3.5. Die Schizophrenie



Die meisten von uns rutschen auf irgendeiner Strecke ihres Lebens unvermittelt in etwas hinein, das der eigentlichen bikameralen Psyche nahekommt. Manche erleben ein paar Absencen, oder ein-, zweimal kommt es vor, daß sie Stimmen hören, und damit hat es sich. Aber für andere unter uns – Menschen, die infolge ihrer Erbanlage des Enzyms ermangeln, das den problemlosen Abbau samt Exkretion der biochemischen Restprodukte von anhaltendem Streß ermöglicht – gestaltet sich die Sache zu einer sehr viel peinigenderen Erfahrung (sofern von »Erfahrung« in diesem Zusammenhang überhaupt noch die Rede sein kann). Wir hören dann Stimmen von zwingender Eindringlichkeit uns Vorhaltungen und Vorschriften machen. Gleichzeitig scheinen sich die Grenzen unseres Selbst zu verwischen. Die Zeit löst sich auf. Wir tun Dinge, ohne von ihnen zu wissen. Unser Bewußtseinsraum beginnt sich zu verlieren. Wir geraten in Panik, aber diese Panik tangiert uns nicht. Da ist kein »wir« oder »uns« mehr zum Tangieren. Man kann nicht sagen, daß wir nirgendwo mehr hätten, wohin wir uns wenden könnten: Wir haben nirgendwo. Punktum! Und in diesem Nirgendwo sind wir gewissermaßen mechanische Puppen ohne Ahnung, was wir tun, auf befremdliche und beängstigende Weise von anderen oder unseren Stimmen manipuliert an einem Ort, den wir nach und nach als Heil- und Pflegeanstalt identifizieren und wohin man uns aufgrund einer Diagnose verbracht hat, die, wie man uns sagt, auf Schizophrenie lautet. In Wirklichkeit sind wir in die bikamerale Psyche zurückgefallen.

Wiewohl stark vereinfacht und zugespitzt, ist dies doch eine zumindest aufreizende und griffige Präsentation der These, die sich bereits in den vorausgegangenen Partien dieses Versuchs unübersehbar geltend machte. Denn es ist ziemlich offenkundig, daß die hier vorgetragenen Ansichten auch eine neue Auffassung der verbreitetsten und therapieresistentesten aller Geisteskrankheiten, der Schizophrenie, bedingen. Diese Auffassung läuft darauf hinaus, daß die Schizophrenie, nicht anders als die in den unmittelbar vorangegangenen Kapiteln behandelten Phänomene, zumindest in Teilen ein Relikt der Bikameralität ist – ein partieller Rückfall in die bikamerale Psyche. Das vorliegende Kapitel ist ein Versuch, diese Perspektive auszuleuchten.

Das Zeugnis der Geschichte

Werfen wir zu Beginn einen Blick – einen Seitenblick bloß – auf die früheste Geschichte dieser Krankheit. Ist unsere These korrekt, dann folgt daraus als erstes, daß es aus der Zeit vor dem Zusammenbruch der bikameralen Psyche keinen Beleg dafür geben dürfte, daß einzelne Individuen als »Irre« ausgesondert wurden. Und dies trifft zu, wenngleich es nur ein sehr indirektes Argument von minimaler Beweiskraft abgibt. Nichtsdestoweniger ist Tatsache, daß in der Bildhauerei, der Literatur, auf den Wandbildern und in sonstigen Kunstwerken der großen bikameralen Zivilisationen niemals auch nur eine einzige Darstellung vorkommt oder eine einzige Verhaltensform erwähnt wird, die einen Menschen mit dem Mal der Abartigkeit gebrandmarkt hätte, wie es die Geisteskrankheit darstellt. Schwachsinn ja, aber nicht Wahnsinn.1 Der »Ilias« zum Beispiel ist die Idee der Geistesgestörtheit unbekannt.2 Ich lege Nachdruck auf das Alskrank-Ausgesondertwerden von einzelnen, da ja, unserer Theorie zufolge, vor dem zweiten Jahrtausend v. Chr. jedermann »schizophren« war.

Zum zweiten sollten wir aufgrund der oben erwähnten These erwarten dürfen, daß, sobald Geistesgestörtheit in der Bewußtseinsepoche erstmals thematisiert wird, sie klar als Bikameralität begriffen wird. Das wäre dann ein sehr viel beweiskräftigeres Argument. Im »Phaidros« (244 A) spricht Platon von »einem Wahnsinn, der … durch göttliche Gunst verliehen wird« und aus dem »uns Menschen die größten Güter entstehen«. Die Stelle ist der Auftakt zu einer der schönsten und beschwingtesten Passagen der gesamten platonischen Dialoge, in der eine Typologie des Wahnsinns entworfen wird, die insgesamt vier Spielarten unterscheidet: der von Apoll eingegebene prophetische Wahnsinn; die von Dionysos bewirkte rituelle Raserei; die poetische »Eingeistung und Wahnsinnigkeit von den Musen, die eine zarte und heilig geschonte Seele aufregend und befeuernd ergreift, und in festlichen Gesängen und anderen Werken der Dichtkunst tausend Taten der Urväter ausschmückend, bildet sie die Nachkommen« (245 A); und schließlich der von Eros und Aphrodite eingegebene Liebeswahn. Ja, nach Meinung des jungen Platon diente sogar ursprünglich ein und dasselbe Wort – manike – zur Bezeichnung sowohl des psychotischen Irreseins als auch der Wahrsagekunst; letztere heißt zwar im Griechischen urantike, doch sei das, so Platon, »nur eine täppische Einfügung der Neueren« (244 C). Es steht also außer Zweifel – und das ist hier der springende Punkt –, daß die Erscheinungsformen dessen, was wir heute als Schizophrenie bezeichnen, frühzeitig mit den Phänomenen assoziiert wurden, für die ich in diesem Buch den Terminus »Bikameralität« eingeführt habe.

Dieser Zusammenhang wird nochmals augenfällig in einem anderen altgriechischen Wort für Geistesgestörtheit: Paranoia, Kompositum von para + nous, bedeutet wörtlich soviel wie »neben dem eigenen Geist noch einen zweiten haben« und deckt somit gleichermaßen den halluzinatorischen Zustand des Schizophrenen wie der bikameralen Psyche. Das hat freilich nicht das mindeste mit dem (im neunzehnten Jahrhundert aufgekommenen) modernen, etymologisch fehlerhaften Gebrauch des Wortes zu tun, bei dem seine Bedeutung gleich »Verfolgungswahn« gesetzt wird. Als antiker Sammelbegriff für Geistesgestörtheit blieb Paranoia so lange präsent, wie es die anderen, in früheren Kapiteln besprochenen Relikte von Bikameralität noch gab, und gemeinsam mit diesen auch räumte das Wort – um das zweite Jahrhundert n. Chr. herum – die historische Bühne.

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