und letztlich im eigentlichen Wortsinn fragwürdig Ding die dichterische Rede ist.

EINFÜHRUNG | BUCH 1 | BUCH 2 | BUCH 3

1. Kapitel 1: Das Streben nach Autorisierung

2. Kapitel 2: Von Propheten und Besessenheit

3. Kapitel 3: Von Dichtung und Musik

4. Kapitel 4: Die Hypnose

5. Kapitel 5: Die Schizophrenie

6. Kapitel 6: Die Augurien der Wissenschaft