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The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind
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German Translation
Der Ursprung des Bewußtsein
Julian Jaynes
(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)
ZWEITES BUCH: DAS BEWEISMATERIAL DER GESCHICHTE
Erstes Kapitel: Götter, Gräber und Idole
ZIVILISATION IST DIE KUNST des menschlichen
Zusammenlebens in Städten von solcher Größe, daß nicht mehr
jeder jeden kennt. Sie mag einen nicht gerade vom Sitz reißen,
diese Definition, aber sie trifft ins Schwarze. Wir haben die
Hypothese aufgestellt, daß es die bikamerale Psyche war, die die
sozialorganisatorischen Rahmenbedingungen dafür schuf. In
diesem und dem folgenden Kapitel werde ich versuchen, in
einem weltweiten Überblick, zusammengefaßt und ohne
übertriebene Detailversessenheit, die Belege vorzustellen, die
dafür sprechen, daß immer und überall, wo erstmals Zivilisation
aufkam, tatsächlich auch diese Geistesverfassung (oder
Mentalität) existierte.
In einer gegenwärtig noch viel und kontrovers diskutierten
Frage vertrete ich die Ansicht, daß die Zivilisation oder
Hochkultur an mehreren Orten im Nahen Osten jeweils
autochthon entstand (wie im vorigen Kapitel angedeutet) und
sich von dort in die Täler von Euphrat und Tigris, nach
Anatolien und ins Nil-Tal ausbreitete, sodann nach Zypern,
Thessalien und Kreta und späterhin durch Diffusion ins Indus-
Tal und darüber hinaus sowie in die Ukraine und nach
Innerasien, dann teils durch Diffusion, teils autochthon am
Jangtse-Fluß entlang; eine autochthone Zivilisation entstand
dann in Mittelamerika, eine weitere teils autochthon, teils durch
Diffusion im Andenhochland. In jeder dieser Regionen finden
wir eine Abfolge von Monarchien, die sämtlich
übereinstimmende Merkmale aufweisen, Merkmale, die wir
späterhin als die Kennzeichen ihrer Bikameralität verstehen
lernen werden. Zwar hat es im Verlauf der Weltgeschichte ganz
gewiß noch andere bikamerale Königtümer gegeben,
wahrscheinlich im ganzen Küstenstreifen des Golfs von
Bengalen und auf der Malaiischen Halbinsel sowie auch in
Europa, mit Sicherheit – von Ägypten aus durch Diffusion
dorthin gelangt – in Zentralafrika, möglicherweise auch bei den
Indianern Nordamerikas während der sogenannten Missouri-
Periode. Aber was von diesen Zivilisationen bisher an Spuren
dingfest gemacht werden konnte, reicht bei weitem nicht aus,
um bei der Überprüfung unserer Hauptthese irgendeinen Nutzen
zu bringen.
Nehmen wir die Theorie, wie ich sie bisher skizziert habe, so
würde ich meinen, daß die Zivilisationen des Altertums in den
archäologischen Befunden eine Reihe hervorstechender
Merkmale aufweisen müssen, die anders als mit Hilfe dieser
Theorie nicht zu begreifen sind. Solche augenfälligen Merkmale
sind Gegenstand des vorliegenden Kapitels; das nächste widmet
sich dann den schriftbesitzenden Hochkulturen Mesopotamiens
und Ägyptens.
DIE GOTTESHÄUSER
Stellen wir uns vor, wir kämen als Fremde in ein unbekanntes
Land und uns fiele auf, daß dort alle Ansiedlungen nach dem
gleichen Prinzip angelegt sind: gewöhnliche Wohn- und
sonstige Gebäude um eine größere und prunkvollere Behausung
herum gruppiert. Wir würden ohne weiteres annehmen, daß es
sich bei der großen, prunkvollen Behausung um die des
Lokalherrschers handelt. Und womöglich hätten wir recht damit.
Falls wir uns jedoch in einer der alten Zivilisationen befänden,
würde unser Irrtum in dem Moment beginnen, wo wir uns
diesen Herrscher als eine Person vom Zuschnitt neuzeitlicher
Potentaten vorstellen wollten. Er war vielmehr eine
Halluzinatio n oder – im verbreiteteren Fall – eine Statue, häufig
am einen Ende dieses höherklassigen Hauses aufgestellt, mit
einem Tisch davor, auf dem Krethi und Plethi ihre Opfergaben
abladen konnten.
Nun denn: wo immer wir auf einen derartigen Siedlungs- oder
Stadtplan stoßen, bei dem ein größeres Gebäude die
Mittelpunktstellung einnimmt, das keine menschliche
Behausung ist und auch sonst keinerlei praktischen Zwecken –
etwa als Kornspeicher oder Scheune – dient, und zumal wenn
dieses Gebäude ein menschliches Bildnis irgendwelcher Art
beherbergt: immer und überall, wo dies so ist, dürfen wir darin
ein Anzeichen für das Vorliegen einer bikameralen Kultur oder
einer Kultur, die historisch aus einer bikameralen entstanden ist,
erblicken. Dieses Unterscheidungskriterium mag sinnlos
erscheinen, und zwar einfach deshalb, weil es den Grundriß so
vieler Siedlungsanlagen von heute beschreibt. Der
Siedlungsgrundriß mit der Kirche in der Mitte und den Wohnund
Geschäftshäusern drumherum ist für uns etwas so
Selbstverständliche s, daß wir nichts Bemerkenswertes an ihm
finden können. Aber unsere zeitgenössische Sakral- wie
Stadtarchitektur ist nach meinem Dafürhalten in Teilen ein Erbe
unserer bikameralen Vergangenheit. Die Kirche, die Synagoge,
die Moschee heißt man noch heute das Gotteshaus. In ihrem
Innern reden wir noch heute mit dem Gott, auf einem Tisch oder
Altar werden dort noch heute vor dem Gott oder seinem
Sinnbild Opfer dargebracht. Mit dieser objektivierten
Darstellungsweise versuche ich einen gewissen
Verfremdungseffekt zu erzielen: Das Strukturschema in alldem
muß für unser Empfinden so weit verfremdet werden, wir
müssen uns von diesen Dingen innerlich so weit distanzieren,
als nötig ist, um den zivilisierten Menschen vor dem
Hintergrund seiner gesamten Primatenevolution wahrzunehmen
und dabei zu erkennen, daß ein derartiges Grundrißschema für
Stadtanlagen doch etwas Bemerkenswertes und von unseren
Neandertaler-Ursprüngen her gesehen durchaus keine
Selbstverständlichkeit ist.
Von Jericho bis Ur
Mit nur wenigen Ausnahmen zeigt der schematische Grundriß
kommunaler Siedlungsformen vom Ende des Mesolithikums bis
hin zu verhältnismäßig jungen Epochen stets ein Gotteshaus,
umringt von menschlichen Behausungen. Bei den ältesten
Dörfern1, so etwa auf der Ausgrabungsebene in Jericho, die dem
9. Jahrtausend v. Chr. entspricht, ist dieses Schema nicht restlos
klar und könnte bezweifelt werden. Indes ist keinerlei Zweifel
möglich in Bezug auf den Zweck des von schlichteren
Behausungen umgebenen größeren Gotteshauses in Jericho auf
der Ebene des 7. Jahrtausends, ein Bauwerk; bestehend aus einer
– möglicherweise säulengetragenen Vorhalle und einem
Hauptraum mit Nischen und Apsiden. Hier haben wir es nicht
mehr mit einem Grabhaus für den toten König zu tun, wo auf
Steine gebettet der Leichnam lag. Die Nischen beherbergten fast
lebensgroße Standbilder: naturalistisch in Lehm geformte
Köpfe, auf Rohrschäfte oder Schilfbündel aufgesetzt und rot
angestrichen. Ähnlich halluzinogen dürften auch die am selben
Ort gefundenen, vielleicht von toten Königen stammenden zehn
Menschenschädel gewirkt haben, die in Gips realistisch
nachgebildete Gesichtszüge trugen, mit weißen Kaurimuscheln
anstelle der Augen. Auch in der anatolischen Hacilar-Kultur der
Zeit um 7000 v. Chr. gab es auf erhöhter Grundlage aufgestellte
Schädel, was den Schluß zuläßt, daß die Angehörigen dieser
Kultur durch ein ähnliches bikamerales Kontrollverfahren bei
den der Nahrungsmittelproduktion oder der Sicherheit
dienenden Kollektivunternehmungen zusammengehalten
wurden.
Mit einer Fläche von 32 Morgen – von denen vorerst lediglich
ein oder zwei Morgen vollständig untersucht sind – ist Catal
Hüyük die größte Ausgrabungsstätte im Nahen Osten. Hier
begegnen wir einer etwas veränderten Lage der Dinge. Die
Funde in der Schicht, die etwa der Zeit um 6000 v. Chr.
entspricht, geben zu erkennen, daß beinahe jedes Haus vier bis
fünf auf gleicher Ebene liegende Räume enthielt, die einen
Gottesraum wie schützend in ihrer Mitte bargen. In diesen
Gottesräumen wurden zahlreiche Statuengruppen aus Stein oder
gebrannter Erde gefunden.
Fünfhundert Jahre später in Eridu errichtete man die
Gotteshäuser auf einem Ziegelsteinsockel (und hatte damit die
Vorform der Zikkurat geschaffen). In einer langgestreckten
Cella blickte das Gott-Idol von seinem Postament an der einen
zum Opfertisch an der anderen Schmalwand hinüber. Die
Traditionsfolge der Heiligtümer vom Eridu-Typ reicht bis zur
Obed-Kultur im südlichen Irak, ehe dieser Typ sich um 4300 v.
Chr. über ganz Mesopotamien ausbreitet und damit zur Basis
sowohl der sumerischen als auch der nachfolgenden
babylonischen Hochkultur wird (auf beide werde ich im
folgenden Kapitel näher eingehen). In Städten von vielen
tausend Einwohnern kam es zugleich zu jenen monumentalen
und kolossalen Gotteshäusern, die – wohl als
Halluzinationshilfen für jedermann auf Meilen im Umkreis –
fortan allenthalben das Stadtbild prägen und beherrschen sollten.
Selbst der Zeitgenosse der Moderne, steht er im Schatten eines
solchen künstlich angelegten Stufenbergs wie beispielsweise der
Zikkurat von Ur, die mit ihren Stufenrampen heute zwar nur
noch bis zur Hälfte ihrer ursprünglichen Höhe, doch noch immer
gewaltig über den ausgegrabenen Ruinen ihres ehemaligen
bikameralen Kulturzusammenhangs emporragt; und stellt er sich
dann die dreifach gestufte Tempelanlage vor, die sich dort ganz
oben einstmals in die Sonne reckte – dann fühlt sogar der
Zeitgenosse unserer Tage noch etwas von dem machtvollen
Bann, den eine solche Architektur allein durch sich selbst auf
die Geistesverfassung des Betrachters auszuüben vermag.
Die hethitische Variante
Im Zentrum ihrer Hauptstadt Hattusa (dem heutigen
Bogazköy) im zentralen Anatolien2 unterhielten die Hethiter vier
riesige Tempel, deren aus Granitsteinen gebautes Sanktuarium
die Außenmauern aus Kalkstein nach oben überragte, damit von
den Seiten her Licht nach innen auf mehrere monumentale
Götteridole fallen konnte.
Doch die Rolle einer Zikkurat – also einer hochgebauten
Tempelanlage, die überall, wo Arbeiter das Land bestellten, zu
sehen war – spielte wohl das eindrucksvolle Felsheiligtum von
Yazilikaya, nicht weit außerhalb der Stadtmauern gelegen,
dessen Wände mit Götterreliefs übersät sind.; Daß die Berge
selber auf die Hethiter halluzinatorisch wirkten, geht hervor aus
den auf den Felswänden im Innern des Heiligtums noch deutlich
erkennbaren Reliefbildern mit den üblichen stereotypen
Umrißdarstellungen von Bergen, die gekrönt sind von
Götterhäuptern oder mit einem den Göttern vorbehaltenen
Kopfputz. Wie singt doch der Psalmist? »Ich hebe meine Augen
auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt« (121, I).
Auf der Ostwand des Felsenraums3 in diesem Heiligtum
findet sich die Reliefdarstellung des Königs Tuthalija IV. in der
Staatsrobe. Ihm zur Seite steht, den König um mehr als
Kopflänge überragend und eine sehr viel höhere Krone als
dieser tragend, der Gott Šarruma. Den rechten Arm hält er
ausgestreckt, um dem König den Weg zu weisen, den linken hat
er um des Königs Schultern gelegt; die linke Hand des Gottes
hält das rechte Handgelenk des Königs fest umschlungen. Hier
haben wir das Sinnbild der bikameralen Psyche vor uns, wie es
sich treffender nicht denken läßt.
Der Umstand, daß die Hethiter – als einziges Volk, soweit ich
sehe – Götterdarstellungen besitzen, die die Götter in langer
Reihe aufgestellt zeigen, scheint mir der Schlüssel zur Lösung
eines alten Problems der Hethiterforschung zu sein. Es betrifft
die korrekte Übersetzung des wichtigen Begriffs pankus.
Ursprünglich sahen die Gelehrten in ihm eine Bezeichnung für
die ganze Volksgemeinschaft, möglicherweise auch für eine Art
Nationalversammlung. Andere Texte machten die Korrektur
dieser Auffassung erforderlich; danach verstand man das Wort
in der Bedeutung »Adelskaste« oder »Elitegemeinschaft«. Eine
weitere Möglichkeit besteht nun, wie ich meine, darin, daß es
auf die ganze vielköpfige Göttergemeinschaft verweist, zumal
auf jene exquisiten Momente, da sämtliche bikameralen
Stimmen sich in einhelliger Entscheidung zusammenfinden. Die
Tatsache, daß in den letzten rund hundert Jahren der
Hethiterherrschaft, also ungefähr von 1300 v. Chr. an, in keinem
einzigen Text mehr von der pankus die Rede ist, könnte auf ihr
kollektives Verstummen und den Beginn des turbulenten
Wandels zur Subjektivität hindeuten.
Olmeken und Maya
Kennzeichen der ältesten bikameralen Reiche in Amerika sind
ebenfalls solch riesengroße, in jeder sonstigen Hinsicht nutzlose
Bauwerke in zentraler Lage: die sonderbar unförmige
Olmekenpyramide in La Venta, aus der Zeit um 500 v. Chr.
datierend, mit ihrem Spalier von kleineren, mit rätselhaften
Mosaiken von Jaguarköpfen übersäten Erdauftürmungen; oder
die um 200 v. Chr. wie Pilze aus dem Boden schießenden
großen Tempelpyramiden.4 Die größte von ihnen, die riesige
Sonnenpyramide in Teotihuacän (wörtlich übersetzt: »Ort der
Götter«); hat mehr Rauminhalt als die größte Pyramide
Ägyptens; sie hat eine Seitenlänge von 200 in an der Basis und
ist höher als ein zweiundzwanzigstöckiges Haus.5 Die Kammer
des Gottes an ihrer Spitze war über ein System steiler Treppen
zugänglich. Und oben auf dieser Kammer, so will es die
Überlieferung, erhob sich ein gigantisches Standbild der Sonne.
Zur Pyramide führte ein von anderen Pyramiden flankierter
Prozessionsweg, und auf Meilen im Umkreis sind auf dem
mexikanischen Hochland noch heute die Überreste einer großen
Stadt zu sehen: die Häuser der Priester, zahlreiche Innenhöfe
und kleinere Behausungen, die Wohnbauten allesamt
eingeschossig, so daß man von jedem Ort in der Stadt aus die
großen Wohnpyramiden der Götter sehen konnte.6
Nach etwas späteren Anfängen, doch ansonsten zeitgleich mit
der Teotihuacän-Kultur entstehen auf der Halbinsel Yucatán
zahlreiche Maya-Städter mit erkennbar dem gleichen
bikameralen Anlageschema: Jede einzelne ist um steil
aufragende Pyramiden zentriert, die mit einem Gotteshaus
gekrönt sind und verziert mit Jaguarmasken vom Olmeken-Typ
sowie mit anderen Wanddekorationen und Reliefs, auf welchen
sich eine unerschöpfliche Vielfalt von Schlangen mit
menschlichen Gesichtern grimmig durch Ornamentendschungel
hindurchwindet. Außerordentlich interessant ist der Umstand,
daß einige der Pyramiden wie in Ägypten Gräber enthalten, was
auf eine Phase des Gottkönigtums hindeuten könnte. Vor den
Maya-Pyramiden stehen gewöhnlich Stelen mit eingemeißelten
Götterbildern oder Inschriften in einer Hieroglyphenschrift, die
noch längst nicht vollständig entschlüsselt ist7. Da diese
Schriftart immer im Zusammenhang mit den religiösen
Vorstellungen der jeweiligen Benutzer steht, scheint es nicht
ausgeschlossen, daß die Hypothese von der bikameralen Psyche
mit dazu beitragen könnte, ihre Geheimnisse zu enträtseln.
Maya-Städte findet man sonderbarerweise häufig in recht
unwirtlicher Umgebung, wo sie ebenso unvermittelt gegründet
wie abrupt wieder aufgegeben wurden. Auch dafür ergibt sich
meiner Meinung nach die beste Erklärung, wenn man annimmt,
daß derlei Gründungen und Auszüge auf den Befehlen der
Halluzinationen beruhten, die sich in bestimmten Epochen nicht
nur reichlich sprunghaft verhalten konnten, sondern auch
regelrechte Selbstbestrafungsaktionen verordneten – wie Jahwe
das zuweilen seinem Volk gegenüber tat oder Apollon (durch
den Mund des Delphischen Orakels) gegenüber dem seinen,
etwa wenn er sich auf die Seite von Invasoren schlug (vgl.
weiter unten, Drittes Buch, Erstes und Zweites Kapitel sowie
Fußnote Seite 424).
Gelegentlich kommt es sogar zur Verbildlichung des
bikameralen Geschehens. Eine solche liegt ganz klar vor auf
zwei Reliefsteinen aus Santa Lucia Cotzumalhaupa, einem nicht
zur Maya-Kultur gehörenden Ruinenplatz im pazifischen
Tiefland von Guatemala. Die Reliefdarstellung zeigt einen in
Prostrationshaltung – die Stirn am Boden, die Arme ausgebreitet
– vor zwei Göttergestalten, die zu ihm sprechen, im Gras
knienden Mann; eine dieser Gestalten ist halb Mensch, halb
Hirsch, die andere eine Verkörperung des Todes. Daß es sich bei
der Szene um eine direkte Wiedergabe von aktualem Erleben im
bikameralen Seelenzustand handelt, leuchtet vollends ein,
sobald man Gelegenheit hat, in derselben Region die
sogenannten chilanes oder Wahrsager von heute zu beobachten.
Wie eh und je halluzinieren sie Stimmen in exakt der gleichen
Haltung, wenngleich man vielfach die Meinung vertreten findet,
daß in unserer Zeit der halluzinogenen Trance mit Meskalin
(Peyote) kräftig nachgeholfen wird.8
Andenkulturen
Von den Hochkulturen in den Anden, die dem Inkareich
vorausgingen, ein halbes Dutzend an der Zahl, sind unter dem
Gestrüpp der Zeit noch weniger Spuren aufzufinden. 9 Die älteste
ist bezeugt durch den Ruinenplatz Kotos. Er stammt aus einer
Zeit vor 1800 v. Chr.; den Mittelpunkt der Anlage bildet ein
rechteckiges Gotteshaus, errichtet auf einem 7,5 in hohen
Stufenunterbau auf einem mächtigen Erdhügel, auf dem sich
ringsum Reste noch weiterer Bauwerke finden. Alle Innenwände
hatten jeweils mehrere hohe Nischen; in einer davon fand man
die Gipsplastik eines verschränkten Händepaars – wohl ehemals
Teil von einem größeren Idol, das inzwischen zu Staub zerfallen
ist. Die Ähnlichkeit mit dem fünftausend Jahre älteren
Heiligtum in Jericho ist unübersehbar.
Während Kotos möglicherweise von Auswanderern aus
Mexiko ins Leben gerufen wurde, zeigt die nächstfolgende
Hochkultur, der etwa um 1200 v. Chr. beginnende sogenannte
Chavin-Horizont, ausgeprägt olmekische Züge: im Maisanbau,
in bestimmten charakteristischen Einzelheiten der Keramik und
im Jaguar als Mittelpunkt des religiösen Kultes und
dementsprechend als vorherrschendes bildnerisches Motiv. In
Chavin selbst (im Tal des Mozna im nördlichen Hochland
gelegen) beherbergt ein großer kastenförmiger, von
Mauerdurchbrüchen wabenartig überzogener Tempel ein
imposantes Idol in Gestalt eines prismatisch geformten
Granitblocks, mit Basrelief überzogen, so daß er einen
Menschenkörper mit Jaguarkopf darstellt.10 Die nachfolgende
Hochkultur – das Reich der Mochica11 II in Nordperu (400 n.
Chr.-1000 n. Chr.) errichtete ihren Göttern gewaltige
Pyramiden; sie erheben sich nahe außerhalb von
Einfriedungsmauern, hinter denen vermutlich die Städte lagen –
wie heute noch im Chicamatal bei Trujillo zu sehen.12
Dann folgte im kahlen Hochland unweit des Titicacasees das
große Reich von Tihuanaco (1000-1300 n. Chr.) mit einer noch
gewaltigeren steinverkleideten Pyramide, um und um mit
riesigen pflasterähnlichen Relieffiguren von Göttern verziert, die
aus ihren Geier- und Schlangenköpfen (warum?) Tränen
vergießen.13
Dann kommen die Chimú, und mit ihnen wird alles noch um
eine Dimension größer. Die Hauptstadt ihres Reiches, Chanchn,
bedeckte 28 Quadratkilometer und war mit Mauern in zehn
Areale unterteilt, jedes von ihnen in sich selber eine kleine Stadt
mit eigener Pyramide, eigenem palastähnlichem Gebäude,
eigenen Bewässerungsanlagen, Wasserspeichern und
Friedhöfen. Was genau die Existenz solcher durch Mauern
abgegrenzter benachbarter Stadtbezirke im Licht der
Bikameralitätshypothese zu bedeuten hat, ist ein
hochinteressantes Problem für zukünftige Forschungen.
Das Goldreich der Inka
Zuletzt dann die Inka, wie eine Synthese aus Ägypten und
Assyrien. Auf jeden Fall zu Beginn ihrer Machtentfaltung dürfte
ihre Herrschaft den Gottkönig-Typus der bikameralen
Monarchie verkörpert haben. Doch binnen eines Jahrhunderts
hatten die Inka sämtliche bereits existierenden Reiche dem ihren
unterworfen und damit vielleicht, wie zu anderer Zeit und in
anderen Breiten die Assyrer, ihre Bikameralität selber
aufgeweicht.
Die sozialen Gegebenheiten im Inkareich zur Zeit seiner
Eroberung durch Pizarro könnte man vielleicht als eine
Kombination aus Bikameralität und Proto-Subjektivität
beschreiben. Das Zusammentreffen der zwei Mentalitäten war
wohl nur noch einen Schritt entfernt von jener Kraftprobe, von
der das vorliegende Buch handelt. Die Kraft der Subjektivität
erwuchs aus den riesenhaften Dimensionen des Imperiums; denn
bringt man die sowohl horizontale wie vertikale Mobilität in
Anschlag, für die die effiziente Verwaltung eines Reichs von
solcher Größe heute schlicht Voraussetzung ist,14 so ist leicht zu
sehen; daß der Inkastaat auf bikamerale Weise allein kaum noch
regierbar gewesen wäre. Glaubt man den – freilich auf
Hörensagen beruhenden – überlieferten Berichten, dann durften
die Häuptlinge der unterworfenen Völker Amt und Titel weiter
führen, mußten jedoch ihre Söhne zur Erziehung – und
vermutlich auch als Geiseln – nach Cuzco an den Hof des Inka
schicken, ein Schema, das die Grenzen des bikameralen Geistes
doch wohl überschritt. Offenbar durften die unterworfenen
Völker auch ihre Sprache behalten, wenngleich Amtsträger die
Kultsprache, das Quechua, erlernen mußten.
Demgegenüber gab es in der Staatsorganisation eine große
Zahl von Eigenheiten, die zweifellos bikameralen Ursprungs
waren, auch wenn für einen Teil von ihnen mit der
explosionsartigen Entwicklung des hoch gelegenen kleinen
Stadtstaats Cuzco zu einer Art Imperium Romanum der Anden
die Raison d’etre mehr und mehr zur bloßen Trägheitskraft der
Tradition verkümmern sollte. Der Inka selbst war der Gottkönig:
In diesem Punkt glich das Bild so sehr den Verhältnissen im
Alten Ägypten, daß die weniger konservativen unter den
Geschichtsschreibern des Alten Amerika zu der Überzeugung
gelangten, hier müsse auf irgendeine Weise kulturelle Diffusion
mit im Spiel sein. Ich meine jedoch, daß unter den
vorgegebenen Rahmenbedingungen von »Mensch«, »Sprache«
und »Kommunalorganisation auf bikameraler Basis«
historisches Geschehen allüberall nur ganz bestimmten
wohlumschriebenen Mustern folgen kann.
Der König war aus göttlichem Geschlecht, ein Abkömmling
der Sonne, ein Schöpfergott des Bodens und der Erde, des
Schweißes der Sonne (Gold) und der Tränen des Mondes
(Silber). Sein Anblick vermochte selbst die Großen seines
Reiches in solche Ehrfurchtschauer zu versetzen, daß sie
förmlich von den Füßen gerissen wurden15 – in eine numinose
Ehrfurcht, wie sie für die Psychologie unserer Tage Schlichtweg
unbegreiflich ist. Das Alltagsleben des Königs war ein einziges
ausgefeiltes Ritual. Auf seinen Schultern ruhte ein Umhang, der
gesteppt war aus den Flügeln frisch erlegter Fledermäuse; sein
Haupt war von einer Franse aus roten Troddeln umgeben, die
wie ein Vorhang vor seinem Gesicht hing, als solle sie die
Seigneurs in seiner Umgebung vor dem übergroßen Grauen
bewahren, das mit einem unbedachten Blick in dieses für
Menschenaugen nicht gemachte Götterantlitz verbunden wäre.
Wenn der Inka starb, ergaben sich sein Harem und seine
Leibdienerschaft einem Zech- und Tanzgelage, auf dessen
Höhepunkt sie hingemetzelt wurden, um ihren Herrn auf seiner
Reise zur Sonne zu begleiten: ein Brauch, der zuvor schon in
Ägypten, Ur und China existiert hatte. Der Leichnam des Inka
wurde einbalsamiert und die Mumie in seiner Residenz bestattet,
die fortan als Tempel galt. Man fertigte ein lebensgroßes
Standbild des Inka aus Gold, das ihn auf seinem goldenen
Thronsessel sitzend wie zu Lebzeiten zeigte, und wie in den
Königtümern des Vorderen Orients wurden der Statue täglich
frische Speisen dargeboten.
Nun ist es zwar denkbar, daß im sechzehnten Jahrhundert der
Inka mitsamt seiner Aristokratenkaste nur mehr schauspielerisch
ein bikamerales Rollenpensum absolvierte, das in einem sehr
viel früheren, echt bikameralen Stadium der Herrschaft
festgeschrieben worden war – genauso wie das wohl der Kaiser
Hirohito, der erhabene Sonnengott Japans, heutigentags noch
tut. Indes, nimmt man alles zusammen, was wir über die
Inkakultur wissen, zeigt sich doch, daß man es sich mit dieser
Erklärung allzu einfach machen würde. Je näher im Umkreis des
Inka die Stellung einer Person zum Mittelpunkt war, desto
deutlicher herrschte in ihrer Geistesverfassung das bikamerale
Moment vor. Noch die Ohrstecker aus Gold und Edelsteinen,
zuweilen mit Darstellungen der Sonne, die die Spitzen der
Gesellschaft, der Inka selber eingeschlossen, trugen, hatten wohl
nichts anderes zu bedeuten, als daß die dergestalt
ausgezeichneten Ohren die Stimme der göttlichen Sonne
vernahmen.
Am bezeichnendsten in dieser Hinsicht ist jedoch zweifellos
die Art und Weise, in der dieses Riesenreich erobert wurde.16
Die arglossanftmütige Kapitulation der Ureinwohner vor den
europäischen Invasoren ist für alle, die sich mit der Entdeckung
und Eroberung Amerikas beschäftigen, seit langem das in
diesem Zusammenhang rätselhafteste Phänomen. Das Faktum
als solches liegt klar zutage, doch das Warum und Weshalb ist
in den Berichten darüber von Vermutungen und Vorurteilen
getrübt, die bereits mit den ersten Berichten der abergläubischen
Konquistadoren beginnen. Wie war es möglich, daß ein Reich,
dessen Truppen die Kulturen eines halben Kontinents
unterworfen hatten, in den Nachmittagsstunden des 16.
November des Jahres 1532 zur Beute einer Rotte von nicht mehr
als rund 150 Spaniern wurde?
Wäre denn nicht folgende Erklärung möglich? Es handelte
sich um eine der seltenen direkten Konfrontationen zwischen
Vertretern des subjektiven Geistes einerseits und der
bikameralen Psyche andererseits. Und zu all dem fremdartig
Neuen, dem Inka Atahualpa sich hier gegenübersah –
raubbeinige Männer mit einer Haut wie Milch und Haaren, die
sich vom Kinn statt vom Scheitel abwärts kräuselten, so daß ihre
Köpfe wie umgekehrt aufgesetzt aussahen, Männer in
metallenen Gewändern, mit flackernden Augen, auf seltsamen,
lamaähnlichen Kreaturen mit silbrig glänzenden Hufen
einherreitend, Männer, die in gewaltig großen, wie
Mochicatempel gestuften künstlichen Bergen über das für Inka-
Untertanen unbefahrbare Meer gekommen waren wie Götter –
zu alldem blieben die bikameralen Stimmen, die sonst von der
Sonne oder von den goldenen Statuen in den gleißenden Türmen
von Cuzco kamen, sprachlos und stumm. Des subjektiven
Bewußtseins nicht teilhaftig, der Heimtücke nicht fähig und
ebenso unfähig, sich die Heimtücke anderer narrativ zuvergegenwärtigen,17
wurden der Inka und seine Magnaten wie
wehrlose Puppen überwunden. Vor den Augen des antriebslos
erstarrten Volkes beraubte dieser Schiffsbauch voll subjektivbewußter
Männer die heilige Stadt ihrer Goldverkleidungen,
schmolz die goldenen Bildwerke und alle Schätze des Goldenen
Bezirks ein – die goldenen Maisfelder mit kunstvoll
goldgefertigten Kolben, Blättern und Stengeln –, ermordete den
leibhaftigen Gott samt seinen Prinzen, schändete die
widerstandslosen Frauen, und seine Zukunft in Spanien
narrativierend vorwegnehmend, segelte er mit dem gelben
Metall auf und davon, zurück in jenes System subjektiv
bewußter Werte, aus dem er gekommen war.
Von ‘Aïn Mallaha bis hierher ist eine lange Strecke.
DIE LEBENDEN TOTEN
Die Leichen wichtiger Personen so zu bestatten, als ob diese
noch am Leben wären, ist in sämtlichen dieser alten Kulturen,
deren Baustil wir soeben genauerer Betrachtung unterzogen
haben, eine weltverbreitete Praxis. Der Brauch läßt sich
stichhaltig nicht erklären, es sei denn, man nimmt an, daß die
Stimmen der Toten noch über das Grab hinaus von den
Lebenden vernommen wurden – und womöglich sogar selbst
eine derartige Unterbringung forderten. Wie in den Abschnitten
über ‘Aïn Mallaha bereits ausgeführt (Erstes Buch; Sechstes
Kapitel), waren jene auf einem Pfühl von Steinen gelagerten
toten Könige, deren Stimmen die Halluzinationen der Lebenden
beherrschten, die ersten Götter.
Während sich diese Frühkulturen dann zu bikameralen
Königtümern fortentwickeln, füllen sich die Gräber ihrer
Honoratioren mehr und mehr mit Waffen,
Ausrüstungsgegenständen, Schmuck und vor allem mit
Essensgefäßen. Das gilt für die frühesten Kammergräber im
gesamten Europa und Asien ab 7000 v. Chr. und wird mit
zunehmendem Umfang und wachsender Komplexität der
bikameralen Staatsorganisationen zu unerhörten Graden
ausgebaut. Allgemein bekannt sind die Prachtgräber der
ägyptischen Pharaonen in einer regelrechten Geschlechterfolge
von Pyramiden (mehr darüber im folgenden Kapitel). Doch
ähnliche, sei’s auch weniger ehrfurchtgebietende,
Bestattungsformen trifft man auch andernorts. Während der
»frühdynastischen« Zeit in der ersten Hälfte des dritten
Jahrtausends v. Chr. wurden die Könige von Ur mit ihrem
gesamten Anhang bestattet, wobei die Gefolgsleute – in
manchen Fällen noch lebend – in kauernder Stellung wie zum
Dienst bereit um ihren Herrn herum postiert wurden. Achtzehn
solcher Gräber hat man bisher entdeckt, die in unterirdischen
Gewölben Speise und Trank, Kleider, Geschmeide, Waffen, aus
Stierköpfen geformte Lyren, ja sogar Triumphwagen mit
geopferten Zugtieren als Gespann enthielten.18
Dienerbeisetzungen (aus etwas späteren Perioden) sind auch aus
Kiš und Aššur bekannt. Im anatolischen Alaca Hüyük waren die
Königsgräber mit ganzen gebratenen Ochsen bedeckt, damit die
reglosen Bewohner auch im Nachleben nicht Hunger zu leiden
brauchten.
In vielen Kulturen wird selbst der gemeine Mann nach seinem
Tod noch wie ein Lebender behandelt. Die allerältesten dem
Thema Beisetzung gewidmeten Inschriften sind Listen der
monatlichen Bier- und Brotrationen, die den Toten des
einfachen Volks zustehen. Um 2500 v. Chr. erhielt ein
Dahingegangener in Lagas 7 Krüge Bier, 420 flache Brote, 2
Scheffel Korn, 1 Gewand, 1 Kopfstütze sowie 1 Bett mit ins
Grab.19 In einigen frühgriechischen Gräbern hat man nicht nur
das vielfältige Zubehör des täglichen Lebens gefunden, sondern
sage und schreibe auch Sonden für künstliche Ernährung, was
doch wohl nichts anderes bedeutet, als daß die archaischen
Griechen Suppen und Brühen in die fahlen Kinnbacken des
modernden Leichnams einfüllten.20 Und im Metropolitan
Museum in New York ist (als Inventarstück Nr. 14. 130. 15) ein
bemalter Krater oder Mischkrug zu besichtigen, auf dem ein
Knabe mit der einen Hand sich offenbar die Haare rauft,
während er mit der anderen Speise in den Mund eines
Leichnams stopft (bei dem es sich vermutlich um den seiner
Mutter handelt). Darauf kann man sich nur schwer einen Reim
machen, solange man nicht annimmt, daß der Fütternd e zugleich
in halluzinatorischem Kontakt mit der Leiche steht.
Das Material über die Kulturen im Indus-Tal21 ist dünner
gesät: Sämtliche Papyrusschriften sind ein Opfer der Fäulnis
geworden, über sonstigen Zeugnissen ruhen Schichten von
Alluvialanschwemmungen, und zu alldem ist die Region
archäologisch noch keineswegs ausreichend erforscht. Doch
soweit dies geschehen ist, fand man auf den Ausgrabungsstätten
im Indus-Tal den Totenacker häufig an hoch gelegenem Ort
nächst der Zitadelle und fünfzehn bis zwanzig Töpfe mit
Speisen als Beigabe bei jeder Leiche – was wiederum
übereinstimmt mit der Hypothese, daß man die Toten zum
Zeitpunkt der Bestattung noch als lebendig empfand. Die
neolithische Yangshao-Kultur in China 22, für die bislang noch
keinerlei chronologische Daten fixiert werden konnten (außer
als Terminus ante quem die Mitte des zweiten Jahrtausends v.
Chr.), beerdigte ihre Toten in mit Holz verschalten Gräbern und
gab ihnen Töpfe mit Speisen und Steingeräte mit. Um 1200 v.
Chr. dann weist die Shang-Dynastie Königsgräber mit
Menschen- und Tieropfern auf; die Ähnlichkeit mit den um ein
Jahrtausend älteren Grabfunden in Mesopotamien und Ägypten
ist so frappant, daß einige Gelehrte zu der Überzeugung kamen,
die Zivilisation sei vom Westen her auf dem Weg der Diffusion
nach China gelangt.23
Ähnlich waren in Mittelamerika die Olmekengräber der Zeit
800-300 v. Chr. reichlich mit Töpfen voll Speisen versehen. In
den Maya-Königtümern wurden die Toten des Adels so
bestattet, als ob sie auf den Tempelplätzen weiterlebten. Ein
Häuptlingsgrab, das kürzlich unter einem Tempel in Palenque
entdeckt wurde, kann es an prachtvoller Ausgestaltung mit
jedem Gegenstück in der Alten Welt aufnehmen.24 In
Kammaljuyu, einer Stätte aus der Zeit um 500 n. Chr., war ein
Häuptling in Gesellschaft zweier Jünglinge, eines Kindes und
eines Hundes begraben. Angehörige des gewöhnlichen Volks
begrub man mit dem Mund voll gestampfter Maiskörner im
Lehmboden ihrer Behausungen zusammen mit ihren Waffen und
Gerätschaften sowie mit Töpfen, angefüllt mit Speis und Trank,
Ozeans. Zu erwähnen sind ferner die Porträtskulpturen von
Yucatán, die als Urnen für die Asche abgeschiedener Häuptlinge
dienten; die Schädelabgüsse von Mayapan; sowie im
Andenhochland die kleinen Katakomben, in denen Leute des
gemeinen Volks in Sitzhaltung gefesselt, umringt von Schalen
mit chicha und den Dingen und Gerätschaften, die sie im Leben
benutzt hatten, bestattet wurden.25 Die Toten wurden alsdann
huaca, gottgleich, gena nnt, was, ich als weiteres Indiz dafür
werte, daß man sie als die Quellen halluzinierter Stimmen
identifizierte. Und wenn die Konquistadoren berichten, daß nach
Meinung der Eingeborenen jenes Landes ein Mensch erst lange
nach seinem Tod »stirbt«, dann sche int mir das nur so zu
verstehen, daß es eben so lange dauerte, bis die halluzinierte
Stimme dieses Menschen schließlich verstummte.
Daß die Götter ursprünglich nichts anderes als die Toten
waren, erhellt auch aus den Schriftzeugnissen derjenigen
bikamerale n Kulturen, die eine Schrift entwickelten. In einem
zweisprachigen Beschwörungstext aus Assyrien werden die
Toten unumwunden als Ilani, Götter, apostrophiert.26 Und drei
Jahrtausende später notierte Sahagun in einem der frühesten
Berichte über Land und Leute Mittelamerikas: die Azteken
»nannten den Ort Teotihuacan, d. h. Grabstätte der Könige; die
Alten sagten: der Verstorbene ist zum Gott geworden; oder sagte
jemand: er ist zum Gott geworden, so sollte das heißen: er ist
gestorben«.27
Noch in der Epoche des Bewußtseins kannte man die
Überlieferung, daß Götter in grauer Vorzeit verstorbene
Menschen waren. Hesiod weiß von einem goldenen
Menschengeschlecht, das dem eisernen seines eigenen Zeitalters
vorausging; und wenn von diesem Geschlecht irgendwelche
gestorben sind, »werden sie fromme Dämonen der oberen Erde
genennet, Gute, des Wehs Abwehrer, der sterblichen Menschen
Behüter«.28 Noch vier Jahrhunderte später ist diese Vorstellung
den Griechen geläufig: Platon zum Beispiel zitiert sie sowohl in
der »Politeia« (469A) wie im »Kratylos« (398).
Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als seien Töpfe mit
Essen und Getränken in ausnahmslos allen Gräbern der
genannten Kulturen und Regionen anzutreffen; ich sage nur:
Grabbeigaben dieser Art sind im bezeichneten Rahmen weit
verbreitet. Und häufig ist es sogar so, daß Ausnahmen die Regel
bestätigen. So zum Beispiel war Sir Leonard Woolley bei der
Ausgrabung der (in die Zeit um 1900 v. Chr. datierenden)
Privatgräber im mesopotamischen Larsa zunächst überrascht
und enttäuscht angesichts der Armseligkeit dessen, was sie
enthielten. Selbst mit großem Konstruktionsaufwand gebaute
Gewölbe hatten an Beigaben nichts weiter aufzuweisen als etwa
ein paar irdene Gefäße hinter der Tür der Grabkammer, jedoch
keinerlei Ausstattung der Art, wie man sie von anderweitigen
Grabfunden kannte. Die Erklärung dafür lag auf der Hand,
sobald er sich vor Augen hielt, daß diese Gräber sämtlich
jeweils unter Wohnstätten angelegt waren: Der Tote der
altbabylonischen Epoche brauchte keine Ausstattung oder
größere Essensvorräte als Grabbeigaben, da ihm ja alles in dem
Haus über seinem Kopf zur Verfügung stand. Essen und
Getränk nahe der Kammertür dürften wohl so etwas wie eine
Erste-Hilfe-Maßnahme für den Dringlichkeitsfall großen
Hungers dargestellt haben, damit der Tote, falls ihn das
Bedürfnis nach »geselligem Beisammensein« mit der Familie
ankam, sich gut gelaunt zeigte.
Von Mesopotamien bis Peru sind also für die Hochkulturen
zumindest auf einer Etappe ihrer Entwicklung
Bestattungsgepflogenheiten, kennzeichnend, die den Toten
behandeln, als würde er noch weiterleben. Und soweit
Schriftzeugnisse vorliegen, bekunden sie, daß die Toten häufig
als Götter bezeichnet wurden. Das mindeste, was sich dazu
bemerken läßt, ist, daß es der Hypothese vom Überdauern der
Stimmen der Toten in den Halluzinationen der Lebenden nicht
widerspricht.
Indes, ist die Annahme eines Zusammenhangs zwischen
Totenkult und Stimmhalluzinationen zwingend? Könnte es nicht
einfach so sein, daß der Grund für die geschilderten Bräuche in
bloßer Trauer zu suchen ist – in einer Art Weigerung, sich mit
dem Tod eines geliebten Menschen oder eines verehrten Führers
abzufinden, die dazu führt, daß man dem Toten, gleichsam als
Zeichen der Liebe und Zuneigung, den Namen »Gott« beilegt?
Immerhin eine denkbare Erklärung. Sie ist jedoch zu schwach,
um dem Gesamtbild, zu dem sich die Befunde zusammenfügen,
gerecht werden zu können: Sie erklärt nicht die Ubiquität des
einheitlichen Musters, Tote als Götter zu betiteln, in weit
auseinanderliegenden Weltteilen; nicht das Gigantische mancher
kultischen Veranstaltungen, etwa der Pyramidenbauten; und
noch nicht einmal, wieso wir in Volksglauben und Literatur
noch heute auf dis Spur von Geistern treffen, die mit
Botschaften für die Lebenden aus ihren Gräbern zurückkehren.
SPRECHENDE IDOLE
Eine dritte Eigenheit der frühen Hochkulturen, die im
Zusammenhang der Bikameralitätshypothese für mich
Beweiswert hat, ist die gewaltige Anzahl und Vielfalt plastischer
Menschendarstellungen sowie die unverkennbar zentrale Ro lle,
die sie im Alltag des Altertums spielen. Als deren Vorform
haben ohne Zweifel die bereits erwähnten aufgestützten
Leichname von Stammesführern und nachbehandelten Schädel
zu gelten. Davon ausgehend folgte eine erstaunliche
Entwicklung der Menschenplastik. Deren unverkennbare
Wichtigkeit im jeweiligen kulturellen Rahmen ist schwerlich zu
verstehen ohne die Annahme, daß sie als Hilfsmittel bei der
Erzeugung von Stimmhalluzinationen dienten. Dies ist jedoch
alles andere als eine einfache Angelegenheit, und die
erschöpfende Erklärung dürfte wohl ein Geflecht durchaus
unterschiedlicher Prinzipien in sich fassen.
Statuetten
Die kleinsten dieser Plastiken sind Statuetten, wie sie in fast
allen alten Königtümern von den ersten menschlichen
Dauersiedlungen an gefunden wurden. Im siebenten und
sechsten Jahrtausend v. Chr. sind sie äußerst primitiver Machart
– kleine Steine mit eingeritzten Gesichtszügen oder groteske
Tonfiguren. Daß sie im Kulturzusammenhang etwa um 5600 v.
Chr. eine wichtige Rolle spielten, belegen die Ausgrabungen in
Hacilar in der südwestlichen Türkei. Flache weibliche
Standbilder aus gebrannter Erde oder aus Stein, Augen, Nase,
Haar und Kinn auf der Oberfläche eingeritzt, waren in jedem
Haus zu finden29 – ich würde sagen: geradeso, als seien sie die
halluzinatorischen Überwacher der Bewohner. In den Amrahund
Gerzeh-Kulturen Ägyptens (um 3600 v. Chr.) hatte man auf
Stoßzähne geschnitzte bärtige Köpfe mit konzentrischen Ringen
als Augen, das Ganze jeweils 15-20 Zentimeter lang und in die
Hand passend.30 Und ihnen kam solche Bedeutung zu, daß man
sie nach dem Tod ihres Besitzers in seinem Grab aufstellte.
In den meisten Zentren mesopotamischer Hochkulturen
wurden Statuetten in gewaltigen Mengen ausgegraben, so in
Lagaš, Uruk, Nippur und Susa.31 In Ur fand man, jeweils an der
Wand im Zimmerboden vergraben, kastenartige Verschalungen
aus gebrannten Ziegeln, die schwarz und rot bemalte Tonfiguren
enthielten, doch war eine Wand der Verschalung weggelassen,
so daß sie zur Mitte des Raums hin offenstand.
Indes, was genau die Funktion all dieser Statuetten war, zählt
nicht zu den geringsten Rätseln der an Rätseln nicht armen
Archäologie. Die geläufigste Ansicht zu dieser Frage verdankt
sich dem kritiklosen Eifer, mit dem die Ethnologen im Anschluß
an Frazer Fruchtbarkeitsriten aus jedem zerkratzten Kieselstein
herauslasen. Wenn die Statuetten jedoch irgend etwas mit
Fruchtbarkeitskulten im Frazerschen Sinn zu tun hätten, dürften
wir sie nicht an Orten finden, wo es mit der Fruchtbarkeit
keinerlei Probleme gab. So ist es aber nicht. Die Kultur der
Olmeken im fruchtbarsten Landstrich von Mexiko hat eine
erstaunliche Vielfalt solcher Statuetten, häufig mit
aufgesperrtem Mund und übertrieben großen Ohren – exakt wie
man es erwarten würde, wenn man annimmt, daß ihre
Ausdrucksgestaltung den Zweck erfüllt, den Stimmen, die man
hörte, in der sichtbaren Welt einen Platzhalter zu schaffen, mit
dem man gegebenenfalls Dialoge führen konnte.32
Freilich ist die weitergehende Erklärung nicht einfach. Genau
wie die Kultur, der sie angehören, scheinen auch die Statuetten
eine Entwicklung durchlaufen zu haben. Um beim zuletzt
genannten Beispiel zu bleiben: Im Anfangsstadium bilden die
früholmekischen Statuetten eine überzogene Prognathie
(Vorstehen des Oberkiefers) aus, die sie schließlich fast wie
Tiere erscheinen läßt. In der Teotihuacan-Periode dann sind sie
kunstvoller und feiner ausgestaltet; in ihren großen, mit
zartroten, gelben und weißen Farbtupfern bemalten
Kopfbedeckungen und Umhängen ähneln sie sehr den
olmekischen Priestern. In einer dritten Entwicklungsetappe sind
die Statuetten der Olmeken noch sorgfältiger lebensgetreu
modelliert, zuweilen mit ausgebildeten Gelenken an Armen und
Beinen; zuweilen haben sie, wie Reliquiare, einen Hohlraum im
Innern, der mit einem kleinen quadratischen Deckel
verschlossen war und weitere, winzig kleine Figurinen enthielt –
was möglicherweise ein Ausdruck der Verwirrung im
bikameralen Führungsprinzip ist, die unmittelbar vor dem
Zusammenbruch der olmekischen Hochkultur auftrat. Denn
diese Phase, die nicht nur eine Flut von Statuetten, sondern auch
neue Riesenstandbilder mit offenen Mündern in halbfertigem
Zustand aufweist, ging um 700 v. Chr. mit der mutwilligen
Zerstörung der Metropole Teotihuacän zu Ende: Man brannte
die Tempel nieder und schleifte die Mauern, ehe man aus der
Stadt wegzog. Waren die Stimmen verstummt und sollten mit
vermehrter Bilderproduktion wieder heraufbeschworen werden?
Oder hatten sie sich zu einem chaotischen Durcheinander
vervielfacht?
Für die Mehrzahl dieser Statuetten muß aufgrund ihrer Größe
und Quantität bezweifelt werden, daß sie dazu da waren,
Gehörshalluzinationen auszulösen. Tatsächlich könnte es sich
bei einem Teil von ihnen um die mnemotechnischen Hilfsmittel,
die Erinnerungsstützen eines Menschenschlags ohne Bewußtsein
gehandelt haben, dem es nicht gegeben war, normbildende
Erfahrungen per Willensakt zu reproduzieren; in diesem Fall
mag man sich ihre Funktion ähnlich derjenigen der Quipu
(Knotenschriftschnüre) der Inka oder des uns aus unserer
eigenen Kultur vertrauten Rosenkranzes denken. So kennt man
zum Beispiel drei Typen von Fundament-Statuetten aus Bronze,
die in Mesopotamien an den Ecken neuerrichteter Gebäude oder
unter Türschwellen vergraben wurden: einen knienden Gott, der
einen Pflock in den Boden treibt; einen Korbträger; und einen
liegenden Stier. Die derzeit akzeptierte Theorie, wonach sie
dazu da waren, böse Geister unter den Boden des Gebäudes zu
verbannen, darf wohl kaum als das letzte Wort zur Sache gelten.
Statt dessen ist es denkbar, daß es sich um semihalluzinatorische
Gedächtnishilfen für einen Menschenschlag ohne Bewußtsein
handelte, die dazu anhielten, die Pfosten gerade aufzustellen,
beim Heranschaffen des Baumaterials nicht zu erlahmen und für
schwere Stücke die Ochsen einzuspannen.
Doch dürfen wir sicher sein, daß ein Teil dieser kleinen
Objekte als Hilfsmittel für die Hervorbringung bikameraler
Stimmen tauglich war. Dies gilt insbesondere für die aus der
Zeit um 3000 v. Chr. stammenden Augenidole, wie sie vor allem
im Tell Brak am Èagðaa (einem Nebenfluß des Habur, der
seinerseits ein Nebenfluß des Euphrat ist) zu Tausenden
gefunden wurden: schwarzweiße Gebilde aus Alabaster,
bestehend aus einem flachen, keksähnlichen Korpus mit einem
augenförmigen, ehemals malachitgrün getönten Aufsatz. Wie
die älteren Stoßzahn-Idole der Amrah- und Gerzeh-Kulturen
eignen sie sich dazu, in der Hand gehalten zu werden. Die
meisten haben nur ein Augenpaar, doch gibt es auch welche mit
zweien; manche tragen Kronen, manche Kennzeichnungen, die
sie eindeutig als Gottheiten ausweisen. An anderen
Ausgrabungsstätten – in Ur, Mari und Lagas – wurden größere
Augenidole aus Terrakotta gefunden; da ihre Augen die Form
von offenen Schlaufen haben, hat man sie Brillenidole getauft.
Andere Augenidole, aus Stein verfertigt und auf Sockeln oder
Altären postiert, sehen aus wie zwei Muffen auf einer
quadratischen, mit Einritzungen verzierten Platte, die einen
Mund darstellen könnte.33
Eine Theorie der Idole
Hier ist nun ein weiterer Ausblick in die Psychologie
vonnöten. Blickkontakt ist unter Primaten von überaus wichtiger
Bedeutung. Unterhalb der Menschheitsebene artikuliert sich in
ihm die relative Position zweier Individuen in der Rangordnung
der Sozietät, was bei vielen Primatenarten so aussieht, daß sich
das rangniedrigere Tier grinsend abwendet. Beim Menschen hat
sich der Blickkontakt vermutlich im Zusammenhang mit dem
stark verzögerten Reifungsprozeß zu einer hochbedeutsamen
sozialen Interaktion entwickelt. Ein Säugling sieht der Mutter in
die Augen, nicht auf den Mund, wenn sie mit ihm spricht; es
handelt sich dabei um eine automatische und universelle
Reaktion. Der Ausbau solchen Blickkontakts zum
Artikulationsmedium von Autoritäts- und Liebesbeziehungen ist
ein immens wichtiger Entwicklungsweg, dessen Verlauf noch
der Erforschung harrt. Wir können uns hier mit der Andeutung
begnügen, daß die Autorität eines Höhergestellten in der Regel
eindrücklicher empfunden werden dürfte bei direkter
Konfrontation Auge in Auge mit ihm. Das Erleben einer solchen
Situation ist verbunden mit einem Gefühl von Streß, von
Unentschlossenheit und obendrein mit einer Art
Bewußtseinsschwäche, so daß man sich leicht vorstellen kann,
wie das Simulieren einer derartigen Situation mit Hilfe einer
Statue zur Vertiefung des Effekts halluzinierter Götterreden
beiträgt.
Die Augen werden somit zu einem hervorstechenden
Merkmal der Tempelplastik der gesamten bikameralen Epoche.
Der Durchmesser des menschlichen Auges beträgt ungefähr 10
Prozent der Schädelhöhe; die entsprechende Proportion bei
einem Idol werde ich künftig als dessen Augenindex
bezeichnen. Die berühmten zwölf Statuen, 34 die in der Favissa
des Abu-Tempels zu Ešnunna (dem heutigen Tell Asmar)
gefunden wurden und die, den auf ihren Basen eingemeißelten
Symbolen zufolge, Gottheiten darstellen, haben einen
Augenindex von nicht weniger als 18 Prozent: Aus riesengroßen
kreisrunden Augen blicken sie uns mit unbeugsamer Autorität
aus fünftausendjähriger geschichtsloser Vergangenheit
hypnotisierend an.
Das gleiche Bild bei anderen Idolen von anderen Fundorten.
Ein besonders schönes und mit Recht berühmtes Marmorhaupt
aus Uruk35 hat einen Augenindex von über 20 Prozent; zu
erkennen ist noch, daß Augen und Brauen ehemals
Inkrustierungen aus Edelstein sowie daß Gesicht und Haare
bemalt waren und daß der Kopf zu einer lebensgroßen,
inzwischen zu Staub zerfallenen Holzstatue gehörte. Um 2700 v.
Chr. gibt es in dem reichen Stadtstaat Mari am mittleren Euphrat
eine Überfülle von Alabaster- und Kalkspatplastiken
leichtgewandeter Gottheiten, Herrscher und Priester, deren
Augen, kräftig mit schwarzer Farbe konturiert, bis zu 18 Prozent
der Schädelhöhe messen. Im Haupttempel von Mari herrschte
die berühmte »Göttin mit der Blütenvase«, deren riesengroße
leere Augenhöhlen einst hypnotische Edelsteine faßten und die
einen Aryballos (eine kleine Kugelvase) schräggeneigt in
Händen hält. Durch das Innere der Statue lief eine Röhre, die
den Aryballos mit einem Wasserreservoir verband: Über den
Rand des Gefäßes hinaustretend; strömte die Flüssigkeit über
das Gewand des Idols abwärts und hü llte die untere Partie in
einen wallenden Schleier; zugleich entstand ein zischendes
Geräusch, wie es sich trefflich eignet, in eine
Gehörshalluzination eingebaut zu werden. Nicht zu vergessen
sind hier die berühmten Abbilder des Gudea, des rätselhaften
Herrschers von Lagas (um 2100 v. Chr.), aus härtestem Stein
gemeißelt und allesamt mit einem Augenindex von 17 oder 18
Prozent.
Der Augenindex der Tempel- und Grabplastiken ägyptischer
Pharaonen erreicht manchmal 20 Prozent. Die wenigen
ägyptischen Holzstatuen, die überdauert haben, lassen erkennen,
daß ihre übergroßen Augen ehemals aus in Kupfer gefaßten
Quarzen oder Kristallen bestanden. Wie für eine Monarchie vom
Gottkönig-Typ (vgl. das folgende Kapitel) nicht anders zu
erwarten, spielten Idole in Ägypten offenbar nicht die gleiche
herausragende Rolle wie in Mesopotamien.
Von der Steinplastik der Indus-Kulturen sind nur wenige
Beispiele erhalten, doch an diesem wenigen lassen sich
auffallende Augenindizes von mehr als 20 Prozent feststellen.36
Aus der bikameralen Epoche Chinas sind bislang noch keine
Idole bekannt. Doch mit dem neuerlichen Beginn einer
Hochkultur um 90o v. Chr. in Mittelamerika zeigt sich
wiederum ein ähnliches Bild wie Jahrtausende früher im
Vorderen Orient, wenngleich mit charakteristischen
Eigenheiten: mächtige, oft knapp zweieinhalb Meter hohe
Köpfe, ohne Körper bei La Venta und Tres Zapoltes aus dem
Boden wachsend (ein Teil von ihnen ist heute im Olmekenpark
in Villahermosa aufgestellt); sie sind aus hartem Basalt
gemeißelt, tragen in der Regel eine Haube, nicht selten mit
großen Ohrenklappen, so daß die ganze Kopfbedeckung sehr
den Schutzhelmen der amerikanischen Footballspieler ähnelt.
Der Augenindex dieser Köpfe reicht von normalen 11 bis zu
mehr als 19 Prozent. Gewöhnlich ist der Mund halb geöffnet wie
beim Reden. In zahlreichen Exemplaren war in der
Olmekenkultur auch ein schwer deutbares Keramikidol in
Gestalt eines geschlechtslosen Kindes verbreitet; diese Figuren
sitzen ausnahmslos mit weitgespreizten Beinen da, als wollten
sie ihre Geschlechtslosigkeit zur Schau stellen, und halten mit
vorgebeugtem Oberkörper ihre breiten Schlitzaugen fest auf den
Betrachter gerichtet; die dicken Lippen sind wie zum Sprechen
geöffnet. Waren die Lider geöffnet, so betrug der Augenindex
bei der Auswahl von Figuren, die ich zu diesem Zweck selbst in
Augenschein genommen habe, im Durchschnitt 17 Prozent. Man
kennt aus der Olmekenkultur auch Statuetten von halber
Lebensgröße mit noch größerem Augenindex; nicht selten findet
man sie als Grabbeigaben, so auf der von olmekischem Einfluß
zeugenden Ausgrabungsstätte von Tlatilco bei Mexico City, die
auf die Zeit um 500 v. Chr. zurückgeht; man gewinnt hier den
Eindruck, daß der Tote zusammen mit seinem Privatidol
begraben wurde, um weiterhin von ihm hören zu können, was er
zu tun hatte.
Maya-Idole haben gewöhnlich keinen derart anomalen
Augenindex. Aber in den großen Städten auf Yucatán pflegte
man verstorbene Führer in Porträtstatuen zu verewigen, die nach
meinem Dafürhalten gleichfalls halluzinogenen Zwecken
dienten. Im Hinterkopf wurde ein Hohlraum gelassen, der die
Asche des Toten aufnahm. Und Bischof Landa, ein Chronist des
sechzehnten Jahrhunderts, berichtet: »sie bewahrten diese
Bildwerke mit großer Ehrfurcht auf.«37
Bei den Cocom, ehemals (um 1200 n. Chr.) Herrscher von
Mayapan, wiederholte sich ein kulturelles Muster, das wir vom
neuntausend Jahre älteren Natoufien her kennen. Sie
enthaupteten ihre Toten, »und nachdem sie die Schädel
ausgekocht hatten, befreiten sie sie vom Fleische, sägten sodann
die eine Hälfte des Hinterschädels ab und ließen nur die
Vorderpartie mit Kieferknochen und Zähnen unangetastet. Dann
ersetzten sie das Fleisch ... durch eine Art Erdpech [und
Gipsmörtel], was ihnen ein natürliches und lebensähnliches
Aussehen verlieh ... sie bewahrten sie in den Beträumen ihrer
Häuser auf und boten ihnen an Festtagen Nahrung dar ... sie
glaubten, ihre Seelen wohnten darin, und diese Gaben kämen
ihnen zugute«.38
Nichts spricht gegen die Auffassung, daß man die präparierten
Köpfe so behandelte, weil die Stimmen ihrer früheren Besitzer
»in ihnen« steckten.
Die Maya verwendeten noch viele andere Arten von Idolen,
und zwar in solchen Mengen, daß ein spanischer Statthalter, der
1565 den Auftrag erhielt, in seiner Stadt mit dem Götzendienst
aufzuräumen, angesichts der erbrachten Ernte entgeistert
berichtete: »In meiner Gegenwart wurden mehr als eine Million
Idole herbeigeschafft.«39 Ein Typ des Maya-Idols wurde aus
Zedernholz geschnitzt, das die Maya kuche (heiliges Holz)
nannten. »Und das heißen sie: Götter machen.« Die
Schnitzarbeit wurde unter Furcht und Zittern von Priestern
(chak) ausgeführt, die zu strengem Fasten in eine zuvor mit
Räucherwerk und Gebeten geweihte Hütte eingeschlossen waren.
Die Herrgottsschnitzer »schnitten sich des öfteren in ein Ohr,
um die Götzen mit dem Blut einzureiben, und brannten
Räucherwerk vor ihnen ab«. Die fertigen Gottheiten wurden
reich gekleidet auf Podesten in Miniaturbauwerken aufgestellt,
von denen einige an weniger zugänglichen Orten das
Zerstörungswerk des Christentums und der Zeit überlebt haben,
so daß stets von neuem die eine und andere gefunden wird.
Nach einem Augenzeugenbericht aus dem sechzehnten
Jahrhundert »glaubten die armseligen Tölpel, die Götzenbilder
sprächen mit ihnen, und darum opferten sie ihnen Vögel, Hunde
und auch von ihrem eigenen Blut, ja sogar Menschen«.40 41
Sprachen die Idole?
Wie können wir wissen, daß diese Idole »sprachen« im Sinne
der Bikameralitätshypothese? Mir ist es hier nicht zuletzt auch
darum zu tun gewesen, einsichtig zu machen, daß allein schon
die Existenz von Groß- und Kleinplastik nach einer Erklärung
verlangt. (Daß hier überhaupt eine Problematik vorliegt, ist
bisher noch kaum wahrgenommen worden.) Diese Erklärung
liefert die Hypothese von der bikameralen Psyche. Das
Aufstellen derartiger Idole an kultischen Plätzen; die in einer
Reihe von Kulturen beobachtete Praxis, in die Augenhöhlen
Edelsteine vom glänzenden Typ einzusetzen; ein in den zwei
bedeutendsten frühen Hochkulturen anzutreffendes ausgefeiltes
Ritual, um neuen Statuen den Mund zu öffnen (vgl. das folgende
Kapitel): all das rückt die vorhandenen Beweisstücke in eine
bestimmte Perspektive.
Die Keilschriftliteratur zitiert sprechende Götterstandbilder
häufig. Noch am Anfang des ersten Jahrtausends v. Chr. heißt es
in einem königlichen Brief:
Ich habe die Omina zur Kenntnis genommen ... Ich habe sie der Reihe
nach Šamaš vortragen lassen ... das Königsbild [eine Statue] von
Aktrad ließ Gesichte vor mir aufsteigen und rief mit lauter Stimme:
»Welch böses Omen hast du dir vom Königsbild gefallen lassen?«
Wiederum sprach es: »Sage dem Gärtner ... [hier wird die Keilschrift
unleserlich, entzifferbar ist dann wieder das folgende] ...es erhob
Fragen nach Ningal-Iddina, Šamaš-Ibni und Na’id-Marduk.« Die
Rebellion im Lande betreffend, sagte es: »Nehmt die befestigten
Städte ein, eine nach der andern, damit kein Verfluchter sich vor dem
Gärtner zeige.«42
Auch das Alte Testament der Bibel läßt erkennen, daß von
den dort erwähnten Idolen ein Typus, der Terap, sprechen
konnte. Hesekiel 21, 26 läßt den König zu Babylon bei
mehreren von ihnen Auskunft einholen. Ein weiteres direktes
Indiz stammt aus dem amerikanischen Erdteil. Die
unterworfenen Azteken erzählten den spanischen
Eindringlingen, wie ihre Geschichte begann, als eine Statue aus
einer Tempelruine – dem Relikt einer älteren Zivilisation – zu
ihren Führern sprach. Das Standbild befahl ihnen, von ihrem
Sitz aufzubrechen, den vor ihnen liegenden See zu überqueren
und es auf ihrer Reise überallhin mitzunehmen; es lenkte sie
hierhin und dorthin genau wie die körperlosen bikameralen
Stimmen, die Moses im Zickzack durch die Wüste Sinai
führten. 43
Und schließlich sind da die bemerkenswerten Zeugnisse aus
Peru. Alle frühesten Berichte von der Eroberung Perus, von
gelehrigen Schülern der spanischen Inquisition verfaßt, stimmen
darin überein, daß das Königreich der Inka vom Teufel regiert
wurde. Beweis: Der Leibhaftige persönlich redete wirklich und
wahrhaftig zu den Inka aus dem Mund ihrer Götzenbilder. Für
diese ungehobelten, in blindestem Dogmatismus befangenen
Christen, die aus den bildungsärmsten Regionen Spaniens
stammten, war dies nicht weiter verwunderlich. Der allererste in
die europäische Heimat abgesandte Bericht vermerkte: »in dem
Tempel [des Pachamac] hielt sich ein Teufel auf, der in einem
finsteren Raum, der so dreckig war wie er selber, zu den
Indianern zu sprechen pflegte.«44 Und ein späterer Bericht
vermeldete:
... es war in den indianischen Landen erwiesenermaßen weit
verbreitet, daß der Teufel in diesen falschen Heiligtümern Rede und
Antwort stand... Gewöhnlich zur Nachtzeit traten sie, mit widerlich
gebeugtem Kopf und Rücken rückwärts gehend, zu ihrem Götzen ein,
und dergestalt pflegen sie auch Rat mit ihm. So er ihnen antwortete,
war dies gemeinhin einem furchterregenden Gezischel zu vergleichen,
oder wie ein Zähneknirschen, und solches regte ihr Entsetzen auf; und
alles, was er ihnen anwies und befahl, taugte doch nicht besser als wie
zu ihrem Verderben und Untergang.45