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The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind
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German Translation
Der Ursprung des Bewußtsein
Julian Jaynes
(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)
Zweites Kapitel: Von Propheten und Besessenheit
Dem Leser dürfte die große Lücke in der hier vorgetragenen
Theorie der Orakel, über die ich im vorigen nonchalant
hinweggeglitten bin, nicht entgangen sein. Ich habe das
allgemeine bikamerale Paradigma als Relikt der bikameralen
Psyche bezeichnet. Gleichwohl handelt es sich bei dem durch
Bewußtseinsverengung oder Bewußtseinsverlust
gekennzeichneten Entrückungszustand nicht um ein Replikat der
bikameralen Psyche (jedenfalls gilt dies für das vierte und
spätere Stadien des Orakulierens). Vielmehr haben wir es (vom
vierten Stadium an bis zum Verschwinden der Orakel) mit
einem vollständigen Dominieren der Gott-Komponente über die
Person und ihr Sprechen zu tun – einem Dominieren, das zwar
die Person als Resonanzboden benutzt, ihr aber nicht gestattet,
sich hinterher an das Vorgefallene zu erinnern. Dieses
Phänomen kennt man unter dem Namen Besessenheit.
Ein Phänomen, das uns Fragen aufgibt. Fragen, die sich nicht
nur auf die längst vergangenen Orakel des Altertums beziehen.
Besessenheit tritt auch heute noch auf und ist über lange
historische Zeiten hin immer wieder aufgetreten. Sie kommt in
einer Negativform vor, die im neutestamentarischen Galiläa eine
der verbreitetsten Krankheiten gewesen zu sein scheint. Und mit
guten Gründen ließe sich behaupten, daß zumindest ein Teil der
Wanderpropheten in Mesopotamien, Israel, Griechenland und
anderswo nicht einfach irgend etwas an die Zuhörer weitergab,
was zuvor halluzinativ gehört worden war, sondern daß die
göttliche Botschaft unmittelbar vom Stimmapparat des
Propheten ausging, ohne daß dieser Kenntnis von dem Vorgang
gehabt oder sich hinterher hätte daran erinnern können. Wer wie
ich den damit verbundenen Zustand als Bewußtlosigkeit
bezeichnet, schuldet dafür einige Erklärungen. Denn könnte
man nicht ebensogut auch sagen, daß es sich nicht um einen
»Verlust« des Bewußtseins, sondern um seinen Austausch gegen
eine neue, andersgeartete Form von Bewußtsein handelt? Doch
was könnte das konkret bedeuten? Oder ist es vielleicht so, daß
jene Sprachorganisation des Nervensystems, die aus dem
vermeintlich besessenen Menschen spricht, Bewußtsein im Sinn
des (hier im Zweiten Kapitel des Ersten Buches dargelegten)
Narrativierens in einem »Innenraum« gar nicht kennt?
Auf diese Fragen gibt es keine kurzen und bündigen
Antworten. Der Umstand, daß wir den Sachverhalt des
Besessenseins von metaphysischen Wesenheiten als
ontologischen Unfug abtun dürfen, sollte uns nicht blind machen
für die psychologischen und historischen Einsichten, die sich
aus der genauen Untersuchung solcher Auswüchse der
Geschichte und des Glaubens gewinnen lassen. In der Tat muß
jede Theorie über das Bewußtsein und seinen Ursprung in der
Zeit sich auch diesen rätselhaften Abseitigkeiten stellen. Und ich
behaupte nachdrücklich, daß die hier vertretene Theorie besser
als jede andere in der Lage ist, in diese dunklen Ecken und
Winkel der Psychohistorie hineinzuleuchten. Denn solange wir
an der rein biologischen Evolution des Bewußtseins im Rahmen
der Entwicklungsgeschichte der niederen Wirbeltiere festhalten,
sind die erwähnten Phänomene für uns unzugänglich und in
ihrer historisch wie kulturell abseitigen Natur nicht einmal
ansatzweise zu begreifen. Allein die Voraussetzung, daß
Bewußtsein unter dem Diktat eines kollektiven kognitiven
Imperativs erlernt wird, ermöglicht uns überhaupt erst einen
rationalen Zugriff auf die erwähnten Fragen.
Der erste Schritt zum Verständnis eines psychischen
Phänomens besteht darin, seine historische Zeitdauer
einzugrenzen. Wann ist es erstmals aufgetreten?
Die Antwort darauf braucht man, jedenfalls soweit es um
Griechenland geht, nicht lange zu suchen. Nirgendwo in der
»Ilias« oder der »Odyssee« oder sonst einer frühgriechischen
Dichtung findet sich auch nur der leiseste Hinweis auf
Besessenheit oder sonst etwas dergleichen. Während des
eigentlich bikameralen Zeitalters kommt es niemals vor, daß ein
»Gott« durch den Mund eines Menschen spricht. Dagegen ist
diese Erscheinung allen Anzeichen nach bis um 400 v. Chr.
genauso selbstverständlich geworden, wie es heute etwa
Kirchenbauten sind: Nicht nur in den zahlreichen öffentlichen
Orakeln, sondern auch in einzelnen Privatleuten ist sie über ganz
Griechenland verbreitet. Die bikamerale Psyche ist
verschwunden und hat die Besessenheit als Rückstand
hinterlassen.
Im vierten Jahrhundert v. Chr. läßt Platon den Sokrates mitten
in einem Dialog über politische Fragen beiläufig hinwerfen:
»Gottbesessene Menschen sagen viel Wahres, wissen aber
nichts von dem, was sie sagen«1 – so beiläufig, als könne man
solchen Propheten an jeder Straßenecke von Athen begegnen.
Und was die Bewußtlosigkeit der zeitgenössischen Orakel
betrifft, so läßt er daran keinen Zweifel:
... denn die Prophetie ist ein Wahnsinn, und die Prophetin zu
Delphi und die Priesterinnen zu Dodona haben im Wahnsinn
vieles Gute in privaten und öffentlichen Angelegenheiten
unserer Hellas zugewendet, bei Verstande aber Kümmerliches
oder gar nichts.2
Und gleichermaßen bedeutet in der Folgezeit die
vermeintliche Besessenheit stets die Auslöschung des
gewöhnlichen Bewußtseins. Vierhundert Jahre nach Platon, im
ersten nachchristliche n Jahrhundert, stellt Philon aus Alexandria
kategorisch fest:
Wenn ihn [einen Propheten] die Begeisterung ankommt,
verliert er das Bewußtsein, sein Denken schwindet dahin und
verläßt die Festung seiner Seele, wo hingegen nun der göttliche
Geist eingezogen ist und Wohnung genommen hat, und dieser
bringt alle Organe zum Klingen, so daß der Mensch allem, was
der Geist ihm eingibt, klaren Ausdruck verleiht.3
Das gilt auch noch im folgenden Jahrhundert, wo Aristides
über die Orakelpriesterinnen zu Dodona schreibt, daß sie
solange sie noch nicht von Begeisterung ergriffen sind, nicht
wissen, was sie sagen werden, ebensowenig wie sie sich, sobald
sie wieder zu Verstand gekommen sind, erinnern können, was
sie gesagt haben, also daß jedermann von dem weiß, was sie
sagen, nur sie selber nicht.4
Und Iamblichos aus Chalkis, der führende Kopf des
Neuplatonismus zu Beginn des dritten Jahrhunderts, behauptete,
daß die göttliche Besessenheit eine »Teilhabe« am Göttlichen
sei, daß sie in einer »Vergemeinschaftung von Energie«
zwischen Gott und Mensch bestehe und »in der Tat alles, was in
uns vorgeht, begreift, jedoch unser eigentliches Eigen-
Bewußtsein und unsere Eigenbewegung auslöscht«.5
Besessenheit dieser Art bedeutet also nicht die Rückkehr zur
bikameralen Psyche im ursprünglichen Sinn. Denn wenn
tausend Jahre früher ein Achilleus die Göttin Athene hörte, dann
wußte er hinterher bestimmt, was sie ihm gesagt hatte: Das war
nämlich die Funktion der bikameralen Psyche.
Damit sind wir beim springenden Punkt des Problems
angelangt. Was ein besessener Prophet redet, ist nicht eigentlich
halluziniert, nicht etwas von einem bewußten, halbbewußten
oder – wie im Fall der eigentlichen bikameralen Psyche –
nichtbewußten Menschen Gehörtes. Die besessene Rede wird
äußerlich artikuliert und von anderen gehört. Sie tritt nur bei
normalerweise bewußten Menschen auf, und zwar korrelativ mit
Bewußtseinsschwund. Was berechtigt uns also dazu, zwischen
diesen beiden Phänomenen – den Halluzinationen der
bikameralen Psyche und der Rede von Besessenen – eine
Verwandtschaft zu behaupten?
Darauf habe ich keine wirklich hieb- und stichfeste Antwort
parat. Zugunsten der behaupteten Verwandtschaftsbeziehung
kann ich nur zaghaft vorbringen, daß beide (1) die gleiche
soziale Funktion erfüllen, (2) sich auch darin ähneln, daß sie
autoritativ Handlungsermächtigungen ausstellen, und daß (3)
das wenige, was wir an Faktenmaterial über die Frühgeschichte
der Orakel besitzen, darauf hindeutet, daß die
Institutionalisierung von Besessenheit in ausgesuchten Personen
an bestimmten Orten in allmählichem Übergang aus dem
Halluzinieren von Gottheiten erwachsen ist, das jeder Beliebige
an diesen Orten erleben konnte. Berechtigt ist demnach
zumindest die hypothetische Vermutung, daß die Besessenheit
über Transformationsschritte eigener Art einen Abkömmling
von Bikameralität darstellt, bei dem die Induktionsrituale,
veränderten kollektiven kognitiven Imperative und eingeübten
Erwartungen in jener expressiven »Besessenheit«, das heißt im
Übermanntwerden des betreffenden Mens chen durch die Gott-
Komponente der bikameralen Psyche resultieren. Vielleicht
kann man die Sache so formulieren: Um die ältere Mentalität zu
restituieren, war es nötig, das sich entwickelnde Bewußtsein
immer nachhaltiger auszuschalten, so daß im selben Zug
schließlich die gesamte Mensch-Komponente als solche
unterdrückt wurde und die Gott-Komponente allein die
Kontrolle über den Sprachapparat ausübte.
Und wie hat man sich die neurologische Seite dieser
Mentalität vorzustellen? Aus dem im Fünften Kapitel des Ersten
Buches (Seite 128-159) ausgeführten Modell ergibt sich
praktisch von selbst die Hypothese, daß mit dem Besessensein
irgendeine Störung des normalen Dominanzverhältnisses
zwischen den beiden Hirnhemisphären einhergehen muß,
dergestalt, daß die Aktivität der rechten Hemisphäre um etliches
stärker ist als im Normalzustand. Mit anderen Worten und als
Frage formuliert: Hätten wir auf der Kopfhaut einer der
rasenden Orakelpriesterinnen von Delphi Elektroden anbringen
können, hätten wir dann über der rechten Hemisphäre –
insbesondere über dem Schläfenlappen – ein in direkter
Abhängigkeit vom Grad ihrer Besessenheit beschleunigtes EEG
(mithin verstärkte Aktivität) zu verzeichnen gehabt?
Ich meine: ja. Zum wenigsten ist die Möglichkeit nicht
auszuschließen, daß in dem Dominanzverhältnis zwischen den
beiden Hemisphären eine Veränderung eintrat und daß die
propädeutische Schulung der Orakel in nichts anderem bestand
als darin, die Beantwortung des komplexen Induktionsreizes mit
einer im Verhältnis zur linken verstärkten Aktivität der rechten
Hemisphäre per Bahnung als festes Reaktionsmuster zu
etablieren. Diese Hypothese würde auch die verzerrten Züge, die
äußeren Anzeichen von Raserei und den Nystagmus der Augen
erklären, indem sie diese Dinge auf die abnorme Interferenz der
rechten Hemisphäre oder den Wegfall linkshemisphärischer
Hemmung zurückzuführen erlaubt.6
Hier ist noch eine Anmerkung zum Geschlechterunterschied
zu machen. Wie inzwischen allgemein bekannt, sind Frauen in
puncto Gehirnfunktionen biologisch weniger lateralisiert als
Männer. In schlichtes Deutsch übertragen, bedeutet dies, daß die
psychischen Funktionen bei Frauen nicht im gleichen Grad wie
bei Männern überwiegend in der einen oder der anderen
Gehirnhälfte lokalisiert sind. Die mentalen Fähigkeiten sind bei
Frauen gleichmäßiger über die beiden Hemisphären verteilt.
Bereits im Alter von sechs Jahren vermag ein Junge die
Aufgabe, Gegenstände allein durch Betasten zu identifizieren,
mit der linken Hand besser zu lösen als mit der rechten. Bei
Mädchen funktioniert das mit beiden Händen gleich gut. Daran
zeigt sich, daß die Funktion des haptischen Wiedererkennens
(wie sie genannt wird) bei Jungen dieses Alters bereits
überwiegend rechtshemisphärisch lokalisiert ist, nicht jedoch bei
Mädchen.7 Und ebenso allgemein bekannt ist, daß ältere Männer
mit einem Schlaganfall oder einer Blutung in der linken
Hemisphäre in größerem Umfang von Sprachstörungen
betroffen sind als Frauen in den gleichen Umständen. Demnach
dürfen wir davon ausgehen, daß Residuen der
rechtshemisphärischen Sprachfunktion bei Frauen stärker
vertreten sind, so daß es ihnen leichter fallen müßte, das
Orakulieren zu erlernen. Und in der Tat bestand die Zunft der
Orakel und Sibyllen zumindest im europäischen Kulturbereich
seit jeher zum überwiegenden Teil aus Frauen.
Induzierte Besessenheit
Wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben, wird das wie
unter göttlichem Einfluß stehende institutionalisierte bewußtlose
Reden der Orakelpropheten im Lauf der ersten Jahrhunderte der
christlichen Ära zusehends inkohärenter, bis sich ihm
schließlich überhaupt kein Sinn mehr zuordnen läßt und die
Orakel ganz verstummen. Sie geraten unter Beschuß von seifen
eines rationalistischeren Denkstils; auf den Komödienbühnen
und in der Literatur werden Breitseiten von Kritik und
vernichtenden Respektlosigkeiten auf sie abgefeuert. Eine
derartige Unterdrückung eines allgemeinen kulturellen
Paradigmas in der Öffentlichkeit (genaugenommen: in der
städtischurbanen Öffentlichkeit) endet erfahrungsgemäß häufig
mit der Abwanderung dieses Paradigmas in den Privatbereich, in
den Untergrund des Sektierertums und der esoterischen Kulte,
wo der zugrundeliegende kognitive Imperativ vor Kritik
geschützt ist. Nicht anders verhält es sich im Fall der induzierten
Besessenheit. Zwar sind die öffentlichen Orakel durch
Verspottung zum Schweigen gebracht, doch bleibt das
Autoritätsverlangen nach wie vor so groß, daß jetzt auf breiter
Front die Privatbemühungen losbrechen, die Götter
zurückzuholen und sie im Mund fast x-beliebiger Menschen
wieder zum Reden zu bringen.
Im zweiten Jahrhundert n. Chr. ist eine wachsende Zahl
solcher »theurgischer« Kulte zu verzeichnen. Ihre Seancen
hielten sie zuweilen in den offiziellen Heiligtümern ab, mit
zunehmender Häufigkeit jedoch als Konventikel in privater
Umgebung. In der Regel versuchte eine pelestike genannte
Person, die das Ganze leitete, den Gott zur zeitweiligen
Inkarnation in einer anderen Person zu bewegen; diese zweite
Person – katochos oder, in speziellerem Sinn, docheus geheißen
– war das, was man heutigentags in einschlägigen Kreisen als
ein »Medium« bezeichnen würde.8 Es stellte sich bald heraus,
daß die Sache mit einem katochos aus einfachen Verhältnissen,
ohne große Bildung, am besten klappte – entsprechende
Empfehlungen ziehen sich wie ein Generalbaß durch die
gesamte einschlägige Literatur. Iamblichos aus Chalkis, der
wahre Apostel dieses Treibens, vermerkt zu Beginn des dritten
Jahrhunderts, die besten Medien seien »schlichte junge Leute«.
Und das waren ja auch, wie wir uns erinnern, die ungebildeten
Bauernmädchen, die man sich aussuchte, um sie als
Priesterinnen für das Delphische Orakel zu schulen. In anderen
Schriften ist von Heranwachsenden wie dem Knaben Aidesios
die Rede, »der nur den Kranz aufzusetzen und in die Sonne zu
blicken brauchte, um auf der Stelle in unübertroffener
Inspiriertheit ein zuverlässiges Orakel von sich zu geben«. Mit
Sicherheit war dies das Ergebnis sorgfältiger Schulung. Daß die
induzierte bikamerale Besessenheit erlernt werden mußte, erhellt
aus der Tatsache, daß die Orakel geschult wurden, wie auch aus
einer Bemerkung des Pythagoras von Rhodos, derzufolge die
Götter sich zuerst nur widerstrebend einstellen, später jedoch
wenn sie es gewohnt sind, in ein und dieselbe Person
einzukehren – mit größerer Bereitwilligkeit.
Das Lernziel bestand nach meiner Theorie darin, die
Hervorbringung eines der bikameralen Psyche nahekommenden
Zustandes zum konditionierten, durch die Induktionsprozedur
abrufbaren Reflex zu machen. Dies ist ein Punkt, der Beachtung
verdient: Norma lerweise kommt es uns nämlich nicht in den
Sinn, wir könnten eine neue, bewußtlose Mentalität und
womöglich ein völlig neues Verhältnis zwischen unseren
Hirnhemisphären erlernen wie das Fahrradfahren.
Da es dabei um das Erlernen eines inzwischen zum
praktischen Problem gewordenen neurologischen Zustands ging
– eines vom Alltagsleben himmelweit unterschiedenen Zustands
–, ist es nicht weiter verwunderlich, daß die per Induktion
vermittelten Hinweisreize ausgefallen um jeden Preis und vom
Alltag denkbar weit entfernt zu sein hatten.
Und das waren sie ohne Frage: Seltsames und Abwegiges in
jeglicher Form: Rauchbäder oder Bäder in heiligen Gewässern,
sakrale Gewänder und magische Gürtel, bombastische Kränze
und geheimsymbolische Abzeichen; man postierte sich in einem
Zauberkreis, wie die mittelalterlichen Magier es taten, oder auf
characteres, wie Doktor Faustus, als er den Mephistopheles
herbeihalluzinierte; man rieb sich Strychnin in die Augen, um
Visionen hervorzurufen, wie es in Ägypten Brauch war, oder
man wusch sich mit Schwefel und Meerwasser, nach Porphyrios
(3. Jh. n. Chr.) ein sehr altes, in Griechenland aufgekommenes
Verfahren zur Läuterung der Geistseele, auf daß sie um so eher
ein höheres Wesen in sich zu empfangen in der Lage sei. All
diese Dinge bewirkten natürlich nur insoweit etwas, als man
glaubte, sie bewirkten etwas – so wie auch wir Zeitgenossen
einer Spätzeit keinen »freien Willen« haben, es sei denn, wir
glauben, wir hätten einen.
Und was dabei bewerkstelligt wurde, die
»Gottesempfängnis«, unterschied sich psychologisch nicht von
den anderen Formen der Besessenheit, die wir bereits
kennengelernt haben. Bewußtsein und normale Reaktivität des
katochos waren gewöhnlich völlig ausgelöscht, so daß er auf
fremde Hilfe angewiesen war. Und in diesem Zustand tiefer
Trance offenbarte dann vermeintlich der »Gott« Vergangenes
und Zukünftiges, beantwortete Fragen oder traf Entscheidungen
genau wie in den alten griechischen Orakeln.
Welche Erklärung hatte man dafür, wenn die Auskünfte der
Götter sich als irrig erwiesen? Nun, dann hatte man wohl
versehentlich böse Geister herbeizitiert statt einen echten Gott,
oder irgendwelche anderen Geister hatten sich ungebeten in dem
Medium breitgemacht. Iamblichos persönlich will einmal in
seinem Medium einen Geist demaskiert haben, der sich für
Apollon ausgab, aber nichts weiter war als der Geist eines
Gladiators. Mit Apologien dieser Art ist die gesamte
spiritualistische Dekadenzliteratur der Folgezeit gespickt.
Und wenn die Seance nicht zum Erfolg zu führen schien,
unterzog sich häufig der Versammlungsleiter seinerseits einer
Induktion durch Läuterungsriten, die ihn in einen
halluzinatorischen Zustand versetzte, in dem er dann klarer
»sah« oder auch von dem bewußtlosen Medium etwas »hörte«,
was dieses womöglich gar nicht gesagt hatte. Dieses »Doubeln«
der medialen Rolle, das dem Zusammenspiel zwischen den
prophetai und den eigentlichen Orakeln ähnelt, ist die Erklärung
für die vielfach berichteten Levitationen des Mediums oder die
Größen- und Formveränderungen an dessen Körper.9
Zum Ende des dritten Jahrhunderts hatte unversehens das
Christentum die heidnische Welt mit eigenen
Autorisiertheitsansprüchen überschwemmt und begann jetzt,
sich viele der damals existierenden heidnischen Praktiken zu
assimilieren. Zu diesen gehörte auch die Gedankenfigur der
Besessenheit, die jedoch im Zuge ihrer Einverleibung in das
Christentum ins Transzendentale gewendet wurde. Fast zur
gleichen Zeit, als Iamblichos die Herablassung des Göttlichen in
Standbilder und analphabetische junge katochoi lehrte, die
dergestalt auf dem Weg »energetischer Gemeinschaft« mit
einem Gott am göttlichen Wesen »partizipierten«, begann der
Vertreter eines Konkurrenzunternehmens, nämlich Athanasius,
der Bischof von Alexandria, das gleiche für den Analphabeten
Jesus zu reklamieren. Der Messias der Christen hatte bis dahin
für gott-ähnlich gegolten, allenfalls für einen Halbgott, in dessen
Natur sich seine vorgeblich gemischte Abkunft widerspiegelte.
Doch Athanasius gelang es, Kaiser Konstantin, die Konzilsväter
zu Nicaea und später den größten Teil der Christenheit davon zu
überzeugen, daß Jesus an Jahwe partizipierte, einerlei Wesens
mit ihm war: DAS FLEISCHGEWORDENE BIKAMERALE
WORT. Wir dürfen, glaube ich, sagen, daß die sich ausbreitende
Kirche unter der Bedrohung, in Sekten zu zersplittern, das
subjektive Phänomen der Besessenheit zum objektiven
theologischen Dogma übersteigerte. Der Zweck, den sie dabei
verfolgte, war der, ihren noch weitergehenden Anspruch auf
absolute Autorisiertheit zu substantiieren. Für die athanasischen
Christen waren die realen Götter wirklich auf die Erde
zurückgekehrt und würden abermals wiederkehren.
Merkwürdigerweise hat die erstarkende frühchristliche Kirche
weder im Fall des Delphischen Orakels noch im Fall der
Sibyllen bestritten, daß hier Verbindung mit überirdischen
Realitäten aufgenommen werde. Doch heidnische Seancen mit
einfachen Bürschlein als gotterfüllten Medien wurden als
theologische Randale behandelt, als boshafter Unfug des Teufels
und zwielichtiger Geister. Also daß im selben Zuge, wie sich die
Kirche zur politischen Autorität des Mittelalters aufschwingt,
die willentlich induzierte Besessenheit verschwindet –
zumindest aus der öffentlichen Wahrnehmung. Sie wandert jetzt
noch tiefer in den subkulturellen Untergrund, ins Hexenwesen
und diverse Formen der Nekromantik ab und taucht von dort nur
mehr zeitweilig ins öffentliche Bewußtsein auf.
Auf die gegenwärtige Bedeutung dieser Praxis komme ich
alsbald zu sprechen. Zuvor sollten wir jedoch unsere
Aufmerksamkeit auf einen kulturellen Nebeneffekt der
induzierten Besessenheit richten, ihre eher besorgniserregende
Negativform, die ich hier bezeichnen möchte als.
Schwarze Besessenheit
Jenes ausgesprochen sonderbare Relikt der bikameralen
Psyche hat nämlich auch eine Kehrseite – seine Nachtseite
gewissermaßen. Und sie unterscheidet sich wesentlich von den
anderen im vorliegenden Kapitel behandelten Phänomenen. Es
ist nämlich keine Reaktion auf eine rituelle Induktion, die zu
dem Zweck durchgeführt wird, die bikamerale Psyche
wiederzuerlangen. Es ist eine krankhafte Störung, die als
Reaktion auf Streß auftritt. Praktisch tritt hier emotionaler Streß
an die Stelle der Induktion im allgemeinen bikameralen
Paradigma, das im übrigen genau wie im Altertum funktioniert.
Und wenn das geschieht, dann fallen allerdings Autorisierung
und autorisierende Instanz ganz anders aus.
Diese Andersartigkeit gibt hochinteressante Rätsel auf. Im
Neuen Testament, wo erstmals in der Geschichte von solch
spontanem Besessensein die Rede ist, heißt es (auf griechisch)
daimonizomai, zum Dämon werden.10 Und von damals bis heute
eignet dem Phänomen, wann immer es auftaucht, meistenteils
jener Negativcharakter, der dem neutestamentlichen Namen
anhaftet. Das Woher dieses Negativcharakters ist derzeit noch
ungeklärt. In einem früheren Kapitel (Zweites Buch, Viertes
Kapitel) habe ich den Ursprung des »Bösen« hypothetisch in das
Willensvakuum verlegt, das aus dem Verstummen der
bikameralen Stimmen resultiert. Daß der Schauplatz, wo sich
das abspielte, Mesopotamien war und insbesondere Babylonien,
wohin die Juden im sechsten Jahrhundert v. Chr. ins Exil
verschleppt wurden, mag die Erklärung dafür sein, warum beim
Einsetzen dieses Syndroms in der Welt, die das Neue Testament
beschreibt, der Negativcharakter überwog.
Doch wo immer die eigentlichen Ursachen des Phänomens zu
suchen sein mögen: auf der individuellen Ebene müssen sie
denjenigen verwandt sein, die für den überwiegend
düsternegativen Charakter der Halluzinationen Schizophrener
verantwortlich sind. In der Tat springt diese Verwandtschaft
zwischen Schwarzer Besessenheit und Schizophrenie bei
näherem Hinsehen förmlich in die Augen.
Wie der schizophrene Schub beginnt die Schwarze
Besessenheit gewöhnlich mit irgendeiner Art von
Halluzination.11 Oft besteht diese in der tadelnden »Stimme«
eines »Dämons« oder ähnlichen Wesens, die sich nach einer
Periode starker Streßbelastung »hören« läßt. Doch anders als bei
der Schizophrenie entwickelt sich die Stimme dann zu einem
sekundären Persönlichkeitssystem: Das Subjekt verliert die
Selbstkontrolle und verfällt in periodisch auftretende
Trancezustände mit Bewußtseinsschwund, während deren der
»dämonische« Persönlichkeitsaspekt das Regiment führt. Diese
Entwicklung ist wahrscheinlich im Vorliegen eines – durch
Gruppen- oder Religionszugehörigkeit bedingten – starken
kollektiven kognitiven Imperativs begründet.
Bei den Betroffenen handelt es sich ausnahmslos um
Personen ohne nennenswerte Bildung – in der Regel um
Analphabeten –, die allesamt aus tiefster Seele an die Existenz
von Geistern oder Dämonen oder ähnlichen Wesen glauben und
in deren gesellschaftlichem Umfeld dieser Glaube fest verankert
ist. Die gewöhnliche Dauer der Anfälle schwankt zwischen
mehreren Minuten und ein, zwei Stunden; in der Zeit zwischen
den Anfällen ist das Erscheinungsbild des Patienten
vergleichsweise normal und erinnert wenig an sein Leiden. Im
Gegensatz zu dem, was Schauerromane uns glauben machen
wollen, ist die Schwarze Besessenheit hauptsächlich ein
sprachliches Phänomen, keine Angelegenheit des faktischen
Verhaltens. Unter allen von mir untersuchten Fällen war
Delinquenzverhalten gegenüber anderen Menschen die
Ausnahme. Der Besessene schießt nicht los und führt sich auf
wie ein Dämon: Er redet nur wie einer.
Die Anfallsepisoden sind in der Regel von Leib- und
Gliederverrenkungen und -windungen begleitet, wie sie auch bei
der induzierten Besessenheit auftreten. Die Stimme ist entstellt,
häufig ins Gutturale verschoben, voller Schreie, Seufzer und
Vulgarismen, und gewöhnlich lästert und beschimpft sie die
anerkannten Gottheiten der jeweiligen Epoche. Fast
ausnahmslos herrscht totaler Bewußtseinsverlust, und die
betroffene Person scheint währenddem in das Gegenteil ihres
normalen Selbst verwandelt. »Er« bezeichnet sich unter
Umständen als Gott, Dämon, Geist, Gespenst oder auch als ein
Tier (im Orient ist es meist »der Fuchs«), fordert ein Heiligtum
oder Anbetung und jagt Krämpfe in den Leib des Patienten,
wenn ihm die Erfüllung seiner Forderungen verweigert wird.
Von seinem natürlichen Selbst redet »er« gemeinhin in der
dritten Person und verächtlich wie von einem nichtsnutzigen
Fremden, so wie Jahwe zuweilen seine Propheten wegwerfend
behandelt oder die Musen ihre Dichter höhnten.12 Und häufig
zeigt »er« sich sehr viel intelligenter und wacher als der Patient
im Normalzustand, so wie auch Jahwe und die Musen
intelligenter und wacher als ihre Propheten und Dichter waren.
Wie bei der Schizophrenie kommt der Fall vor, daß der
Patient ausführt, was er geheißen wird, und – was noch
merkwürdiger ist, daß er sich interessiert zeigt am
Zustandekommen von Verträgen oder Abmachungen mit seinen
Beobachtern, etwa in Gestalt des Versprechens, daß »er« aus
seinem Wirt weichen wird, sobald die oder jene Bedingung
erfüllt ist; kommen derartige Vereinbarungen zustande, werden
sie von dem »Dämon« so getreu und pünktlich erfüllt wie im
Alten Testament die zuweilen ähnlichen Bündnisse seitens
Jahwes. In gewisser Weise verwandt mit jener Ansprechbarkeit
und dem Interesse an Verträgen ist der Umstand, daß die Kur für
die spontane, streßbedingte Besessenheit, nämlich der
Exorzismus, von den Tagen des Neuen Testaments bis heute
stets die gleiche geblieben ist. Sie besteht einfach darin, daß eine
Autoritätsperson, die im Namen einer mächtigeren Gottheit
auftritt, die Befehlsgewalt an sich reißt und ausübt; häufig
erfolgt dies im Anschluß an ein Induktionsritual. Die Rolle des
Exorzisten läßt sich im Rahmen des allgemeinen bikameralen
Paradigmas als die Funktion der Autorisierungsinstanz
interpretieren, aus der nun der »Dämon« seinerseits verdrängt
wird. Die kognitiven Imperative des Glaubenssystems, das
überhaupt die Form des Leidens bedingt, bedingen auch die Kur.
Das Phänomen ist unabhängig vom Lebensalter, dagegen
zeigt es ausgeprägte Geschlechtsspezifik, variierend je nach der
historische n Epoche, worin sich seine Verwurzelung in kulturell
bedingten Erwartungshaltungen erweist. Die Besessenen, die im
Neuen Testament von Jesus oder seinen Jüngern geheilt werden;
sind in der überwältigenden Mehrzahl Männer. Vom Mittelalter
an ist das Zahlenverhältnis zugunsten der Weiblichkeit verkehrt.
Als weiteres Indiz dafür, daß es seine Basis in einem kollektiven
kognitiven Imperativ hat, sind die gelegentlich auftretenden
Epidemien zu werten, so etwa die epidemische Besessenheit in
mittelalterlichen Frauenklöstern oder in Salem (Massachusetts)
im achtzehnten Jahrhundert. Oder die epidemischen Fälle, wie
sie nach vorliegenden Berichten im neunzehnten Jahrhundert in
den Savoyer Alpen vorgekommen sein und manchmal auch
heute noch da und dort vorkommen sollen.
Nochmals: bei so frappierenden Veränderungen der
Geistesverfassung wie im vorliegenden Fall kommt man um die
Frage nach der neurologischen Komponente nicht herum. Was
geht da vor? Werden die Sprachzentren der rechten
(nichtdominanten) Hemisphäre bei der spontanen Besessenheit
ebenso aktiviert wie, nach meiner bereits vorgetragenen
Auffassung, bei der induzierten Besessenheit der Orakel? Und
sind Verrenkungen und verzerrte Gesichtszüge darauf
zurückzuführen, daß die rechte Hemisphäre in die
Verhaltenskontrolle eingreift? Der Umstand, daß es sich bei der
Mehrzahl der Betroffenen (wie ja auch generell bei den Sibyllen
und bei den meisten Orakeln) um Frauen handelt, sowie der
weitere Umstand, daß Frauen (zur Zeit und in unserer Kultur)
weniger lateralisiert sind als Männer, deuten
zusammengenommen in diese Richtung.
Zumindest in einem Teil der Fälle setzt die Besessenheit mit
linksseitigen Körperverrenkungen ein, was auf die
Stichhaltigkeit der vorgetragenen Vermutungen hindeutet.
Betrachten wir einen Fall, der aus der Zeit kurz nach der
Jahrhundertwende berichtet wird. Es handelt sich um eine
siebenundvierzigjährige Japanerin ohne Schulbildung, die sechs-
, siebenmal täglich vom »Fuchsgeist« (wie sie selber sagte)
besessen wurde, und zwar stets mit der gleichen
Lateralsymptomatik. Ihr Arzt berichtet darüber:
Zuerst zeigten sich leichte, dann stärkere Zuckungen links um
den Mund und im linken Arme. Sie schlug sich mit der geballten
rechten Faust wiederholt heftig auf die linke Brust, die von
früheren solchen Anlässen her ganz geschwollen und blutrünstig
war, und sagte zu mir: Ach Herr, jetzt regt er sich hier wieder,
hier in meiner Brust.« Da kam plötzlich aus ihrem Munde eine
fremde scharfe Stimme in schnarrendem Ton: »Ja, freilich bin
ich da, und glaubst du dumme Gans etwa, daß du mich hindern
kannst?« Darauf die Frau zu uns: »Ach Gott, ihr Herren,
verzeiht, ich kann gewiß nichts dafür.« Dann sich immer wieder
auf die Brust schlagend und mit dem linken Gesicht zuckend
zum Fuchs: »Sei still, Bestie, schämst du dich denn gar nicht vor
diesem Herrn?« ... Die Frau droht ihm, beschwört ihn, ruhig zu
sein. Er unterbricht sie, und nach kurzer Zeit ist er im
Alleinbesitz des Denkens und der Sprache. Mit einer
unfaßlichen Schlagfertigkeit antwortet er auf alle Fragen, hat
sofort für alles eine Erklärung bereit. Die Frau ist jetzt passiv
wie ein Automat, versteht offenbar nicht mehr deutlich, was
man ihr sagt, an ihrer Stelle erwidert immer hämisch der Fuchs
... Nach zehn Minuten spricht der Fuchs undeutlicher ... nach
einiger Zeit ist [die Frau] wieder ganz normal. Sie kennt die
Vorgänge im ersten Teile des Anfalles genau, während sie über
die Zeit der Alleinherrschaft des Fuchses keine genaue Auskunft
geben kann... Sie bittet weinend um Entschuldigung und
Vergebung wegen des abscheulichen Benehmens des Fuchses.13
Aber das ist ein Einzelfall. Ein Patient mit derart ausgeprägter
Lateralsymptomatik ist mir kein zweites Mal untergekommen.
Beim Rätselraten über die Neurologie der Schwarzen
Besessenheit kann, wie ich meine, ein Blick auf ein modernes
Leiden, das sogenannte »Lillesdela-Tourette-Syndrom«14
(zuweilen auch als Koprolalie und »Zotenreißerkrankheit«
[foulmouth disease] bezeichnet), nützliche Hinweise vermitteln.
Die ausgefallene Symptomatik setzt gewöhnlich im
Kindheitsalter mit fünf Jahren, in manchen Fällen früher ein; sie
besteht dann unter Umständen lediglich in wiederholten
Gesichtszuckungen oder in einem zusammenhanglos
gebrauchten verpönten Wort. Im Lauf der Zeit wird daraus der
unbeherrschbare Zwang, mitten in einem sonst normal
verlaufenden Gespräch krasse Unflätigkeiten, Grunzer, Blaffer
oder Flüche hervorzustoßen; daneben entwickeln sich allerlei
Gesichtstics, zwanghaftes Zungeherausstrecken und
dergleichen. Das alles setzt sich dann, sehr zum Kummer des
Patienten, im Erwachsenenleben fort. Selber am meisten entsetzt
und verlegen über ihre unkontrollierbaren Ausbrüche von
Vulgarität, wissen sich diese Menschen in ihrer Angst vor der
Blamage oftmals keinen anderen Rat, als überhaupt nicht mehr
aus den eigenen vier Wänden hinaus und unter Menschen zu
gehen. In einem mir bekannten Fall aus jüngerer Zeit erfand sich
ein Mann als Schutz vor dem Entdecktwerden ein schweres
Blasenleiden, das ihn zu häufigem Wasserlassen zwinge. In
Wirklichkeit spürte er jedesmal, wenn er im Restaurant oder in
der Wohnung seiner Gastgeber auf die Toilette stürzte, die
verbalen Gemeinheiten in sich aufsteigen, die er dann in der
Abgeschiedenheit des stillen Örtchens herausließ, um sich
Erleichterung zu verschaffen.15 Was dieser Mann da in sich
spürte, dürfte nicht unähnlich gewesen sein dem Feuer, das in
den Gebeinen des Propheten Jeremia verschlossen war (Jeremia
20, 9; vgl. hier Zweites Buch, Sechstes Kapitel), wenngleich das
semantische Ergebnis davon ein (indes durchaus nicht absolut)
anderes war.
Was das Tourette-Syndrom für uns interessant macht, ist seine
unverkennbare Ähnlichkeit mit der Anfangsphase der
streßbedingten Besessenheit – eine Ähnlichkeit, die so weit
geht, daß sich die Vermutung, ein und’ derselbe physiologische
Mechanismus bilde die Basis beider Phänomene, förmlich
aufdrängt. Und dieser Mechanismus könnte sehr wohl eine
unvollständige Dominanzlateralisierung sein, die sich in der
Weise auswirkt, daß sich die Sprachzentren der rechten
Hemisphäre (möglicherweise stimuliert durch Impulse aus den
Basalganglien) unter Bedingungen, wie sie beim bikameralen
Menschen zu Halluzinationen geführt hätten, periodisch in das
Sprachverhalten einmischen. Demnach überrascht es nicht, daß
nahezu alle unter dem Tourette-Syndrom leidenden Personen ein
anomales Gehirnwellenbild aufweisen, daß bei einem Teil von
ihnen das Zentralnervensystem geschädigt ist, daß sie in der
Regel Linkshänder sind (bei der Mehrzahl der Linkshänder ist
die Dominanz nicht einseitig, sondern gemischt lateralisiert) und
daß die Symptome ungefähr im fünften Lebensjahr einsetzen,
also zu der Zeit, da die neurologische Entwicklung der
Hemisphärendominanz in bezug auf die Sprachfunktion ihren
Abschluß erfährt.
Als Aussage über unser Nervensystem ist all das höchst
wichtig, andererseits aber auch wieder Anlaß für Unbehagen.
Denn obschon ich von der grundsätzlichen Richtigkeit des im
Fünften Kapitel des Ersten Buches vorgestellten neurologischen
Modells überzeugt bin, sind wir augenblicklich dabei, uns
immer weiter von ihm zu entfernen. Es ist ganz
unwahrscheinlich, daß bei den Fällen von neuzeitlicher
Geistbesessenheit die rechtshemisphärischen Sprachzentren
direkt an der Artikulation der Rede als solcher beteiligt sind.
Eine dahingehende Hypothese stünde im Widerspruch zu so
vielen klinischen Befunden, daß sie von ganz abartigen
Ausnahmefällen abgesehen von vornherein als unhaltbar
ausscheidet.
Größere Wahrscheinlichkeit hat die Möglichkeit für sich, daß
der Unterschied zwischen der bikameralen Psyche und den
modernen Besessenheitszuständen darauf beruht, daß im Fall
der ersteren die Halluzinationen de facto in der rechten
Hemisphäre organisiert und von dort ins Gehör übermittelt
wurden; bei der Besessenheit dagegen fällt die Artikulation der
Rede in den Bereich der normalen linkshemisphärischen
Sprachfunktion, die jedoch unter Kontrolle oder Lenkung von
seifen der rechten Hemisphäre steht. Mit anderen Worten: das
Pendant zum Wernicke-Zentrum in der rechten Hemisphäre
bedient sich des Broca-Zentrums in der linken Hemisphäre als
Instruments, woraus eben deren Trancezustand und
Depersonalisierung resultiert. Ein solchermaßen überkreuztes
Steuerungsverhältnis ist möglicherweise das neurologische
Substrat für das Schwinden des normalen Bewußtseins.
Besessenheit in der Welt der Gegenwart
Anhand einer zeitgenössischen Form von induzierter
Besessenheit möchte ich im folgenden den einigermaßen
schlüssigen Beweis dafür liefern, daß es sich bei dem Phänomen
um das Ergebnis eines Lernprozesses handelt. Das geeignetste
Demonstrationsbeispiel, das ich finden konnte, ist die Umbanda-
Religion, wie sie heute in Brasilien praktiziert wird: Es ist die
zahlenmäßig bei weitem stärkste der afroamerikanischsynkretistischen
Religionen, denen heute mehr als die Hälfte der
brasilianischen Bevölkerung anhängt. Menschen mit jedem nur
erdenklichen ethnischen Hintergrund glauben an sie als eine
Quelle verbindlicher Entscheidungen, und ganz bestimmt haben
wir es in ihr mit dem ausgedehntesten Vorkommen von
induzierter Besessenheit seit dem dritten nachchristlichen
Jahrhundert zu tun.
Spielen wir also einmal Zuschauer bei einer typischen gira,
einer »Rundreise«, wie die Umbanda-Zusammenkünfte treffend
genannt werden.16 Der Schauplatz, wo dergleichen heute
stattfindet, ist vielleicht der Oberstock eines Lagerhauses oder
eine leerstehende Autowerkstatt. Ein knappes Dutzend Medien
(zu zwei Dritteln Frauen), feierlich in Weiß gekleidet, tritt aus
einem Umkleideraum vor den weißdrapierten, mit Blumen,
Kerzen und christlichen Heiligenbildern und -Statuen
überladenen Altar, erwartet von einem etwa hundertköpfigen
Teilnehmerpublikum, das, durch eine Schranke vom Ort des
Rituals abgetrennt, den Rest des Raumes füllt. Unter dem
Getrommel der Musikanten und dem Gesang des Publikums
beginnen die Medien, ihre Körper in schwingende Bewegung zu
versetzen oder zu tanzen. Die Bewegung erfolgt dabei stets
gegen den Uhrzeigersinn, das heißt ausgehend von motorischen
Impulsen aus der rechten Hirnhemisphäre. Daran anschließend
findet eine Art Gottesdienst nach christlichem Vorbild statt.
Danach erneut frenetisches Getrommel, alles singt, und die
Medien beginnen ihre Geister zu rufen; manche kreiseln dabei
linksum wie wirbelnde Derwische, womit sie neuerlich die
rechte Hemisphäre erregen. Jetzt wird deutlich, warum das
Medium mit einer expliziten Metapher als cavalo, Pferd,
bezeichnet wird. Von dem Geist um welchen auch immer es sich
im Einzelfall handeln mag – wird angenommen, daß er sich in
sein cavalo hinabläßt, und während das geschieht, wirft das
Medium Kopf und Brustkorb gegenstrebig vor und zurück wie
ein Wildpferd beim Eingerittenwerden. Dabei fliegen die Haare
wild um den Kopf. Das Gesicht nimmt einen verzerrten
Ausdruck an wie bei den bereits erwähnten Besessenheitsformen
der Antike. Die Körperhaltung verändert sich zum Abbild
irgendeines der verschiedenen Geister, die nach allgemeiner
Überzeugung im Ritual von ihrem Medium Besitz ergreifen. Ist
diese Besitzergreifung abgeschlossen, das Medium also
vollständig »besessen«, tanzen die »Geister« vielleicht noch für
eine Weile oder tauschen in diesem Besessenheitsstadium
untereinander Grußformalitäten aus oder treiben sonst etwas,
das zum Bild dieses oder jenes speziellen Geistes paßt, um dann,
sobald das Trommeln aussetzt, jeder seinen vorbestimmten Platz
einzunehmen, wo sie in absonderlicher Haltung – die Hände mit
auswärts gekehrten Handflächen seitlich herabhängend und
unter ebenso absonderlichem fortwährendem Fingerschnicken
darauf warten, daß einzelne Teilnehmer aus dem Publikum zur
consulta an sie herantreten. Bei der consulta erteilt das
besessene Medium auf die entsprechende Bitte hin eine konkrete
Anweisung, wie in der oder jener Angelegenheit praktisch zu
verfahren sei; die angesprochenen Probleme können aus allen
möglichen Lebensbereichen stammen – sie können zum Beispiel
die Frage betreffen; wie man Arbeit findet oder behält oder wie
man ein Geldgeschäft abwickeln soll, oder sie betreffen
Familienstreitigkeiten, eine Liebesaffäre und unter Umständen,
wenn die Ratsuchenden Schüler oder Studenten sind, sogar die
Frage, wie man sic h am zweckmäßigsten auf eine bevorstehende
Prüfung vorbereitet.
Der Beweis dafür, daß die Besessenheit eine erlernte
Geistesverfassung darstellt, ist nun allerdings in diesem
brasilianischen Kult mit Händen zu greifen. Auf einem bairro-
Spielplatz kann man gelegentlich Kinder beobachten; wie sie im
Spiel die charakteristischen Ruckbewegungen von Kopf und
Brustkorb nachahmen, die im Ritual zur Herbeiführung und
Beendigung des Besessenheitszustands eingesetzt werden.
Sobald ein Kind den Wunsch bekundet, Medium zu werden,
wird es darin bestärkt und erhält die entsprechende
Spezialausbildung- so wie die Bauernmädchen, die in Delphi
oder wo auch immer im griechischen Kulturbereich als Orakel
rekrutiert wurden. Ja, manche der zahlreichen Umbanda-Zentren
(allein in Sao Paulo gibt es 4000) halten regelmäßig
Schulungskurse ab, und die dabei angewandten
Unterrichtsmethoden umfassen verschiedene Techniken, die
Neophyten in einen Zustand der Bewußtseinstrübung zu
versetzen, um ihnen alsdann den Eintritt in den Trancezustand
wie auch hypnoseähnliche Techniken beizubringen. Und im
Trancezustand wird den Novizen oder Novizinnen dann weiter
beigebracht, wie jeder einzelne der in Frage kommenden Geister
sieh aufführt. Diese Differenzierung unter den in der
Besessenheit auftretenden Geistern ist ein wichtiger Umstand,
bei dem ich noch etwas länger verweilen möchte, um seine
kulturelle Funktion zu verdeutlichen.
Relikte der bikameralen Psyche existieren nicht in
irgendeinem luftleeren psychologischen Raum. Das bedeutet: sie
sind nicht als isolierte Erscheinungen aufzufassen, die einfach
innerhalb einer Kultur auftauchen, um es sich dort auf ihren
Lorbeeren von Anno dunnemals bequem zu machen und/oder
ein müßiggängerisches Eckensteherdasein zu führen, sondern ihr
Lebensraum ist stets die vitale Mitte einer Kultur oder
Subkultur: Sie sind die Energie und Antriebskraft des
Unausgesprochenen und Subrationalen. In der Tat bilden sie den
irrationalen und nicht hinterfragbaren Quell- und strukturellen
Vereinigungspunkt der fraglichen Kultur. Und die Kultur ist
ihrerseits wieder Substrat des Bewußtseinstyps ihrer Individuen,
der Art und Weise, wie das »Ich qua-Metapher« vom »Ichqua-
Analogon« »wahrgenommen« und wie exzerpiert wird, sowie
der Zwänge, die für Narrativierung und Kompatibilisierung
gelten.
Und die Relikte der bikameralen Psyche, um die es
augenblicklich geht, bilden durchaus keine Ausnahme davon.
Ein Besessenheitskult wie der der Umbands funktioniert als
mächtiger psychologischer Rückhalt für die Massen seiner
armen, unterprivilegierten, hungernden Anhänger. Er ist
durchsetzt mit dem Grundgefühl der caridade, der
Nächstenliebe, in dem dieses bunte Gemisch politisch
Machtloser, durch Verstädterung und ethnische Ungleichheit
Entwurzelter Trost und Zusammenhalt findet. Und betrachten
wir die einzelnen Formen neurologischer Organisation, wie sie
in den von den Medien Besitz ergreifenden Geistern
repräsentiert erscheinen. Sie erinnern an die privaten
Fürsprechergottheiten der Sumerer und Babylonier, die als
Vermittler zu den Obergöttern auftraten. Jedes Medium kann am
jeweiligen Abend von einem einzelnen der namentlich
bekannten Geister aus irgendeiner der vier Hauptklassen von
Geistern besessen sein. Diese Klassen sind, nach der Häufigkeit
des Auftretens ihrer Mitglieder geordnet:
– die caboclos, Geister brasilindianischer Krieger, deren Rat
in Situationen gefragt ist, die schnelles und entschlossenes
Handeln verlangen, so etwa, wenn es darum geht, einen
Arbeitsplatz zu finden oder zu behalten.
– die pretos velhos, Geister der alten afrobrasilianischen
Sklaven, deren Geschick sich beim Lösen lange verschleppter
persönlicher Probleme bewährt.
– die criantas, Geister verstorbener Kinder, deren Medien
ausgelassenheitere Ratschläge geben.
– die exus (Dämonen) und – in der weiblichen Spielart-pombagiras
(Ringeltauben), Geister böswilliger Landesfremder, deren Medien niederträchtige und aggressive
Ratschläge geben.
In jedem dieser vier Haupttypen von Geistern ist jeweils eine
ethnische Gruppe aus dem Völkergemisch der Anhängerschaft
repräsentiert: Indios, Afrikaner, Brasilianer (die criantas sind
»unseresgleichen«) und Europäer. Und jeder verkörpert ein
anderes Familienverhältnis des Ratsuchenden: das zu Vater,
Großvater oder Geschwistern, oder er verkörpert das Verhältnis
zu Familienfremden. Dazu repräsentiert jeder einen anderen
Entscheidungsbereich: rasche Entschlüsse angesichts konkreter
Handlungsalternativen, Trost und Zuspruch bei persönlichen
Problemen, Ratschläge, die auf Ausgelassenheit und Zeitvertreib
zielen, und Entscheidungen in Angelegenheiten, bei denen
Aggressionen im Spiel sind. Auch für die griechischen Götter
war das Unterscheidungsmerkmal ursprünglich die
Zuständigkeit für einen bestimmten Entscheidungsbereich: Die
Geister der Umbands weisen also in diesem Punkt direkte
Ähnlichkeit mit ihnen auf. Und das Ganze ähnelt einer in sich
vierdimensionalen Struktur oder Metaphernmatrix, die
zwischenmenschliche Bindungen und kulturellen Zusammenhalt
stiftet.
Und das alles ist, wie ich meine, ein Überbleibsel der
bikameralen Psyche in dem nunmehr jahrtausendealten Prozeß
der Anpassung an eine neue Mentalität.
Die echte Besessenheit, so wie sie von Platon und anderen
geschildert wird, findet nach einhelliger Meinung nur im
bewußtlosen Zustand statt, und eben darin liegt der Unterschied
zwischen ihr und der Schauspielerei, dem Nursotunalsob. Bei
der Ausbildung der Orakel muß jedoch mit Abstufung und
Zwischenschritten gearbeitet worden sein, bis jener Zustand
erreicht war. Und genau das ist, nach allem, was wir wissen,
auch bei den brasilianischen Besessenheitskulten der Fall. Für
den jugendlichen Initianden beginnt die Sache vielleicht damit,
daß er/sie Besessenheit schauspielerisch darstellt, und die
nächsten Schritte der Ausbildung führen dann zu dem Ziel, daß
er/sie zwischen der Redeweise der Geister und dem, was er/sie
selber normalerweise sagen würde, zu unterscheiden vermag.
Das nächste Ausbildungsstadium bringt ein Oszillieren
zwischen Bewußtsein und Bewußtlosigkeit. Und dann
schließlich ist die vollendete Besessenheit erreicht – das heißt,
wenn ich oben richtig vermutet habe, der Brückenschlag
zwischen Wernicke-Zentrum rechts und Broca-Zentrum links
geschafft und damit jener heißbegehrte Zustand von
Bewußtlosigkeit ohne alle Erinnerung an das, was geschieht.
Davon kann freilich nicht bei allen Medien die Rede sein. Und
bei einer derart verbreiteten pseudobikameralen Praxis wie dem
Umbandakult darf man nichts anderes erwarten, als, daß
Schauspielerei und Trance von unterschiedlicher Qualität oder
unterschiedlichen Echtheitsgraden in wechselndem
Mischungsverhältnis miteinander verbunden sind und das
mitunter sogar in ein und demselben Medium.
Glossolalie
Zum Abschluß sei noch auf ein Phänomen eingegangen, das
eine schwache Ähnlichkeit mit der induzierten Besessenheit
aufweist: die Glossolalie, in der Apostelgeschichte (10, 46; 19,
6) als das »Reden in Zungen« erwähnt. Glossolalie ist das
fließende Reden in artikulierten Lauten, die sich wie Laute einer
unbekannten Sprache anhören; ein Reden, dem sogar der
Sprecher selbst keinen Sinn abzugewinnen vermag, ja an das er
sich hinterher in den seltensten Fällen überhaupt noch erinnert.
Das Phänomen scheint erstmals innerhalb der urchristlichen
Gemeinde aufgetreten zu sein,17 nämlich als das sogenannte
Pfingstwunder, das als Ausgießung des Heiligen Geistes über
die versammelten Apostel oder als deren Erfüllung mit dem
Heiligen Geist beschrieben wird. Das Ereignis wurde bald als
die Geburtsstunde der christlichen Kirche angesehen und im
Pfingstfest – am fünfzigsten Tag nach Ostern gefeiert.18 Im 2.
Kapitel der Apostelgeschichte wird es geschildert als »ein
Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes«, der
zerteilte Zungen »wie von Feuer« mit sich führt und unter
dessen Einfluß die Apostel wie betrunken in fremden Sprachen
zu predigen beginnen, die sie nie gelernt haben.
Der veränderte Geisteszustand, wie er den Aposteln und
ihresgleichen widerfuhr, fand seine Autorisierung in sich selbst.
Die Praxis breitete sich aus. Bald redeten die Frühchristen
allerorten in Zungen. Paulus erhob die Glossolalie in gleichen
Rang mit der Prophetie (1. Korinther 14). Und in der
nachpaulinischen Geschichte gab es immer wieder Perioden, in
denen das Zungenreden als Ersatz für die verlorengegangene
Autorität der bikameralen Psyche in Mode war.
Die Formen, in denen es bis in die jüngste Zeit hinein
praktiziert wird – und zwar nicht nur von theologisch extrem
konservativen Sekten, sondern auch im Umkreis von Kirchen,
die der Hauptlinie des Protestantismus zuzurechnen sind-, haben
dem Phänomen die Aufmerksamkeit der Wissenschaft
zugezogen, die ihrerseits einige interessante Ergebnisse
produzierte. Die Glossolalie des Individuums manifestiert sich
beim erstenmal stets im Gruppenzusammenhang und stets im
Rahmen einer gottesdienstlichen Veranstaltung. Den Faktor
Gruppe habe ich hervorgehoben, weil ich glaube, daß diese
Bekräftigung des kollektiven kognitiven Imperativs unerläßlich
ist für eine besonders tiefe Art von Trance. Häufig trifft man
auch auf eine Phase, die einer Induktion entspricht, so
insbesondere aufputschenden Gesang, gefolgt von den Zurufen
eines charismatischen Führers: »Wenn ihr merkt, daß irgend
etwas mit eurem Sprechen vorgeht, dann sperrt euch nicht
dagegen – laßt es einfach geschehen!«19
Bei wiederholter Teilnahme an derartigen Zusammenkünften
lernen die Gläubigen durch die Beobachtung der Glossolalie
anderer Teilnehmer zunächst einmal, in einen Zustand tiefer
Trance einzutreten, in dem sie – bei stark vermindertem oder
völlig ausgelöschtem Bewußtsein auf exterozeptive Reize nicht
mehr reagieren. Die Trance ist in diesem Fall eine nahezu
autonome: mit Schütteln, Schauern, Schweißbildung,
Zuckungen und Tränenfluß verbunden. Daraufhin lernt der oder
die Betreffende auf irgendeine Weise, »es geschehen zu lassen«.
Und dann geschieht es auch, laut und deutlich, am Ende jedes
Satzes in Stöhnen ausklingend: aria ariari isa, vena amiria
asaria!20 Es ist ein stampfender Rhythmus, und so ähnlich
mögen die hexametrischen Daktylen auf die Zuhörer der aoidoi
gewirkt haben. Das Erstaunliche dabei ist: dieser regelmäßige
Wechsel von betonten und unbetonten Silben, der so sehr an das
Versmaß der homerischen Epen erinnert, ändert sich mit der
Muttersprache des Sprechers ebensowenig wie die steigende und
zum Satzende hin abfallende Intonationskurve. Gleichgültig, ob
der »in Zungen Stammelnde« Brite, Portugiese, Spanier,
Indonesier, Schwarzafrikaner oder Maya ist, gleichgültig auch,
an welchem Schauplatz das Geschehen stattfindet – das Schema
der Glossolalie ist immer das gleiche.21
Nach der Glossolalie schlägt der Betreffende die Augen auf
und kehrt von seinem bewußtlosen Höhenflug langsam in die
staubigen Niederungen der Realität zurück. Er erinnert sich
kaum an das, was mit ihm vorgegangen ist. Aber man erzählt es
ihm. Er war vom Heiligen Geist besessen. Gott hatte sich ihn zur
Marionette auserkoren. Seine Sorgen lösen sich in Hoffnung
auf, und sein Kummer schlägt in Freude um. Das ist die
höchstmögliche Autorisierung, die man erfahren kann, denn der
Heilige Geist ist ja eins mit dem letzten Ursprung allen Seins.
Gott hat sich herabgelassen, in seinem nichtswürdigen Diener
Quartier zu nehmen, und hat mit des Dieners eigener Zunge
göttliche Worte gesprochen. Der Mensch ist zum Gott geworden
– für wenige Augenblicke.
Aus mystischem Halbdämmer ins nüchterne Tageslicht
gerückt, sieht die Sache nicht mehr ganz so erhebend aus. Zwar
besteht das Phänomen nicht im simplen Hervorstoßen sinnloser
Laute, und der Normalmensch wäre kaum imstande, derlei mit
gleicher Flüssigkeit und Durchgebildetheit zu imitieren; doch
steckt in allem, was da laut wird, nicht die geringste semantische
Bedeutung. Spielt man Tonbandaufzeichnungen von Glossolalie
Angehörigen der gleichen Religionsgruppe vor, so hört jeder
von ihnen etwas anderes heraus.22 Daß alle derartigen
Stimmäußerungen einander im Metrum ähneln, unabhängig von
Kulturzugehörigkeit und Muttersprache der Glossolalierenden,
ist vermutlich ein Anzeichen dafür, daß im gleichen Ausmaß,
wie die Trance die kortikale Kontrolle schwächt, rhythmische
Entladungen aus subkortikalen Strukturen ins Spiel gelangen.23
Die Fähigkeit des Zungenredens ist nicht von Dauer. Sie
verliert sich mit der Zeit. Je öfter sie ausgeübt wird, desto
bewußter wird sie, und das zerstört den Trancezustand. Einer der
wesentlichsten Parameter des Phänomens ist – zumindest bei
Gruppen mit höherem Bildungsstand, bei denen der kollektive
Imperativ sowieso schwächer ausgebildet ist- die Gegenwart
eines charismatischen Führers, der dem einzelnen das
Zungenreden überhaupt erst beibringt. Soll die Fähigkeit dann,
solange das überhaupt möglich ist, bewahrt werden – und die
Euphorie, die sich hinterher einstellt, macht die Glossolalie zu
einem innigst erwünschten Geisteszustand –, so geht das nur
unter der Bedingung, daß die Beziehung zu dem autoritativen
Führer aufrechterhalten wird. Im letzten ist es also bei der Sache
um die Fähigkeit zu tun, die bewußte Herrschaft über die
physiologischen Steuerungsmechanismen des Sprachapparats
angesichts einer als wohlwollend empfundenen Autoritätsfigur
aufzugeben. Wie vorauszusehen, erweisen sich Glossolalierende
im Thematischen Apperzeptions-Test als unterwürfiger
gegenüber real anwesenden Autoritätsfiguren, leichter durch sie
beeinflußbar und willensabhängiger von ihnen als Personen, die
keinerlei Eignung zum Zungenreden aufweisen.24
Halten wir fest: die Konfiguratio n seiner Parameter – nämlich
der starke kognitive Imperativ eines religiösen Glaubens vor
dem Hintergrund einer Gruppe mit engem Zusammenhalt;
Bewußtseinsverengung bis zum Trancestadium; eine archaische
Autorisierungsinstanz einesteils im Heiligen Geist, zum andern
in dem charismatischen Führer – die Konfiguration dieser
Parameter ist es, was uns berechtigt, das Zungenreden als ein
weiteres Beispiel für das allgemeine bikamerale Paradigma und
mithin als Relikt der bikameralen Psyche zu betrachten.
Aria ariari isa, vena amiria asaria
Menin aeide thea Peleiadeo Achilleos
Diese Gegenüberstellung des Klangbilds der Glossolalie und
des Klangbilds der griechischen Epen (die zweite zitierte Zeile
ist der erste Vers der »Ilias«) dient hier nicht etwa der bloßen
rhetorischen Ausschmückung meines Vortrags. Sondern es ist
ein sehr gezielter Vergleich. Er soll uns unter anderem an dieser
Stelle den Einstieg in das folgende Kapitel eröffnen. Denn wir
sollten unsere Betrachtung von Kulturkuriosa nicht beenden,
ohne uns zumindest überblicksartig einmal klargemacht zu
haben, was für ein sonderbar, abweichend, wahrhaft tiefgründig
und letztlich im eigentlichen Wortsinn fragwürdig Ding die
dichterische Rede ist.