1.1. Das Bewußtsein des Bewußtseins



MIT DER FRAGE: Was ist das Bewußtsein? werden wir uns des Bewußtseins bewußt. Und die meisten Menschen meinen, eben dies, dieses sich des Bewußtseins Bewußt-Sein, sei das Bewußtsein. Das ist ein Irrtum.

Sind wir uns unseres Bewußtseins bewußt, so erscheint uns dieses Bewußtsein als die unmittelbar gewisseste Sache von der Welt. Wir erkennen in ihm das charakteristische Merkmal unseres gesamten Wachlebens, unserer Stimmungen und Affekte, Gedanken und Erinnerungen, der Aufmerksamkeitsfunktion und der Willensentscheidungen. Wir sind ganz sicher, daß es die Grundvoraussetzung der Begriffsbildung und des Lernens, des Denkens, Urteilens und Schlußfolgerns ist, und zwar deshalb, weil es unsere Erlebnisse, so wie sie sich zutragen, unmittelbar aufzeichnet und speichert und sie dadurch für unsere Selbstbeobachtung und unser Erkennen beliebig verfügbar macht. Außerdem glauben wir ziemlich genau zu wissen, daß dieses ganze wunderbare System von Funktionen und Materialien, das wir Bewußtsein heißen, irgendwo im Kopf sitzt.

Bei kritischer überprüfung erweisen sich alle diese Annahmen als falsch. Es sind Maskeraden, hinter denen das Bewußtsein seit Jahrhunderten seine wahre Gestalt verbirgt. Es sind grundsätzliche Mißverständnisse, die bis heute die Lösung des Problems vom Ursprung des Bewußtseins verhindert haben. Ziel unseres langen, aber, wie ich hoffe, abenteuerreichen Weges in diesem ersten Kapitel wird es sein, die Irrigkeit jener Auffassungen nachzuweisen und zu zeigen, was das Bewußtsein nicht ist.

Die Dimension des Bewußtseins

Betrachten wir zunächst einmal verschiedene Verwendungsweisen des Wortes Bewußtsein, die wir von vornherein als irreführend ausrangieren können. Da ist beispielsweise die Wendung »das Bewußtsein verlieren« (nach einem Schlag auf den Kopf). Wollten wir das als zutreffende Beschreibung des gemeinten Sachverhalts gelten lassen, müßten wir darauf verzichten, dieses sprachlich zu unterscheiden von jenen in der klinischen Literatur geschilderten Somnambulzuständen, in denen ein Patient zwar eindeutig bewußtlos ist, jedoch noch so auf die Umwelt reagiert, wie es ein k.o. Geschlagener nicht mehr vermag. Deshalb müßte man von jemandem, der eins auf den Schädel bekommt, eigentlich sagen, daß er sowohl das Bewußtsein als auch das Reaktionsvermögen verliert: und das sind zwei Paar Stiefel.

Diese Unterscheidung ist auch für das normale Alltagsleben von Belang. Wir reagieren ständig auf Dinge, ohne uns ihrer jeweils bewußt zu sein. Wenn ich, den Rücken gegen einen Baum gelehnt, auf meinem Rasen sitze, reagiere ich zu jedem Zeitpunkt auf den Baum und den Boden und meine eigene Haltung, denn wenn ich mir die Beine vertreten möchte, werde ich mich zu diesem Zweck vollkommen unbewußt vom Boden erheben. Ganz vertieft in die Gedankengänge dieses ersten Kapitels, bin ich mir nur in den seltensten Augenblicken meiner Umgebung bewußt. Während ich schreibe, reagiere ich auf den Bleistift in meiner Hand, da ich ihn ja festhalte, und ich reagiere auf den Schreibblock, denn ich halte ihn auf den Knien, und auf seine Linien, denn ich schreibe auf ihnen – doch bewußt bin ich mir dessen, was ich sagen will, und der Frage, ob ich mich verständlich ausdrücke oder nicht.

Flattert aus dem Gebüsch in meiner Nähe ein Vogel auf und fliegt zeternd davon, wende ich vielleicht den Kopf, verfolge ihn mit den Blicken, lausche ihm nach und wende mich dann wieder dem Blatt vor mir zu, ohne mir des Vorgangs bewußt geworden zu sein.

Mit anderen Worten: Das Reaktionsvermögen erstreckt sich auf alle Reize, denen ich in meinem Verhalten auf irgendeine Weise Rechnung trage; ganz anders dagegen das Bewußtsein, ein bei weitem weniger allgegenwärtiges Phänomen: der Dinge, auf die wir reagieren, sind wir uns nur zeitweilig bewußt. Und während sich das Reaktionsvermögen vollständig in neurologischen und Verhaltenskategorien beschreiben läßt, ist dies auf dem gegenwärtigen Stand unseres Wissens in Bezug auf das Bewußtsein nicht möglich.

Aber der Unterschied geht noch viel tiefer. Ständig sind wir mit Reaktionsweisen beschäftigt, für die es überhaupt keine mögliche Bewußtseinsrepräsentanz gibt. Wenn wir einen Gegenstand anblicken, reagieren unsere Augen und infolgedessen die Bilder auf unserer Netzhaut mit zwanzig kleinen Rucken pro Sekunde, und dennoch erblicken wir einen unverrückt feststehenden Gegenstand, ohne irgendein Bewußtsein zu haben von der Aufeinanderfolge unterschiedlicher Informationseingaben und ihrer Verarbeitung zu einem einheitlichen Gegenstand. Das unnormal kleine Netzhautbild eines Gegenstands wird unter angemessenen Umständen automatisch als entfernter Gegenstand gesehen; die Korrektur vollziehen wir unbewußt. Farbkontrasteffekte, Hell-Dunkel-Kontrasteffekte und andere Wahrnehmungskonstanzen bilden sich allesamt ununterbrochen während jeder Minute unseres Wachlebens, ja sogar unseres Traumlebens, ohne daß wir uns dessen im mindesten bewußt wären. Und diese Beispiele sind nur ein winziger Bruchteil jener Vielzahl von Vorgängen, deren wir uns früheren Definitionen des Bewußtseins zufolge eigentlich bewußt sein müßten was aber entschieden nicht zutrifft. Ich denke etwa an Titcheners Definition des Bewußtseins als »die Summe aller psychischen Vorgänge, die im gegenwärtigen Augenblick stattfinden«. Von dieser Auffassung sind wir heute meilenweit entfernt.

Aber wir wollen noch einen Schritt weiter gehen. Das Bewußtsein macht einen sehr viel geringeren Teil unseres Seelenlebens aus, als uns bewußt ist – weil wir kein Bewußtsein davon haben, wovon wir kein Bewußtsein haben. Leicht gesagt, aber schwer einzusehen! Es ist, als verlange man von einer Taschenlampe, daß sie in einem dunklen Zimmer einen Gegenstand ausfindig macht, der im Dunkeln bleibt. Weil es überall hell ist, wohin die Lampe ihren Strahl richtet, müßte sie daraus schließen, daß der ganze Raum erleuchtet ist. Genauso kann der Eindruck entstehen, als ob das Bewußtsein das gesamte Seelenleben durchdringe, auch wenn dies nicht im entferntesten der Fall ist.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die zeitliche Dimension des Bewußtseins. Sind wir uns, wenn wir wachen, in jedem Augenblick bewußt? Wir glauben es. Wir sind sogar absolut überzeugt davon. Ich schließe die Augen und versuche an nichts zu denken, trotzdem fließt das Bewußtsein weiter, ein mächtiger Strom von Inhalten in wechselnden Zuständen, die ich als Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen, innere Dialoge, Kummergefühle, Wünsche oder Entschlüsse zu bezeichnen gelernt habe und die innig verflochten sind mit den in unablässigem Wechsel vorüberziehenden äußeren Eindrücken, die mein Bewußtsein selektiv aufnimmt. Nirgendwo ist da eine Unterbrechung. So stellt es sich für uns jedenfalls dar. Bei allem, was wir tun, behalten wir das Empfinden, daß unser ureigenstes Selbst, unser tiefstes Tiefen-Ich letztlich in diesem kontinuierlichen Fluß besteht, der nur im traumlosen Schlaf unterbrochen ist, so lautet unsere Erfahrung. Und viele Denker hielten dieses Erlebniskontinuum für die Ausgangsbasis aller Philosophie, die eigentliche Heimstatt unbezweifelbarer Gewißheit. »Cogito, ergo sum.«

Aber wie hat man diese Kontinuität zu deuten? Eine Minute ist unterteilbar in sechzigtausend Millisekunden: Haben wir während jeder einzelnen Millisekunde Bewußtsein? Sollten Sie in der Tat dieser Meinung sein, dann unterteilen Sie noch weiter, in immer kleinere Zeiteinheiten, wobei Sie bitte bedenken wollen, daß die Impulsfrequenz der Neuronen begrenzt ist. Wir wissen zwar nicht das mindeste darüber, wie das mit unserem Empfinden von der Kontinuität des Bewußtseins zusammenhängt, doch wird kaum jemand ernstlich behaupten wollen, das Bewußtsein schwebe gleichsam wie ein ätherhauch durch das Nervensystem und über dem Nervensystem, frei von aller irdischen Bedingtheit durch neutrale Refraktärperioden.

Sehr viel wahrscheinlicher ist, daß wir im Fall der augenscheinlichen Kontinuität des Bewußtseins der gleichen Täuschung erliegen wie bei den meisten anderen Metaphern vom Bewußtsein. Um es in unserem Gleichnis von der Taschenlampe auszudrücken: Daß sie brennt, wäre der Lampe nur bewußt, solange sie brennt. Auch wenn sie zwischendurch für längere Zeitspannen ausgeknipst war, müßte es der Lampe selbst (unter sonst gleichen Umständen) so vorkommen, als habe sie ununterbrochen gebrannt. Die zeitliche Erstreckung unseres Bewußtseins ist also kürzer, als wir meinen, weil wir uns nicht bewußt sein können, wann wir uns nicht bewußt sind. Und das Gefühl von einem reich und ununterbrochen dahinströmenden Innenleben, einem Strom, der sich bald gemächlich durch träumerische Stimmungen windet, bald reißend in die Schluchten jäher Einsichten hinabstürzt, ein andermal wieder gleichmäßig durch unsere hochgestimmten Tage rauscht – dieses Gefühl ist nichts anderes als das, was es auf dieser Buchseite ist: eine Metapher dafür, wie das subjektive Bewußtsein dem subjektiven Bewußtsein erscheint.

Das läßt sich anders noch besser verdeutlichen. Wenn Sie Ihr linkes Auge schließen und dann den Blick fest auf den linken Rand der Buchseite richten, sind Sie sich nicht im mindesten der großen Leerstelle in Ihrem Gesichtsfeld bewußt, die dabei etwa zehn Zentimeter rechts vom Blickpunkt auftritt. Doch wenn Sie jetzt – noch immer nur das rechte Auge offen und auf den Rand geheftet – den Zeigefinger längs einer Zeile von links nach rechts über die Seite führen, werden Sie beobachten, wie die Fingerspitze in dieser Leerstelle verschwindet und auf der anderen Seite wieder auftaucht. Das Phänomen ist auf die im nasenseitigen Teil der Netzhaut gelegene Leerstelle von zwei Millimeter Durchmesser zurückzuführen, wo der Gesichtsnerv in das Augeninnere eintritt und die lichtempfindlichen Elemente fehlen. 1 Sie wird gewöhnlich »blinder Fleck« genannt. Interessant an dieser Leerstelle ist aber für uns, daß es sich nicht so sehr um einen blinden als vielmehr um einen Nicht-Fleck handelt. Ein Blinder sieht das Dunkel, das ihn einhüllt.2 Sie der Leser, dagegen sehen keinerlei Lücke in Ihrem Gesichtsfeld, geschweige denn, daß Sie sich einer solchen im geringsten bewußt wären. Und genauso, wie die Löcher in der Raumwahrnehmung, die der blinde Fleck hervorruft, »gestopft« werden, ohne daß die kleinste Lücke hinterbleibt, schließt sich das Bewußtsein über seinen Zeitlöchern und gibt sich den täuschenden Anschein eines Kontinuums.

Die Beispiele dafür, wie gering der Anteil des Bewußtseins an unserem Alltagsverhalten ist, lassen sich beliebig vermehren; man findet sie fast allenthalben. Greifen wir ein besonders schlagendes heraus: das Klavierspiel. Der Klavierspieler bewältigt die vielfältigsten, verschiedenartigsten Aufgaben alle zu gleicher Zeit, ohne ein nennenswertes Bewußtsein davon zu haben: Zwei unterschiedliche Zeichenfolgen von nahezu hieroglyphischem Aussehen müssen entschlüsselt und die eine davon der rechten, die andere der linken Hand zugeordnet werden. Jeder einzelne von zehn Fingern hat unterschiedliche Aufgaben und damit unterschiedliche motorische Probleme zu lösen, ohne daß der Spieler dessen gewahr würde, und ebensowenig wird er gewahr, wie er erhöhte, erniedrigte und normale Noten in Anschläge der schwarzen und weißen Tasten übersetzt, das Zeitmaß von ganzen oder Viertel- oder Sechzehntelnoten einhält, Pausen oder Triller einlegt, die eine Hand womöglich einen Dreiviertel- und die andere einen Viervierteltakt spielen läßt, während er zugleich mit den Füßen einzelne Töne dämpft, bindet oder hält. Und während alledem befindet sich der Pianist mit dem bewußten Teil seines Selbst vielleicht im siebten Himmel vor Verzückung über das künstlerische Ergebnis dieser staunenswerten Geschäftigkeit; oder er gibt sich der Betrachtung des zarten Geschöpfes hin, das ihm die Notenblätter umwendet und dem er zu Recht sein tiefstes Inneres zu offenbaren glaubt. Selbstverständlich spielt das Bewußtsein in der Regel eine gewisse Rolle beim Erlernen derart komplizierter Verrichtungen, hingegen nicht unbedingt auch bei ihrer Ausführung – und nur das ist der Punkt, auf den es mir hier ankommt.

Please Log in or Sign up to view the rest of this chapter, or read it on Amazon Kindle.