3.4. Die Hypnose



Würde ich sie auffordern, einem Glas Essig den Geschmack von Champagner abzugewinnen oder es als angenehm zu empfinden, wenn ich Ihnen eine Nadel in den Arm steche, oder ins Dunkel zu blicken und dabei die Pupillen zu verengen, als ob Ihnen ein starkes Licht in die Augen schiene, oder irgend etwas – egal, was – für wahr zu halten, was Sie normalerweise absolut nicht glauben: dann würden Ihnen diese Aufgaben schwer, wenn nicht sogar unlösbar vorkommen. Hätte ich Sie jedoch zuvor den Induktionsprozeduren der Hypnose unterzogen, würden Sie das alles auf mein erstes Wort hin ohne die geringste Mühe schaffen.

Wie das? Wie ist es bloß möglich, ein derart übers Normalmaß hinausschießendes Fähigkeitspotential aufzurufen?

Es scheint, daß wir in eine ganz andere Welt eintreten, wenn wir jetzt die vertraute Atmosphäre der Poesie verlassen und uns in den fremdartigen Dunstkreis der Hypnose begeben. Denn in der vielköpfigen Familie von Problemen, die das Arbeitsfeld der Psychologie ausmachen, ist die Hypnose das schwarze Schaf. Wie eine unerwünschte Monstrosität wandert sie hin und her zwischen Laboratorien und Jahrmärkten, Kliniken und Varietetheatern. Nie scheint sie genügend Seriosität aufbringen zu können, um sich der disziplinierteren Gangart wissenschaftlicher Theorie anzubequemen. Ja, schon die bloße Möglichkeit ihrer Existenz scheint all unseren »natürlichen« Vorstellungen von bewußter Selbstkontrolle auf der einen und allen wissenschaftlichen Persönlichkeitsbildern auf der anderen Seite zu widerstreiten. Nichtsdestoweniger sollte außer Zweifel stehen, daß jede Theorie über das Bewußtsein und sein Zustandekommen, will sie sich nicht aus der Verantwortung drücken, sich der mit diesem abweichenden Typ der Verhaltenskontrolle gegebenen Problematik stellen muß.

Meine Antwort auf die zu Beginn dieses Kapitels gestellte Frage dürfte wohl kaum noch überraschen: Die Hypnose vermag dieses zusätzliche Befähigungspotential aufzurufen, weil sie das allgemeine bikamerale Paradigma anspricht, das eine absolutere Verhaltenskontrolle gestattet, als sie mit dem Bewußtsein möglich ist.

Ich gehe sogar so weit zu behaupten, daß keine andere Theorie außer der in diesem Buch vorgetragenen in der Lage ist, das hier zur Geltung kommende Grundproblem überhaupt sinnvoll darzustellen. Denn wäre die derzeitige Mentalität des Menschen, wie meistenteils angenommen wird, ein unwandelbares Merkmal, genetisch bedingt und zu irgendeiner Zeit weit zurück in der Evolution der Säuger oder noch früher entstanden – wie ließe sie sich dann so abändern, wie das in der Hypnose geschieht? Abändern noch dazu allein mit ein bißchen eher komisch wirkendem Hokuspokus von Seiten einer anderen Person? Nur wenn wir die genetische Hypothese verwerfen und das Bewußtsein als erlernte kulturelle Fähigkeit betrachten, deren Substrat die Residuen eines älteren, autoritäreren Typs der Verhaltenskontrolle sind – erst dann sehen wir uns in der Lage, derartige Veränderungen im Seelenzustand in einen einleuchtenden systematischen Zusammenhang zu bringen.

Tragendes Gerüst des vorliegenden Kapitels ist demnach der Aufweis, daß und in welchem Annäherungsgrad die Hypnose die vier Aspekte des bikameralen Paradigmas in sich faßt. Bevor ich mich allerdings an diese Aufgabe mache, möchte ich so klar wie möglich einen entscheidend wichtigen Zug an der Ursprungsgeschichte der Hypnose herausstellen. Es handelt sich dabei um etwas, wovon bereits im Zweiten Kapitel des Ersten Buches (Seite 65 ff) und im Fünften Kapitel des Zweiten Buches (Seite 317 f) die Rede war, nämlich um die generative Kraft der Metapher, die sich in der Erzeugung neuer Mentalitätsstufen äußert.

Die Paraphoranden der Newtonschen Kräfte

Wie das Bewußtsein erwächst die Hypnose an einem bestimmten Punkt der Geschichte aus den Paraphoranden einiger neuer Metaphern. Die erste dieser Metaphern bildete sich im Anschluß an Sir Isaac Newtons Entdeckung des Prinzips der universellen Gravitation und dessen Anwendung zur Erklärung der Gezeiten des Meeres aus der Anziehungskraft des Mondes. Die rätselhaften Anziehungs-, Beeinflussungs- und Dominanzverhältnisse unter Menschen wurden daraufhin mit den Newtonschen Gravitationskräften verglichen. Der Vergleich führte zu der neuen (und aberwitzigen) Hypothese, derzufolge zwischen allen Körpern, ob lebend oder tote Materie, zu- und abnehmende Fluten der Anziehung vorherrschen: eine »animalische Gravitation«, von der die Newtonsche Gravitation lediglich einen speziellen Fall darstelle.1

Mit Händen zu greifen ist das alles in den romantischverworrenen Schriften eines grenzenlosen Bewunderers von Newton namens Anton Mesmer, der in diesem Fall den Stein ins Rollen brachte. Und dann gesellte sich dazu eine weitere Metapher oder, besser gesagt, zwei. Die Schwerkraft ähnelt der Magnetkraft. Infolgedessen nämlich da (wenigstens für Mesmers oberflächliche Denkweise) zwei Dinge, die einem dritten ähnlich sind, auch einander ähnlich sind – ist die animalische Gravitation das gleiche wie die magnetische Anziehungskraft und kann daher als »animalischer Magnetismus bezeichnet werden.

Und damit war die Theorie endlich wissenschaftlich überprüfbar geworden. Um die Existenz dieser alle Lebewesen durchflutenden, der Gravitation der Himmelskörper ähnelnden magnetischen Schwingungskräfte zu beweisen, legte Mesmer Magnete an eine Reihe hysterischer Patientinnen an, denen er zuvor sogar Gaben eisenhaltiger Medikamente verabreicht hatte, damit der Magnetismus bessere Wirkung zeitigte. Und wie er zeitigte! Und was er zeitigte, waren unanfechtbare Resultate nach dem Kenntnisstand damaliger Zeit. Die Magnete lösten konvulsivische Zuckungen aus, wobei, so Mesmer, »im Körper eine künstliche Ebbe und Flut« geschaffen und mittels magnetischer Anziehung »ungleichmäßige Verteilung und verworrener Fluß des Nervenfluidums« korrigiert wurden, was wiederum »Nervenharmonie« zur Folge hatte. Er hatte »bewiesen«, daß von Mensch zu Mensch Kraftströme fließen, so mächtig wie die Kräfte, die die Planeten auf ihren Umlaufbahnen halten.

Natürlich hatte er nicht das mindeste über Magnetismus oder dergleichen bewiesen. Sondern er hatte etwas entdeckt, was späterhin von Sir James Braid unter Zuhilfenahme des Metaphorators »Schlaf« auf den Namen Hypnose getauft werden sollte. Mesmers Kuren schlugen an, weil er seine exotische Theorie seinen Patienten mit mitreißender überzeugungskraft nahezubringen wußte. Die heftigen Zuckungen und eigenartig ziehenden Körperempfindungen beim Anlegen der Magnete verdankten sich samt und sonders einem kognitiven Imperativ des Inhalts, daß eben diese Dinge eintreten würden, was sie dann auch taten – und damit war eine Art selbsttätiger, selbstverstärkender Regelkreis installiert, der als »Beweis« dafür gält, daß die Magnete funktionierten und eine Heilung zu bewirken vermochten. Wir sollten uns in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß man im alten Assyrien keinen Begriff vom Zufall hatte und daß deswegen der Ausgang des Losewerfens von den Göttern gelenkt sein »mußte«: Ganz genauso kannte man im achtzehnten Jahrhundert den Begriff der Suggestion noch nicht, und deshalb mußte alles, was sich da tat, von den Magneten bewirkt sein.

Als man dann dahinterkam, daß nicht nur Magnete selbst, sondern auch Trinkgefäße, hölzerne Sachen, Menschen oder Tiere, die man zuvor mit einem Magneten in Berührung gebracht hatte, diese Wirkungen zeitigten (ein Aberglaube heckt den anderen!), rückte die ganze Sache in einen neuen (mittlerweile den vierten) Metaphernbereich hinüber, nämlich auf das Feld der statischen Elektrizität, die zu damaliger Zeit – man denke etwa an Benjamin Franklins Drachen – eifrig erforscht wurde. Mesmer gelangte zu der überzeugung, es existiere eine »materia magnetica«, die genau wie die statische Elektrizität übertragbar sei auf eine endlose Vielfalt von Gegenständen. Vor allen Dingen Menschen – und ganz besonders Mesmer selbst – vermochten den Magnetismus aufzunehmen und zu speichern. Wird ein Kohlestab mit einem Stück Fell bestrichen, lädt er sich elektrisch auf: Also mußte Mesmer seine Patienten bestreichen, als ob sie Kohlestäbe wären. Auf reguläre Magnete konnte er jetzt verzichten und auf seinen eigenen animalischen Magnetismus zurückgreifen. Indem er die Körper seiner Patienten bestrich, als seien sie Kohlestäbe, oder andeutungsweise mit den Händen über sie hinfuhr, erzielte er die gleichen Ergebnisse wie zuvor: Zuckungen, eigenartige, spiralig ziehende Empfindungen und die Heilung von Leiden, die späterhin den Namen »Hysterien« erhalten sollten.

Hier kommt es nun ganz entscheidend darauf an, sich Klarheit über den Paraphorandenwandel (wie man ihn nennen könnte) zu verschaffen, der aufgrund jener Metaphern in den beteiligten Personen vor sich ging. Wir entsinnen uns: ein Paraphorand sind die in den Metaphoranden projizierten Assoziationen (Paraphoratoren) eines Metaphorators. Metaphorand sind im vorliegenden Fall die Einflüsse, die Menschen aufeinander ausüben. Metaphoratoren dasjenige, womit diese Einflüsse verglichen werden- sind die unerbittlichen Kräfte der Gravitation, des Magnetismus und der Elektrizität. Und ihre Paraphoratoren: absoluter Zwang im Verhältnis zwischen Himmelskörpern, unaufhaltsame Ströme aus Massen von Leidener Flaschen und unwiderstehliche magnetische Flutwellen, das alles wanderte auf dem Weg der Projektion in den Metaphoranden »zwischenmenschliche Beziehungen« mit ein und bewirkte dort einen handgreiflichen Wandel als Wandel im psychischen Wesen der beteiligten Personen, indem es diese in ein Meer unkontrollierbarer Kontrolle eintauchte, die von dem »magnetischen Fluidum« im Körper des Therapeuten – oder in Gegenständen, die das Fluidum von ihm »angenommen« hatten – ausging.

Es ist zumindest denkbar, daß es eine andersartige Mentalität war, was Mesmer zu entdecken im Begriff stand, eine Mentalität, die unter gewissen Bedingungen – wenn man ihr den geeigneten Lebensraum, ein eigenes Erziehungswesen, den Rahmen eines eigenen Glaubenssystems und Isolation vom Rest der Menschheit zugestanden hätte – vielleicht durchaus in der Lage gewesen wäre, sich am Leben zu erhalten in einer nicht auf dem gewöhnlichen Bewußtsein gegründeten Gesellschaftsform, in der Metaphern von Energie und unwiderstehlicher Kontrolle einen Teil der Bewußtseinsfunktionen übernommen hätten.

Wie ist so etwas auch nur denkbar? Ich deutete bereits an, daß Mesmer meiner Ansicht nach erste, stolpernde Schritte in Richtung einer neuen Methode des Aufrufs jenes neurologischen Organisationsmusters machte, das ich als allgemeines bikamerales Paradigma bezeichnet und an dem ich vier Aspekte dingfest gemacht habe: den kollektiven kognitiven Imperativ, die Induktion, die Trance und die archaische Autorität. Im folgenden werde ich diese Aspekte der Reihe nach durchgehen.

Die Wandlung im Wesen des hypnotischen Menschen

Daß das Phänomen der Hypnose von einem kollektiven kognitiven Imperativ beziehungsweise einem Gruppenglauben gesteuert wird, erweist sich deutlich an dem stetigen Wandel, dem es im Lauf der Geschichte unterliegt. Im gle ichen Maß, wie sich die Ansichten und Meinungen über die Hypnose änderten, änderte sich auch deren eigenstes Wesen. Einige Jahrzehnte nach Mesmer wanden sich die Behandelten nicht mehr in seltsamen Empfindungen und Konvulsionen, sondern gingen statt dessen dazu über, in der Trance unaufgefordert zu sprechen oder auf Fragen, die man an sie richtete, zu antworten. Zuvor war nie etwas dergleichen vorgekommen. Um die Wende zum neunzehnten Jahrhundert begannen die Behandelten dann von selbst zu vergessen, was in der Trance vorgefallen war,2 etwas, worüber aus der Zeit davor nie etwas verlautete. Um 1825 begannen Personen in Hypnose aus unerfindlichen Gründen, sich selbst spontan Krankheitsdiagnosen zu stellen. Um die Jahrhundertmitte hatte die Phrenologie – jene abwegige »Wissenschaft«, die sich anheischig machte, aus den Buckeln des menschlichen Schädels die Geisteskapazität des Besitzers herauszulesen es zu solcher Beliebtheit gebracht, daß es ihr gelang, die Hypnose faktisch ganz für ihre eigenen Zwecke in Beschlag zu nehmen. Wurde der Schädel einer hypnotisierten Versuchsperson über einem bestimmten phrenologischen Zentrum gedrückt, so veranlaßte dies eine Demonstration der in diesem Zentrum angesiedelten geistigen Fähigkeit (doch, so ist es wirklich gewesen!), ein Phänomen, das weder zuvor noch seither jemals wieder zu beobachten war. Druck auf den Schädel nächst der Gehirnregion, in der vermeintlich das Gefühl der »Andacht« residierte, veranlaßte die Versuchsperson, betend auf die Knie zu sinken!3 Das war so, weil man glaubte, daß es so wäre.

Nicht lange danach demonstrierte Charcot, der größte »Nervenarzt« seiner Zeit, seinem zahlreichen Publikum von Studenten und Fachgenossen in der Salpetriere, daß die Hypnose doch noch etwas ganz anderes sei als bisher angenommen. Sie zerfiel jetzt in drei aufeinanderfolgende Stadien: das kataleptische, das lethargische und das somnambule. Diese »Körperzustände« ließen sich durch die Manipulation von Muskeln; Druck auf verschiedene Körperstellen oder Reibung des Schädeldachs ineinander überführen. Schon das Reiben der Kopfhaut über dem Broca-Zentrum genügte, um eine Aphasie hervorzurufen. Als dann Binet in der Salpetriere eintraf, um sich durch eigenen Augenschein von Charcots Entdeckungen zu überzeugen, machte er prompt die ganze Sache noch verwickelter, indem er zu Mesmers Magneten zurückkehrte und noch bizarrere Verhaltensformen als Resultate der Hypnose entdeckte.4 Durch Anlegen von Magneten auf der einen oder anderen Körperseite seiner Versuchspersonen konnte er Wahrnehmungen, hysterische Lähmungen, vermeintliche Halluzinationen und motorische Phänomene wie per Flip-Flop- Technik mal da-, mal dorthin dirigieren, als habe er es mit Eisenspänen zu tun. Und wiederum handelte es sich um Resultate, die man weder jemals zuvor noch seither wieder beobachten konnte.

Die Sache verhält sich nicht etwa so, daß der Hypnotiseur Mesmer oder Charcot, oder wie immer er heißen mochte – einem gefügigen Hypnosesubjekt suggeriert hätte, worin seiner, des Hypnotiseurs, Privatmeinung zufolge die Hypnose zu bestehen habe. Vielmehr hatte sich innerhalb der Bezugsgruppe, auf die er mit seiner Arbeit zielte, ein kognitiver Imperativ des Inhalts herausgebildet, worin das Phänomen »anerkanntermaßen« bestehe. Solche historischen Wandlungen beweisen klar, daß die Hypnose keine starre Reaktion auf eindeutig definierte Reize ist, sondern daß sie sich mit den Erwartungen und Voreinstellungen der Epoche ändert.

Was dergestalt am Geschichtsverlauf in die Augen springt, läßt sich auch auf eine den Bedingungen des kontrollierten Experiments näherkommende Weise zeigen. Bis dato beispiellose Manifestationen der Hypnose kann man schlicht und einfach dadurch erhalten, daß man den Versuchspersonen insinuiert, genau dies seien die Manifestationen, mit denen normalerweise zu rechnen sei, das heißt daß sie Bestandteil des die Hypnose betreffenden kollektiven kognitiven Imperativs seien. So wurden die Teilnehmer eines psychologischen Proseminars beiläufig instruiert, daß es der Versuchsperson in Hypnose unmöglich sei, die dominante Hand zu bewegen. Zu keiner Zeit jedoch war das jemals beobachtet worden. Es war eine glatte Lüge. Trotzdem – als Teilnehmer dieses Seminars zu einem späteren Zeitpunkt hypnotisiert wurden, und zwar ohne weitere diesbezüglichen Instruktionen und Suggestionen, konnte die Mehrzahl von ihnen in der Trance die dominante Hand nicht bewegen. Aus derartigen Untersuchungsergebnissen wurde das Konzept des »Forderungscharakters« der hypnotischen Situation abgeleitet, der es mit sich bringe, daß die hypnotisie rte Person die Phänomene kundgibt, mit denen der Hypnotiseur ihrer Ansicht nach rechnet.5 Doch das heißt die Sache allzu persönlichkeitsbezogen verstehen. Eine Rolle spielt vielmehr, was es nach Meinung der Versuchsperson mit der Hypnose auf sich hat. So verstanden, ist der »Forderungscharakter« seiner Natur nach nichts anderes, als was in meiner Terminologie der »kollektive kognitive Imperativ« heißt.

Auf andere Art verdeutlicht man sich die Kraft des kollektiven Imperativs, wenn man auf seine Verstärkung in der Masse achtet. Wie das religiöse Empfinden und der Glaube in einer gutbesuchten Kirche zunehmen und ehedem auch die Orakelgläubigkeit zunahm, je mehr Menschen ins Heiligtum drängten, ebenso steigert sich die Wirksamkeit der Hypnose bei der Vorführung im Theater. Es ist eine sattsam bekannte Tatsache, daß ein Variete-Hypnotiseur, der seine Kunst vor brechend vollgepackten Sitzreihen zur Schau stellt – wo der kollektive Imperativ oder die Erwartungen bezüglich der Hypnose mächtigen Auftrieb erfahren –, weitaus exotischere hypnotische Phänomene hervorzurufen vermag, als man sie in der Abgeschiedenheit von Labor oder Klinik antrifft.

Die Induktion

Zum zweiten ist die Position der Induktionsprozedur in der Hypnose nicht zu übersehen.6 Und bedarf wohl keiner langen Erläuterung. Eine enorme Vielfalt von Techniken befindet sich derzeit im Schwang; ihnen allen gemeinsam ist jedoch eine Bewußtseinsverengung, ähnlich den Induktionsprozeduren für die Orakel, sowie die pelestike/katochos-Relation, die wir bereits in anderem Zusammenhang kennengelernt haben (Seite 418). Das Hypnosesubjekt kann stehen, sitzen oder liegen; in manchen Fällen wird es mit den Händen bestrichen, in anderen nicht; in einigen Fällen findet eine enge Blickverschränkung zwischen Hypnotiseur und Hypnosesubjekt statt, in anderen nicht; manchmal wird das Hypnosesubjekt gebeten, den Blick fest auf eine Kerzenflamme oder einen kleinen Edelstein oder eine Reißzwecke an der Wand oder vielleicht sogar auf den eigenen Daumennagel über den verschränkten Fingern zu richten – und manchmal auch nichts dergleichen: Es existieren Hunderte von Varianten. Aber stets ist der Hypnotiseur bemüht, den Aufmerksamkeitsradius des Hypnosesubjekts auf seine, des Hypnotiseurs, eigene Stimme einzuengen. »Sie hören jetzt nur noch meine Stimme und fühlen sich immer schläfriger und schläfriger …« – das ist ein gängiges Sprechmuster, das so lange wiederholt wird, bis das Subjekt bei gelungener Hypnose beispielsweise nicht mehr imstande ist, die verschränkten Finger voneinander zu lösen, sofern der Hypnotiseur es entsprechend angewiesen hat, oder auf Geheiß des Hypnotiseurs den schlaff herabhängenden Arm nicht mehr bewegen kann oder sich auf entsprechendes Geheiß nicht mehr an den eigenen Namen zu erinnern vermag. Derart simple Aufträge werden meist dazu verwendet, während des Anlaufstadiums der Hypnose deren Wirksamkeit zu kontrollieren.

Schafft die Versuchsperson es nicht, ihr Bewußtsein in der erforderlichen Weise zu verengen; kann sie die Globalsituation nicht vergessen; verharrt sie in einem Bewußtseinszustand von anderweitiger Gerichtetheit, etwa auf den umgebenden Raum oder die Beziehung zum Hypnotiseur; narrativiert sie noch mit ihrem »Ich« qua-Analogon oder »sieht« sie ihr »Ich« qua- Metapher hypnotisiert werden: dann schlägt die Hypnose fehl. Doch führen dann wiederholte Versuche mit denselben Personen oftmals zum Erfolg, woraus hervorgeht, daß die »Verengung« des Bewußtseins in der hypnotischen Induktion teilweise in einer erlernten Fähigkeit beruht – erlernt, so ist hinzuzufügen, auf der Basis der aptischen Struktur, die zuvor als allgemeines bikamerales Paradigma bezeichnet wurde. Wir haben bereits festgestellt, daß die Mühelosigkeit, mit der ein katochos eine halluzinatorische Trance erreicht, mit der übung zunimmt; nicht anders verhält es sich mit der Hypnose: noch für die am leichtesten zugänglichen Hypnosesubjekte lassen sich Dauer und Inhalt der Induktion bei wiederholten Sitzungen radikal herabsetzen.

Trance und paralogische Willfährigkeit

Zum dritten heißt die hypnotische Trance bereits allgemein Trance. Gewiß, sie unterscheidet sich gewöhnlich von der Art Trance, wie sie bei anderen Relikten der bikameralen Psyche vorkommt. Es treten in ihr keine echten Gehörshalluzinationen auf wie in der Trance von Orakeln und Medien. Diese Position des Paradigmas hält bei der Hypnose der Hypnotiseur besetzt. Doch kommt es ;zur gleichen Minderung und im weiteren zum völligen Schwund des Normal-Bewußtseins. Die Narrativierung ist stark eingeschränkt. Das »Ich« qua-Analogon ist mehr oder minder ausgelöscht. Der Hypnotisierte lebt nicht in einer subjektiven Welt. Er introspiziert nicht wie andere Menschen, weiß nicht, daß er unter Hypnose steht, und überwacht sich nicht ständig, wie er es im nichthypnotisierten Zustand tun würde.

In neuerer Zeit wird zur Kennzeichnung des Trancezustands fast regelmäßig die Metapher des Untergetauchtseins in einem Gewässer bemüht. So ist etwa von »Versinken« und »Versunkenheit«, von »tiefer« oder »flacher«, »oberflächlicher« Trance die Rede. Häufig sagt der Hypnotiseur dem Hypnosesubjekt, es werde auf »tiefere und immer tiefere« Stadien »sinken«. Es ist in der Tat sehr wohl denkbar, daß die gesamte Phänomenologie der Hypnose – zumal was die posthypnotische Amnesie anbelangt – ohne den Metaphorator »Versenkung« anders aussehen würde. Die Paraphoratoren von oberhalb und unterhalb eines Wasserspiegels mit ihrem je eigenen visuellen und taktilen Feld kreieren möglicherweise zwei Erlebniswelten, die so etwas wie ein zustandsabhängiges Gedächtnis zur Folge haben. Und der Grund für das plötzliche Auftreten der spontanen posthypnotischen Amnesie zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts liegt vielleicht in diesem Wechsel von der Metaphorik der Gravitation zur Metaphorik der Versenkung. Anders gesagt: die spontane posthypnotische Amnesie war zunächst vielleicht nichts anderes als ein Paraphorand der Versenkungsmetapher. (In diesem Zusammenhang ist es interessant zu beobachten, daß die posthypnotische Amnesie derzeit offenbar im Begriff steht, sich aus der Gruppe der hypnotischen Phänomene zu verabschieden. Das mag daran liegen, daß die Hypnose inzwischen zu einer allgemein vertrauten Sache und damit zu einer »eigenständigen«, einer Sache »an und für sich selbst« geworden ist, während im selben Zug ihre metaphorische Grundlage im Gebrauch abgeschliffen wurde, wodurch die Macht ihrer Paraphoranden schwand.)

Die interessantesten hypnotischen Phänomene lassen sich ohne Zweifel auf den »tieferen« Stadien der Trance hervorrufen. Sie bilden einen extrem wichtigen Probierstein für jede Theorie der menschlichen Psyche. Ohne anderslautende Anweisung bleibt der Hypnotisierte »taub« für alles außer der Stimme des Hypnotiseurs; was andere Menschen von sich geben, »hört« er nicht: Schmerzen können einerseits »abgeblockt«, andererseits ins überdimensionale gesteigert werden. Die Affektivität ist restlos durch Suggestion strukturierbar: instruiert man ihn, er werde jetzt gleich einen tollen Witz zu hören bekommen, schüttet der Hypnotisierte sich aus vor Lachen über die Bemerkung »Das Gras ist grün«. Aus irgendwelchen Gründen vermag eine Person in Hypnose auf Anweisung des Hypnotiseurs bestimmte automatische Reaktionen besser zu kontrollieren als im Normalzustand. Ihr Identitätsgefühl läßt sich so radikal umkrempeln, daß sie sich, je nachdem, als Tier, als Greis oder als Kleinkind – oder was sonst noch beliebt – aufführt.

Doch es handelt sich um ein Als ob mit einem unterdrückten So ist es nicht dahinter. Von einigen Extremisten in Sachen Hypnose hört man bisweilen die Auffassung vertreten, daß die Person in Trance, der man sagt, sie sei jetzt fünf, sechs Jahre alt, faktisch auf dieses Kindheitsstadium regrediere. Das ist nachweislich falsch. Es mag genügen, wenn ich dazu ein einziges Beispiel anführe. Der Proband, um den es geht, war in Deutschland geboren und im Alter von etwa acht Jahren mit seiner Familie in ein englischsprachiges Land emigriert; er hatte sich daraufhin in die englische Sprache eingelebt und sein Deutsch so gut wie ganz vergessen. Als der Hypnotiseur ihm in »Tiefenhypnose« erklärte, er sei jetzt sechs Jahre alt; benahm er sich auf jede erdenkliche Weise als Kind – was sogar so weit ging, daß er, zum Schreiben aufgefordert, in kindlicher Krakelschrift Druckbuchstaben auf die Tafel malte. Auf englisch gefragt, ob er Englisch verstehe, erklärte er in kindlichem Englisch, er verstehe und spreche kein Englisch, sondern nur Deutsch. Ja, er krakelte sogar auf englisch an die Tafel, daß er kein einziges Wort Englisch verstehe!7 Das Ganze gleicht also mehr einer schauspielerischen Simulation als echter Regression. Es ist eine kritik- und gedankenlose »Hörigkeit« gegenüber dem Hypnotiseur und seinen Erwartungen, die der Hörigkeit des bikameralen Menschen gegenüber seinem Gott ähnelt.

Ein zweiter weitverbreiteter – und selbst in erstrangigen Lehrbüchern anzutreffender! – Irrtum in Sachen Hypnose ist die Annahme, der Hypnotiseur könne echte Halluzinationen hervorrufen. Meine eigenen (noch unveröffentlichten) Beobachtungen beweisen das Gegenteil. Nachdem der Proband in Tiefenhypnose versetzt war, überreichte ich ihm (mit der entsprechenden Gestik) eine (nichtvorhandene) Vase mit der Bitte, (nichtvorhandene) Blumen (deren jeweilige Farbe ich ihm laut zurief) vom Tisch zu nehmen und in die Vase zu tun. Das klappte mühelos. Es war eine Sache des schauspielerischen Simulierens. Ganz anders dagegen lag der Fall, wenn ich dem Probanden ein nichtexistentes Buch überreichte und ihn bat, die erste Textseite aufzuschlagen und den Anfang laut vorzulesen. Simulieren läßt sich dergleichen allenfalls unter Aufbietung eines größeren Maßes an Kreativität, als den meisten von uns zuteil geworden ist. Versuchspersonen in der beschriebenen Lage lieferten zwar alle prompt die Gesten, als hielten sie ein Buch und blätterten darin; in Einzelfällen waren sie wohl auch in der Lage, eine klischeehafte Anfangswendung, ja unter Umständen sogar einen ganzen Satz aufzusagen – doch dann klagten sie regelmäßig, das Druckbild sei verwischt oder die Type zu klein zum Lesen, oder brachten irgendeine andere Rationalisierung vor. Oder: forderte man einen Probanden auf, das (nichtexistente) Bild auf einem (leeren) Blatt Papier zu beschreiben, so erhielt man bestenfalls einsilbige Auskünfte darüber, was er sah, und auch diese erst auf bohrendes Nachfragen hin und stockend vorgetragen. Wäre eine echte Halluzination im Spiel gewesen, dann wären seine Blicke kreuz und quer über das Papier gewandert, und eine ausgiebige Bildbeschreibung wäre ein Kinderspiel gewesen – wie das der Fall ist, wenn Schizophrene ihre Gesichtshalluzinationen schildern. Ganz naturgemäß zeigten sich bei dem Experiment starke individuelle Unterschiede, doch alles in allem entspricht das beobachtete Verhalten mehr einer stockend simulierten Rolle als der für. das Erleben echter Halluzinationen charakteristischen zwanglosselbstverständlichen Beziehung auf etwas wie von sich aus Gegebenes.

Noch deutlicher erweist sich dieser Punkt bei einem anderen Experiment. Gibt man einer hypnotisierten Person den Auftrag, quer durchs Zimmer zu gehen, und hat man ihr zuvor einen Stuhl in den Weg gestellt, ihr aber gesagt, da sei kein Hindernis, dann halluziniert sie den Stuhl nicht ins Nichtsein. Sie macht schlicht und einfach einen Bogen um ihn. Die Versuchsperson verhält sich so, als nähme sie den Stuhl nicht wahr – was sie natürlich doch tut, sonst würde sie keinen Bogen um ihn machen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß nichthypnotisierte Versuchspersonen, die man auffordert, so zu tun, als seien sie hypnotisiert, in der geschilderten Situation prompt gegen den Stuhl krachen,8 da sie sich bemühen, sich getreu der irrigen Auffassung zu verhalten, daß die Hypnose eine tatsächliche Wahrnehmungsveränderung bewirke.

Aus derlei Beobachtungen erwuchs das wichtige Konzept der »Trancelogik«, das eigens zu dem Zweck aufgestellt wurde, dieser Ungleichheit zwischen Hypnose und Halluzination Rechnung zu tragen.9 Trancelogik bedeutet nichts weiter als die höfliche Art, auf absurde logische Widersprüche zu reagieren. Freilich handelt es sich ebensowenig um eine Logik im eigentlichen Sinn wie um ein simples Trancephänomen. Vielmehr hat man es hier mit etwas zu tun, was meines Erachtens zutreffender als paralogische Willfährigkeit gegenüber der sprachlichen Realitätsvermittlung zu verstehen ist. »Paralogisch« deshalb, weil die Regeln der Logik (die – daran sollten wir uns erinnern – einen der Außenwelt zugehörigen Maßstab für wahr und falsch darstellen und keineswegs die Funktionsweise des Geistes abbilden) beiseite geschoben werden, damit Realitätsaussagen willfahrt werden kann, denen kein konkreter Sachverhalt entspricht. Dies ist ein Verhaltenstyp, der gleichsam zum Grundrepertoire der Spezies Mensch gehört und allenthalben anzutreffen ist; angefangen bei den zeitgenössischen religiösen Litaneien bis hin zu den diversen Formen des Abergla ubens in Stammesgesellschaften. In besonders ausgeprägter Form und geradezu konstitutiver Rolle ist er jedoch im hypnotischen Geisteszustand virulent.

Es ist paralogische Willfährigkeit, wenn eine Versuchsperson um einen Stuhl, von dem man ihr versichert hat, er sei nicht da, einen Bogen macht, statt (in logischer Willfährigkeit) gegen ihn zu krachen, und gleichzeitig keinerlei logisches Defizit in ihrer Handlungsweise zu entdecken vermag. Es ist paralogische Willfährigkeit, wenn ein Proband auf englisch versichert, er könne kein Englisch, und nicht das geringste dabei findet. Hätte unser deutschbärtiger Proband den Hypnosezustand nur simuliert, so hätte er sich fraglos logischwillfährig gezeigt, indem er gerade soviel Deutsch geradebrecht hätte, wie er aus seinem Gedächtnis noch hätte herauskramen können, oder aber er hätte einfach den Mund gehalten.

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