1.2. Das Bewußtsein



Nachdem wir also einige der wichtigsten Mißverständnisse in Bezug auf das Bewußtsein gleichsam mit Hammer und Meißel weggehauen haben, stellt sich die Frage, was uns geblieben ist. Wenn das Bewußtsein alles das nicht ist, wenn es sich nicht so weit erstreckt, wie wir glauben, wenn es weder eine Aufzeichnung unseres Erlebens noch das unentbehrliche Medium des Lernens, Urteilens, ja nicht einmal des Denkens ist – was ist es dann? Wir starren in den Staub und die Trümmer und hoffen, das Bewußtsein wie die Schöpfung des Pygmalion in ursprünglicher Frische und Reinheit aus dem Schutt hervortreten zu sehen. Aber während wir warten, bis der Staub sich gelegt hat, wollen wir ein wenig vom Gegenstand abschweifen und von anderen Dingen reden.

Metapher und Sprache

Reden wir über die Metapher1 – das »sprachliche Bild«. Die faszinierendste Eigenschaft der Sprache ist ihre Fähigkeit, Metaphern zu bilden. Welch eine Untertreibung! Die Metapher ist nämlich nicht, wie sie in en alten Schulbüchern unter den Regeln für das Aufsatzschreiben so oft abgetan wird, bloß ein rhetorischer Trick unter vielen; Sondern sie ist der eigentliche Wesensrund der Sprache. Ich benutze den Begriff Metapher hier in seinem allgemeinsten Sinn: den Ausdruck für eine Sache zur Bezeichnung einer anderen Sache verwenden, und zwar aufgrund einer ähnlichkeit zwischen den beiden Sachen oder zwischen ihren jeweiligen Relationen zu anderen Sachen. Somit enthält eine Metapher immer zwei Gliedstellen, die Sache, die bezeichnet werden soll – ich werde sie fortan den Metaphoranden nennen –, und die Sache oder die Relation, die als Bezeichnung dient und die ich den Metaphorator nennen will. Eine Metapher besteht also immer darin, daß ein uns bekannter Metaphorator auf einen uns weniger bekannten Metaphoranden bezogen wird. Ich habe mich bei der Neubildung dieser Ausdrücke an die ursprüngliche griechische Wortform und an das Beispiel der Mathematik gehalten, die bei der Multiplikationsrechnung von Multiplikator und Multiplikand spricht.

Das Wachstum der Sprache beruht auf der Metapher. Wird man gefragt: »Was ist das?« und ist die Antwort darauf nicht ganz einfach oder das in Rede stehende Erlebnis einmalig, antwortet man in aller Regel: »Tja, das ist so wie …« Laboruntersuchungen haben ergeben, daß sowohl Kinder wie Erwachsene sich umfänglicher Metaphoratoren bedienen, wenn sie Nonsensobjekte (nämlich Metaphoranden), die nur ihnen sichtbar sind, einem Außenstehenden beschreiben sollen; bei wiederholtem Gebrauch werden diese umfänglichen Metaphoratoren dann zu Namen verkürzt.2 Vornehmlich auf diesem Wege bildet sich der Wortschatz unserer Sprache. Die große und nie zu Ende kommende Bedeutung der Metapher besteht darin, daß sie die mit wachsendem Komplexitätsgrad der menschlichen Zivilisation neu benötigte Sprache schafft.

Um dies einzusehen, genügt es schon, wenn Sie in einem etymologischen Wörterbuch die Herkunft einiger wahllos herausgegriffener Alltagswörter nachschlagen. Oder denken Sie an bestimmte lateinische Namen aus dem Tier- und Pflanzenreich oder auch nur an phantasievolle deutsche Namen wie Fingerhut, Hirschkäfer, Frauenschuh und Butterblume. Der menschliche Körper ist ein besonders vielseitiger und ergiebiger Metaphorator, mit dessen Hilfe sich in unzähligen Bereichen Unterscheidunge n treffen lassen, für die sonst kein sprachlicher Ausdruck existiert. Zum Beispiel der Kopf Nagelkopf, Briefkopf; auch das Familienoberhaupt, der Hauptmann und der Stammeshäuptling gehören hierher. Stirn und Gesicht verstecken sich (mit ihren lateinischen Formen frons und facies) in Front und Fassade. Wir reden von der Scheitelhöhe eines Gebirges, von Zahnrädern, und wir bemerken Zähne auch am Kamm und eine Zunge am Schuh, an einer Zange oder einer Autobremse, Beine an Tischen und Stühlen. Und so weiter und so fort. Gleich werden Sie beim Lesen am Fuß dieser Seite angekommen sein und dann vielleicht das Blatt umwenden. All diese konkreten Metaphern verstärken in ungeheurem Ausmaß unser Vermögen, die Welt um uns herum wahrzunehmen und zu verstehen, ja; sie schaffen buchstäblich neue Gegenstände. In Wahrheit und Wirklichkeit ist die Sprache ein Wahrnehmungsorgan und nicht einfach nur ein Kommunikationsmittel.

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