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The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind
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German Translation
Der Ursprung des Bewußtsein
Julian Jaynes
(Deutsch von Kurt Neff, Rowohlt, 1988)
Zweites Kapitel: Bikamerale Theokratien mit Schriftkultur
Was ist die Schrift – Schrift schreitet von Bildern visueller
Ereignisse zu Symbolen phonetischer Ereignisse. Und das ist
eine erstaunliche Wandlung. Schriften des letztgena nnten Typs
wie zum Beispiel diejenige auf der vorliegenden Seite – wollen
ihrem Leser etwas sagen, was er nicht weiß. Doch je näher eine
Schrift dem Ausgangstypus steht, desto mehr ist ihre Funktion
zuallererst die eines mnemotechnischen Hilfsmittels zur
Aktivierung von Informationen, die ihr Leser schon besitzt. Die
protolautschriftlichen Piktogramme von Uruk, die Ikonographie
der ältesten Götterbilder, die Bilderschriften der Maya und der
Azteken, ja selbst die aus unserem eigenen Kulturkreis bekannte
Heraldik – all das gehört zu jenem erstgenannten Typ. Es kann
vorkommen, daß im Einzelfall die Informationen, die auf solche
Weise aktiviert werden sollten, unwiederbringlich
verlorengegangen sind, so daß eine Schrift auf ewig
unübersetzbar bleibt.
Zwischen den beiden genannten Extremformen stehen die
zwei Schriftarten, die – halb Bild und halb Symbol – das
Material für das gegenwärtige Kapitel abgeben. Es sind die
ägyptische Hieroglyphenschrift mit ihrer abgekürzten Quasi-
Kurrentform, dem Hieratischen (was beides soviel wie »Schrift
der Götter« bedeutet), und die – der Form ihrer Striche wegen
von den Gelehrten unserer Epoche so genannte – Keilschrift,
deren Gebrauch noch viel weiter verbreitet war.
Von diesen beiden wird sich die Keilschrift als die für uns
wichtigere erweisen; zudem sind von ihr weit mehr Zeugnisse
erhalten. Tausende von Tontafeln harren ihrer Übersetzung und
weitere Tausende der Ausgrabung. Mindestens vier Sprachen
wurden in Keilschrift geschrieben: Sumerisch, Akkadisch,
Hurritisch sowie, später, das Hethitische. Im Gegensatz zu
unserer Schrift mit ihrem Alphabet von 26 Buchstaben oder zur
aramäischen (die um 200 v. Chr. die Keilschrift auf allen
Verwendungsgebieten mit Ausnahme religiöser Texte
verdrängte) mit 22 Buchstaben besteht die Keilschrift aus über
sechshundert Zeichen, was sie zu einem recht schwerfälligen
und vieldeutigen Kommunikationssystem macht. Viele dieser
Zeichen werden logographisch gebraucht und können dabei in
ein und derselben Gestalt für eine Silbe, einen Gedanken oder
einen Namen stehen oder auch für ein Wort, welches seinerseits
wieder mehrere Bedeutungen haben kann, je nachdem, welche
Klasse es im gegebenen Fall vertritt (die Klasse kann durch eine
besondere Markierung gekennzeichnet sein, indes ist der
Gebrauch solcher Indizes nicht regelmäßig). Nur aus dem
Kontext heraus können wir einem solchen Zeichen eine
Interpretation zuordnen. So zum Beispiel hat das Zeichen
neun verschiedene Bedeutungen: in der Aussprache šamšu
bedeutet es »Sonne«; in der Aussprache ûmu »Tag«; in der
Aussprache pisu »weiß«; und dazu kann es auch für die Silben
ud, tu, tam, pir, lah und his stehen. In einem solchen Wust
kontextabhängiger Bedeutungen restlos klarzusehen war schon
vorzeiten keine ganz einfache Sache. Erst recht gewaltig (und
faszinierend) ist das Problem für uns, aus einem Abstand von
viertausend Jahren zu der Kultur, die sich in ihnen artikulierte,
Keilschrifttexte zu entziffern. Gleiches trifft im wesentlichen
auch für die Hieroglyphik/Hieratik zu.
Handelt es sich um konkrete Ausdrücke – und dies ist der
Regelfall, denn der größte Teil der Keilschriftliteratur besteht
aus Auflistungen von Einnahmen, Sachbeständen und
Opfergaben für die Götter –, so ergeben sich beim Übersetzen
kaum Zweifelsfragen. Doch je abstrakter die Bedeutung der
Ausdrücke, und zumal wenn sie eine psychologische Deutung
zulassen, desto ausgeprägter die Neigung der Übersetzer, die
Texte im Interesse leichterer Eingängigkeit mit neuzeitlichen
Kategorien zu überformen. Die einschlägigen
Populärdarstellungen und selbst gelehrtes Schrifttum servieren
ihren Stoff mit glättenden »Verbesserungen« kandiert und
appetitlich garniert mit Erläuterungen und lassen dabei die
Menschen des Altertums sich wie unseresgleichen gebaren oder
legen ihnen doch zumindest eine Art Lutherdeutsch in den
Mund. Was der Übersetzer tut, ist nicht selten mehr ein Hineinals
ein Herauslesen. Viele der fraglichen Texte – diejenigen, in
denen es scheinbar um Entscheidungsfindungen geht, oder
sogenannte Spruchweisheiten, auch Epen und Unterweisungen –
müssen erst in die präzisen Termini konkreten Verhaltens
neuübersetzt werden, ehe sie als Daten für die Psycho-
Archäologie des Menschen in Frage kommen. Und ich warne
den Leser gleich, daß die Ergebnisse dieses Kapitels nicht mit
dem übereinstimmen, was das Populärschrifttum zum gleichen
Gegenstand zu sagen hat.
Dies bedenkend, fahren wir also fort.
Mit dem Aufkommen der Schrift im dritten Jahrtausend v.
Chr. werden jene glanzvollen Hochkulturen, wie wenn über
einer zuvor dunklen Bühne die Beleuchtung angeht, für unser
Auge in ein zwar noch unvollständiges, aber klares Licht
getaucht, und wir sehen, daß zu dem fraglichen Zeitpunkt bereits
seit längerem zwei Hauptformen der Theokratie existieren: 1.
das Statthalter-Königtum, bei dem der Führer oder König der
erste Stellvertreter der Götter oder – im gewöhnlicheren Fall –
des Gottes einer bestimmten Stadt ist, der Verwalter und Pfleger
seiner Ländereien. Dies war der bedeutendste und am weitesten
verbreitete Typ der Theokratie in den bikameralen
Königtümern. Es war die Herrschaftsform in vielen bikameralen
Stadtstaaten Mesopotamiens, in Mykene (vgl. Erstes Buch,
Drittes Kapitel) und nach allem, was wir wissen, in Indien,
China und wahrscheinlich auch in Mittelamerika. 2. Das
Gottkönigtum, bei dem der König selbst ein Gott ist. Am
deutlichsten vertreten finden wir diesen Typ in Ägypten sowie,
wenn nicht in allen, zumindest in einigen Andenreichen und mit
hoher Wahrscheinlichkeit im ältesten japanischen Königtum.
Meiner bereits früher dargelegten These zufolge (vgl. Erstes
Buch, Sechstes Kapitel) haben sich beide Herrschaftsformen aus
der ursprünglicheren bikameralen Organisationsform entwickelt,
bei der die Herrschaftsmacht eines neuen Königs im Gehorsam
gegenüber der halluzinierten Stimme des toten Königs bestand.
Auf diese Typen will ich nun am Beispiel der zwei
bedeutendsten frühen Hochkulturen näher eingehen.
MESOPOTAMIEN: DIE GÖTTER ALS EIGENTÜMER
Seit den frühesten Zeiten der Sumerer und Akkader war in
ganz Mesopotamien alles Land stets Eigentum der Götter, und
die Menschen waren ihre Sklaven. Daran lassen die
Keilschrifttexte nicht den geringsten Zweifel.1 Jeder Stadtstaat
hatte seine eigene Obergottheit, und in den allerältesten uns
überkommenen Schriftdokumenten findet man den König als
den »Pachtbauern des Gottes« bezeichnet.
Der Gott selbst war ein Standbild. Die Plastik war nicht das
Abbild eines Gottes (wie wir heute sagen würden), sondern eben
dieses Bild war der Gott selbst. Er wohnte in seinem eigenen
Haus, das bei den Sumerern das »große Haus« hieß. Es bildete
das Zentrum eines Tempelkomplexes, dessen Umfang von Fall
zu Fall schwankte, je nach Bedeutung des betreffenden Gottes
und dem Reichtum der betreffenden Stadt. Der Gott war
vermutlich aus Holz, damit er nicht zu schwer war, um auf den
Schultern von Priestern mitgeführt werden zu können. Sein
Gesicht war eine Einlegearbeit aus wertvollen Metallen und
Edelsteinen. Er war kostbar gekleidet und stand auf einem
Piedestal in einer Nische im innersten Raum seines Hauses. In
den größeren und bedeutenderen Gotteshäusern gab es kleine
Innenhöfe, deren umliegende Räume dem Statthalter-König und
seinen Nebenpriestern vorbehalten waren.
In den meisten der in Mesopotamien ausgegrabenen großen
Städte war das Haus der obersten Gottheit eine Zikkurat, ein
viereckiger, in Stufen hoch ins Licht emporsteigender Turm, auf
dessen oberster Plattform ein Tempel stand. Im Zentrum der
Zikkurat lag die gigunu, eine geräumige Kammer, wo nach
Meinung der Mehrheit der Gelehrten die Statue der Obergottheit
wohnte, die nach anderer Ansicht jedoch nur der Abhaltung von
Riten diente. Derartige Zikkurat oder ähnliche Tempeltürme
sind während einer bestimmten Epoche den meisten
bikameralen Königtümern gemein.
Da die göttliche Statue der Eigentümer des Bodens und die
Menschen seine Leibeigenen waren, bestand die erste Pflicht des
königlichen Statthalters nicht allein in loyaler Verwaltung der
königlichen Ländereien, sondern ebensosehr auch in privateren
Dienstbarkeiten. Die Götter liebten den Keilschrifttexten zufolge
Essen und Trinken, Musik und Tanz; sie benötigten Betten zum
Schlafen und für das geschlechtliche Vergnügen mit anderen
Götterstatuen, die von Zeit zu Zeit zum Behufe solcher
Hochzeitsfeste von anderswoher zu Besuch kamen; sie wollten
gewaschen und gekleidet und mit Wohlgerüchen geschmeichelt
sein; bei Staatsfeierlichkeiten mußten sie umhergefahren
werden; und um all das lagerte sich mit fortschreitender Zeit
immer mehr Zeremoniell und Ritual an.
Das tägliche Tempelritual schloß das Waschen, Ankleiden
und Füttern der Statuen ein. Gewaschen wurden sie
wahrscheinlich, indem priesterliche Diener sie mit reinem
Wasser besprengten möglicherweise haben wir hier die
Ursprünge unserer Tauf- und Salbungszeremonien vor uns. Als
Kleidung stand eine Vielfalt von Gewandformen zur Verfügung.
Vor den Gottheiten waren Tische aufgestellt – die Urformen
unserer Altäre –, von denen einer Blumenschmuck trug, der
zweite Speis und Trank für den göttlichen Hunger. Das Essen
bestand aus Brot, Kuchen und Fleisch; das Fleisch lieferten
Stier, Hammel, Ziege, Hirsch, Fisch und Geflügel. Will man
bestimmten Interpreten der Keilschriften glauben, so wurde
zunächst das Essen aufgetragen, woraufhin das menschliche
Personal sich zurückzog, damit die göttliche Statue sich allein
und ungestört an ihrem Mahl gütlich tun konnte. Nach
geziemender Frist betrat dann der Statthalter-König das
Allerheiligste durch einen Nebeneingang und verzehrte, was der
Gott übriggelassen hatte.
Im übrigen mußten die Götterstatuen auch bei Laune gehalten
werden. Man nannte das: »ihrer Leber schmeicheln« und
verrichtete dieses Geschäft mittels Opfergaben von Butter, Fett,
Honig und Konfekt, die wie das reguläre Essen auf die Tische
gelegt wurden. Man kann sich vorstellen, daß Menschen, deren
bikamerale Stimme sich kritisch und verärgert zeigte, derlei
Opfergaben zum Gotteshaus trugen.
Gibt es eine andere Erklärung für all diese Dinge und für ihre
historische Dauerhaftigkeit – denn in der einen oder anderen
Form blieben sie tatsächlich über Tausende von Jahren der
zentrale Bezugspunkt der Lebensorganisation –, ich sage: Gibt
es dafür eine andere Erklärung als unser Postulat, daß jene
Menschen die Statuen genauso sprechen hörten, wie die Helden
der »Ilias« die Stimmen ihrer Götter hörten oder die heilige
Johanna ihre Stimmen? Ja, daß sie diese Statuen sogar reden
hören mußten, um zu wissen, was sie tun sollten.
Wir können das unmittelbar in den Texten selber lesen. Der
große »Zylinder«2 des Gudea von Lagas (um 2100 v. Chr.) gibt
an, daß die Priesterinnen in einem neuerbauten Te mpel für
Gudeas Gott Ningirsu die sieben Töchter aus der
Nachkommenschaft der Baba, die Ningirsu mit ihr zeugte, die
Göttinnen Zazaru, Impae, Urentaea, Hegirnunna, Hesagga,
Guurma, Zaarmu, [aufstellten], damit sie an der Seite des
Landesherrn Ningirsu güns tige Entscheidungen aussprächen.
Im einzelnen betrafen die auszusprechenden Entscheidungen
diverse Fragen der Bodenbestellung, damit das Getreide »die
Abhänge des heiligen Feldes bedecke« und »sämtliche reichen
Kornspeicher von Lagas zum Überfließen gebracht werden«.
Und ein Tonkegel der Dynastie, die um 1700 v. Chr. in Larsa
herrschte, preist die Göttin Ningal als Ratgeberin, überaus weise
Befehlshaberin, Fürstin aller großen Götter, erhabene Rednerin,
deren Worten nichts gleichkommt.3
Allenthalben in diesen Texten sind es die Worte der Götter,
die darüber entscheiden, was zu tun ist. Auf einem Kegel aus
Lagas liest man:
Mesilin, König von Kiš, errichtete auf Geheiß seiner Gottheit
Kadi, betreffend die Bepflanzung jenes Feldes, eine Stele an
jenem Ort. Uš, Patesi von Umma, um sich ihrer zu bemächtigen,
fertigte Zauberformeln an; jene Stele zerbrach er in Trümmer; in
die Ebene von Lagaš rückte er vor. Ningirsu, der Held des Enlil,
auf dessen rechtmäßiges Geheiß führte Krieg gegen Umma. Auf
das Geheiß des Enlil schnappte sein großes Netz zu. An jenem
Ort auf der Ebene errichtete er ihren Grabhügel.4
Nicht die Menschen üben die Herrschaft aus, sondern die
halluzinierten Stimmen der Götter Kadi, Ningirsu und Enlil.
Man beachte, daß die zitierte Textstelle von einer Stele handelt,
einer Steinplatte, in die in Keilschrift die Worte eines Gottes
eingemeißelt waren und die auf einem Feld errichtet worden
war, um Anweisungen zu erteilen, wie man dieses Feld zu
bestellen hatte. Daß solche Stelen ihrerseits Manifestationen des
Göttlichen waren, läßt sich daraus vermuten, wie sie umkämpft
und verteidigt, zertrümmert und als Beutestücke weggeführt
wurden. Und daß sie die Quellen von Gehörshalluzinationen
waren, wird von anderen Texten nahegelegt. Eine besonders
aufschlußreiche Stelle aus einem anderen Textzusammenhang
schildert, wie eine Stele bei Nacht entziffert wird:
Die Glätte ihrer Oberfläche gibt ihm sein Hören kund; die
eingemeißelte Schrift gibt ihm sein Hören kund; das Licht der
Fackel hilft ihm besser hören.5
Lesen dürfte also im dritten Jahrtausend v. Chr. eine Sache
des Hörens der Keilschrift gewesen sein, das heißt des
Halluzinierens gesprochener Rede beim Betrachten ihrer Bild-
Symbole, ungleich dem visuellen Lesen von Silben nach unserer
Art.
Das hier mit »Hören« wiedergegebene Wort ist ein
sumerisches Zeichen, das in der Transliteration »gistugpi«
lautet. Zahlreiche andere königliche Inschriften verzeichnen,
wie der König von irgendeinem Gott mit diesem »gistugpi«
ausgestattet wird, das ihn zu Großem befähigt. Noch 1825 v.
Chr. rühmt sich Waradsin, der König von Larsa, auf einem
Tonkegel, er habe die Stadt umgebaut mit »gistugpi dagal«, das
bedeutet: seinen Gott Enki »auf Schritt und Tritt hörend«.6
Zeremonielle Mundwaschungen
Ein weiterer Anhaltspunkt dafür, daß die Statuen
Halluzinationshilfen waren, ergibt sich bei Betrachtung anderer
zeremonieller Verrichtungen, die sämtlich sehr präzis und
konkret auf Keilschrifttafeln beschrieben sind. Die Standbild-
Gottheiten wurden in der bitmummu, einer speziellen
gottgeweihten Werkstatt, angefertigt. Selbst die Handwerker
wurden bei ihrer Arbeit von einem Handwerker-Gott, Mummu,
angeleitet, der ihnen »diktierte«, wie sie bei der Herstellung der
Statue zu verfahren hatten. Vor der Aufstellung im Heiligtum
wurde das Standbild den Ritualen des mispi, das heißt der
Mundwaschung, und des pitpi; der Öffnung des Mundes,
unterzogen.
Nicht nur im Zusammenhang mit der Herstellung der Statue,
sondern turnusmäßig auch danach – und vor allem wohl gegen
Ende der bikameralen Ära, als die halluzinierten Stimmen
weniger häufig aufzutreten begannen – vermochte die mit
umständlichem Zeremoniell vorgenommene Mundwaschung die
Redegabe der Götter zu erneuern. Beim Licht tropfender
Fackeln trug man den Gott mit seinem Intarsiengesicht aus
Juwelen zum Flußufer, und dort wurde ihm unter Zeremonien
und Beschwörungen mehrmals der Mund ausgewaschen, wobei
das Gesicht nacheinander gen Osten, Westen, Norden und
schließlich gen Süden gewandt war. Das benutzte Weihwasser
war ein Sud von vielerlei Zutaten: Tamariskenrinde,
verschiedene Gräser, Schwefel, verschiedene Gummis, Salze
und Öle, dazu Dattelhonig sowie verschiedene kostbare Steine.
Nach weiteren Beschwörungen wurde der Gott »an der Hand«
zurück auf die Straße »geleitet«, wobei der Priester ein
litaneiartiges »Fuß, der vorwärtsschreitet – Fuß, der
vorwärtsschreitet ...« intonierte. Am Tempeltor wurde dann
nochmals eine Zeremonie abgehalten. Darauf nahm der Priester
den Gott »bei der Hand« und geleitete ihn zu seinem Thron in
der Nische, wo ein goldener Baldachin aufgeschlagen war und
der Mund der Statue abermals ausgewaschen wurde.7
Die bikameralen Königtümer darf man sich nicht eines wie
das andere vorstellen oder so, als hätten sie nicht im Lauf der
Zeit eine beträchtliche Entwicklung durchgemacht. Die Texte,
denen die zuletzt angezogenen Informationen entstammen,
datieren aus der Zeit etwa gegen Ende des dritten Jahrtausends
v. Chr. Es mag also sein, daß sie eine Spätentwicklung der
Bikameralität repräsentieren, eine Phase, in der der erreichte
Komplexitätsgrad der Zivilisation an sich schon die Deutlichkeit
der Stimmen trübte und die Häufigkeit ihres Auftretens
beschnitt und damit dieses Reinigungsritual ins Leben rief, in
welchem sich die Hoffnung auf eine Regeneration der göttlichen
Stimme ausspricht.
Der Privatgott
Es wäre allerdings verkehrt, nun annehmen zu wollen, daß der
gemeine Mann die Stimmen der großen Götter, denen die Stadt
gehörte, selbst unmittelbar vernommen hätte; eine derartige
Vielfalt des individuellen Halluzinierens wäre mit
systematischer staatlicher Kontrolle unvereinbar gewesen. Der
gemeine Mann diente den Göttern, bestellte ihr Land und nahm
teil an den Festlichkeiten ihnen zu Ehren. Aber nur in extremer
Not flehte er sie an, und auch dann nur über Mittelsleute. Das
geht aus zahllosen Rollsiegeln hervor. Ein Großteil der
Keilschrifttafeln vom Inventarverzeichnis-Typ trägt Abdrücke
solcher Rollsiegel auf der Rückseite; gewöhnlich zeigen diese
einen sitzenden Gott sowie eine weitere; untergeordnete Gottheit
– in der Regel eine Göttin –, die den Besitzer der Tafel an der
rechten Hand vor das Angesicht des Gottes führt.
Als derartige Mittelsleute fungierten die Privatgötter. Jedes
Individuum, ob König oder Bauer, hatte seinen eigenen
persönlichen Gott, dessen Stimme er hörte und auf dessen
Stimme er hörte.8 In fast allen der bei Ausgrabungen zutage
geförderten Wohnhäuser gab es einen Raum, der als Weihestätte
diente; dieser Raum beherbergte wahrscheinlich die
Privatgottheiten der Bewohner in Gestalt von Idolen und
Statuetten. Mehrere späte Keilschrifttexte schildern rituelle
Verrichtungen an ihnen, die den zeremoniellen
Mundwaschungen bei den großen Göttern ähneln.9
Durch flehentliches Bitten waren diese Privatgötter dazu zu
bringen, bei anderen Göttern, die einen höheren Platz in der
Götterhierarchie einnahmen, wegen spezieller Gnadenerweise
vorstellig zu werden. Und so seltsam uns Heutigen das
vorkommen mag – der Instanzenweg funktionierte auch
andersherum: Hatte der Grundeigner-Gott sich einen Fürsten
zum Statthalter-König erkoren, so informierte er zuerst den
Privatgott des Designierten von seiner Wahl, und erst danach
wurde der Betreffende selbst ins Bild gesetzt. Aus meinen
früheren Ausführungen (vgl. Erstes Buch, Fünftes Kapitel)
ergibt sich, daß diese Stufung in der vertikalen Sozialdimension
insgesamt in der rechten Hirnhemisphäre vonstatten ging, und
ich bin mir der Probleme der Authentizität und der kollektiven
Akzeptanz, die sich mit einem derartigen Erwählungsvorgang
verknüpfen, durchaus bewußt. Wie auch anderweitig im
Altertum war der persönliche Gott verantwortlich für das
Handeln des Individuums – im Fall des Königs wie in dem des
gemeinen Bauern.
Andere Keilschrifttexte weisen aus, daß der Mensch im
Schatten seines Privatgotts, seines ili, lebte. So unauflöslich
waren Mensch und Privatgott miteinander verbunden, daß der
Name des Privatgotts in die Bildung des Personennamens
einging und so die bikamerale Natur des Menschen plakatierte.
Höchst interessant sind die Fälle, in denen der Name des Königs
den Privatgott bezeichnet: beispielsweise Rimsinili, das bedeutet
»Rimsin ist mein Gott« (Rimsîn war ein König von Larsa), oder,
noch einfacher, Šarruili, »Der König ist mein Gott«.10 Diese
Beispiele legen die Vermutung nahe, daß der Statthalter-König
selbst zuweilen Gegenstand vo n Halluzinationen sein konnte.
Wann der König zum Gott wird
Insofern mit dieser Möglichkeit gerechnet werden muß, hat
die Unterscheidung, die ich zwischen Statthalter-König-Typ und
Gottkönig-Typ der Theokratie getroffen habe, keine absolute
Geltung. Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang
ferner der Umstand, daß auf mehreren Keilschrifttafeln neben
den Namen einer Reihe von frühen mesopotamischen Königen
der achtzackige Stern – das Determinativzeichen für Göttlichkeit
– erscheint. In einem älteren Te xt sind von einer größeren
Anzahl von Königen der Städte Ur und Isin elf mit diesem oder
einem gleichbedeutenden Determinativum ausgezeichnet. Zur
Erklärung dieses Sachverhalts wurden bereits mehrere Theorien
aufgestellt; keine von ihnen ist sonderlich überzeugend.
Das richtungweisende Indiz ist hier meiner Meinung nach
darin zu sehen, daß das Göttlichkeitsdeterminativum den
Königen meistenteils erst nach längerer Regierungszeit und auch
dann nur in bestimmten Städten ihrer Herrschaft erteilt wird.
Das könnte bedeuten, daß die Stimme eines besonders
mächtigen Königs einer Anzahl seiner Untertanen – wenngleich
nicht allen – in ihren Halluzinationen vernehmlich wurde,
freilich nur an einigen Orten, und nachdem er bereits seit
längerer Zeit an der Herrschaft war.
Doch selbst in solchen Fällen scheint der Unterschied
zwischen göttlichen Königen und Göttern im eigentlichen Sinn
in ganz Mesopotamien niemals seine Bedeutung verloren zu
haben.11 Ganz anders ist das in Ägypten, wohin wir uns nun
wenden wollen.
ÄGYPTEN: DIE KÖNIGE ALS GÖTTER
Das weite Tiefland um die Flüsse Euphrat und Tigris geht
allmählich und ohne klare Begrenzung einerseits über in die
endlosen arabischen Wüsten, andererseits in die sanft
ansteigende Hügellandschaft im Vorfeld der Gebirgsketten von
Persien und Armenien. Ägypten dagegen ist, vom Süden
abgesehen, auf zwei Seiten achsensymmetrisch eingeschlossen
von unverrückbaren natürlichen Grenzen und damit eine klar
definierbare geopolitische Einheit. Denn ein Pharao, der seine
Macht nilaufwärts auszudehnen suchte, geriet alsbald in
Landstriche, wo er zwar Raubzüge veranstalten konnte, die er
jedoch niemals völlig zu unterwerfen vermochte. So zeigte sich
in Ägypten seit jeher eine über den geographischen Raum wie
durch die historische Zeit sich erstreckende und selbst das
Volkstum prägende Einförmigkeit. Wie Untersuchungen an
Schädelfunden ergaben, waren die Menschen Ägyptens einander
im Körpertyp erstaunlich ähnlich, und dies konstant über
Zeitalter hinweg. Diese ökologisch abgeschirmte Homogenität
war12 meines Erachtens die Voraussetzung für das lange
Überdauern der archaischeren Spielart der Theokratie, des
Gottkönigtums.
Die »Memphitische Theologie«
Betrachten wir zunächst die berühmte »Memphitische
Theologie«.13 Es handelt sich um einen Granitblock aus dem
achten Jahrhundert v. Chr. (den sogenannten »Schabakastein«,
heute Britisches Museum 138), auf den eine ältere Handschrift
(vermutlich von einer vom Verfall bedrohten Lederrolle aus der
Zeit um 3000 v. Chr.) übertragen wurde. Der Text beginnt mit
einer Apostrophe des »Schöpfer«-Gottes Ptah, fährt fort mit dem
Zwist zwischen den Göttern Horus und Seth und dessen
Schlichtung durch Geb, schildert die Erbauung des königlichen
Gotteshauses zu Memphis, um dann in der berühmt gewordenen
Schlußsektion festzustellen, daß die anderen Götter im
ägyptischen Pantheon Varianten von Ptahs Stimme oder
»Zunge« seien.
Übersetzt man nun, wie es häufig getan wird, das Wort
»Zunge« an dieser Stelle mit »objektivierte Begriffe seines
Denkens« oder ähnlichem, so ist dies ohne Frage eine
Überformung des Textes mit neuzeitlichen Kategorien.14
Vorstellungen wie die von objektivierten Denkbegriffen und
selbst noch diejenige von einer im Erscheinenden sich Ausdruck
suchenden Geistigkeit haben sich erst sehr viel später
herausgebildet. Es herrscht allgemeine Übereinstimmung
darüber, daß die allägyptische Sprache genau wie die
sumerische durch und durch konkret war. In irgendeiner Form
zu unterstellen, sie sei Ausdruck abstrakter Gedanken gewesen,
heißt nach meinem Dafürhalten, hier die moderne Vorstellung
mit einzuschmuggeln, die Menschen seien einander zu allen
Zeiten gleich gewesen. Auch an den Stellen, wo in der
»Memphitischen Theologie« davon die Rede ist, daß von der
Zunge beziehungsweise den Stimmen alles andere geschaffen
wird, vermute ich bereits in dem Wort »geschaffen« eine
moderne Überfremdung: Als die korrektere Lesart will mir
»befehligt« erscheinen. Diese Theologie ist also im wesentlichen
ein Mythos von der Sprache, und was Ptah in Wahrheit befehligt
– worüber er herrscht und gebietet –, sind nichts anderes als die
bikameralen Stimmen, die die ägyptische Zivilisation ins Leben
riefen, sie lenkten und leiteten.
Osiris: die Stimme des toten Königs
Schon manches Mal wurde Verwunderung geäußert
angesichts der Art und Weise, wie in dem erwähnten Text
Mythologie und Realität durcheinandergehen – dergestalt, daß
der himmlische Zank zwischen Horus und Seth ein reales Stück
Land zum Gegenstand hat, oder daß die Osirisgestalt des letzten
Abschnitts zu Memphis realiter begraben liegt, oder auch, daß
jeder König bei seinem Tod zu Osiris wird, so wie er zu
Lebzeiten Horus war. Indes, in der angenommenen
Voraussetzung, daß es sich bei all diesen Gestalten um einzelne
Stimmhalluzinationen handelt, wie sie von Königen und den
ihnen im Rang Nächststehenden vernommen wurden; und daß
die Stimme eines Königs dessen Tod überdauern und als
Wegweiserin seines Nachfolgers ihre »Existenz« fortsetzen
konnte; und daß wir es bei den Mythen von Göttergezänk und
von den vielfältigen Beziehungen der Mitglieder des Pantheons
untereinander mit Rationalisierungsversuchen zu tun haben, die
dem Auftreten einander widerstreitender belehrender
Stimmautoritäten Rechnung tragen und im übrigen die real
existierende Herrschaftsorganisation reflektieren – in dieser
Voraussetzung haben wir zumindest einen neuen Ansatz für die
Deutung der Befunde gewonnen.
Um gleich zum Kern der Sache zu kommen: Osiris war kein
»sterbender Gott«, nicht »das Leben im Bann des Todes« und
kein »toter Gott«, wie moderne Interpreten gemeint haben. Er
war die halluzinierte Stimme eines verstorbenen Königs, dessen
Belehrungen noch immer etwas galten. Und da er sich noch
immer vernehmen ließ, liegt kein Widersinn darin, daß man den
Körper, von dem die Stimme ehemals ausging, einbalsamierte
und sein Grab mit allem Lebensnotwendigen ausstattete: mit
Speis und Trank, mit Sklaven und Frauen und allem sonstigen
Drum und Dran. Da war keine geheimnisvolle Macht, die er
ausströmte – da war nur das Andenken seiner Stimme, die sich
in den Halluzinationen derer, die ihn gekannt hatten, geltend
machte, ihnen ebenso gebot und sie beriet, wie sie es getan
hatte, bevor sein Leib aufgehört hatte, zu atmen und sich zu
bewegen. Und daß, unter anderem, eine Naturerscheinung wie
das Gewisper der Wellen im Fluß als Hinweisreiz für derartige
Halluzinationen wirken konnte, erklärt, wie es zu dem Glauben
kam, daß Osiris beziehungsweise der König, dessen Leib sich
nicht mehr bewegte und in Mumiengewänder eingekleidet war,
weiterhin die Überflutungen des Nils kontrollierte. Des weiteren
ist die Beziehung zwischen Horus und Osiris und ihre auf ewig
wiederholte »Verkörperung« in jedem neuen König und seinem
verstorbenen Vater nur zu verstehen als die langsame
Angleichung einer halluzinierten gebietenden Stimme an des
Königs eigene Stimme, ein Vorgang, der sich von Generation zu
Generation wiederholte.
Herrschaftshäuser für Stimmen
Daß die Stimme und mithin die Macht eines Gottkönigs
weiterlebten, nachdem sein Leib bereits aufgehört hatte, zu
atmen und sich zu bewegen, geht fraglos aus der Art des
Begräbnisses hervor, das man ihm bereitete. Freilich ist
Begräbnis hier wohl kaum das richtige Wort. Solche göttlichen
Könige wurden nicht in triste Gräber eingesperrt, sondern
heimgeführt in strahlende Paläste. Sobald man die Technik des
Steinbaus gemeistert hatte, kurz nach 3000 v. Chr., schossen die
zuvor als Stufenmastaba ausgeführten Grabbauten empor zu den
uns unter dem Namen Pyramiden bekannten Galabühnen für das
Nachleben der unsterblichen bikameralen Stimmen: zu
Komplexen von Festhöfen und mit heiligen Bildwerken und
Schriften heiter ausgezierten Galerien, häufig umgeben von
Gräberfeldern für des Gottes Dienerschaft, überragt vom
Pyramidenpalais des Gottes selbst, das – im Äußeren von beinah
allzu selbstgewisser Nüchternheit – zur Sonne aufstieg wie eine
lichtüberflutete Zikkurat und dessen Bauweise von einer
ungebrochenen Gesinnung kündete, die sich nicht scheute,
neben Alabaster und Kalkstein die härtesten Gesteinsarten zu
verwenden – geschliffenen Basalt, Granit und Diorit.
Der psychologische Sinn von alldem harrt noch der
Enträtselung – nicht zuletzt, weil die Materialien, auf die man
sich dabei stützen könnte, durch »Goldsammler« jeglicher
Couleur in so bedenklichem Ausmaß dezimiert sind, daß diese
ganze Frage vielleicht überhaupt in ewiges Dunkel gehüllt
bleiben wird. Ein Rätsel ist beispielsweise der Umstand, daß
man die reglose Mumie des Gottkönigs häufig in einem recht
schlichten Sarkophag findet, während seine prunkvollen
Ebenbilder mit unvergleichlich viel mehr Ehrfurcht umhegt
wurden: Ist das damit zu erklären, daß letztere als Realursachen
des halluzinierten Geschehens erlebt wurden? Wie die
Statuengottheiten Mesopotamiens waren auch diese ägyptischen
Plastiken lebens- oder überlebensgroß. Zuweilen trugen sie eine
kunstreiche Bemalung; die Augen bestanden in der Regel aus
Edelsteinen, die seither längst von bewußten,
nichthalluzinierenden Grabräubern brutal aus ihren Fassungen
gebrochen worden sind. Anders als ihre Vettern im Osten
wurden die ägyptischen Götterbilder niemals von ihrem Platz
entfernt, so daß man ihre Züge, unbesorgt um Transportrisiken,
im Kalkstein, Schiefer, Diorit, oder welchen Stein man auch
immer benutzte, aufs feinste ausmeißeln konnte; nur
gebietsweise wurden sie aus Holz verfertigt. In einer Nische
hatten sie gewöhnlich ihren Dauerplatz, den sie manchmal
sitzend, manchmal freistehend einnahmen und manchmal auch,
als vielfache Ausfertigungen des einen Gottkönigs, sitzend oder
stehend in einer Reihe; manchmal findet man sie in eine kleine
Kapelle, den Serdab, eingemauert, mit zwei Gucklöchern vor
den Juwelenaugen, damit der Gott in den Vorraum
hinausblicken konnte auf geopferte Speisen und Schätze und wir
wissen nicht, was sonst noch alles, was seither in die Hände von
Plünderern gefallen ist. Gelege ntlich kam es sogar vor, daß die
halluzinierte Rede des verstorbenen Gottkönigs im Wortlaut
schriftlich aufgezeichnet wurde, wie in der »Lehre, von der
Majestät des von Rechts wegen König Amenemhet I. seinem
Sohn erteilt, als er in einer Traum-Offenbarung zu ihm sprach«.
Auch den gemeinen Mann behandelt die Begräbnissitte, als ob
er noch weiterlebte. Bereits seit vordynastischen Zeiten wurden
Bauern Töpfe mit Speisen, Gerätschaften und Opfergaben zum
Gebrauch im anderen Leben mit ins Grab gegeben. Weiter oben
in der Gesellschaftshierarchie hielt man Leichenfeiern ab, an
denen auf ungeklärte Weise der Leichnam selber teilnahm.
Relieftafeln, die den Verstorbenen als Mit-Esser beim eigenen
Leichenmahl zeigen, wurden in einer Wandnische des
Grabhügels oder der Mastaba aufgestellt. In jüngeren
Begräbnisstätten ist das zur gemauerten Grabkammer mit
bemalten Reliefs und dem Serdab mit Statuen und Opfergaben
wie in den richtigen Pyramiden fortentwickelt.
Häufig wurde dem Namen eines Toten ein Epitheton mit der
Bedeutung »wahrhaftig von Stimme« beigefügt. Außerhalb der
hier vorgetragenen Theorie läßt sich dafür schwerlich eine
Erklärung finden. »Wahrhaftig von Stimme« war ursprünglich
das Attribut von Osiris und Horus, das sie als Sieger über ihre
Widersacher bezeichnete.
Auch Briefe wurden an die Toten gerichtet, als ob sie
Lebende wären. Wahrscheinlich ging man dazu über, nachdem
einige Zeit verstrichen war und der Adressat sich nicht mehr
halluzinativ »vernehmen« ließ. Ein Mann schreibt an seine tote
Mutter und bittet sie um einen Schiedsspruch in der Streitigkeit
zwischen ihm und seinem toten Bruder. Wie wäre das anders zu
erklären als unter der Voraussetzung, daß der lebende die
Stimme des toten Bruders in seinen Halluzinationen hörte? Oder
ein Toter wird gebeten, seine Vorfahren aufzuwecken, damit sie
seiner Witwe und ihrem Kind helfen. Diese Briefe sind private
Zeugnisse alltäglicher Sorgen und Nöte, unbeeinflußt von
Offizialdoktrinen und schaustellerischen Bedürfnissen.
Eine neue Theorie des Ka
Könnte man von einer psychologischen Wissenschaft der
alten Ägypter sprechen, müßte man sagen, daß deren
fundamentales Konzept in der Idee des »Ka« bestand – und
damit erhebt sich die Frage: Was ist dieser Ka? Dieser
besonders schwer zu deutende Begriff begegnet in ägyptischen
Inschriften auf Schritt und Tritt; das Kopfzerbrechen über seinen
Sinn hat in der gelehrten Welt zu einem Schwall von
Übersetzungslesarten geführt: »Geist«, »Seele«,
»Doppelgänger«, »Lebenskraft«, »Geschick« oder »Schicksal«,
»Vorsehung«, und Gott weiß, was sonst noch alles. Man hat ihn
mit dem Lebenshauch der Semiten und der Griechen wie mit
dem »genius« der Römer gleichgesetzt. Aber diese späteren
Begriffe gehören offenkundig zu den überlebten
Sprachgewändern aus dem Restbestand der bikameralen Psyche.
Auch läßt sich diese semantische Vieldeutigkeit weder in der
Weise bereinigen, daß man für die Ägypter eine Mentalität
annimmt, die durch vieldeutigen Wortgebrauch ein und dieselbe
geheimnishafte Wesensheit einzukreisen versuchte, noch durch
das Postulat einer »Eigenart des ägyptischen Denkens, die auf
die Möglichkeit hinauslief, einen Gegenstand nicht durch eine
einzige, bündige Definition zu bestimmen, sondern in ihrem
Begriff unterschiedliche und untereinander unverbundene
Perspektiven zusammenzufassen«.15 Das alles schafft keine
zufriedenstellende Erklärung.
Die hieratischen Texte liefern verwirrende Befunde. Jeder
Mensch hat seinen eigenen Ka und spricht von ihm etwa so wie
wir von unserer Willenskraft. Andererseits heißt es von
jemandem, der gestorben ist, er sei zu seinem Ka gegangen. In
den bekannten Pyramidentexten aus der Zeit um 2200 v. Chr.
werden die Toten »Herren ihres Ka« genannt. Das
Hieroglyphenzeichen für den Ka ist eine ermahnende Geste:
zwei erhobene Arme mit flachgestreckten Händen, das Ganze
auf einem Querbalken postiert, der in der Hieroglypenschrift
sonst den Symbolen für die Götter vorbehalten ist.
Nach dem bisher Gesagten leuchtet ohne weiteres ein, daß der
Ka als bikamerale Stimme gedeutet werden muß. Er ist nach
meinem Dafürhalten das, was der ili, der Privatgott, für die alten
Babylonier war. Der Ka des einzelnen war die für ihn selber
deutlich vernehmbare Stimme, die sein Handeln dirigierte und
die für ihn wahrscheinlich den Klang einer Elternstimme oder
der Stimme einer ihm bekannten Autoritätsperson hatte, die
jedoch, wenn sie nach seinem Tod für Bekannte und Verwandte
hörbar wurde, von diesen selbstverständlich mit dem
Stimmklang des Verstorbenen halluziniert wurde.
Vergessen wir jetzt einmal die hier ansonsten strikt betonte
Bewußtseinslosigkeit dieser Menschen und stellen sie uns mehr
oder weniger als unseresgleichen vor, so könnten wir uns etwa
einen Landarbeiter denken, der draußen auf dem Feld plötzlich
die Stimme des vorgesetzten Aufsichtsbeamten ihm irgendeine
Anweisung geben hört. Würde er nach seiner Rückkehr in die
Stadt dem Beamten erzählen (in der zeitgenössischen
Wirklichkeit hätte es für ihn natürlich nicht den geringsten
Anlaß gegeben, das zu tun), er habe seinen, des Aufsehers, Ka
gehört, so würde der Beamte – vorausgesetzt, er hätte ein
Bewußtsein wie wir annehmen, daß es sich um die gleiche
Stimme handelt, die er auch selber hört und die auch sein
eigenes Leben lenkt. Tatsächlich jedoch hätte der Ka des
Aufsehers zu dem Arbeiter auf dem Feld mit der Stimme des
Aufsehers gesprochen gehabt, wohingegen er zu dem Aufseher
selbst mit der Stimme seines Vorgesetzten oder einer Legierung
mehrerer Vorgesetztenstimmen spräche. Daß diese
Wahrnehmungsdiskrepanz niemals entdeckt werden könnte,
liegt auf der Hand.
Andere Aspekte des Ka stimmen mit dieser Deutung überein.
Die Haltung der Ägypter dem Ka gegenüber ist reinste
Passivität. Wie im Fall der griechischen Götter, so auch hier:
Hören ist gleich Gehorchen. Der Ka gibt nicht nur Befehle,
sondern ist zugleich die Antriebskraft des Vollzugs. Auf einigen
Inschriften von Hofleuten heißt es mit Bezug auf den König: Ich
habe gehandelt, wie sein Ka es liebte« oder »Ich habe gehandelt,
wie sein Ka es guthieß«16, was so ausgelegt werden kann, daß
der Höfling die halluzinierte Stimme des Königs seiner Arbeit
Beifall spenden hörte.
In manchen Texten heißt es, der König mache eines Mannes
Ka, und einige Gelehrte übersetzen Ka in dieser Verwendung
mit Glück.17 Auch dies ist eine neuzeitliche Überfremdung.
Einen Begriff von Glück und Erfolg zu haben ist für die
bikamerale Zivilisation Ägyptens unmöglich. Nach meiner
Lesart sind derartige Stellen so zu verstehen, daß der betreffende
Mann eine erzieherische halluzinierte Stimme erlangt, die ihn
dann bei seiner Arbeit leitet. In den Namen der ägyptischen
Beamten taucht der Ka so häufig auf wie der ili in denen der
babylonischen: Kaininesut, das heißt »Mein Ka gehört dem
König«, oder: Kainesut, »Der König ist mein Ka«.18 Auf der
Stele Nr. 20 538 im Museum von Kairo heißt es: »Der König
gibt seinen Dienern Ka und nährt, die ihm treu sind.«
Besonders interessant ist der Ka des Gottkönigs. Nach meiner
Vermutung teilte er sich dem König mit dem Stimmbild von
dessen Vater mit. Doch in den Halluzinationen des Hofstaats –
und dies ist der eigentlich wichtige Punkt – wurde er als die
Stimme des Königs selbst gehört. Die Texte vermerken, daß,
wenn der König sich zu Tisch setzte und aß, sein Ka dabeisaß
und mitaß. Die Pyramiden sind voller Scheintüren – manchmal
sind sie einfach nur auf die Kalksteinwand aufgemalt –, durch
die der Ka des abgeschiedenen Gottkönigs in die Welt
hinaustreten konnte, um sich dort hören zu lassen. Auf
Denkmälern wird nur des Königs eigener Ka abgebildet,
manchmal als Standartenträger, der die Kopfstütze des Königs
und die Feder hält, bisweilen auch als hinter dem Kopf des
Königs hockender Vogel. Am bezeichnendsten ist jedoch die
Wiedergabe von König und Ka als Zwillingsgestalten in
mythischen Geburtsdarstellungen. Eine dieser Darstellungen
zeigt den widderköpfigen Gott Chnum, wie er auf seiner
Töpferscheibe den König und seinen Ka modelliert, zwei
Figürchen, die sich nur darin unterscheiden, daß der Ka mit dem
Zeigefinger der linken Hand auf seinen Mund deutet – offenbar
um sich damit als personifizierte Rede (wie man sagen könnte)
zu bezeichnen. 19
Als Anzeichen zunehmender Komplexität in diesen Dingen ist
vielleicht eine Reihe von Texten zu werten, die aus der Zeit der
achtzehnten Dynastie – um 1500 v. Chr. – und später datieren
und beiläufig erwähnen, daß der König vierzehn (!) Ka besitzt.
Eine höchst verblüffende Feststellung! Das Verwaltungssystem
– so könnte man sie interpretieren – war so kompliziert
geworden, daß die Stimme des Königs als vierzehn verschiedene
Stimmpersonifikationen vernommen wurde, wobei die letzteren
die Stimmen von Mittelsleuten zwischen dem König und
denjenigen waren, die seine Befehle letzten Endes in die Tat
umsetzten. Die Auffassung, wonach dem König vierzehn Ka
zugeschrieben werden, bleibt für jede andere Auffassung des Ka
als die hier vertretene unerklärlich.
Jeder König, so sagten wir, ist Horus, während sein
verstorbener Vater sich in Osiris verwandelt. Dem König eignet
ein Ka oder, in späteren Zeiten, mehrere Ka, was am besten mit
»personifizierte Stimmen« zu übersetzen wäre. Dies richtig zu
verstehen ist unabdingbare Voraussetzung für das richtige
Verständnis der gesamten ägyptischen Zivilisation, denn das
Verhältnis zwischen König, Gott und Volk gestaltet sich durch
Vermittlung des Ka. Der königliche Ka ist selbstverständlich
göttlicher Ka; er operiert als Überbringer der königlichen
Botschaften; für den König selbst ist er die Stimme seiner
Vorfahren, für seine Untergebenen die Stimme, die dem
einzelnen Anweisungen erteilt. Und wenn ein Untertan, wie es
in manchen Texten vorkommt, feststellt: »Mein Ka stammt vom
König«, oder: »Der König macht meinen Ka«, oder: »Der König
ist mein Ka«, dann ist das so zu verstehen, daß sich die
möglicherweise den Eltern nachempfundene innere Stimme, die
das Tun des Betreffenden lenkte, dem Klang (oder vermuteten
Klang) der Stimme des Königs angeglichen hatte.
Eine andere, in der altägyptischen Mentalität der des Ka
verwandte Vorstellung ist die des »Ba«. Doch zumindest im
Alten Reich steht der Ba nicht auf derselben Stufe wie der Ka.
Er ist eine visuelle Materialisierung dessen, was sonst als Ka nur
zu hören ist, und hat demzufolge mehr mit unserer üblichen
Geistererscheinung gemein. Auf Grabbildern ist der Ba
gewöhnlich als kleiner menschengestaltiger Vogel dargestellt,
was seinen Grund darin haben mag, daß Gesichtshalluzinationen
oft mit vogelgleich huschenden Bewegungen auftreten. Solche
Bilder zeigen ihn in der Regel in direkter oder indirekter
Verbindung mit der Leiche oder mit Statuen des Verstorbenen.
Daß der Ba nach dem Zusammenbruch des hochzentralisierten
Alten Reiches bikamerale Funktionen des Ka übernimmt, läßt
sich zum einen aus der Veränderung seiner Hieroglyphe
entnehmen: Aus dem kleinen Vogel wird ein kleiner Vogel
neben einer Lampe (die den einzuschlagenden Weg erhellt);
zum andern tritt es in dem berühmten Papyrus Berlin 3024 aus
der Zeit um 1900 v. Chr. zutage, in dem der Ba die Rolle einer
Gehörshalluzination spielt. Sämtliche vorliegenden
Übersetzungen dieses erstaunlichen Textes – einschließlich der
jüngsten, die ansonsten ein Bravourstück an Gelehrsamkeit ist20
20 – kranken daran, daß sie mit einer Unzahl von modernen
Geistkategorien überformt sind. Und kein Ausleger hat sich je
getraut, dieses »Streitgespräch zwischen einem Lebensmüden
und seinem Ba« für das zu nehmen, was es allen Anzeichen
nach ist: ein Dialog mit einer Gehörshalluzination, wie man ihn
heute noch ganz ähnlich bei Schizophrenen beobachten kann.
THEOKRATIEN IM WANDEL DER ZEITEN
Im vorigen Kapitel war es mir um die Hervorhebung der
Gleichförmigkeiten zwischen bikameralen Königtümern zu tun:
große, zentral gelegene Kultstätten; die Behandlung von Toten,
als ob sie Lebende wären; das Vorhandensein von Idolen.
Freilich weisen die alten Kulturen neben diesen Globalaspekten
und über sie hinaus zahlreiche Differenzierungen auf, deren
Erwähnung an Ort und Stelle der angestrebten Prägnanz der
Argumentation zum Opfer fiel. Wir alle wis sen ja sehr wohl,
welch handfeste Unterschiede zwischen Zivilisationen und
Kulturen bestehen können, und so dürfen wir auch nicht
erwarten, daß überall, wo die bikamerale Psyche in Erscheinung
trat, dies mit ein und demselben Ergebnis geschah. Andere
Bevölkerungszahlen, eine andere Umwelt, andere Priester,
Verwaltungshierarchien, Idole, Produktionsmerkmale das alles
bedingt, so meine ich, halluzinatorische Kontrollen von jeweils
markant anderer Autorität und Intervalldichte, anderem
Streuungs- und Wirkungsgrad.
Hauptthema dieses Kapitels sind demgegenüber die
Unterschiede zwischen den zwei größten dieser Zivilisationen.
Allerdings habe ich jede von ihnen bisher so dargestellt, als
seien sie sich im Laufe der Zeit immer gleichgeblieben. Und das
trifft nicht zu. In Bezug auf die bikameralen Theokratien den
Eindruck über Raum und Zeit hinweg anhaltender Statik und
Stabilität zu erwecken wäre ein Mißgriff ganz und gar. Darum
möchte ich im letzten Abschnitt dieses Kapitels die bisher
einseitige Akzentverteilung korrigieren, indem ich kurz auf den
intrakulturellen Strukturwandel sowie auf interkulturelle
Strukturdifferenzen der bikameralen Königtümer eingehe.
Zunehmende Komplexitätsgrade
Was an den Theokratien als erstes ins Auge fällt, ist ihr
»Erfolg« nach biologischen Maßstäben. Die
Bevölkerungszahlen nahmen stetig zu. Im selben Zug wurden
die Probleme der sozialen Kontrolle auf der Grundlage von
Halluzinationen, die Götter hießen, immer komplizierter. Das
Strukturschema der sozialen Kontrolle in einer
Dorfgemeinschaft von wenigen hundert Mitgliedern, wie sie
weit zurück in der Vergangenheit im ‘Aïm Mallaha des neunten
Jahrtausends v. Chr. bestand, ist fraglos himmelweit
unterschieden von dem, was wir in gleicher Hinsicht in den
zuletzt erörterten Hochkulturen mit ihren hierarchisch
geordneten Götter-, Priester- und Beamtenschichten finden.
In der Tat meine ich, daß den bikameralen Theokratien so
etwas wie eine eingebaute Periodizität eignet: daß
halluzinatorische Kontrolle eben dank ihres Erfolgs soziale
Komplexität schafft, und zwar bis zu einem Grad, wo die
Aufrechterhaltung des Zivilisationszustands und zivilisierter
zwischenmenschlicher Beziehungen nicht mehr gelingt und als
Folge davon der Zusammenbruch der bikameralen Gesellschaft
eintritt. Wie ich im vorigen Kapitel bemerkte, ereignete sich dies
zu wiederholten Malen mit präkolumbischen indianischen
Hochkulturen: Ganze Populationen verließen ohne äußeren
Grund urplötzlich ihre Städte, um unter Preisgabe der erreichten
Herrschaftsorganisation in den umliegenden Gebieten auf die
Entwicklungsstufe des Stammeslebens zu regredieren, nach rund
hundert Jahren jedoch wieder zu ihren Städten und Göttern
zurückzukehren.
In den Jahrtausenden, die Gegenstand des vorliegenden
Kapitels sind, war die Komplexität der Gesellschaft offenkundig
im Steigen begriffen. Sinn und Zweck vieler der bisher
geschilderten Riten und Gebräuche war Komplexitätsreduktion.
Sogar an der aufkommenden Schrift läßt sich das ablesen: Die
ältesten Piktogramme dienten der Etikettierung, Katalogisierung
und Systematisierung. Und einige der ältesten syntaktisch
aufgebauten Texte sprechen bereits von Übervölkerung. Das
akkadische Epos von »Atramhasis« (dem »überaus Weisen«)
platzt mit einem Problem heraus –
Das Volk wurde zahlreich ...
Der Gott war betrübt über ihren Tumult, Enlil vernahm ihren
Lärm.
Er klagte den großen Göttern:
Der Lärm der Menschen ist zur Plage geworden 21
– das sich ganz so anhört, als ob die Stimmen Schwierigkeiten
gehabt hätten durchzudringen. Die mythische Erzählung
schildert im weiteren, wie die Götterversammlung Pest,
Hungersnöte und zum Schluß eine große Flut (das Urbild der
biblischen Sintflut) über die Menschen verhängt, um die
»Schwarzköpfe« – wie die babylonischen Götter ihre
menschlichen Sklaven verächtlich nannten – zu dezimieren.
Die göttliche Maschinerie begann an Überlastung zu kranken.
In den ersten Jahrtausenden der bikameralen Epoche war das
Kollektivleben einfacher gewesen, in der Ausdehnung auf ein
kleines Gebiet begrenzt, der politische Organisiertheitsgrad
mäßig – dazu bedurfte es damals nur weniger Götter. Doch zum
dritten Jahrtausend v. Chr. hin und in dessen Verlauf steigt der
Komplexitätsgrad der Sozialorganisation rapide an, so daß jetzt
innerhalb gleicher Zeiteinheften an Zahl sehr viel mehr auf sehr
viel abwechslungsreichere Problemtypen passende
Entscheidungen zu treffen waren. Das führt zu einer Schwemme
von Gottheiten, damit jedermann in jedweder Bedarfssituation
einen Ansprechpartner hatte. Von den großen Gotteshäusern der
sumerischen und babylonischen Städte, wo die Hauptgötter
wohnten, bis hin zu den häuslichen Andachtskapellen, wo jede
Hausgemeinschaft ihre Privatgötter verwahrte, war die alte Welt
der Tummelplatz für regelrechte Schwärme von Göttern, was
wiederum den Bedarf an Priestern erhöhte, die eine strenge
Rangfolge in diesen Haufen brachten. Für jede vorstellbare Lage
gab es einen zuständigen Gott. Man kann beispielsweise das
Aufkommen von offenbar populären Landstraßen-Heiligtümern
beobachten, wie etwa die Pasag-Kapelle eines war, in welcher
der Statuengott Pasag Entscheidungshilfen für den Weg durch
die Wüste vermittelte.22
Beide nahöstlichen Theokratien reagieren auf diese Zunahme
der Komplexität auf je verschiedene, höchst aufschlußreiche
Weise. In Ägypten erweist sich das Gottkönigtum des Alten
Reichs – ungeachtet der Tatsache, daß dieses sich über
gewaltige Entfernungen den Nil entlang erstreckt- als die
weniger flexible Regierungsform: weniger fähig, menschliches
Potential zu aktivieren, weniger innovationsbereit, weniger
duldsam gegenüber individuellen Faktoren in unteren
Verwaltungsbereichen. Für den Historiker – gleichgültig,
welche Theorie des politischen Zusammenhalts er vertreten
mag, gibt es keinen Zweifel, daß im letzten Jahrhundert des
dritten Jahrtausends v. Chr. jegliche Staatsautorität in Ägypten
zusammenbrach. Es könnte sein, daß irgendeine
Naturkatastrophe dabei als Auslöser gewirkt hat: Aus manchen
alten Texten, die sich auf die Zeit etwa um 2100 v. Chr.
beziehen, lassen sich Hinweise auf eine Austrocknung des
Nilbetts herauslesen; das Menschen trockenen Fußes überquert
haben sollen; auch sollen Verdunkelungen der Sonne und
Mißernten aufgetreten sein. Was immer die unmittelbare
Ursache gewesen sein mag, fest steht, daß die Machtpyramide
mit dem Gottkönig zu Memphis an der Spitze um jene Zeit
einstürzte wie ein Kartenhaus. Literarische Quellen schildern
uns Menschen auf der Flucht aus ihren Wohnorten, Adelsleute
beim Durchwühlen des Ackerbodens nach irgend etwas
Eßbarem, Zwietracht unter Brüdern, Morde, begangen an den
eigenen Eltern, die Plünderung von Pyramiden und Grabstätten.
Die Forschung vertritt seit langem die Ansicht, daß dieser
absolute Verfall der politischen Macht in keinerlei äußerer
Einwirkung seinen Grund hatte, sondern die Folge irgendeiner
unergründlichen inneren Schwäche war. Und in der Tat meine
ich, daß sich hier die Schwachstelle der bikameralen Psyche
zeigte, ihre Unzulänglichkeit angesichts wachsender
Komplexität, und daß ein solch vollständiger Zusammenbruch
politischer Machtstrukturen nur daraus zu erklären ist. Ägypten
war zur damaligen Zeit vom Delta bis zum Oberlauf des Nils in
Gaue eingeteilt, deren jedes eine höchstrangige
Verwaltungseinheit darstellte und im Prinzip hätte autark
bestehen können. Doch eben der Umstand, daß der totale Verfall
der Herrschaftsgewalt nicht zum Aufstand führte und daß keines
dieser Untergebiete Selbständigkeit für sich beanspruchte, deutet
nach meinem Dafürhalten auf eine Mentalität hin, die sich von
der unseren gewaltig unterschied.
Dieser Zusammenbruch der bikameralen Psyche in der
sogenannten Ersten Zwischenzeit ähnelt zumindest von fern den
periodischen Zusammenbrüchen der Maya-Zivilisationen mit
ihrer totalen Preisgabe fortgeschrittener Herrschaftsorganisation
und der Rückkehr von Stadtbevölkerungen zur Kulturstufe des
Stammeslebens im Urwald. Und ebenso wie nach einer
Interimsperiode der Auflösung die Maya-Städte wieder bezogen
wurden oder neue Städte entstanden, so wurde Ägypten nach
einer weniger als hundert Jahre währenden Zwischenzeit der
Auflösung zu Beginn des zweiten Jahrtausends v. Chr. unter
einem neuen Gottkönig zu dem, was nachmals Mittleres Reich
heißen sollte, wiedervereinigt. In gleicher Weise fielen auch
anderswo im Nahen Osten von Zeit zu Zeit Zivilisationen dem
Zusammenbruch anheim, so beispielsweise um 2700 v. Chr. die
von Aššur, wie wir im folgenden Kapitel noch genauer sehen
werden.
Die Idee des Rechts
Dagegen blieb der Südteil des Zweistromlands von
Katastrophen dieses Ausmaßes verschont. Natürlich fanden dort
Kriege statt. Stadtstaaten schlugen sich darum, wessen Gott (und
mithin wessen Statthalter) über welche Ländereien herrschen
sollte. Aber niemals kam es dort irgendwo zum vollständigen
Kollaps der Staatsmacht wie in Mittelamerika oder in Ägypten
beim Zusammensturz des Alten Reichs.
Einer der Gründe dafür war, so glaube ich, die größere
Flexibilität der Theokratie vom Typ des Statthalter-Königtums.
Einen zweiten, vom erstgenannten nicht ganz unabhängigen
Grund sehe ich in der Verwendung, die man hier von der Schrift
machte. Anders als in Ägypten wurde die Schrift in
Mesopotamien schon früh für Zwecke der Verwaltung
eingesetzt. Um 2100 v. Chr. begann man in Ur damit, die
Urteilssprüche, die die Götter durch den Mund ihrer Statthalter
kundgaben, schriftlich festzuhalten. Hier liegen die Anfänge der
Idee des Rechts. Solche in Schriftform niedergelegten Urteile
konnten räumlich gestreut werden und bewahrten Dauer in der
Zeit: So schufen sie Zusammenhalt in einer größeren
Gesellschaft. Vergleichbares ist uns aus Ägypten erst für einen
beinah ein Jahrtausend späteren Zeitpunkt bekannt.
Im Jahr 1792 v. Chr. reißt der verwaltungstechnische
Gebrauch der Schrift im beschriebenen Sinn eine nahezu
vollständig neue Dimension der Regierungstätigkeit auf, deren
Anfänge verkörpert sind in der die babylonische Geschichte
beherrschenden Gestalt des Hammurabi, des größten aller
Statthalter-Könige, Stellvertreter des Stadtgotts von Babylon,
Marduk. Hammurabis lange Statthalterschaft – sie währt bis
1750 v. Chr. – ist dem Zusammenschluß der Stadtstaaten im
unteren Zweistromland zu einem Hegemonialreich unter der
Vorherrschaft seines Gottes Marduk zu Babylon gewidmet. In
Botmäßigkeit gebracht und gehalten werden Hammurabis
Tributäre unter Verwendung einer nie zuvor gekannten Fülle
von Briefen, Tontafeln und Stelen. Da all seine Keilschrift-
Briefe von ein und derselben Hand in den feuchten Ton geritzt
zu sein scheinen, vertritt man heute sogar die Ansicht, daß
Hammurabi als erster König überhaupt selber des Schreibens
Hammurabi halluziniert kundig war und keinen Privatschreiber beschäftigte. Schrift im
verwaltungstechnischen Einsatz war etwas Neues – in der Tat
haben wir hier Keim und Urbild des uns Neueren vertrauten,
ohne Akten und Protokolle nicht denkbaren Regierungsstils vor
uns. Ohne diesen Gebrauch der Schrift wäre ein geeinigtes
Babylonien unmöglich gewesen. Wir begegnen hier erstmals
einem Verfahren der sozialen Kontrolle, das, wie wir im
nachhinein feststellen können, binnen kurzem die bikamerale
Psyche ablösen sollte.
Die berühmteste Hinterlassenschaft dieses Königs ist der –
von den Interpreten ein bißchen überstrapazierte und
möglicherweise zu Unrecht so benannte – Codex Hammurabi.23
Die Originalversion ist auf einer etwa zweieinhalb Meter hohen
Stele aus schwarzem Basalt eingemeißelt, die zu Ende der
Regierungszeit Hammurabis neben einer Statue –
möglicherweise einem Idol – des Herrschers aufgestellt wurde.
Soweit wir auszumachen vermögen, war es Gepflogenheit, daß
jemand, der gegen einen andern einen Sühneanspruch geltend
machte, vor die Statue des Statthalters trat, um »zu hören meine
Worte« (wie es am Fuß der Stele heißt), und dann zu den auf der
Stele aufgezeichneten, durch den Statthalter vermittelten
Präzedenzurteilen des Gottes hinüberwechselte. Der Gott des
Statthalters, wie erwähnt, war Marduk; über den Schriftzeichen
ist auf der Stele ein Relief eingemeißelt, das den Vorgang der
Rechtsprechung zeigt: Der Gott sitzt auf eine m Unterbau, wie er
in der altbabylonischen Ikonographie einen Berg symbolisiert.
Von den Schultern des Redenden geht eine Flammenaura aus
(was einige Altertumswissenschaftler zu der Ansicht geführt hat,
daß es sich um den Sonnengott Damas handelt). Hammurabi, ein
wenig unterhalb direkt vor ihm stehend (»verstehend«), hört mit
gebannter Aufmerksamkeit zu. (Zur Etymologie des Wortes
»verstehen« [wie im Englischen »unterstand«] meint das
Spezialwörterbuch: »Grundbedeutung ist wohl ›vor etwas
[unterhalb von etwas] stehen‹ ...« Anm. d. Übs.) In der Rechten
hält der Gott die Attribute der Macht, Stab und Reif, die
Gemeingut solcher Götterbilder sind. Mit diesen Insignien rührt
er leicht an den linken Ellbogen seines Statthalters Hammurabi.
Zum Großartigsten dieser Szene gehört die trancegleiche
Unerschütterlichkeit, mit der Gott und Intendant, beide
gleichermaßen majestätisch ruhig, die Blicke ineinandersenken;
die erhobene Rechte des Königs ist dabei zwischen uns, die
Betrachter, und die Kommunikationsebene geschoben. Noch
nichts ist hier zu finden von den Selbstdemütigungen, der
bettlerischen Haltung im Angesicht eines Gottes, wie sie nur
wenige Jahrhunderte später in Erscheinung treten. Hammurabi
besitzt kein subjektiv bewußtes Ich, das sich narrativ in eine
solche Beziehungslage hineinversetzen könnte. Hier gibt es nur
das Ge-Horchen. Und was Marduk diktiert, sind
Urteilsfindungen in einer Reihe von ganz spezifischen Fällen.
Auf der Stele sind Marduks Urteilssprüche zwischen einen
Prolog und einen Epilog von Hammurabi selbst gesetzt.
Gewaltig auftrumpfend rühmt er sich darin seiner Taten, seiner
Macht und seiner Vertraulichkeit mit Marduk; er zählt die
Eroberungen auf, die er für Marduk gemacht hat, nennt die
Gründe für das Aufstellen der Stele und droht zum Schluß mit
fürchterlichen Sanktionen jedem, der sich an ihr vergreifen
sollte. Mit ihrem naiven Geprahle erinnern Prolog und Epilog
sehr an die »Ilias«.
Doch zwischen ihnen finden sich die 282 gelassen
vorgetragenen Urteilssprüche des Gottes: klar formulierte
Entscheidungen betreffend die Zuteilung von Gütern an die
verschiedenen Handwerkssparten, die Strafen für Haussklaven,
Diebe oder ungebärdige Söhne, Bußen nach dem Muster »Auge
um Auge, Zahn um Zahn«, Donationen und Domestiken,
Eheschließungen, Todesfälle und die Adoption von Kindern (die
eine recht geläufige Praxis gewesen zu sein scheint) – das alles
in kühlen, lakonischen Worten, sehr zum Unterschied von der
bramarbasierenden Suada des Prologs und des Epilogs. Man
meint zwei ganz verschiedene »Persönlichk eiten« zu hören –
und im Sinne der Bikameralität waren sie das auch. Es waren
zwei getrennte, jede für sich integrale Organisationseinheiten
von Hammurabis Nervensystem, deren eine in der linken
Hirnhemisphäre Prolog und Epilog verfaßte und in plastischer
Verbildlichung neben der Stele postiert war; die andere, in der
rechten Hemisphäre zu Hause, fällte Urteilssprüche. Und keine
von beiden tat, was sie tat, mit Bewußtsein im heutigen Sinn:
Während auf der einen Seite die Stele als solche ein
unbezweifelbarer Beleg für eine gewisse Ausprägung von
Bikameralität der Psyche ist, scheint auf der anderen die
Sachlage bei den Problemfällen, denen die Verdikte des Gottes
gelten, weniger klar. Man erfährt ja aus diesen »Gesetzen« so
einiges von dem, was unter Menschen im achtzehnten
Jahrhundert v. Chr. an der Tagesordnung war, und kann sich nur
sehr schwer vorstellen, wie das alles soll getan worden sein,
ohne daß die Täter mit subjektivem Bewußtsein vorausdachten
und -planten, Vortäuschungen ersannen und Hoffnungen hegten.
Wir sollten jedoch nicht aus den Augen verlieren, in welch
unentwickelten Zusammenhängen sich das alles abspielte und
wie irreführend die Wiedergabe dieser Zusammenhänge in
neuzeitlicher Sprache sein kann. Das Wort, das fälschlich mit
»Geld« oder sogar mit »Kredit« übersetzt wird, lautet kaspu,
was schlicht »Silber« bedeutet. Von Geld in unserem Sinn kann
nicht die Rede sein, denn niemals hat man irgendwelche
Münzen gefunden. Ähnlich ist das, was mit »Pachtzins«
übersetzt wurde, in Wirklichkeit ein Zehnter in Form einer
Naturalabgabe: Die Tontafel hält die Übereinkunft fest, wonach
ein Teil des Ernteertrags an den Eigentümer des Bodens
abzuführen ist. Wein gab es nicht zu kaufen, sondern man
erwarb ihn durch Tausch – soundso viel Maß Wein gegen
soundso viel Maß Getreide. Und wenn manche Übersetzer gar
Ausdrücke des modernen Bankwesens verwenden, so ist das
Bild, das dabei entsteht, rundweg falsch. Wie bereits an anderer
Stelle erwähnt, zeugen viele Übersetzungen von
Keilschriftquellen von dem beharrlichen Bemühen der
Gelehrten, diese alten Kulturen in moderne Denkkategorien zu
pressen, um sie so für das moderne Publikum anheimelnder und
damit – vorgeblich – interessanter zu machen.
Auch die Regeln auf der Stele sollte man sich nicht nach
modernen Kategorien vorstellen – als Gesetze, über deren
Einhaltung eine Polizei wachte: So etwas gab es damals nicht.
Es handelt sich vielmehr um eine Aufzählung der in Babylon
selbst geübten Praktiken, wie sie von Marduk festgesetzt waren;
für deren Wahrung genügte allein das Echtheitssiegel ihres
Vorhandenseins auf der Stele selbst.
Aus dem Umstand, daß sie schriftlich aufgezeichnet wurden,
wie überhaupt aus der weiten Verbreitung des visuellen
Kommunikationsmediums Schrift ist, wie ich glaube, abzulesen,
daß die auditive Komponente in der Kontrolle der bikameralen
Psyche im Schwinden begriffen war. Insgesamt brachte das
kulturelle Determinanten in Bewegung, die im Verein mit
anderen Kräften, wie sie wenige Jahrhunderte später hinzutreten
sollten, einen tiefgreifenden Strukturwandel in der Psyche selber
bewirkten.
Fassen wir zusammen.
In diesem wie im vorigen Kapitel war es um die Sichtung und
Entschlüsselung von historischen Zeugnissen aus einer
gewaltigen Zeitspanne zu tun. Ziel dabei war, die These
einleuchtend zu machen, wonach der Mensch des Altertums
mitsamt seinen frühen Hochkulturen in einer radikal anderen
Geistesverfassung lebte, als die unsere es ist; tatsächlich hatten
jene Menschen kein Bewußtsein, wie wir es haben; sie waren
demnach für das, was sie taten, nicht verantwortlich, so daß
nichts von allem, was sie über diese langen Jahrtausende hin
taten und ausrichteten, ihnen als Verdienst oder Schuld
angerechnet werden kann. Vielmehr steckte im Leib jedes
einzelnen ein Nervensystem, das in einem Teil »göttlich«
organisiert war, und dieser Teil kommandierte den Menschen
herum, als sei er ein x-beliebiger Sklave; die Stimme(n), in der
oder denen er in Erscheinung trat, waren zu ihrer Zeit das, was
wir heute das Wollen nennen: Sie formulierten nicht nur
Direktiven, sondern bildeten zugleich die energetisierende
Komponente; die halluzinierten Stimmen aller einzelnen standen
untereinander im Zusammenhang eines differenzierten
hierarchischen Systems.
Das Grundmuster des Gesamtbilds, das sich uns bot, deckt
sich mit dieser Auffassung. Das ist selbstverständlich kein
absolut zwingender Beweis. Die erstaunliche Konsequenz
jedoch, mit der Hochkulturen von Ägypten bis Peru, von Ur bis
Yucatán stets im Verein mit bestimmten Bestattungssitten, mit
Idolatrie, mit einer göttlichen Staatsführung und mit dem
Phänomen halluzinierter Stimmen auftraten, spricht jedesmal für
jene Idee einer von der unseren weit entfernten Mentalität.
Wie ich ebenfalls darzutun versucht habe, wäre es jedoch
verfehlt, die bikamerale Psyche als etwas Statisches zu
betrachten. Zwar hat sie sich in dem Zeitraum vom neunten bis
zum zweiten Jahrtausend v. Chr. so langsam entwickelt, daß
sich für jedes einzelne Jahrhundert der Eindruck einer Statik
ergibt, die der von Zikkurat und Tempel gleicht. Ihr Zeitmaß ist
das Jahrtausend. Doch zumindest im Vorderen Orient tritt mit
dem zweiten Jahrtausend v. Chr. eine Beschleunigung des
Entwicklungstempos ein. In der Vielzahl sowohl der
akkadischen Götter wie der Ka in Ägypten verrät sich eine
Zunahme an Komplexität. Und mit der weiteren Entfaltung
dieser Komplexität kommt erstmals Ungewißheit auf und
erstmals das Bedürfnis nach Privatgöttern als Mittlern im
Verhältnis zu den höherrangigen Göttern, die sich immer weiter
himmelwärts zu entfernen scheinen: Nach Ablauf eines weiteren
kurzen Jahrtausends werden sie sich in den oberen Regionen
ganz verflüchtigt haben.
Angefangen von dem auf sein Sitzkissen von Stein drapierten
königlichen Leichnam im rotgestrichenen Turmgrab von ‘Aïm
Mallaha, der in den Halluzinationen seiner Untertanen sein
Natoufien-Dorf über den Tod hinaus weiterregiert, bis hin zu
den mächtigen Wesen, die den Donner regieren und Welten
schaffen und sich schließlich in einem himmlischen Jenseits
verlieren, sind alle Götter einerseits nichts weiter als ein bloßer
Nebeneffekt der Sprachevolution, andererseits zugleich aber
auch die bemerkenswerteste Hervorbringung der Evolution des
Lebens seit Entstehung des Homo sapiens. Das alles sollte nicht
als poetische Rhetorik verstanden werden. Keineswegs waren
die Götter »figmenta imaginationis«, Fiktionen aus irgendeines
Menschen Einbildungskraft. Sie waren des Menschen Wollen.
Ihr Ort war das menschliche Nervensystem,
höchstwahrscheinlich die rechte Hirnhemisphäre, wo sie, aus
dem aufgespeicherten erzieherischen und sittlich verbindlichen
Erfahrungsschatz schöpfend, diese Erfahrungen in artikulierte
Rede umsetzten, die dann dem betreffenden Menschen »sagte«,
was er zu tun hatte. Warum diese Rede, um in Funktion zu
treten, so häufig ein Requisit wie den Leichnam eines Führers
oder eine übergoldete, juwelenäugige Statue in einem Kulthaus
benötigte – auf diese Frage bin ich die Antwort eigentlich
schuldig geblieben. Der Punkt bedarf ebenfalls einer
überzeugenden Klärung. Ich habe die Materie, um die es geht,
keineswegs in diesem ersten Anlauf erschöpft, und es bleibt zu
hoffen, daß vollständige und genauere Übersetzungen der
vorhandenen Texte sowie das zügigere Fortschreiten
archäologischer Grabungen uns künftig zu einem
realitätsgerechteren Verständnis dieses Jahrtausende und
Jahrtausende durchmessenden Wegs der Menschheit zur
Zivilisation verhelfen werden.