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The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind
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German Translation
Der Ursprung des Bewußtsein
Julian Jaynes
(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)
Drittes Kapitel: Bedingungen für Bewußtsein
Ein altes sumerisches Sprichwort lautet in moderner
Übersetzung: »Handle unverzüglich, mach deinem Gott
Vergnügen.«1 Sehen wir einen Moment lang davon ab, daß die
beziehungsreichen Wörter unserer Sprache nur eine tastende
Annäherung an sehr viel weniger aufgeschlüsselte sumerische
Gegebenheiten zu liefern vermögen, so können wir die
Verständnisbrücke zwischen dieser seltsamen Aufforderung und
unserer eigenen subjektiven Mentalität in folgender Lesart
finden: »Denke nicht nach: laß keinen Zeit-Raum sein zwischen
dem Hören deiner bikameralen Stimme und der Ausführung
dessen, was sie dich tun heißt.
Das war recht und gut unter den Bedingungen einer stabilen
hierarchischen Herrschaftsorganisation, die solche stets
unfehlbaren Stimmen als konstitutiven Faktor einschloß, die
gottgewollte Lebensordnung durch unveränderliche Rituale
festlegte und schützte und von sozialer Unruhe weitgehend
verschont blieb. Aber im zweiten Jahrtausend v. Chr. sollte das
nicht so bleiben. Diese Zeit steht im Zeichen von Kriegen,
Katastrophen, Völkerwanderungen. Chaotische Zustände trübten
die heilige Gelichtetheit der Welt ohne Bewußtsein. Hierarchien
bröckelten und stürzten in sich zusammen. Und zwischen das
Handeln und seine göttliche Quelle trat der Schatten – die
profanisierende Pause, die schreckenerregende Ungebundenheit,
die die Götter mißvergnügt, hadernd und eifersüchtig machte.
Bis schließlich mit der aus dem Leistungspotential der Sprache
geborenen Erfindung eines Analog-Raums mit einer
Komponente namens »Ich« ein wirksamer Schutzschild gegen
ihre Tyrannei errichtet war. Die hochdifferenziert strukturierte
bikamerale Psyche war ins Bewußtsein gerüttelt worden.
Soviel als kurzer Umriß der gewichtigen Thematik dieses
Kapitels.
Die Labilität des bikameralen Königtums
Hören wir in unserer gegenwärtigen Welt von einem streng
autoritären Regime, so assoziieren wir dazu sofort Militarismus
und polizeistaatliche Unterdrückungsmethoden. Man muß sich
jedoch davor hüten, diese Gedankenverbindung auf die autoritär
regierten Staatsgebilde der bikameralen Epoche zu übertragen.
Militarismus, Polizeistaat und Schreckensherrschaft sind
extreme Methoden zur Reglementierung einer aus subjektiv
bewußten Menschen bestehenden, durch Identitätskrisen in
permanenter Unrast gehaltenen und in eine Unzahl von
persönlichem Hoffen und Hassen durchdrungener
Privatexistenzen zersplitterten Bevölkerung.
In der bikameralen Epoche war die bikamerale Psyche die
soziale Kontrolle – und nicht Schrecken oder Unterdrückung
oder auch nur Gesetz und Recht. Es gab keinen privaten
Ehrgeiz, keinen privaten Groll, keine privaten Frustrationenes
gab überhaupt nichts Privates, weil der bikamerale Mensch
keinen inneren Raum hatte, in dem er hätte privat, also »für
sich« sein können, und kein Analogon namens »Ich«, zu dem er
ein Privatverhältnis hätte unterhalten können. Alle
Handlungsinitiative ging von den Stimmen der Götter aus. Und
der Unterstützung durch die nach göttlichem Diktat
aufgeschriebenen Gesetze bedurften die Götter erst in den
historisch späten Staatenbünden des zweiten Jahrtausends v.
Chr.
Die Binnenbeziehungen in einem bikameral verfaßten
Staatsgebilde waren daher höchstwahrscheinlich friedlicher und
freundschaftlicher als in jeder anderen Zivilisation seither.
Anders war das jedoch an den Kontaktstellen zweier
verschiedener bikameraler Zivilisationen, wo ganz andere,
hochkomplexe und daher brisantere Lagen eintraten.
Überlegen wir einmal, was passieren müßte, wenn zwei
einander unbekannte Menschen aus verschiedenen bikameralen
Zivilisationen unverhofft zusammentreffen, und gehen wir dabei
von der Annahme aus, daß keiner von beiden des anderen
Sprache versteht und daß jeder Eigentum eines anderen Gottes
ist.
Der Verlauf einer solchen Begegnung würde abhängen von
den Erziehungslehren, Geboten, Verboten und Ermahnungen,
mit denen die beiden aufgewachsen sind. In Friedenszeiten,
wenn der Stadtgott sich im Wohlstand sonnt und alles – die
Bestellung seiner Felder, das Einbringen, Lagern und
Umverteilen seiner Bodenfrüchte – so reibungslos läuft wie in
einem Ameisenvolk, dürfte man damit rechnen, daß seine
göttliche Stimme im Grundton voller Wohlwollen und
Freundlichkeit ist, ja daß sämtliche von den Einzelmenschen
vernommenen Stimmphänomene mit überwiegend
wohlwollenden und friedfertigen Tönen zur weiteren Steigerung
der Harmonie beitragen, in deren Erhaltung das
Entwicklungsziel dieser Form der sozialen Kontrolle zu suchen
ist.
Wären also die bikameralen Theokratien, denen die beiden
zusammentreffenden Individuen entstammen, während deren
Lebensdauer von keinerlei Gefahr bedroht gewesen, so wäre in
beiden Fällen der handlungslenkende Gott aus wohlwollenden
Stimmen gebildet. Im Ergebnis könnte das zu einem
probeweisen Austausch von Grußgesten und
Gesichtsausdrücken führen, die wiederum freundschaftliches
Gebaren und sogar den Austausch von Geschenken im Gefolge
haben könnten. Denn wir dürfen überzeugt sein, daß der
Seltenheitswert, den die Besitztümer der fremden Kultur für
jedes der beiden Individuen haben, einen solchen Austausch
beiderseits wünschenswert macht.
So hat man sich wahrscheinlich den Ursprung des Handels
vorzustellen. Die Urform des Tauschs läßt sich zurückverfolgen
bis auf das Teilen und Zuteilen der Nahrungsmittel innerhalb der
familiären Gruppe, das sich zum Tausch von Gütern und
Produkten innerhalb der Stadtgemeinschaft weiterentwickelte.
Wie in den frühesten Ackerbauersiedlungen die Getreideernten
nach bestimmten gottgesetzten Regeln zur Verteilung gelangten,
so traten mit zunehmender Spezialisierung der Arbeitskraft die
neuen Produkte und Dienste Wein, Schmuck, Kleider oder
Häuserbau – in gottgesetzte Tauschwertverhältnisse zueinander.
Der Handel zwischen zwei Völkern ist nichts weiter als die
Ausweitung dieses Gütertauschs über die Grenzen des eigenen
hinaus auf ein anderes bikamerales Königtum. In Sumer
aufgefundene Texte aus der Zeit um 2500 v. Chr. sprechen von
Tauschbeziehungen, die bis zum Industal reichen. Und erst
kürzlich wurden auf halber Strecke zwischen Sumer und dem
Industal, bei Tepe Yahya an der Mündung des Persischen Golfs,
die Überreste einer bisher unbekannten Stadtanlage entdeckt,
deren Handwerkserzeugnisse zweifelsfrei erkennen lassen, daß
es sich um die Hauptlieferantin des Steatits (Seifenstein)
handelt, der in Mesopotamien ein sehr verbreiteter Werkstoff
war: was wiederum zuverlässig beweist, daß jene Stadt als
Umschlagplatz für den Tauschhandel zwischen den beiden
genannten Reichen fungierte.2 Man hat dort kleine, etwa fünf
Zentimeter im Quadrat messende Tontafeln gefunden; sie tragen
Zählmarken, die sehr wahrscheinlich die Tauschsätze angeben.
All das spielte sich in einer Ära des Friedens um die Mitte des
dritten Jahrtausends v. Chr. ab. Bei späterer Gelege nheit werde
ich die Hypothese begründen, daß gerade der ausgedehnte
Tauschhandel unter bikameralen Theokratien möglicherweise
zur Schwächung der bikameralen Organisationsform
beigetragen hat, die den tragenden Grund der Zivilisation
bildete.
Doch kehren wir jetzt zu unseren beiden Individuen aus den
unterschiedlichen Kulturen zurück. Bisher haben wir überlegt,
was in einer friedlichen Welt, die von friedfertigen Göttern
gelenkt wird, geschieht. Aber was, wenn das Gegenteil der Fall
wäre? Kämen die beiden aus gefährdeten Kulturen, würden sie
sehr wahrscheinlich kampflüsterne Stimmen halluzinieren, die
sie anweisen würden, den Fremden zu töten, und das wäre der
Beginn von Feindseligkeiten. Das gleiche Ergebnis würde auch
eintreten; wenn nur einer von beiden Angehöriger einer
gefährdeten Kultur wäre: Ist nämlich der andere erst einmal in
die Verteidigerrolle gedrängt, wird sein Gott – egal, wie er heißt
– ihn ebenfalls zum Kampf anspornen.
In den Beziehungen zwischen den Theokratien gibt es also
keinen Platz für Kompromisse. Daß mahnende Stimmen, in
denen die Autorität von Königen, Aufsehern, Eltern nachklingt,
dem einzelnen eine Kompromißhandlung auferlegen, ist höchst
unwahrscheinlich. Noch heute sind unsere Vorstellungen von
adeligem Wesen großenteils Relikte des bikameralen
Autoritarismus: Es ist unedel, über erlittenen Schmerz zu
klagen; es ist unedel, an die Großmut des andern zu appellieren;
es ist unedel, sich zum Bittsteller zu erniedrigen – auch wenn all
diese Haltungen im Grunde jeweils höchst moralische Methoden
sind, Divergenzen zu bereinigen. Hierin liegt der Grund für die
Labilität der bikameralen Welt und für den Umstand, daß
grenzüberschreitende Beziehungen in der bikameralen Epoche
nach meiner Einschätzung dazu tendierten, sich entweder
uneingeschränkt freundlich oder uneingeschränkt feindlich zu
gestalten, und kaum je eine Zwischenform zwischen den beiden
Extremen annahmen.
Und das ist noch nicht alles. Das reibungslose Funktionieren
eines bikameralen Königtums ist an den intakten Zustand seiner
autoritären Hierarchie gebunden. Sobald die klerikale oder
weltliche Hierarchie von außen in Frage gestellt oder von
inneren Störungen befallen wird, muß das so krasse Folgen
haben, wie es in einem Polizeistaat nie der Fall sein könnte. Von
einem gewissen Punkt in der Wachstumsentwicklung der
theokratischen Stadtstaaten an – wir haben es bereits erwähnt –
wird es um die Effektivität der bikameralen Kontrolle höchst
prekär bestellt. Je größer die bikameralen Städte wurden, desto
mehr war die Priesterhierarchie damit beschäftigt, die
mitwachsende Zahl der Götterstimmen nach Rang und Namen
zu klassifizieren. Bei der geringsten Erschütterung lief diese
Equilibristik menschlicher wie halluzinierter Autoritäten Gefahr,
zusammenzustürzen wie ein Kartenhaus. Wie scho n im vorigen
und vorvorigen Kapitel erwähnt, kam es tatsächlich vor, daß
solche Theokratien ohne erkennbaren äußeren Grund
zusammenbrachen.
Im Vergleich mit Staatsverbänden der Bewußtseins-Ära sind
bikamerale Staatsgebilde also in höherem Grad von plötzlichem
Zusammenbruch bedroht.. Die Entscheidungskompetenz der
Götter hat ihre Grenzen. Tritt nun zu dieser inneren Brüchigkeit
ein äußeres Geschehen ganz neuartigen Charakters hinzu – wie
beispielsweise die (durch welche Ursachen auch immer)
erzwungene Vermischung bikameraler Völker –, so tun die
Götter sich schwer, eine solche Lage auf friedlichem Wege zu
bereinigen.
Die Schwächung der göttlichen Autorität durch den
Vormarsch der Schrift
Das Leistungsdefizit des Götterwesens wurde durch den
Vormarsch der Schrift im zweiten Jahrtausend v. Chr. im selben
Zuge kompensiert und gewaltig verstärkt. Einerseits schuf die
Schrift überhaupt erst die Voraussetzungen für die Stabilität
eines Staatswesens wie das des Hammurabi. Andererseits jedoch
trug sie zum schrittweisen Abbau der Macht des Hörens
innerhalb der bikameralen Struktur mit bei. Mehr und mehr
wurden Berichte und Anweisungen der Verwaltung in
Keilschrift – vor allem auf Tontafeln – verbreitet. Bis auf den
heutigen Tag werden stets von neuem ganze Archive solcher
Tafeln entdeckt. Behördliche Sendschreiben wurden zur
Alltagserscheinung. Um 1500 v. Chr. war die Entwicklung so
weit fortgeschritten, daß sogar Bergwerksarbeiter hoch droben
in der Steinwüste der Halbinsel Sinai ihre Namen und ihr
Verhältnis zur Grubengöttin in die Grubenwände ritzten. 3
Die Eingabeinformation für die halluzinatorische göttliche
Dimension der bikameralen Psyche war eine ins Lautliche
transformierte Information. Dieser ganze Erscheinungsaspekt
des Systems beschäftigte auf der physiologischen Seite
Hirnrindenbezirke, die überwiegend mit der Gehörsfunktion zu
tun haben. Und sobald das Wort Gottes tonlos auf stummen
Tontafeln oder schweigsamen Steinblöcken erschien, konnte
man sich den göttlichen Befehlen oder den – königlichen
Anweisungen kraft eigener Anspannung zuwenden oder auch
von ihnen abwenden, wie das mit Gehörshalluzinationen allein
niemals möglich gewesen wäre. Die Worte eines Gottes hatten
jetzt eine fremder Verfügungsgewalt unterworfene dingfeste
Lokalisierung und waren nicht länger die allgegenwärtige
Macht, die unmittelbaren Gehorsam erzwang. Dies ist eine
Sache von allerhöchster Bedeutung.
Das Versagen der Götter
Die Lockerung der Partnerbindung zwischen Gott und
Mensch eine Folge vielleicht des zwischenstaatlichen Handels
sowie auf alle Fälle der Ausbreitung des Schriftgebrauchs – war
als Hintergrundfaktor an dem hier in Frage stehenden
Geschehen beteiligt. Die unmittelbare und die Katastrophe
auslösende Ursache für den Zusammenbruch der bikameralen
Psyche – was den Keil des Bewußtseins zwischen Gott und
Mensch, halluzinierte Stimme und puppenhaftes Handeln trieb –
war der Umstand, daß die Götter niemandem sagen konnten, wie
er sich in einem sozialen Chaos zu verhalten hatte.
beziehungsweise, wenn sie es taten, führten ihre Anweisungen
in den Tod oder zuallermindest zu einer Steigerung des Stresses,
der auf der physiologischen Seite das Auftreten der Stimme
überhaupt erst bewirkt hatte – bis schließlich Stimmen in
undurchdringlicher babylonischer Verwirrung auftraten.
Der historische Kontext, in dem sich das alles abspielte, war
beispiellos. Das zweite vorchristliche Jahrtausend führte eine
schwere Fracht von tiefgreifenden und irreversiblen historischen
Wandlungen mit. Geologische Katastrophen ungeheuren
Ausmaßes ereigneten sich. Kulturen gingen unter. Die halbe
Weltbevölkerung wurde ins Flüchtlingsdasein gestoßen. Kriege,
die es vorher nur sporadisch gegeben hatte, wurden häufiger und
erbitterter geführt, je weiter dieses hochbedeutsame Jahrtausend
in seinem Siechtum vor- und seinem finsteren, blutigen Ende
näher rückte.
Was sich uns zeigt, ist ein komplexes Bild; die Variablen, die
soviel Wandel bedingen, sind vielschichtig; was wir an Fakten
zu kennen glauben, darf keineswegs als gesichert gelten. Fast
jährlich werden Fakten vo n gestern von der jeweils jüngsten
Generation von Archäologen und Altertumswissenschaftlern für
ungenügend befunden und durch neue ersetzt. Um den
komplexen Sachverhalt wenigstens näherungsweise zu erfassen,
wollen wir in der Folge die zwei Hauptfaktoren jener
Umwälzungen betrachten. Der eine von ihnen sind die
Völkerwanderungen und Invasionen, die rund um das östliche
Mittelmeer im Anschluß an den Vulkanausbruch auf der Insel
Thera stattfanden; der zweite ist der über drei Etappen führende
Aufstieg Assyrie ns zum Großreich, das sich ganz Mesopotamien
einverleibte und im Westen bis nach Ägypten, im Norden bis
zum Kaspischen Meer vorstieß, auf seinem Weg jegliche
Lokalherrschaft unterjochte und einen ganz anderen Typ des
Reiches bildete, als ihn die Welt bisla ng gekannt hatte.
Die assyrische Springflut
Betrachten wir zunächst die Lage im nördlichen
Mesopotamien, dem Umland der Stadt des Gottes Aššur, wie sie
sich zu Beginn des zweiten Jahrtausends v. Chr. darstellt.4
Ursprünglich zu Akkad und späterhin zum dreihundert
Kilometer südlich gelegenen altbabylonischen Reich von Ur
gehörig, war die friedliche bikamerale Stadt Aššur am Oberlauf
des gemächlichen Tigris bis ungefähr um 1950 v. Chr. von
Außenwelteinflüssen so ziemlich unberührt geblieben. Unter der
Herrschaft von Aššurs oberstem menschlichem Diener Puzur-
Aššur I. begann die Stadt an friedlicher Macht und an
Wohlstand zuzunehmen. In höherem Maß als bei irgendeiner
Nation zuvor verdankt sich diese Zunahme dem Gütertausch mit
anderen Theokratien. Rund zweihundert Jahre später wird aus
der Stadt des Aššur das Reich Assyrien, das noch mehr als
tausend Straßenkilometer weit weg im Nordosten, in Anatolien,
Handelsposten unterhält.
Der Gütertausch zwischen Städten war um diese Zeit
durchaus nichts Neues mehr. Es ist jedoch zu bezweifeln, daß er
je zuvor ein solches Ausmaß erreichte wie in den Händen der
Assyrer. Von Ausgrabungen aus jüngerer Zeit her kennen wir
die karum oder (in kleineren Ansiedlungen) ubartum, die
Handelskolonien direkt vor den Toren mehrerer anatolischer
Städte, in denen der Tausch abgewickelt wurde. Von ganz
besonderer Bedeutung ist der unmittelbar neben der
kappadokischen Stadt Kanis (heutiger Ruinenname: Kültepe)
ausgegrabene karum: fensterlose Häuschen, wo in Regalfächern
aus Steinen oder Holz mit Keilschrift bedeckte Tontafeln
gefunden wurden, die größtenteils noch der Entzifferung harren,
sowie hie und da Krüge, die etwas enthalten, was wie Zählsteine
aussieht.5 Die Schriften auf den Tontafeln – in altassyrischer
Sprache abgefaßt – sind die ersten Schriftzeugnisse überhaupt,
denen man in Anatolien begegnet.
Dieser Tauschhandel war freilich kein echter Handel im Sinne
des ökonomischen »Marktes«. Es gab keine mit dem Druck von
Angebot und Nachfrage variierenden Preise, kein Kaufen und
Verkaufen, kein Geld. Es war ein Geben und Nehmen nach
einer durch göttlichen Ratschluß festgesetzten
Äquivalentenordnung. Kein einziger der bisher übersetzten
Keilschrifttexte spricht auch nur im entferntesten von Gewinnen
oder Verlusten. Da und dort scheint diese Regel durchbrochen,
es wird sogar eine »Inflation« angenommen (möglicherweise in
einem Hungerjahr, als das Tauschen sich schwieriger gestaltete)
– doch alles das vermag Karl Polanyis Sicht der Dinge, der ich
mich hier anschließe, nicht ernstlich zu erschüttern. 6
Verweilen wir ein wenig bei diesen assyrischen Kaufleuten.
Sie waren, so dürfen wir annehmen, lediglich Agenten, die –
durch Familientradition in ihre Stellung gelangt und hier
überliefertes Familienwissen verwertend – den Gütertausch
makelten nach jahrhundertealter, von Vätern und Vorvätern
ererbter Gewohnheit. Doch ergibt sich an dieser Stelle für den
Psychohistoriker eine Vielzahl von Fragen. Was geschah mit
den bikameralen Stimmen dieser Kaufleute in einer Entfernung
von bis zu tausend Kilometern und mehr von der lokalisierten
Quelle der Stimme ihres Stadtgotts und dazu im täglichen
Umgang mit bikameralen Menschen (möglicherweise sogar,
wenngleich nicht notwendigerweise, deren Sprache sprechend),
die von den Stimmen einer ganz anderen Götterwelt regiert
wurden? Wäre es denkbar, daß in diesen an der Berührungslinie
zweier unterschiedlicher Zivilisationen angesiedelten Händlern
so etwas wie ein protosubjektives Bewußtsein auftrat? Brachten
sie bei ihren periodischen Besuchen in Aššur eine geschwächte
Bikameralität mit nach Hause, die sich womöglich in den
nachfolgenden Generationen verbreitete? So daß vielleicht auf
diesem Wege die bikameralen Fesseln zwischen Göttern und
Menschen gelockert wurden?
Die Entstehungsbedingungen des Bewußtseins sind
vielfältiger Art, doch scheint es mir kein Zufall, daß in dieser
Entwicklung ausgerechnet diejenige Nation eine Schlüsselrolle
spielte, die den ausgedehntesten Gütertausch mit anderen
Zivilisationen unterhielt. Träfe es zu, daß die Macht der Götter
und insbesondere Aššurs zu jener Zeit eine zunehmende
Schwächung erfuhr, so hätte man hier eine mögliche Erklärung
für den vollständigen Untergang von Aššurs Stadtstaat um 1700
v. Chr., mit dem ein zweihundert Jahre währendes finsteres
Zeitalter der Anarchie in Assyrien anhebt. Dieses Ereignis
konnte bisher auf keine Weise erklärt werden. Kein Historiker
weiß sich einen Reim darauf zu machen. Und es besteht wenig
Hoffnung, daß sich daran jemals etwas ändert, denn nicht eine
einzige assyrische Inschrift aus der fraglichen Periode wurde
gefunden.
Die Neustrukturierung Assyriens nach jenem Zusammenbruch
mußte warten, bis andere Ereignisse die Voraussetzungen für sie
schufen. Um 1450 v. Chr. vertreibt Ägypten die Mitanni aus
Syrien und drängt sie dabei über den Euphrat auf ehemals
assyrisches Gebiet. Aber weniger als hundert Jahre später
werden die Mitanni von den aus dem Norden einrückenden
Hethitern unterworfen – und damit ist, nach zwei Jahrhunderten
anarchischer Finsternis und einer Periode der Mitanni
Hegemonie, 1380 v. Chr. der Weg frei für die Wiedererrichtung
eines assyrischen Reichs.
Und was für ein Reich dies war! Nie zuvor hatte die Welt eine
so militaristische Nation gesehen. Anders als die früheren
Inschriften allerorten strotzen die Inschriften aus der mittleren
assyrischen Periode von Nachrichten über grausame Feldzüge.
Ein dramatischer Wandel hat hier stattgefunden. Doch die
Erfolge der Assyrer, die sich mit unnachsichtigem Wüten ihren
Weg zur Weltherrschaft erstreiten, sind Umwandlungen einer
von Katastrophen ganz anderer Art ausgehenden Schubkraft.
Vulkanausbruch, Massenwanderung, Invasion
Der Zusammenbruch der bikameralen Psyche wurde
sicherlich beschleunigt durch das Einbrechen einer großen
bevölkerten Landmasse in der Ägäis, die mit einemmal unter
dem Meeresspiegel versank. Darauf folgte ein Ausbruch – oder
eine Serie von Ausbrüchen – des Vulkans auf der Insel Thera
(Santorin), knapp hundert Kilometer nördlich von Kreta.7 Was
heute eine Touristenattraktion ist, war zu damaliger Zeit ein Teil
dessen, was bei Platon (Kritias 108 ff u. a.) und in späteren
Legenden als der untergegangene Kontinent Atlantis
beschrieben wird, der zusammen mit Kreta das Minoische Reich
bildete. Der größte Teil der Landfläche von Atlantis sowie
möglicherweise auch Teile von Kreta sanken mit einem Schlag
dreihundert Meter tief unter den Wasserspiegel. Das verbliebene
Stück Boden, Thera, lag größtenteils unter einer fast fünfzig
Meter hohen Schicht von Bims und Vulkanasche begraben.
Geologen haben die Hypothese aufgestellt, daß die bei dem
Ausbruch entstandene Aschenwolke den Himmel tagelang
verdunkelte und auf Jahre hinaus die Atmosphäre in
Mitleidenschaft zog. Die Stärke der Druckwelle wurde auf das
Dreihundertfünfzigfache einer Wasserstoffbombenexplosion
geschätzt. Auf Meilen im Umkreis wurden dicke
Giftgasschwaden über die blaue See ausgespien. Ihnen folgte
eine Tsunami, eine Flutwelle gewaltigen Ausmaßes. Über
zweihundert Meter hoch aufgetürmt, fegte sie mit einer
Fortbewegungsgeschwindigkeit von rund 550 Stundenkilometer
krachend über die ungeschützten Inseln der Ägäis und die
Küsten der angrenzenden bikameralen Königtümer auf dem
Festland. Bis auf drei Kilometer weit ins Landesinnere wurde
alles zerstört. Es war das Ende einer Zivilisation und ihrer
Götter.
Wann genau sich das zutrug, ob eine ganze Reihe von
Vulkanausbrüchen stattgefunden hat oder ein Drama in zwei
Akten mit einjähriger Verzögerung zwischen der Eruption auf
Thera und dem Kollaps der Kulturen – das sind Fragen, die sich
zuverlässig erst werden beantworten lassen, wenn bessere
wissenschaftliche Methoden für die Datierung von Vulkanasche
und Bimsstein zur Verfügung stehen als heute. Manche vertreten
die Ansicht, das alles habe sich um 1470 v. Chr. ereignete.8
Andere datieren den Untergang von Thera in die Zeit 1180-1170
v. Chr., als das gesamte Mittelmeergebiet einschließlich
Zyperns, des Nildeltas und der palästinensischen Küste von
einer universellen Katastrophe heimgesucht wurde, die das
Zerstörungswerk von 1470 v. Chr. weit in den Schatten stellte.9
Wann immer das Ganze stattgefunden hat und gleichgültig, ob
es sich um eine einzige Eruption oder eine Folge von Eruptionen
handelte: auf jeden Fall löste das Ereignis eine gewaltige
Kettenreaktion von Massenwanderungsbewegungen und
Invasionen aus, die das Hethiterreich und das Reich von
Mykene zerschlugen und die Welt in ein finsteres Zeitalter
stürzten, das den Rahmen für das Aufdämmern des Bewußtseins
abgab. Lediglich Ägypten scheint sich den Hochstand seiner
Zivilisation bewahrt zu haben, wenngleich der Auszug der
Israeliten etwa um die Zeit des Trojanischen Kriegs, vermutlich
um 1230 v. Chr., nahe genug bei diesem weltbewegenden
Ereignis liegt, um als ein Teil von ihm betrachtet werden zu
können. Die Legende von der Teilung des Roten Meers geht
wahrscheinlich auf den veränderten Rhythmus der Gezeiten im
Gefolge der Eruption auf Thera zurück.
Im Ergebnis sind damit ganze Landesbevölkerungen- besser:
der überlebende Rest von ihnen – innerhalb eines einzigen
Tages schlagartig ins Nomadendasein gestoßen. Man dringt in
die benachbarten Territorien ein, der Nachbar überfällt den
nächsten Nachbarn, und so breiten sich Anarchie und Chaos wie
ein Lauffeuer über einen mit Entsetzen geschlagenen Erdstrich
aus. Und was haben die Götter inmitten dieser Trümmerwüste
zu sagen? Was können sie sagen, wenn Hunger und Tod das
Regiment führen – ein Regiment, viel strenger als das ihrige;
wenn Unbekannte Unbekannten drohend in die Augen starren
und fremdartige Sprachlaute wie unverständliches Blaffen an
fremde Ohren schlagen? Der bikamerale Mensch wurde in
banalen Alltagssituationen von unbewußten Gewohnheiten
gesteuert, und wenn ihm in seinem eigenen oder dem Verhalten
anderer Menschen irgend etwas Neuartiges oder
Außergewöhnliches begegnete, dann wiesen ihm seine
Stimmvisionen den Weg. Aus dem Umfeld der hierarchisch
strukturierten Großgruppe herausgerissen und in eine Lage
versetzt, wo ihm weder die Gewohnheit noch die bikamerale
Stimme zu helfen oder ihn anzuleiten vermochte, muß er
wahrhaftig eine bedauernswerte Kreatur gewesen sein. Wie
hätte sein Reservoir von sublimierten Erziehungserlebnissen,
das sich unter den Bedingungen eines friedlichautoritär
geordneten bikameralen Staatswesens angesammelt hatte, jetzt
noch irgendeinen praktikablen, Erfolg verbürgenden Ratschluß
entbinden können?
Wandernde Menschenmassen ergießen sich über Ionien und
von dort nach Süden. Von der Land- wie der Seeseite her
dringen osteuropäische Völker – die Philister des Alten
Testaments sind eines von ihnen – als Invasoren in die
Küstenländer der Levante ein. Der Druck der Nomaden wird um
1200 v. Chr. in Anatolien so groß, daß unter ihm das mächtige
Hethiterreich zusammenbricht; die Hethiter werden nach Syrien
abgedrängt, wo andere Nomaden neuen Lebensraum suchen.
Assyrien lag geschützt im Binnenland. Und das Chaos, das jene
Invasionen schufen, ermöglichte es den brutalen assyrischen
Kampftruppen, bis weit nach Phrygien, Syrien und Phönikien
vorzustoßen und selbst die Bergvölker Armeniens im Norden
und des Sagrosgebirges im Osten zu unterjochen. Ist es
vorstellbar, daß ein rein bikameral organisiertes Volk dazu in
der Lage war?
Der mächtigste König von Assyrien während dieser mittleren
Periode war Tiglat-Pileser I. (1115 – 1077 v. Chr.). Man
beachte, daß er seinem Namen nicht mehr den seines Gottes
anhängt. Seine Taten sind mit ungeheuerlicher Großsprecherei
auf einem großen Tonblock bestens verzeichnet. Seine
grausamen Gesetze sind uns in einer Sammlung von Tontafeln
überliefert. Gelehrte haben seinen politischen Stil als »Politik
des Schreckens« bezeichnet.10 Und das zu Recht. Die Assyrer
fielen wie Schlächter über wehrlose Dorfbewohner her, nahmen
unter ihren Opfern Sklaven, soviel sie gebrauchen konnten, und
metzelten die übrigen zu Tausenden nieder. Es existieren
Basreliefs, die zeigen, daß allem Anschein nach die
Einwohnerschaffen ganzer Städte bei lebendigem Leib gepfählt
wurden. Tiglat-Pilesers Gesetzgebung vergalt selbst
geringfügige Vergehen mit den blutigsten Strafen, die die
Weltgeschichte bis dahin gesehen hatte. Sie steht in schreiendem
Gegensatz zu den von größerem Gerechtigkeitssinn getragenen
Vorschriften, die sechs Jahrhunderte zuvor der Stadtgott von
Babylon dem bikameralen Hammurabi diktiert hatte.
Warum diese brutale Härte? Und dies zum erstenmal in der
Geschichte der Zivilisation? Die einzige Erklärung liegt darin,
daß die vorausgegangene Methode der sozialen Kontrolle
vollständig zusammengebrochen sein mußte und diese Form der
sozialen Kontrolle war die bikamerale Psyche. Eben diese
Anwendung von Grausamkeit in dem Bemühen, eine
Schreckensherrschaft aufzurichten, markiert nach meinem
Dafürhalten den Übertritt zum subjektiven Bewußtsein.
Das Chaos ist weit verbreitet und währt lange. Seine dunklen
Umrisse in Griechenland haben den Namen »Dorische
Wanderung« erhalten. Gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts
v. Chr. geht die Akropolis in Flammen auf. Am Ende des
zwölften Jahrhunderts v. Chr. hat Mykene zu bestehen
aufgehört. Als Bodensatz der Geschichte sind nur Legenden und
märchenhafte Erzählungen übriggeblieben. Und man kann sich
mühelos vorstellen, wie der erste Aoidos, noch ganz bikameral,
in Trance von Nomadenlager zu Nomadenlager in den Ruinen
schweift und durch seine fahlen Lippen der strahlenden Göttin
Gesang ertönen läßt vom Zorn des Peliden Achilleus in einem
goldenen Zeitalter, das ehedem war und längst nicht mehr ist.
Sogar aus der Gegend des Schwarzen Meers drangen
Völkerschaften – bisweilen »Muski«, im Alten Testament
»Mesech« genannt- bis in das zerstörte Hethiterreich vor.
Zwanzigtausend von ihnen trieb es weiter in den Süden, wo sie
in die assyrische Provinz Kummuhi einfielen. Aramäerhorden
drängten fortgesetzt vom Wüstenland im Westen her auf
assyrisches Gebiet vor, und das blieb so bis ins erste Jahrtausend
v. Chr. hinein.
Im Süden machten andere Nomaden, die in den
Hieroglyphentexten als »Seevölker« bezeichnet werden, zu
Beginn des elften Jahrhunderts v. Chr. den Versuch, über das
Nildelta in Ägypten einzufallen. Ihre Vernichtung durch Ramses
III. ist Gegenstand einer Reliefdarstellung an der Nordwand des
Totentempels dieses Pharaos in Medinet Habu im Westteil von
Theben, die dort noch heute zu besichtigen ist.11 Die Angreifer
nähern sich Ägypten von der See her auf Schiffen und auf dem
Land in pferdebespannten Streitwagen, die nach
Nomadenmanier gefolgt sind von Ochsenkarren, welche die
Familien und die Habe tragen. Wäre die Invasion erfolgreich
gewesen, so hätte möglicherweise Ägypten die
geistesgeschichtliche Rolle gespielt, die für das darauffolgende
Jahrtausend an Griechenland fiel. Doch die Seevölker wurden
zurückgeschlagen und nach Osten in die Krallen des assyrischen
Militarismus abgedrängt.
Und schließlich waren all diese Bedrängnisse selbst für die
Brutalität der Assyrer nicht mehr zu bewältigen. Im zehnten
Jahrhundert v. Chr. verliert auch Assyrien die Herrschaft über
die Lage und schrumpft auf eine Armutsprovinz hinterm Tigris
zusammen. Aber nur um Atem zu holen. Denn schon im
darauffolgenden Jahrhundert stürzen sich die Assyrer mit
gesteigerter sadistischer Wildheit erneut in das Abenteuer der
Welteroberung, erkämpfen sich blutvergießend und
schreckenverbreitend das Reich in seiner früheren Größe zurück
und stürmen dann weiter nach Ägypten und das fruchtbare Niltal
hinauf bis zum heiligen Sonnengott selbst – so wie zweieinhalb
Jahrtausende später auf der entgegengesetzten Seite der
Erdkugel Pizarro den göttlichen Inka in die Gefangenschaft
führen sollte. Und zu diesem Zeitpunkt war der große Umbruch
in der Geistesart bereits vollzogen. Der Mensch war sich seiner
selbst und seiner Welt bewußt geworden.
Die Anfänge des Bewußtseins
Bislang galt unser Augenmerk der Frage, wieso und warum
die bikamerale Psyche zusammenbrach. Jetzt könnte man
allerdings auch fragen, warum der Mensch dann nicht einfach
auf den vorausgegangenen Zustand regredierte. Mitunter tat er
das auch. Doch das Trägheitsmoment der komplexeren Kulturen
verhinderte die Rückkehr zum Stammesleben. Der Mensch war
der Gefangene seiner eigenen Zivilisation. Die riesigen Städte
existierten nun einmal einfach, und ihre zählebigen
Funktionsgewohnheiten blieben bestehen, auch als ihr göttliches
Regiment dahinstarb. Auch die Sprache wirkt als Bremse des
sozialen Wandels. Die bikamerale Psyche war ein Nebentrieb
des Spracherwerbs, und bis zur fraglichen Zeit hatte die Sprache
ein Vokabular entwickelt, das ein solch hochgradiges
Aufmerken auf eine zivilisierte Umwelt bedingte, daß hierdurch
die Rückkehr zu Gegebenheiten einer mindestens fünftausend
Jahre alten Vergangenheit so gut wie unmöglich geworden war.
Die faktische Seite des Übergangs von der bikameralen zur
subjektiv bewußten Psyche werde ich in den folgenden beiden
Kapiteln darzustellen versuchen. Hier beschäftigt uns die Frage,
wieso es überhaupt zu einem solchen Wechsel kam – eine Frage,
zu deren Beantwortung noch eine ganze Menge
Forschungsarbeit zu leisten sein wird. Wir brauchen eine
Paläontologie des Bewußtseins, die uns Schicht für Schicht
demonstriert, wie und unter welchen speziellen Bedingungen
sozialer Druckverhältnisse diese metaphorisierte Zweitwelt, die
wir subjektives Bewußtsein nennen, aufgebaut wurde. Alles,
was ich zu diesem Unternehmen hier beisteuern kann, sind
einige wenige Fingerzeige.
Dabei möge der Leser bitte zweierlei nicht vergessen. Erstens:
Hier ist nicht die Rede von den bereits früher (auf Seite 65-87)
besprochenen Mechanismen der Metaphorik, die das
Bewußtsein konstituieren, sondern es geht vielmehr um deren
historischen Ursprung – um die Frage: Warum wurden diese
Bewußtseinseigenschaften zu einer bestimmten Zeit vermittels
der sprachlichen Metaphorik erzeugt? Zweitens: Es ist hier nur
vom Nahen Osten die Rede. Ist das Bewußtsein erst einmal da,
treten ganz andere Gründe in ihr Recht, die es so erfolgreich
machen und zu seiner Verbreitung unter den übrigen
bikameralen Völkern führen: Diese Frage werden wir in einem
späteren Kapitel aufgreifen.
In der Beobachtung kultureller Unterschiede liegt
möglicherweise der Ursprung des Analog-Raums des
Bewußtseins. In einem für uns kaum vorstellbaren Ausmaß
waren in den Wirren nach dem Zusammenbruch der
Autoritätsstrukturen und der Götter die Reaktionen der
Menschen von Panik und ihr Handeln von Unentschlossenheit
beherrscht. Wir sollten jedoch bedenken, daß im bikameralen
Zeitalter alle, die ein und demselben Stadtgott gehörten, sich
mehr oder weniger glichen in Ansichten und Handlungsweisen.
Aber in dem vom Druck der Umstände erzeugten gewaltsamen
Durcheinander von Völkern unterschiedlicher Nationalität und
jeweils anderen Göttern zugehörig, könnte die Beobachtung, daß
Fremde, mochten sie einem äußerlich auch noch so sehr
gleichsehen, anders sprachen, andere Ansichten hatten und sich
anders betrugen als man selbst, zu der Annahme geführt haben,
daß irgend etwas in ihrem Innern anders sein müsse. Tatsächlich
ist uns dieser Vorgang durch die philosophische Tradition in der
Ansicht überliefert, daß Gedanken, Meinungen und
Verblendungen subjektive Erscheinungen des menschlichen
Innenlebens seien, da die »wirkliche«, »objektive« Welt keinen
Platz für sie hat. Es wäre also möglich, daß der Einzelmensch,
bevor er zu seinem eigenen inneren Selbst kam, dieses zuerst
unbewußt in anderen Menschen, vor allem in Fremden, als die
Ursache ihres andersartigen und bestürzenden Verhaltens
voraussetzte. Mit anderen Worten: Die philosophische
Tradition, für die die Erkenntnis des Fremdpsychischen in einer
Logik des Schließens von der eigenen Subjektivität auf die
Subjektivität anderer gründet, stellt die tatsächlichen
Verhältnisse auf den Kopf. Es mag durchaus so sein, daß wir
zunächst unbewußt (!) fremde subjektive Existenzen annehmen
und dann von ihnen durch Generalisierung auf unsere eigene
Subjektivität schließen.
Der Ursprung der Narrativierung in der epischen Dichtung
Zu sagen, daß die Götter lernen, mag befremdlich wirken. Da
sie jedoch (wenn das im Ersten Buch, Fünftes Kapitel [Seite
128-158] aufgestellte Modell korrekt ist) nichts anderes sind als
die Funktion einigermaßen umfänglicher Partien des rechten
Schläfen- und Scheitelhirns, gibt es keinen Grund, warum nicht
auch sie – genau wie das linke Schläfen- und Scheitelhirn und
vielleicht sogar in noch höherem Maße – neue Fähigkeiten
erlernen sollten, indem sie neue Erfahrungen speichern und
verarbeiten und dabei ihre Erzieherrolle neu gestalten, um sich
neuen Bedürfnissen gewachsen zu zeigen.
Narrativierung bezeichnet in einem einfachen Wort einen sehr
verschachtelten Komplex von Fähigkeiten zur Bildung von
Beziehungsganzheiten; Fähigkeiten, die meiner Meinung nach
eine verzweigte Genealogie besitzen. Doch was größere
Ganzheiten wie Lebensspannen, Geschichten, Vergangenheit
und Zukunft betrifft, dürften die entsprechenden Fähigkeiten
von linkshemisphärisch dominanten Menschen anhand eines
neuen Funktionstyps der rechten Hirnhemisphäre erlernt worden
sein. Dieser Funktionstyp war eben die Narrativierung, und
diese war zuvor, so meine ich, in einer bestimmten Epoche der
Geschichte vo n den Göttern erlernt worden.
Wann könnte das gewesen sein? Es ist fraglich, ob wir darauf
jemals eine zuverlässige Antwort werden geben können; zum
Teil liegt dies daran, daß wir keine absolut sicheren Kriterien
haben für die Unterscheidung zwischen dem Bericht von einem
jüngstvergangenen Ereignis und einem Epos. Außerdem geraten
bei der Suche in der Vergangenheit die Dinge stets
durcheinander mit den Problemen der Entwicklung der Schrift.
Doch verdient es in diesem Zusammenhang Interesse, daß um
die Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. oder kurz davor in der
Zivilisation des südlichen Mesopotamien offenbar ein neues
Merkmal auftaucht. Ausgrabungen lassen erkennen, daß vor der
als »Frühdynastische Zeit II« bezeichneten Periode Siedlungen
und Städte in diesem Gebiet nicht befestigt waren und keine
Verteidigungseinrichtungen besaßen. Danach jedoch entstanden
in den Hauptregionen der städtischen Siedlungsentwicklung in
einigermaßen gleichbleibender Entfernung voneinander
ummauerte Städte, deren Bewohner das umliegende Land
bebauten und gelegentlich mit den Nachbarn Krieg um die
Grundherrschaft führten. Ungefähr in die gleiche Zeit datieren
die ersten uns bekannten Epen, wie beispielsweise die Gedichte
um Enmerkar, den König von Uruckaluba, und seinen Zwist mit
dem Herrscher von Aratta. Und eben die Beziehungen zwischen
benachbarten Stadtstaaten sind die Themen dieser Epen.
Meine Vermutung geht dahin, daß die Narrativierung aus dem
Bedürfnis entstand, die Ergebnisse zurückliegender politischer
Entwicklungen zu normieren: Das Epos stattet den Bericht von
den Ereignissen mit der normativen Kraft des Kodex aus. Bis
zur fraglichen Zeit war die Schrift – deren Erfindung nur wenige
Jahrhunderte zurücklag – in erster Linie ein Instrument der
Buchführung gewesen, das dazu diente, Bestände und
Umschlagbewegungen in den Speichern des göttlichen
Grundherrn zu verzeichnen. Jetzt wird sie zum Mittel für die
Aufzeichnung gottbefohlenen Geschehens, aus dessen
nachträglicher Rekapitulation im mündlichen Vortrag die
Narrativierung des epischen Gedichts erwächst. Da der Vorgang
des Lesens, wie ich im vorigen Kapitel ausführte, ein
Halluzinieren aus Keilschriftzeichen gewesen sein könnte,
dürfte es sich dabei um eine Funktion des rechten
Schläfenlappens gehandelt haben. Und da es Ereignisse der
Vergangenheit waren, die da aufgezeichnet wurden, wurde die
rechte Hirnhemisphäre dadurch zumindest zeitweilig zum Ort
göttlichen Reminiszierens.
Im Vorbeigehen sollten wir festhalten, wie sehr sich das
Lesen auf Tafeln fixierter Keilschrifttexte in Mesopotamien
unterschied von der griechischen Tradition jedesmaliger
mündlicher Neudichtung des epischen Gesangs in der
Generationenfolge der Aoidoi: möglicherweise brachte die orale
Tradition der Griechen insofern einen unermeßlichen Vorteil,
als sie es dem »Apoll« und den »Musen« in der rechten
Hemisphäre zur Aufgabe machte, sich zur Quelle des
Gedächtnisses auszubilden und das Narrativieren zu erlernen,
um die Erinnerungen an Achilleus im Zusammenhang der
epischen Struktur zu bewahren. Später, im chaotischen Umbruch
zum Bewußtsein, wird sich der Mensch sowohl diese
Gedächtnisfähigkeit aneignen als auch die Fähigkeit der
narrativen. Zusammenfassung von Erinnerungen zu einem
Beziehungsgeflecht.
Der Ursprung des Ich (qua Analogon) in der Hinterlist
Täuschendes Verhalten könnte ebenfalls zu den Ursachen des
Bewußtseins gehören. Doch müssen wir vor der eingehenden
Erörterung dieses Punkts eine Unterscheidung treffen zwischen
instrumenteller oder kurzfristiger List und langfristiger Arglist,
die man besser als Intriganz bezeichnen würde. Mehrere Fälle
kurzfristiger Täuschungsmanöver sind von Schimpansen
bekannt. So kommt es vor, daß Schimpansenweibchen sich dem
männlichen Tier in der sexuellen Anlockungspose
»präsentieren«, um ihm dann, sobald sein Interesse auf diese
Weise vom Futter abgelenkt ist, seine Banane wegzuschnappen.
In einem anderen Fall nahm ein Schimpanse das Maul voll
Wasser, lockte einen verhaßten Wärter vor die Käfigstangen und
spuckte ihm dann das Wasser ins Gesicht. In beiden Fällen fällt
das in dem Vorgang enthaltene Täuschungsmanöver unter die
Kategorie des instrumentellen Lernens: Ein bestimmtes
Verhaltensmuster wird von einem angenehmen Sachverhalt
gefolgt. Weitergehender Erklärungen bedarf es hier nicht, Etwas
ganz anderes ist demgegenüber die List von der Art des
intriganten Trugs. Tiere oder bikamerale Menschen sind ihrer
nicht fähig. Auf lange Sicht angelegte Täuschungsmanöver
setzen die Erfindung eines Selbst (qua Analogon) voraus, das
ganz anderes zu »tun«, etwas anderes zu »sein« vermag als das,
was die Person in der Sicht ihrer unmittelbaren Umgebung
tatsächlich ist und tut. Man kann sich leicht vorstellen, welch
bedeutender Überlebenswert einer solchen Fähigkeit in jenen
Jahrhunderten zukommen mußte. Ein Mann, der im Ansturm
von Invasoren seine Frau vergewaltigt sieht, würde, wenn er
seiner Stimme gehorcht, auf der Stelle losschlagen und dabei
wahrscheinlich ums Leben kommen. Wer jedoch innerlich ein
anderer sein kann als von außen, wer Haß und Rachegelüste
hinter der Maske des Sichschickens ins Unvermeidliche zu
verbergen weiß – ein solcher wird mit höherer
Wahrscheinlichkeit überleben.
Oder auch in der gewöhnlicheren Situation, daß man von den
fremden Invasoren – womöglich in fremder Sprache – Befehle
erhält: die weitaus größten Aussichten auf Selbsterhaltung und
Fortsetzung seines Stammes ins neue Jahrtausend hat derjenige,
der mit seinem sichtbaren Teil zu gehorchen vermag, aber »im
Innern« ein zweites Selbst beherbergt, dessen »Gedanken«
seinem trügerischen Tun widersprechen; derjenige, der seinem
verhaßten Gegenüber ins Gesicht zu lächeln vermag.
Natürliche Selektion
Als letztes in diesem Kapitel möchte ich die Möglichkeit
erwägen, daß natürliche Selektion beim Aufkommen des
Bewußtseins mitgewirkt haben könnte. Doch ist in diesem
Zusammenhang nochmals mit allem Nachdruck daran zu
erinnern, daß das Bewußtsein zur Hauptsache eine kulturelle
Schöpfung ist und keinerlei biologische Notwendigkeit: Es wird
auf sprachlicher Basis erlernt und an andere weitervermittelt.
Der Umstand allerdings, daß es Überlebenswert besaß und noch
immer besitzt, spricht dafür, daß natürliche Selektion beim
Übergang zum Bewußtsein in gewissem Umfang eine
begünstigende Rolle gespielt haben könnte.
Es läßt sich nicht genau errechnen, welcher Prozentsatz der
zivilisierten Menschheit in jenen grausigen Jahrhunderten gegen
Ende des zweiten Jahrtausends v. Chr. ausgerottet wurde.
Meiner Schätzung nach muß er enorm hoch gewesen sein. Und
der Tod ereilte diejenigen zuerst, deren Handeln den Impulsen
ihrer unbewußten Gewohnheiten folgte oder die den Befehlen
ihrer Götter, auf jeden Fremden loszuschlagen, der sich in ihre
Angelegenheiten mischte, nicht zu widerstehen vermochten.
Demnach ist damit zu rechnen, daß Menschen des verhärtet
bikameralen Typs, die sich am loyalsten gegenüber den
vertrauten Gottheiten verhielten, mit großer Wahrscheinlichkeit
untergingen und daß es die weniger ungestümen, die Menschen
mit weniger stark ausgeprägter Bikameralität waren, die
übrigblieben und ihre Gen-Ausstattung an die
Nachfolgegenerationen weitergaben. Wie zuvor bei der
Erörterung der Sprache können wir auch hier wieder das Prinzip
des Baldwinschen Evolutionismus heranziehen. Das Bewußtsein
muß in jeder neuen Generation neu erlernt werden, und
diejenigen, die von der biologischen Ausstattung her am ehesten
fähig sind, es zu erlernen, haben die besten
Überlebensaussichten. Wie wir in einem späteren Kapitel noch
sehen werden, findet sich sogar in der Bibel ein Beleg dafür, daß
rein bikameral veranlagte Kinder schließlich einfach
umgebracht wurden (Sacharja 13, 3-4).
Zusammenfassung
Dieses Kapitel ist nicht so zu verstehen, als sei es hierum die
Faktenbelege für meine Theorie vom Ursprung des Bewußtseins
gegangen. Diese beizubringen ist die Aufgabe der folgenden
Kapitel. Die vorstehenden Ausführungen sind rein deskriptiver
und theoretischer Natur: In ihnen war es mir darum zu tun, ein
Bild zu zeichnen, das allgemeine Plausibilitätsbedingungen
enthält; das einen gewaltigen Umbruch in der menschlichen
Geistesverfassung gegen Ende des zweiten Jahrtausends v. Chr.
im Hinblick auf Wieso und Warum als überhaupt im Rahmen
des Möglichen liegend erscheinen läßt.
In summa habe ich eine Reihe von Faktoren namhaft
gemacht, die für den großen Umschwung von der bikameralen
Psyche zum subjektiven Bewußtsein eine Rolle spielten; im
einzelnen sind dies: 1. der Bedeutungsverlust der auditiven
Sinnesmodalität als Folge der aufkommenden Schrift; 2. die
inhärente Brüchigkeit der halluzinatorischen Kontrolle; 3. die
Praxisferne der Götter im Chaos des his torischen Umbruchs; 4.
die Annahme einer inneren Ursache für die beobachteten
Verhaltensabweichungen Fremder; 5. die Übernahme der
Narrativierung aus der epischen Dichtung; 6. der
Überlebenswert der Verstellung und 7. ein Quentchen natürliche
Selektion.
Ich möchte schließen mit der Frage nach den
Geltungsbedingungen meines Bildes. Tauchte das Bewußtsein
wirklich nur zu dieser Zeit und keiner anderen als Novum in der
Welt auf? Wäre es nicht möglich, daß zum mindesten einige
Einzelmenschen schon in viel früherer Zeit ein subjektives
Bewußtsein entwickelten? Ja, das wäre möglich. So wie
Menschen von heute sich in ihrer Mentalität unterscheiden
können, so wäre es auch für vergangene Zeitalter durchaus
denkbar, daß ein einzelner oder wohl eher eine Sekte oder
Clique einen metaphorischen Raum mit einem Analog-Selbst zu
konstruieren begonnen hatte. Doch eine derart abweichende
Mentalität wäre nach meinem Dafürhalten im Rahmen einer
bikameralen Theokratie eine kurzlebige Angelegenheit gewesen
und noch weit entfernt von dem, was wir heute mit dem
Ausdruck Bewußtsein meinen.
Worum es uns hier geht, ist die kulturelle Norm, und die
Belege für einen dramatischen Wandel in der kulturellen Norm
bilden den Hauptinhalt der nächsten Kapitel. Die drei
Weltgegenden, in denen dieser Umschwung der Beobachtung
am leichtesten zugänglich ist, sind Mesopotamien, Griechenland
und die Welt der bikameralen Nomadenvölker. Ihnen werden
wir uns jetzt in dieser Reihenfolge zuwenden.